Teil 2 Kapitel 70
Ist das eine Liebeserklärung? (Zweiter Teil von "das Gespräch")
Wer die letzten Episoden aufmerksam mitgelesen hat, wird es möglicherweise erahnen: Unsere beiden Protagonisten, Thierry ebenso wie Valerie, spüren dasselbe, nämlich großes Interesse aneinander. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, die Sache spitzt sich gewissermaßen weiter zu, und es kommt auch etwas Neues in Gang.
"Ich bin unabhängig" hatte er gesagt und gleich danach erklärt, was das konkret heißt:
Er war knapp fünfzig Jahre alt, er war reich, ein Schloß- und Grundbesitzer mit einem großen Weingut in der Minervois-Region, und außerdem war er in der Stadt Narbonne ein einflussreicher Notar, seit mehreren Jahren geschieden und kinderlos.
Und du siehst verdammt gut aus, dachte Valerie.
"Ich kann jede Beziehung eingehen, privat und geschäftlich" hatte sie ihm dann geantwortet, und für Valeries Verhältnisse (gemessen an ihrer sonstigen Vorsicht vor einer Bindung an einen Mann überhaupt) war das eine ganz schön aufregende Aussage, fast gewagt und bestimmt risikoreich, für Valeries Persönlichkeit aber war sie aber erst mal ungewöhnlich. Sie neigt aber, das wissen wir, bei all ihrer üblichen Zurückhaltung manchmal auch zum Risikospiel, und zwar dann wenn die Gewinnchancen attraktiv sind, das schien ihr hier der Fall zu sein.
Das Gespräch entwickelte sich also fast wie ein Schachspiel: Beide Spieler brachten sich in Position, bauten gewissermaßen ihre Figuren auf, demonstrierten damit ihre strategischen Stärken und ließen ihre Absichten durchblicken.
Er sei unabhängig, hatte er gesagt. Er will es nicht mehr sein, so hatte sie ihn verstanden.
Also machte sie einen Vorstoß, riskierte etwas, war die große Strategin in dem Moment.
Sie könne jede Beziehung eingehen, so hatte sie geantwortet. Sie will eine Beziehung, so hatte er sie verstanden.
Wahrheit oder Wunschdenken? Auf welcher Seite? Das wird sich alles noch zeigen.
Ihre Transsexualität, ihr körperliches Anders-Sein. sei o.k. für ihn.
Er hatte es einfach so gesagt, nachdem sie das Thema angesprochen hatte, und es war herausgekommen, als sei das überhaupt kein großartig aufregendes Thema für ihn. Problem also schon gelöst? Schön wär"™s, war es aber nicht.
Und was war das eigentlich, was dann noch kam? Was hatte er außerdem noch gesagt?
"Ich sehe eine schöne und kluge Frau vor mir, interessant als Mensch, freundlich und liebenswert in ihrer Art. In deiner Gegenwart, Valerie, fühle ich mich wohl, ich kann es nicht anders sagen."
Das musste sich erstmal setzen bei ihr. Die Bedeutung seines Satzes wurde ihr erst langsam klar. War das jetzt eine Liebeserklärung oder was? Sie schaute ihm in die Augen.
Es ging ihr alles zu schnell. Zu heftig war es, und zu viel an Emotion und Empathie lagen in diesen wenigen Worten. Sie war solche Worte nicht gewohnt, sie war im Grunde ein rational geprägter Mensch, der ein paar Enttäuschungen mit Männern hinter sich hatte. Und dann lag da immer noch dieser große problematische Block herum, die tausend Transen-Fragen, dieses Geheimnis um ihr Anderssein. Ob er überhaupt wusste, auf wen und auf was er sich einließ?
Valerie war überfordert in der Situation, man muss es sagen. Sie reagierte emotional, aber auch kopflos. Ihre instinktive Abwehr schien stärker im Moment, sie glaubte ihm nicht sofort, wehrte das Gehörte ab, wollte ihn nicht an sich heranlassen.
Noch nicht so nahe. Zu lange ihre hatte sie Einsamkeit ausgehalten, zu tief das eingefahrene selbstkritische Denken und zu festgefressen ihre tief verinnerlichten Selbstzweifel, zu schwer das Problem mit dem körperlichen Anders-Sein. Es war ihr in der Folge der letzten sechs Jahre, seitdem sie ihre körperliche Transformation wenigstens teilweise durchgezogen hatte, gewissermaßen zur zweiten Natur geworden, in allen Situationen, die möglicherweise auf eine feste Beziehung zu einem Mann hätten hinauslaufen können, erst einmal zu bremsen und zu zweifeln. Da kam immer erst mal Distanz auf, und alles wurde gründlich abgeklopft auf versteckte Fallstricke du alle möglichen Probleme. Eine Schutzhaltung? Vielleicht. Man kann es auch Feigheit nennen.
Der Rückzugs-Impuls bedrängte sie dann ganz besonders, wenn sie spürte, jemand will näher auf dich zugehen.
Machst dir deine Probleme aber mehr oder weniger selbst, Valerie! Und im Falle von Thierry ist es auch noch ein attraktiver Mann, der sich dir öffnet, der dir dieses Maß an Empathie entgegenbringt. Jemand in ihr schien ihr das zu sagen. Aber sie hörte wieder nicht zu. Sofort schnappte die selbstgestellte Falle zu: Die hässlichen Zweifel erhoben sich, es war ihr unmöglich, das angebotene Geschenk anzunehmen. Valerie wollte sich in ihr Schneckenheus zurückziehen.
War ein Mensch wie Valerie für die körperliche Liebe eigentlich überhaupt gemacht? Wieder ihre Selbstanklagen und Zweifel. War ihm eigentlich klar, auf was er sich einließ? Was auf ihn zukommen würde? Die körperliche Liebe"¦ ihre Gedanken schwirrten im Kreis, sinnlos, ziellos. Das alles geschah in Sekundenbruchteilen, während sie in seinen Augen suchte und trotzdem keine Antwort fand, keine Klarheit.
"Que penses-tu?" (an was denkst du?)
Und danach: "Des soucis?" (Sorgen?)
kamen dann seine Fragen in die Stille hinein. Er hat so eine sympathische Stimme, dachte sie. Aber sie antwortete erst einmal nicht, was auch mal wieder ziemlich typisch war für Valerie. Sie war schon wieder halb im Schneckenhaus drin, die spröde Valerie.
Trübe Gedanken, tiefe Bauchnabelschau, dann aber der Zipfel eines Gedankens, der wieder etwas mehr Licht in"˜s Trübe brachte. Vielleicht sollte ich es langsam angehen lassen, dachte sie, kleine Schritte machen, und alles wird irgendwann vielleicht doch einmal gut. Aber logo, damit es gut werden kann, musst du es erst mal ausprobiert haben, du musst dich ausprobieren, Valerie. Das Zusammenleben, und den Sex, und vielleicht auch die Liebe.
Sie lächelte.
"Ma verre semble tout vide" (mein Glas sieht ganz leer aus), sagte sie dann zu ihm.
Soviel für heute, und bald geht"™s weiter, wenn ihr wollt. Wer will, darf gerne was schreiben, Kommentar, Lob, Kritik, oder so, was vielleicht fehlt, und was vielleicht anders werden soll.
Lieben Gruß,
Valerie
