Teil 2 Kapitel 69
Das Gespräch (1)
Sie hatte ihn schon verstanden, und eigentlich lag ihr ein schnelles spontanes "ja" auf der Zunge, sie wollte schon über "dieses Thema" sprechen, und zwar jetzt, und mit ihm und niemand anderem, aber sie wusste nicht so recht, wie sie weiterreden sollte, womit sie beginnen sollte, also sagte sie erstmal gar nichts.
"C"™est inconvenable au téléphone, ce sujet, je pense" (das ist wohl unpassend am Telefon, so ein Thema zu bereden, ja?) sagte er dann, mit ganz warmer Stimme und voller Empathie, und sie nickte unwillkürlich, natürlich hatte er Recht damit, so eine Sache beredet man nicht am Telefon. Zu einer Antwort reichte es wieder nicht, sie brachte nur so etwas wie ein "öhhmmm" heraus, und schwieg weiter. Er nahm es als Aufforderung, weiterzureden.
"Ca te va que je vienne à toi? (ist"™s dir Recht wenn ich kurz bei dir vorbeikomme?)
"juste maintenant?" ("jetzt gleich?"),
fuhr er fort. Er gab noch nicht nach, und sie widersprach auch nicht.
Zehn Minuten später klingelte er an ihrer Türe. Er war tatsächlich gekommen und hatte auch noch eine Flasche Wein in der Hand.
"Un bouteille de rosé de notre vigne, il est bien buvable, on dit" sagte er und hielt die Flasche in die Höhe.
("Ein Roséwein von unserem Weinberg, man sagt, er sei genießbar")
Der Wein löste die Stimmung, sie hatte tatsächlich noch etwas Knabberzeug im Küchenschrank gefunden und auf den Tisch gestellt, beide saßen sich im Sessel gegenüber, sie hatte immer noch ihr Sommerkleid vom Nachmittag an und schlug die Beine übereinander, er bemerkte es, sein Blick blieb gewissermaßen auf ihren Beinen haften, dann lächelte er breit.
Dazu habe er ihr noch kein Kompliment gemacht, zu ihren Beinen, sagte er dann, was er hiermit nachhole, ehrlich und ohne Übertreibung.
Das gefiel ihr, und das Gespräch plätscherte weiter dahin, man tauschte ein paar Belanglosigkeiten aus, dann aber nahm sie auf einmal ihren Mut zusammen und wurde ernst.
"Deshalb bist du aber nicht hergekommen, um mir das mitzuteilen" sagte sie dann, um sofort danach weiterzusprechen.
Ja, richtig. Es sei nun wohl an ihr, Valerie, etwas Klarheit reinzubringen in ihr gegenseitiges Verhältnis. Und sie nehme an, er wisse in etwa, wie es um sie stehe. Was sie eigentlich "für eine sei", was für eine Frau.
In etwa ja, sagte er, man sage so unter der Hand, unter Freunden gewissermaßen, erzähle man sich, sie sei etwas Besonderes, sie sei transsexuell. Er sagte das Wort ohne Stocken, so nebenbei gewissermaßen, als sei ihm die Sache nicht so bedeutsam.
Dann setzte er etwas hinzu, was ihr wirklich Freunde, aber auch kurz einen roten Kopf machte:
"Valerie, écoute, pour moi, personellemant, tu es n"˜pas seulement une femme belle, et intelligente, mais gentille et aimable. Crois-le-moi, s.t.p. Simplement dit: J"™aime ta présence, je me sens bien chez toi"
(Valerie, hör zu, für mich persönlich, bist du nicht nur eine schöne und kluge, sondern auch eine freundliche und liebenswerte Frau. Glaube mir das bitte. Ich fühle mich einfach wohl, wenn du da bist)
Das erneute Kompliment zusammen mit seiner ruhigen und gefühlvollen Art, über das Thema zu reden, führte dazu, dass sich auch Valeries Gemütszustand schnell wieder beruhigte.
Es ist draußen bekannt, dass du transsexuell bist, dass du vorher ein Mann warst, Valerie, aber das ist o.k. so.
Sie lehnte sich zurück und schaute ihm in die Augen. Erst mal entspannend, das zu wissen, sie war also noch kein richtig aufregendes Gesprächsthema in seinen Kreisen. Immerhin beruhigend.
Sie nippte ab und zu am Weinglas und erzählte dann alles über sich. Wie es angefangen habe vor Jahrzenten mit dem Tragen von Frauenkleidern, wie es später dann immer mehr geworden sei. Und dann dieses Schlüsselerlebnis, als sie herausgefunden hatte, dass sie jetzt auf der richtigen, nämlich weiblichen Seite stehen würde, nach dieser Woche im Hostessen-Einsatz auf der Frankfurter Automobilmesse. Ab dann hatte sie in der Firma nur noch weibliche Kleidung getragen, mit Unterstützung der Chefs und Kollegen, aber auch gegen manche Widerstände.
"Ca arrive, la malcompréhension. Ce sujet-la, il n"™est pas facile à comprende, pas pour chacun" sagte sie.
(das bleibt nicht aus, es gibt Missverständnisse und nicht jeder versteht das alles gleich sofort ganz richtig")
Er nickte und nahm vom Rosé. Sie tat es ihm gleich und merkte, wie ihr der Wein die Zunge lockerte. Sie redete weiter über ihr Leben, über die letzten Jahre.
"Et après Mercedes, je suis demenagée à Narbonne, pour la gestion de la firme immobilière, c"™était au début une succursale de la firme de mon ancien chef" sagte sie nach einer Pause. (und nach Mercedes, bin ich dann nach Narbonne umgezogen, um diese Immofirma hier zu managen, zuerst als Filialbetrieb der Firma meines alten Chefs).
"Ahhh"¦ oui, bien compris" antwortete er (ahh"¦ gut, schon verstanden).
"Mais tu es indépendet mainteant?, tu es propriétaire? fragte er noch. (Aber jetzt bist du unabhängig, und Inhaberin?
Sie nickte. Aber ja, sie sei eine Chefin mit einem sechsstelligen Bankkredit, den sie noch würde abzahlen müssen, irgendwann. Aber es liefe gut, sie sei von niemandem abhängig, nicht geschäftlich, und auch nicht, was ihre Beziehungen angehe.
"Moi non plus" sagte er. (ich auch nicht). Sie schauten sich eine Weile an, sie blickte in ein offenes Gesicht und in zwei lachende Augen.
Schönes Wochenende wünscht
Valerie
