Teil 2 Kapitel 64
Valeries Ausflug nach Perpignan mit Thierry (1)
Es war Samstag früh, draußen war es noch dunkel, und es regnete wie aus Kübeln. Für Südfrankreich und insbesondere für die Region Narbonne ist Regen im Spätsommer außergewöhnlich, aber nachts war von den Pyrenäen her ein Gewitter durchgezogen, dessen Ausläufer sich im Tal der Aude offenbar für eine Weile festgesetzt hatten, denn gleich nach dem Aufwachen fiel ihr das gleichmäßige und sanfte Trommeln der Regentropfen auf, die gegen die Fenster ihres Schlafzimmers schlugen. Sommerregen... Die Weinbauern freuen sich darüber, die Touristen ärgern sich.
"Shit"¦merde"¦ Regenwetter""¦. war dann auch ihr allererster Gedanke, aber dann schloss sie die Augen gleich wieder und versuchte weiterzuschlafen, und den Gedanken ans Wetter wegzudrücken. Ganz sicher war das nur ein schlechter Traum gewesen und in ein, zwei Stunden würde draußen wieder herrlichster Sonnenschein sein, für den die Region berühmt ist, und schließlich war heute der Ausflug nach Perpignan angesagt zusammen mit Thierry, ihrem Geschäftsfreund.
Valeries Technik, das schlechte Wetter einfach mal zu ignorieren und auf Besserung zu hoffen, hatte wirklich Erfolg.
Gegen acht Uhr, als sie im Bad war, duschte und sich schön machte, blinzelten wirklich wieder Sonnenstrahlen vom Himmel und als sie ihr Frühstück fertigmachte und kurz zum Fenster rausschaute, war der Himmel tatsächlich blau, soweit sie schauen konnte.
Seit sie in Frankreich lebt, hat sie immer dasselbe Frühstück auf dem Tisch: Milchkaffee (café au lait), eine Scheibe Toastbrot mit Butter und Marmelade, sowie ein kleiner Becher cremiger griechischer Yoghurt, den sie mit Blaubeeren verlängerte, hier nennt man sie "myrtilles".
Sie hatte das blonde Haar hochgesteckt, dann im Nacken zu einem Dutt eingedreht und mit Haargummi und einer Haarklammer fixiert. Ihre Nägel trug sie seit dem letzten Besuch bei der Maniküre als oval geschnittene longnails in einer Farbe, die sie bei sich insgeheim "knallrot" nannte, das Rot lag irgendwo zwischen Kirsch und karmesinrot.
Auf Silikonpolster Im BH konnte sie dank der Hormontherapie seit einiger Zeit ganz verzichten, was ihr sehr recht war, schließlich war an ihr jetzt fast alles reine Natur, vor allem aber ihr Dekolleté, auf das sie sogar ein klein wenig stolz war, und das zurecht.
Bestimmt zehn Minuten aber brauchte sie, um sich für ein Kleid zu entscheiden, noch am Vorabend hatte sie zwei Sommerkleider von Yessica (C & A) herausgelegt, beides leichte Sommerkleider mit großflächigen Blumenmuster, ein kürzeres mit Rundhals, das andere war länger, etwa knielang und hatte einen tiefen Ausschnitt. Sie nahm das Längere, es war dunkelblau mit weißen Blüten.
Er war pünktlich und klingelte um zehn unten an der Haustüre. Sie schaute aus dem Küchenfenster. Er war sportlich leger im Pulli und in Sneakers. Valerie war plötzlich wieder unsicher, denn die Schuhfrage war noch offen.
"Du sag"˜ mal, müssen wir viel zu Fuß gehen? Ich frage wegen der Schuhe"¦"
"Ahh"¦ Je comprends", rief er zurück.
"Non! Pas de soucis, c"™est juste le musée et le restaurant après, on ne fait pas de grandes marches". (ahh"¦ verstehe"¦ nö, mach dir mal keine Sorgen, nur das Museum und nachher das Restaurant, wir machen keinen großen Marsch).
Sie schlüpfte also schnell in pinkfarbene Riemchensandaletten, die sie gleich etwa acht Zentimeter größer machten. Im Hinausgehen griff sie noch nach einer kleinen dunklen Wollweste. Kurzer prüfender Blick in den Spiegel. Schwarz zu dunkelblau, ja das geht. Und die pinken Schuhe als Kontrapunkt. Schließlich gehst du zu einer Kunstausstellung, Valerie, und zu keiner Beerdigung.
Kleine Umarmung vor der Haustüre, zwei bisous links und rechts, eine schöne Landessitte. Dabei bemerkte siei sein Rasierwasser. Dann fiel ihr ein, sie hatte ihren Schirm vergessen. Ob er wohl einen im Auto habe?
"Je viens de regarder Meteo France, et ils promessent de beau temps, pas de pluie à Perpignan ce matin"
(Hab"˜ gerade den Wetterbericht geschaut, sie versprechen Schönwetter, also kein Regen in Perpignan für heute Vormittag)
Alles bestens, der Vormittag wenigstens war gerettet. Im Auto (irgendetwas englisches, ein großer, luxuriöser Schlitten) fiel ihr gleich das vornehme Lederpolster und das viele edle Holz und polierte Metall auf Fahrerkonsole und Armaturenbrett auf.
Er lächelte und schaute zu ihr hinüber.
"C"˜est une voiture anglaise, une Jaguar 4 litres"¦ pas une Mercedes"¦"
(Ist ein englisches Auto, ein 4 Liter Jaguar"¦ kein Mercedes). Offenbar ein kleiner Seitenhieb auf Valeries Nationalität.
Ja, sagte sie, sie sei Deutsche, das wisse er ja, und sie habe einige Jahre in dieser Firma gearbeitet, Mercedes-Benz, in der Marketingdirektion, in Stuttgart, Deutschland. Ob er das wohl wisse?
Nein, das mit Mercedes hatte er noch nicht gewusst, antwortete er.
War keine schlechte Zeit damals, setzte sie hinzu, und es war die Zeit, in der sie sich entschieden habe, von nun an ganz als Frau weiterzuleben.
So, das Thema war damit auf dem Tisch. Zwar hatte niemand danach gefragt, aber für Valerie schien es, als stünde es halb versteckt immer im Hintergrund irgendwo herum, dieses verdammte Thema.
Das Stichwort Mercedes-Benz hatte genügt, um sie gleich in die Vollen gehen zu lassen. Aber so war sie, unsere kleine Valerie. Bloß keine halben Sachen, nur keine Missverständnisse aufkommen lassen, immer den Stier bei den Hörnern packen.
Nur"¦ ob es wohl klug war, mit diesem Trans-Thema gewissermaßen mit der Tür ins Haus zu fallen? So ganz ohne Vorbereitung?
Hatte er überhaupt Ahnung von ihrer Vergangenheit?
Sie passierten die Zahlstelle Croix Sud und nahmen die Autobahn Richtung Barcelona. Er schwieg.
Sie schaute zu ihm hinüber, konnte aber nichts lesen in seinem Gesicht.
Fortsetzung wie immer in einer Woche, hier in diesem Theater
Lieben Gruß, Valerie
