Teil 2 Kapitel 62.
Vergiftete Komplimente.
Eine Woche darauf hatte Valerie ihren Termin im Nagelstudio Kris ongles, sie ließ sich dort etwa zweieinhalb Stunden lang Gelnägel machen, die anschließend knallrot lackiert wurden. Zur Erklärung für diejenigen, die nicht wissen was Gelnägel sind: Unter die vorhandenen Nägel (sie dürfen allerdings nicht ganz kurz geschnitten sein) wird eine Schablone aus Plastik geschoben, die den Finger fast umschließt und nur das Nagelbett frei lässt. Dann tupft die Maniküre mit einem kleinen Pinsel so lange Gelmasse auf den Nagel, die sie während des Aushärtens dann nach vorne zieht. Nach dem Aushärten wird der Vorgang ein paarmal wiederholt bis vorne am Nagel tatsächlich ein künstlicher Nagelfortsatz entsteht, der oval geschnitten, zurechtgefeilt und lackiert werden kann.
Oval geschnittene Nägel fand Valerie passender für sich als eckig geschnittene Nägel. Fand sie einfach schöner.
Sie war wirklich frappiert, wieviel Nagellack-Farben und Styles heutzutage auf dem Markt sind. Zuhause auf ihrem Badezimmerregal besaß sie drei Nagellack-Fläschchen in pink, sowie einem hellen und einem dunkleren Rot für den Abend.
Genau diese Abstufungen pink, rosa und burgunderrot liebte sie, nebenbei gesagt, auch bei ihren Lippenstiften. Insofern war ihr Geschmack in dekorativer Kosmetik also ziemlich konservativ, wenn man es ehrlich betrachtet.
Aber als Aurelie, die Kosmetikerin jetzt mit Nagellack in schwarz, grün, gelb, blau und so weiter ankam, war Valerie doch überrascht oder sagen wir es offen: Valerie war überfordert.
Zwar war sie auch bislang nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt gegangen und hatte schon auch wahrgenommen, dass heutzutage manche der jungen Mädchen gerne diese etwas provokativen, aber auf jeden Fall neuen und extravaganten Farben spazieren tragen, aber instinktiv hatte Valerie stets gezögert, bei diesen neuen Moden selbst mitzumachen.
"Non madame, merci, mais ecoutez, j"˜ai trente-deux ans"
(nein danke, aber hören Sie mal, ich bin zweiunddreißig)
Valerie schüttelte energisch den Kopf und Aurelie, die Kosmetikerin lächelte verständnisvoll und stellte die jugendlichen Nagelstyles in grün und gelb wieder weg. Nicht aber ohne noch ein wenig zu protestieren, wobei sie noch ein kleines Kompliment loswurde:
"Mais vous etes encore jeune, madame"
(aber 32 Jahre ist doch noch kein Alter)
Ein vergiftetes Kompliment, wie sich später zeigen wird.
Nach etlichem Hin- und her und mehreren Farbversuchen in diversen Rottönen, die aber wieder verworfen wurden, einigte man sich auf ein knalliges Karmesinrot für ihre neuen Nägel. Eigentlich war es Valerie, die auf diesem Karmesin bestand. Sie handelte wie so oft nach dem Motto "wenn schon-denn schon", und karmesinrot fand sie schon immer sehr sexy. Und sexy wollte sie sein. Für Thierry, wenn sie ehrlich war.
Beim Rückweg zum Auto bemerkte sie an sich selbst, wie sie ihre Finger leicht gespreizt hielt, als müssten die Nägel noch trocknen, was natürlich völlig unnötig war, aber man sieht daran, dass sie ein klein wenig aufgeregt sie war, sie fand sich und ihre neuen Hände wirklich schön und attraktiv.
Bisher hatte sie die Nägel immer recht kurz getragen, was auch absolut praktisch ist, wenn man wie Valerie berufstätig ist und viel draußen zu tun hat bei Hausbesichtigungen und oft im Auto unterwegs ist.
Es würde noch ein klein wenig dauern, bis sie sich an das neue Gefühl gewöhnt hatte.
Bevor sie den Aufzug hinunter zur Tiefgarage an der Markthalle nahm, machte sie noch kurz Halt am Straßencafé "Estagnol", um dort einen kleinen Kaffee zu trinken. Sie schlürfte ihren Espresso, der tiefschwarz war, sehr klein und sehr heiß, betrachtete dabei ihre Hände und kam ins Sinnieren.
Was hatte Aurelie, die Kosmetikerin gesagt?
"Sie sind doch noch jung, Madame?" Nur Frauen können solch vergiftete Komplimente abgeben.
Was Aurelie aber sagen wollte war dieses: Eine neue Mädchengeneration hat die Nägel jetzt in buntem Design, wußten Sie das nicht? Blau und weiß und mit Rand und so weiter. Rot ist out, so etwas von out... Alles neu macht der Mai.
Valerie begann zu rechnen.
Wie lange war sie jetzt eigentlich schon in der Öffentlichkeit en femme unterwegs? Wie lange stylte sie sich jetzt als Frau?
Waren das jetzt schon drei Jahre, dass sie fest in Narbonne lebte? Und vorher in Deutschland? Wie lange war das her, dass sie sich hatte Brüste implantieren lassen? Lange war das her, sehr lange und im Einzelnen kaum mehr erinnerlich. Und noch davor? Die Zeit in der Marketingabteilung bei der Autofirma? Die alten Kollegen? Ihr outing in der Firma? Das kam ihr schon fast vor wie die ganz graue Vorzeit.
Sie rechnete erneut nach und korrigierte sich. Wenn man richtig überlegte, war sie jetzt vielleicht sechs Jahre oder etwas mehr als Valerie unterwegs, was konkret heißt: täglich 24 Stunden im Frauenmodus.
Und jetzt, mit ihren zweiunddreißig gehörte sie also nicht mehr zu den Jungen, was heißt, da draußen gab es schon eine neue Generation, und die machte sich die Nägel anders, malte sich die Lippen anders, und trug auch noch Hosen?
Allein der Gedanke an Hosen machte Valerie schaudern. Niemals würde sie Hosen tragen, no way, never, jamais, jamais, jamais..
Fortsetzung in etwa einer Woche.
Lieben Gruß,
Valerie
