Teil 2, Kapitel 53: Man kommt sich näher
Ihr neues outfit zeigte offenbar Wirkung bei der Kursleitung. Und genau deswegen hatte sie es ja auch ausgewechselt gegen ihre bisherigen Studentinnen-Klamotten, (Jeans, Top mit Spaghettiträgern, an den Füßen Mules (früher sagte man dazu "Schlappen").
Bequem war es ja gewesen, die alten Klamotten zu tragen, unbestreitbar, aber bequem bedeutet in dem Fall auch ziemlich unattraktiv. Und unattraktiv wollte sie bestimmt nicht sein. Nein, denn der Kampf unter den Studentinnen um die Gunst des Maitres war inzwischen für alle sichtbar offen ausgebrochen und da konnte Valerie nicht mehr so tun, als ginge sie das alles nichts an. Sie machte also nun aktiv mit im Krieg der Hennen um den Hahn, es klingt zwar herablassend, aber eigentlich kann es nicht anders nennen.
Ab sofort erschien sie zum Unterricht nur noch dezent geschminkt (ein heller Lippenstift, kein Dunkelrot, nichts Schweres oder "Sündiges", das wäre für den Kurs nun wirklich unpassend gewesen), und gekleidet war sie im Kurs ab diesem Zeitpunkt dann nur noch eher wie eine gehobene Büroangestellte, deutlich mehr high-class-style als bisher, also in Bluse und Rock, an kühleren Tagen auch in Nylons, und immerhin hatte sie ab jetzt flache Ballerinas an den Füßen, die Mules blieben zuhause.
Maitre Elouard gab ihr am Ende der nächsten Stunde mit einem kleinen Wink zu verstehen, dass er noch etwas mit ihr zu besprechen hätte. Während sich der Kurstraum langsam leerte, ging Valerie zu ihm nach vorne. Sie hatte keine Ahnung, worum es gehen sollte.
"Qu"™est-ce-que je peux faire pour vous, Maitre ?" (Was kann ich für Sie tun?)
Die Formulierung mit der Verwendung des juristischen Amtstitels, die Valerie wählte, klingt für Deutsche ziemlich abgehoben und distanziert-offiziell, was aber mit der französischen Sprache zu tun hat. Das Deutsche ist viel direkter, verzichtet im mündlichen Ausdruck heute weitgehend auf Titel und Amtsbezeichnungen. So zu reden, würde unter Deutschen als gekünstelt und gestelzt gelten, Franzosen empfinden das anders, nämlich als "zivilisiert".
Das war eine kleine Abschweifung, aber sie war nötig.
Auf ihre Eingangsfrage hin wandte sich der Maitre Elouard ihr zu, blickte ihr direkt in die Augen und ließ kurz sein unverschämt attraktives Thierry-Lächeln aufblitzen. Wirklich, charmant konnte er schon sein, ihr Kursleiter. Valerie wusste noch immer nicht, was er eigentlich von ihr wollte, denn er hielt sich noch bei den Präliminarien auf, wollte offenbar die Situation entspannen.
Aber bitte, doch keine Titel, wenn wir unter uns sind. Ich darf doch hoffentlich auch noch weiterhin Valerie zu Ihnen sagen? Also wenn wir unter uns sind, bitte nur noch "Thierry", er bitte wirklich darum. Sooo groß sei der Altersunterschied zwischen ihnen auch wieder nicht.
Wieder das Thierry-Lächeln.
Sie schickte einen Blick prüfenden zurück, ihre Augen scannten ihn kurz ab, jedoch sie sagte nichts. Er hatte eigentlich Recht, mehr als zwanzig Jahre älter wird er wohl nicht sein. Kein Altersunterschied, eigentlich. Aber sollte sie ihm das jetzt bestätigen? Es kommt selten vor, aber jetzt stimmte es: Valerie war ein wenig irritiert von diesem Mann. Er verdrehte ihr bereits wieder mal den Kopf.
Er ließ sich nicht beirren und fuhr fort, ganz freundlich lockeren smalltalk mit ihr zu machen.
Wie es ihr eigentlich so gefalle hier in seinem Kurs, er habe bisher einen sehr guten Eindruck von ihr gewonnen und sei übrigens auch außerordentlich zufrieden mit den Übungsaufgaben, die sie bei ihm bisher abgegeben hatte, brillant, sagte er, wirklich ausgezeichnet bearbeitet, diese Testaufgaben.
Im Übrigen eine eigene Erfindung von ihm als Notar, er habe diese Test persönlich entwickelt und glauben sie mir, Valerie, man kann mit solchen Tests sehr schnell sehen, wer von den Studenten etwas drauf hat und wer nicht, das trennt die Spreu vom Weizen.
Sie blickte auf. Irgendwie kam ihr auf "Weizen" ihre aktuelle Haarfarbe in den Sinn, neuerdings weizenblond. Ob das wohl eine unbewußte Assoziation von ihr war? Oder vielleicht doch eine kleine Anspielung von seiner Seite?
Er war schon wieder weiter und kam auf die Firmengründung zu sprechen, die sie vorhatte. Sein Geschäftsfreund Michael habe ihm davon erzählt. Alle Achtung, Valerie, da stürzen sie sich aber in ein Abenteuer. Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen. Aber ich bin sicher, sie schaffen das. Nur wer groß denkt, wird auch große Ziele erreichen. Und ich bin sicher, Sie werden in ein paar Jahren eine eigene Immobilienfirma führen, hier in Narbonne. Da wird sich die Konkurrenz aber bald warm anziehen müssen"¦
Eigentlich haben Sie das Kursziel schon erreicht, er wisse eigentlich gar nicht, was er der ehrgeizigen jungen Deutschen noch beibringen solle.
Wieder lächelte sie.
Glauben Sie einem alten Herren, der die Branche kennt und die hiesige Situation. Ich kann Sie einschätzen, chère Valerie.
Wieder dieser intensive Blick. Er schaute sie an und lächelte wieder. Prompt machte sie einen kleinen Schmollmund und widersprach seiner Einlassung von einem angeblichen "älteren Herren". Wer das wohl sein solle?
Beide spielten gekonnt das gesellschaftliche smalltalk-Spiel. Komplimente gingen hin und her, wieder gefolgt von "fishing for compliments". Er war brillant, aber auch Valerie war inzwischen entspannt genug, um zwischendurch ab und zu mal freche Antworten einwerfen zu können, aber natürlich immer stilvoll.
Etwas ganz anderes: Sie sei doch Deutsche, und was sie eigentlich von Bayern halte"¦ ?
Sie reagierte wieder leicht irritiert auf die plötzliche Wendung des Gesprächs. Wußte nicht wirklich, worauf er hinaus wollte Doch kein so einfacher Gesprächspartner, der Herr Notar.
Er erklärte es ihr.
"C"™est la saison estivale, et la ville de Narbonne est jumelée avec cette ville en Bavière, nommé "Weilheim".
Er sagte "Wellem", nicht Weilheim, aber sie verstand ihn trotzdem. Ja, die Stadt Narbonne sei doch im Rahmen des EU Kulturaustauschs sozusagen verschwistert (freundschaftlich verbunden) mit der Stadt Weilheim in Bayern, es gebe seither hier in Narbonne sogar eine Weilheimer Straße. Und immer im Sommer feierte man hier in Narbonne auch die große Bayerische Woche. Ein großes Sommerfest, Franzosen und Bayern.
"La semaine bavaroise" wiederholte er.
Dann kommt halb Weilheim samt Bürgermeister und Blaskapellen eine Woche hierher nach Südfrankreich, um gemeinsam mit den Franzosen Leberkäse zu essen und dunkles bayerisches Bier zu trinken.
"J"™aimerais vous inviter à cette fète, Valerie, disons pour une soirée?"
sagte er. Ob er sie wohl zu einem echten bayerischen Bierfest einladen dürfe, sagen wir mal für so eine Abendveranstaltung?
"Ich habe aber kein Dirndl" sagte Valerie.
"Ich bin sicher, sie würden das aber gut ausfüllen, Valerie" sagte er und grinste.
"Nein, bien sur". Excusez, une blague".
Er setzte wieder seine Amtsmiene auf.
"Entschuldigen Sie meinen kleinen Witz. Natürlich ist für Besucher keine Trachtenpflicht, nur für die deutschen Offiziellen. Aber es ist gar nicht so streng. Inzwischen kommt jeder so, wie er möchte".
Fortsetzung folgt, wie immer bei Gelegenheit, hier in diesem Theater.
Lieben Gruß, Valerie.
