Gustav Mahler, aus dem Zyklus, Lieder eines fahrenden Gesellen: "ging heut' Morgen über's Feld" / "Die zwei blauen Augen"¦"
Anton Webern: Sechs Stücke für Orchester op. 6 (1909)
Hallo ihr Lieben,
ich hoffe, dass ich Euch heute nicht mit meinem Beitrag überfordere; habe ich doch diesmal ein atonales Werk von Anton Webern für Euch ausgesucht. Wenn Euch das also zu schräg ist, tue ich's nie wieder!! Die Idee dazu kam mir jedoch durch den vorigen Beitrag von Jalana, Franz von Suppé: Dichter und Bauer
Ich werde meinen Beitrag jedoch vorbereiten mit zwei Liedern von Gustav Mahler.
Wie passt das nun alles zusammen?
Gustav Mahler (* 7. Juli 1860 in Kalischt, Böhmen; " 18. Mai 1911 in Wien)
Anton Webern (* 3. Dezember 1883 in Wien; " 15. September 1945 in Mittersill, Salzburg, Österreich)
zum Vergleich:
Franz von Suppé (* 18. April 1819 in Spalato (Split), Dalmatien; " 21. Mai 1895 in Wien)
Johann Strauss/Sohn (* 25. Oktober 1825 in St. Ulrich bei Wien, heute ein Teil von Wien Neubau; " 3. Juni 1899 in Wien)
Die Schrammeln: Schrammelmusik ist eine für Wien typische Musikgattung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie gilt als Wiener Volksmusik.
Typische Besetzungen sind: Zwei Geigen, Kontragitarre, Klarinette (meist G-Klarinette, auch "picksüßes Hölzl" genannt)
Sie wurde nach den Wiener Musikern, Geigern und Komponisten Johann und Josef Schrammel benannt. 1878 gründeten sie mit dem Gitarristen Anton Strohmayer in Wien ein kleines Ensemble, mit dem sie ein volkstümliches Repertoire mit Liedern und Märschen, Tänzen und Walzern in Heurigen und Gaststätten darboten.
Die Gebrüder Schrammel erlangten mit ihrer Art, Wienerlieder zu spielen, rasch große Berühmtheit. Sie spielten nun auch in den Palais und Salons der Wiener Aristokratie und des Großbürgertums. Der "Schrammeleuphorie" schlossen sich als Verehrer auch Größen wie Johann Strauss und Johannes Brahms an. Später sollte auch Arnold Schönberg von der Schrammelmusik schwärmen.
In Wien haben sie sich getroffen, die großen Komponisten der romantischen bis spätromantischen Musik, die Operettenkomponisten und die volkstümlichen Musikanten. Sie haben sich natürlich gekannt.
Typisch für den Kompositionsstil von Mahler ist, dass er Versatzstücke verschiedenster Prägung zu vermischen versteht. Wie viele Wiener Künstler, Schriftsteller und Kabarettisten, hat auch Gustav Mahler die Gabe, ausgelassene Fröhlichkeit, Tod und Depression in teilweise atemberaubender Geschwindigkeit aufeinander folgen zu lassen, und lässt so diese eigenartige, nur für Wien und seine Menschen typische Melancholie entstehen. Bei seiner Musik lässt sich mal das fröhliche Zwitschern eines Vogels erkennen, dann wieder heitere Tanzmusik, oder zwei Klarinetten spielen für wenige Takte so etwas ähnliches wie Klezmergedudel und alles gleitet plötzlich übergangslos in einen Trauermarsch. Das Orchester begleitet den Sänger nicht nur harmonisch, sondern eben auch als emotionales Hintergrundrauschen.
Bei dem Lied: "Die zwei blauen Augen "¦" denkt man am Ende, es hat sich doch irgendwie zum Guten gewendet, auch wenn offen bleibt, wie lange der Geselle die Ruhe gefunden hat; für den Moment oder für die Ewigkeit? Dann kommen doch noch zwei Schnipsel Trauermarsch hinten nach. Aber keine tiefen Instrumente, nein, der Marsch wird, etwas beißend, von drei Flöten gepfiffen.
Simon Rattle
Berliner Philharmoniker
Bariton: Christian Gerhaher
Leonard Bernstein
Wiener Philharmoniker
Bariton: Thomas Hampson
Anton Webern war, neben Arnold Schönberg und Alban Berg, einer der wichtigsten Vertreter der Neuen, bzw. Zweiten Wiener Schule. Arnold Schönberg, in seinen frühen Jahren ein spätromantischer Komponist, begründete 1921 die Methode der "Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" (Zwölftontechnik), der sich auch Anton Webern und Alban Berg bedienten. Diese Methode garantiert auch, dass sicher keine Bezüge der bis dahin gültigen Dur-Moll-Harmonik hergestellt werden können.
Ich habe den Eindruck, diese Entwicklung musste fast in Wien passieren. So nach dem Motto: " Es hat ja eh alles keinen Sinn, schmeißen wir erst einmal das alte in die Tonne."
Anton Webern war ein Meister der kleinen Form, und wenn er für großes Orchester komponierte, ließ er immer nur wenige Instrumente gleichzeitig spielen.
Das folgende Werk, Sechs Stücke für großes Orchester, erinnert vom Kompositionsstil, auch wenn es atonal komponiert ist (allerdings noch nicht in Zwölftontechnik) an Gustav Mahler. Es ist hoch emotional und es ist alles drin, von Anklängen an den Wiener Walzer, über eine angedeutete Polka bis hin zum Trauermarsch. Auch wenn der Mensch in einer tiefen Krise steckt, draußen geht das pralle Leben unvermindert weiter. Der Trauerzug bewegt sich im Morgennebel schleppend zum Friedhof und darüber zwitschert fröhlich eine Amsel.
Meine Kollegen_innen von der Dresdner Staatskapelle spielen das Stück, unter der Leitung von Zubin Mehta, phänomenal gut. Ein wirklich großartiges Orchester. Chapeau!
So Ihr Euch überwinden könnt, eine atonale Komposition anzuhören, empfehle ich Euch das mit Kopfhörer oder guten Lautsprechern zu tun, da Ihr sonst in der Mitte das tiefe grollen von großer Trommel und Tamtam nicht hören werdet.
Liebe Grüße an Euch alle, und Jalana wird sicher bald wieder für etwas unterhaltsameres in diesem Thread sorgen
Eure Daniela