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Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 11. Jul 2019, 06:11
von Valerie Bellegarde
Teil 2, Kapitel 52: Wieder zurück zum Thema eins?

(Oder: Das Stutenbeissen)

Leute, die hier bei der Story von Valeries Welt einigermaßen konstant und regelmäßig mitlesen, werden sich jetzt vielleicht etwas irritiert fragen:
"Was? "¦. Da kommt doch nicht etwa schon wieder eine Männergeschichte? — Kriegt sie denn nie genug von den Männern, unsere Kleine? Jetzt hatte sie doch schon Affären mit einigen Kerlen. Ist die Valerie eigentlich unersättlich?

Leute, ihr könnt euch beruhigen, lehnt euch bequem zurück in eurem Bürodrehstuhl und lest unbefangen weiter: Es gibt keine Männergeschichte, noch nicht. Valerie hat sich (noch nicht) richtig verguckt in ihren Kursleiter, diesen Notar namens Thierry Elouard, diesen starken männlichen Typen mit den trotzdem feinen (lateinischen) Gesichtszügen, der sie einmal, vielleicht auch zweimal für ein paar Minuten im Arm gehalten hatte in diesem Tanzlokal, als die beiden dort zusammen den Tango wagten. Tango tanzt man eng, das ist schon richtig.

Was war Sache? Nun, ein guter Tänzer war er schon gewesen, der Herr Notar, der Maitre, das hatte Valerie sofort gespürt an diesem Tanzabend (tango argentine), als er sie im Arm hielt damals, man muss wissen, sie ist von Natur aus eine exzellente Tänzerin, sie kann mit dem Rhythmus der lateinamerikanischen Musik mitgehen und es fällt ihr von Natur aus leicht, sich der Führung eines guten Tänzers hinzugeben.

Aber dieser Abend war vorbei — Game over. Was war übrig? Nichts, vielleicht waren damals ein paar Träumereien gewesen bei ihr, aber das waren unsinnige Kleinmädchenträume und außerdem lange vorbei.

Also was soll"™s?

Wir wissen, bei allen ihren vielen und gelegentlich auch widersprüchlichen Wesenszügen ist die Valerie doch eine Realistin, und der Fakt, dass sie sich (auf Michaels Vorschlag hin) dann zur Gründung dieser Immobilien-Firma entschieden hatte, zeigt auch, dass sie mutig war, dass sie etwas wagte, und dass sie Traum und Wirklichkeit durchaus unterscheiden konnte.

Was war also los mit diesem Maitre? Denn Im Grunde saß sie jetzt als ganz normale Studentin dort drin in seinem Kurs und musste konzentriert zuhören und lernen, französisches Erbrecht (trockene Sache) und sie hatte sich zu konzentrieren, dabei blieb für Träumereien und abschweifende Gedanken wenig Platz.

Oder etwa doch?

Vier der zehn anwesenden Kursteilnehmer waren Frauen (drei außer ihr selbst), und Valerie bemerkte spätestens im Verlauf des im zweiten oder dritten Kursabends, dass diese anders auf den Maitre reagierten als die männlichen Studenten. Was war da los?

Nun, es gibt einen anschaulichen Begriff dafür, der heißt Stutenbeissen. Was nichts anderes heißt, als dass eine gewisse, aber deutlich merkbare Konkurrenz um den Kursleiter unter den Mädels entstand, man buhlte sozusagen um seine Aufmerksamkeit, jede wollte auffallen, indem sie die intelligenteste Zwischenfrage stellte. Es wurden also viele Zwischenfragen gestellt, und nicht nur kluge.

Eines war nicht abzuleugnen: Er sah schon unverschämt gut aus, der Herr Notar, er war bestimmt ein richtiger Womanizer (so war zu vermuten) mit einer lauten Stimme und sehr dominantem Auftritt. Außerdem trug die Aura von Macht, Intelligenz und Wissen, die ihn quasi ständig umgab (und das konnte man sofort bemerken, wenn er den Kursraum betrat), all das trug wesentlich dazu bei, dass in der Klasse schnell eine kleine Hackordnung um seine Aufmerksamkeit entstand, Valerie hielt sich anfangs diesbezüglich noch instinktiv zurück, und das war zunächst mal klug.

Unter den anderen drei Mädels war aber spätestens zur Mitte des Kurses hin ein Krieg um den Maitre entstanden. Valerie bemerkte es das erste Mal, als sie zwei Studentinnen dabei beobachtete, wie sie während einer Kurs-Pause in der Damentoilette verschwanden und bald darauf mit frisch gestylter Haarfrisur wieder herauskamen, eine hatte sogar Lippenstift aufgelegt.

Wenn das keine Kriegserklärung an die anderen weiblichen Anwesenden ist.

Allerdings konnte Valerie jetzt, da alle Zeichen dahin standen, dass die Sache auf einen offenen Konkurrenzkampf im Hühnerhof hinauslief, auch nicht so tun, als interessierte sie das Ganze überhaupt nicht, als sei der Maitre Luft für sie, als sei sie die Einzige, die sich nur für den Stoff interessierte, eine Streberin sozusagen.

Nein, nein, nein. Man kann ihr vieles nachsagen, aber eines war sie bestimmt nicht, keine Streberin, keine Klugscheisserin, die sich ständig beim Chef in den Vordergrund drängelte. (pas une "petite conne prétentieuse", in der Landessprache)

Stop mal, Mädels. Wenn es um den Hahn im Korb ging, dann hatte sie auch noch ein Wörtchen mitzureden. Und die Waffen der Frauen, die beherrschte sie auch, schon lange, da brauchte sie sich überhaupt nicht zu verstecken.

Also: Die Kleidungswahl fiel auch bei Valerie am nächsten Morgen etwas sorgfältiger aus. Sie entschied sich gegen den bisher von ihr präferierten Studentinnen-Gammel-look (Jeans, Top und Mules) und wählte dagegen ein Sommerkleid, ein leichtes aus Viscose. Bei solchen Kleidern hat der Hersteller darauf geachtet, dass genügend Luft an die Haut kommt, vor allem dort, wo man schwitzt, (vulgär gesagt), also am Halsausschnitt und unter den Ärmeln. Einfacher gesagt: Das Kleidchen war ärmellos, hatte hinten einen schmalen Reißverschluss und vorne einen hübschen knöpfbaren Ausschnitt, denn sie noch effektvoller gestaltete, indem sie beim Ankleiden ihre mittelgroßen Silikonkissen in die BH-Körbchen einlegte.

Sie betrachtete sich im Spiegel und war zufrieden mit sich. Der Kampf konnte beginnen: Voilà "¦ allez, Valerie !


Fortsetzung folgt, falls Bedarf besteht, in Bälde, wie immer hier in diesem Theater.

Lieben Gruß,

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 11. Jul 2019, 09:45
von Valerie Bellegarde
Eines vergaß ich noch zu erwähnen, die große Hitze ist weg, die Geschichte kann also weitergehen.

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 11. Jul 2019, 15:12
von Valerie Bellegarde
vestanden, was "conne prétentieuse" heißt?

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 13. Jul 2019, 17:53
von Valerie Bellegarde
Zu Post 657 (Oben)
Offenbar hat es nieman verstanden oder niemand fand es lesenswert. Ist auch richtig so, war ein frauenfeinliches Schimpfwort.

Zur Geschichte:
Ich habe versprochen mit der Story weiterzumachen, wenn das Thermometer mal dauerhaft unter 30Grad fällt. Nun ist es aber die letzten Tage nur noch mehr gestiegen, und jetzt bei 35 stehengeblieben. Morgen ist 14. Juli, Nationalfeiertag, da ist das schöne Wetter natürlich angenehm für die die Leute zum abends rausgehen, man hat seinen Umtrunk, gegenspäter gibt es das jährliche Feuerwerk, und alles weitere wie immer am 14. Juli. Ich bin von meinem Club zu einen abendlichen Petanque-Tournier eingeladen worden und gehe da auch hin. (In Deutschland sagt man Boule dazu)

Für die Story heisst das: Das neue Kapitel (Inhalt: Sie kommen sich näher, Valerie und ihr Kursleiter) kommt dann Mitte der nächsten Woche, vielleicht Mittwoch, vielleicht Donnesrtag.

Bis dann liebe Grüße

Valerie Bellegarde

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 15. Jul 2019, 14:51
von Valerie Bellegarde
Teil 2, Kapitel 53: Man kommt sich näher

Ihr neues outfit zeigte offenbar Wirkung bei der Kursleitung. Und genau deswegen hatte sie es ja auch ausgewechselt gegen ihre bisherigen Studentinnen-Klamotten, (Jeans, Top mit Spaghettiträgern, an den Füßen Mules (früher sagte man dazu "Schlappen").

Bequem war es ja gewesen, die alten Klamotten zu tragen, unbestreitbar, aber bequem bedeutet in dem Fall auch ziemlich unattraktiv. Und unattraktiv wollte sie bestimmt nicht sein. Nein, denn der Kampf unter den Studentinnen um die Gunst des Maitres war inzwischen für alle sichtbar offen ausgebrochen und da konnte Valerie nicht mehr so tun, als ginge sie das alles nichts an. Sie machte also nun aktiv mit im Krieg der Hennen um den Hahn, es klingt zwar herablassend, aber eigentlich kann es nicht anders nennen.

Ab sofort erschien sie zum Unterricht nur noch dezent geschminkt (ein heller Lippenstift, kein Dunkelrot, nichts Schweres oder "Sündiges", das wäre für den Kurs nun wirklich unpassend gewesen), und gekleidet war sie im Kurs ab diesem Zeitpunkt dann nur noch eher wie eine gehobene Büroangestellte, deutlich mehr high-class-style als bisher, also in Bluse und Rock, an kühleren Tagen auch in Nylons, und immerhin hatte sie ab jetzt flache Ballerinas an den Füßen, die Mules blieben zuhause.

Maitre Elouard gab ihr am Ende der nächsten Stunde mit einem kleinen Wink zu verstehen, dass er noch etwas mit ihr zu besprechen hätte. Während sich der Kurstraum langsam leerte, ging Valerie zu ihm nach vorne. Sie hatte keine Ahnung, worum es gehen sollte.

"Qu"™est-ce-que je peux faire pour vous, Maitre ?" (Was kann ich für Sie tun?)

Die Formulierung mit der Verwendung des juristischen Amtstitels, die Valerie wählte, klingt für Deutsche ziemlich abgehoben und distanziert-offiziell, was aber mit der französischen Sprache zu tun hat. Das Deutsche ist viel direkter, verzichtet im mündlichen Ausdruck heute weitgehend auf Titel und Amtsbezeichnungen. So zu reden, würde unter Deutschen als gekünstelt und gestelzt gelten, Franzosen empfinden das anders, nämlich als "zivilisiert".

Das war eine kleine Abschweifung, aber sie war nötig.

Auf ihre Eingangsfrage hin wandte sich der Maitre Elouard ihr zu, blickte ihr direkt in die Augen und ließ kurz sein unverschämt attraktives Thierry-Lächeln aufblitzen. Wirklich, charmant konnte er schon sein, ihr Kursleiter. Valerie wusste noch immer nicht, was er eigentlich von ihr wollte, denn er hielt sich noch bei den Präliminarien auf, wollte offenbar die Situation entspannen.

Aber bitte, doch keine Titel, wenn wir unter uns sind. Ich darf doch hoffentlich auch noch weiterhin Valerie zu Ihnen sagen? Also wenn wir unter uns sind, bitte nur noch "Thierry", er bitte wirklich darum. Sooo groß sei der Altersunterschied zwischen ihnen auch wieder nicht.

Wieder das Thierry-Lächeln.

Sie schickte einen Blick prüfenden zurück, ihre Augen scannten ihn kurz ab, jedoch sie sagte nichts. Er hatte eigentlich Recht, mehr als zwanzig Jahre älter wird er wohl nicht sein. Kein Altersunterschied, eigentlich. Aber sollte sie ihm das jetzt bestätigen? Es kommt selten vor, aber jetzt stimmte es: Valerie war ein wenig irritiert von diesem Mann. Er verdrehte ihr bereits wieder mal den Kopf.

Er ließ sich nicht beirren und fuhr fort, ganz freundlich lockeren smalltalk mit ihr zu machen.

Wie es ihr eigentlich so gefalle hier in seinem Kurs, er habe bisher einen sehr guten Eindruck von ihr gewonnen und sei übrigens auch außerordentlich zufrieden mit den Übungsaufgaben, die sie bei ihm bisher abgegeben hatte, brillant, sagte er, wirklich ausgezeichnet bearbeitet, diese Testaufgaben.

Im Übrigen eine eigene Erfindung von ihm als Notar, er habe diese Test persönlich entwickelt und glauben sie mir, Valerie, man kann mit solchen Tests sehr schnell sehen, wer von den Studenten etwas drauf hat und wer nicht, das trennt die Spreu vom Weizen.

Sie blickte auf. Irgendwie kam ihr auf "Weizen" ihre aktuelle Haarfarbe in den Sinn, neuerdings weizenblond. Ob das wohl eine unbewußte Assoziation von ihr war? Oder vielleicht doch eine kleine Anspielung von seiner Seite?

Er war schon wieder weiter und kam auf die Firmengründung zu sprechen, die sie vorhatte. Sein Geschäftsfreund Michael habe ihm davon erzählt. Alle Achtung, Valerie, da stürzen sie sich aber in ein Abenteuer. Da haben Sie sich aber etwas vorgenommen. Aber ich bin sicher, sie schaffen das. Nur wer groß denkt, wird auch große Ziele erreichen. Und ich bin sicher, Sie werden in ein paar Jahren eine eigene Immobilienfirma führen, hier in Narbonne. Da wird sich die Konkurrenz aber bald warm anziehen müssen"¦

Eigentlich haben Sie das Kursziel schon erreicht, er wisse eigentlich gar nicht, was er der ehrgeizigen jungen Deutschen noch beibringen solle.

Wieder lächelte sie.

Glauben Sie einem alten Herren, der die Branche kennt und die hiesige Situation. Ich kann Sie einschätzen, chère Valerie.

Wieder dieser intensive Blick. Er schaute sie an und lächelte wieder. Prompt machte sie einen kleinen Schmollmund und widersprach seiner Einlassung von einem angeblichen "älteren Herren". Wer das wohl sein solle?

Beide spielten gekonnt das gesellschaftliche smalltalk-Spiel. Komplimente gingen hin und her, wieder gefolgt von "fishing for compliments". Er war brillant, aber auch Valerie war inzwischen entspannt genug, um zwischendurch ab und zu mal freche Antworten einwerfen zu können, aber natürlich immer stilvoll.

Etwas ganz anderes: Sie sei doch Deutsche, und was sie eigentlich von Bayern halte"¦ ?

Sie reagierte wieder leicht irritiert auf die plötzliche Wendung des Gesprächs. Wußte nicht wirklich, worauf er hinaus wollte Doch kein so einfacher Gesprächspartner, der Herr Notar.

Er erklärte es ihr.

"C"™est la saison estivale, et la ville de Narbonne est jumelée avec cette ville en Bavière, nommé "Weilheim".

Er sagte "Wellem", nicht Weilheim, aber sie verstand ihn trotzdem. Ja, die Stadt Narbonne sei doch im Rahmen des EU Kulturaustauschs sozusagen verschwistert (freundschaftlich verbunden) mit der Stadt Weilheim in Bayern, es gebe seither hier in Narbonne sogar eine Weilheimer Straße. Und immer im Sommer feierte man hier in Narbonne auch die große Bayerische Woche. Ein großes Sommerfest, Franzosen und Bayern.

"La semaine bavaroise" wiederholte er.

Dann kommt halb Weilheim samt Bürgermeister und Blaskapellen eine Woche hierher nach Südfrankreich, um gemeinsam mit den Franzosen Leberkäse zu essen und dunkles bayerisches Bier zu trinken.

"J"™aimerais vous inviter à cette fète, Valerie, disons pour une soirée?"
sagte er. Ob er sie wohl zu einem echten bayerischen Bierfest einladen dürfe, sagen wir mal für so eine Abendveranstaltung?

"Ich habe aber kein Dirndl" sagte Valerie.

"Ich bin sicher, sie würden das aber gut ausfüllen, Valerie" sagte er und grinste.

"Nein, bien sur". Excusez, une blague".

Er setzte wieder seine Amtsmiene auf.

"Entschuldigen Sie meinen kleinen Witz. Natürlich ist für Besucher keine Trachtenpflicht, nur für die deutschen Offiziellen. Aber es ist gar nicht so streng. Inzwischen kommt jeder so, wie er möchte".


Fortsetzung folgt, wie immer bei Gelegenheit, hier in diesem Theater.

Lieben Gruß, Valerie. :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 15. Jul 2019, 15:29
von Dwt-Lilo-SL
Na Valerie,
da bin ich aber auf die bayrische Woche gespannt und das in Frankreich, ich hatte mal bayrische Woche bzw Tage in El-Paso, Texas/USA,
Das war auch so ein komisches Erlebnis, Reise auf BW-Airline(never-comeback-Airline. grins).
Aber das spielt hier jetzt u. heute keine Rolle.
Also bald is anzapft ?? Also bei mir im Heimatort ist auch bald die 5 Jahreszeit mit Bierzelt (grösste Ländliche Jahrmarkt/Kirmes in Schleswig-Holstein) bis zu 50.000 Besucher auf
5 Tage verteilt.
lg von LILO-GINA aus dem hohen Norden !!!

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 15. Jul 2019, 19:31
von Valerie Bellegarde
Liebe Lilo,
die bayerische Woche gibt es in Narbonne wirklich, auch die Jumelage mit Weilheim in Bayern.. Ich bin da im Sommer oft dabei, Brezeln essen, deutsches Brot kaufen und deutsches dunkles Bier trinken.

Liebe Marianne, schön dass es dir gefallen hat.

L.G. Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 19. Jul 2019, 18:34
von Valerie Bellegarde
Teil 2, Kapitel 54 Bayerische Woche (la semaine bavaroise)

Ein paar Wochen später gegen Ende August oder Anfang September hatte sich auch im französischen Mittelmeerraum die Großwetterlage wieder verändert, die Tage waren nicht mehr ganz so heiß, die Abende noch schön aber bereits merklich kürzer und kühler, und die Mädchen trugen zwar noch ihre Sommerkleider, aber am Abend, wenn die Sonne am Horizont verschwunden war, gerne auch mal wieder ein kleines Jäckchen oder blouson darüber, denn es konnte dann gelegentlich schon wieder frisch werden in der Abendkühle.

Es war der Spätsommer oder auch Frühherbst, je nachdem wie man will, das ist auch hier unten die Zeit der Erntedankfeste oder Volksfeste, und eines Tages war sie da, die Bayerische Woche.

Valerie hatte ihren Kurs erfolgreich abgeschlossen, sie besaß jetzt eine offizielle Lizenz als Immobilière (Immobilienhändlerin), die sie zur Führung ihrer Firma berechtigte, sie war jetzt Inhaberin und Chefin der Firma I.B. Immobiles mit Geschäftsadresse 46 rue Rossini im Zentrum von Narbonne (nicht weit weg von den Markthallen und damit auch noch ziemlich in der Nähe ihrer alten Bürogemeinschft mit Alain und Delphine, die sie ab und zu auch noch sah. Die I.B. Immobiles war eingetragen im Handelsregister Narbonne, sie durfte Mitarbeiter einstellen, und natürlich durfte sie auch Steuern bezahlen. Vorausgesetzt natürlich, das Geschäft würde irgendwann mal richtig Gewinne abwerfen.

Es hatte eine kleine Einweihungsfeier gegeben, ganz kleiner Sektempfang in den neuen Büroräumen, die in Wirklichkeit eigentlich nur eine umgemodelte Dreizimmerwohnung war, auch der Sektempfang lief nur im recht bescheidenen Rahmen ab, nur ein paar Freunde waren da, aber auch der Notar Elouard gab sich die Ehre und aus Deutschland war Michael kurz eingeflogen, um zu gratulieren. Man stieß miteinander an und alle wünschten Valerie Glück, im Wesentlichen war das alles.

Wer von den Lesern jetzt denkt, die Feier wäre eventuell später noch etwas ausgeartet oder Michael habe die Situation ausgenutzt für ein weiteres Sexabenteuer mit Valerie, der liegt falsch. Der deutsche Besuch nahm sich noch am selben Abend ein Taxi zum Flughafen Perpignan.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen arbeitsreich für Valerie und selten verließ sie ihr Büro vor dem späten Abend, stets viel später als ihre zwei neuen Mitarbeiter Josette und Christiane, zwei junge Frauen, die sie Halbtagskräfte eingestellt hatte, und die sich überwiegend mit der Betreuung der Ferienwohnungen zu beschäftigen hatten (Putzen, Schlüssel, Kautionen und dieses alles). Valerie selbst kümmerte sich um das Neugeschäft und versuchte, Häuser zu verkaufen, was ihr im Fall des Dr. Engel-Anwesens so gut gelungen war. So gingen die Sommerwochen vorbei und plötzlich schien es Herbst zu sein.

Dann war sie plötzlich da, die bayerische Woche. Mit viel Dschingderassa-Bumm und Humpta-Humpta waren die bayerischen Musikkapellen durch die beschauliche Narbonner Innenstadt marschiert, einmal rechts am Kanal hinauf, über die Brücke und dann auf der linken Seite wieder herunter, und danach, man glaubt es kaum, marschierte eine kleine Abordnung der grüngekleideten Bayern auch noch im Gleichschritt mit Musik durch die historische Markthalle hindurch, die Franzosen kriegten große Augen, es wurde viel gelacht und Beifall gespendet, aber dann löste sich der Zug auf und die Bayern mischten sich unter die Leute.

Am zentralen Platz vor der Mairie und der Kathedrale Saint-Just waren zwei große Show-Bühnen aufgebaut worden, dort würden die Bayern in den nächsten Tagen Musik und Remmidemmi machen und ihre Ländler tanzen, insgesamt eine Riesenshow für die Franzosen, für manche Ältere mag es dagegen eher ein Kulturschock gewesen sein. Die allgemeine Stimmung im französischen Publikum blieb trotzdem fröhlich und ausgelassen.

Ringsum auf dem Platz hatten die Bayern ihre kleinen Holz-Häuschen aufgebaut, das waren hübsche kleine und dekorativ mit grünen Tannenzweigen bedeckte Hütten, wo man sich an der Theke anlehnen und wunderbar bayerisch essen konnte (Leberkäse mit gelbem Senf) und auch das trinken, was man in Bayern meistens so zu sich nimmt, nämlich dunkles Bier aus großen steinernen Krügen.

"Wo nehmen die eigentlich bloß die ganzen Tannenzweige her", dachte Valerie.

Im ganzen südlichen Mittelmeerraum wachsen keine deutschen Tannen, höchstens Zypressen, Wacholder oder anderes stacheliges und krüppeliges Koniferen-Zeug.

Die Luft auf dem gesamten Platz vor der Mairie war geschwängert vom Biergeruch. Deutsches Brot und deutsche Brezeln wurden zum Kauf angeboten, die Luft roch auf dem gesamten großen Platz nach Knödel und Schweinebraten und brauner Soße, der gesamte Narbonner Zentralplatz (2000 Jahre französische Geschichte bis zurück zur Römerzeit) schien sich plötzlich verwandelt zu haben in Klein-Deutschland oder besser gesagt Klein-Bayern.

Gegen sechs am Abend sollte sie den Maitre hier treffen, so war es ausgemacht.

Sie hatte sich nicht besonders zurechtgemacht und trug nur Jeans und flache Ballerinas. Einmal war sie über den ganzen Tag im Büro dermaßen beschäftigt, dass sie wirklich kaum mehr an ihr weibliches outfit dachte, andererseits stand ja für diesen Abend ein bayerisches Bierfest ins Haus, bei dem es ja gelegentlich schon mal etwas rustikaler zugeht, also hatte sie beim morgendlichen Ankleiden auf ein Kleid verzichtet und auch die High Heels im Schuhschrank stehen lassen.

"Obwohl er das wahrscheinlich doch gerne an mir sehen würde"

dachte sie bei sich und meinte den Maitre. Schon wieder diese kleinen falschen Gedanken hinüber in die Meta-Ebene, halbausgegorene Fragen, wie sie wohl auf ihn wirke als Frau, ob er sie wohl attraktiv fände, oder ob er auf solche seltsamen Gedanken gar nicht erst käme, weil der gesellschaftliche Unterschied zwischen ihnen beiden doch zu groß sei.

Immerhin, eines hatte sie schon herausgefunden, Single schien er ja zu sein, der Herr Notrar, single oder geschieden, jedenfalls allein.
Kann das überhaupt zusammenpassen? Hier der großbürgerliche Maitre Therry Elouard aus einer ganz alten südfranzösischen Familie, und sie, die unbekannte kleine Valerie aus Deutschland mit dem eigenartigen Hintergrund, von der so viel gemunkelt wird, ob sie überhaupt eine richtige Frau sei. Ist so eine Frau genug für einen solchen Mann?

"Und bestimmt wohnt er auch noch ganz allein in einem riesengroßen alten Schloß" dachte sie bei sich, als sie ihn über die Straße kommen sah.

Fortsetzung in der nächsten Woche, wie üblich.

Lieben Gruß, Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 20. Jul 2019, 11:41
von Valerie Bellegarde
ist die letzte Episode für euch eigentlich zu früh gekommen?

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 20. Jul 2019, 11:43
von Valerie Bellegarde
ich meinte Episode 54

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 25. Jul 2019, 14:02
von Valerie Bellegarde
Liebe Leser,
es geht voraussichtlich heute am nachmittag, spätestens aber morgen, am Freitag, weiter mit einer neuen Episode von "Valeries Welt".

Lieben Gruß,
Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 25. Jul 2019, 20:34
von Christiane04
Hallo Vslerie,

Wie schön😊,
Die von dir aufgestellte Dramarturgie ist immer wieder für eine Überraschung gut und die Zeit bis zur nächsten Folge immer zu lang, aber sicher angemessen! Die " Pubertät" deiner Heldin lässt sehr mitfiebern und ihre Gedankengänge sind oft nachempfindbar oder man glaubt sie zu kennen....
Weiter so👍,

Lg Christiane

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 26. Jul 2019, 18:51
von Valerie Bellegarde
Teil 2 Kapitel 54, 2, Stimmungen

Ein paarmal schon habe ich euch etwas von Valeries Stimmungen erzählt. Stimmungen bewegten sie oft, bei all ihrer Rationalität im Kopf war ihr auch ihre Emotionalität ganz wichtig, sie unterdrückte diese Stimmungen auch nicht, nein, sie ließ sie zu.

Was daran besonders war? Nun, einmal war bemerkenswert, wie schnell diese Stimmungslagen wechseln konnten. Damit meine ich ihre mentale Grundstimmung, also quasi der Filter, oder die Brille, durch die sie die Welt mal wunderschön und rosarot sehen konnte, andererseits aber auch dunkel und bedrohlich, je nach aktueller Stimmungslage.

Der andere wichtige Punkt dabei ist der, dass Valeries Stimmungen in der Regel, oder sagen wir mal besser "fast immer" mit Männern zu tun hatten, also mit dem jeweiligen Stand ihrer Beziehung zu einem Mann.

Der Mann, der sie zur Zeit viel beschäftigte, ihr also sozusagen nicht mehr richtig aus dem Kopf gehen wollte, war Thierry, der Monsieur Elouard, der Maitre, der Notar, der Tangotänzer. Mit schnellem, energie-geladenem Schritt kam er um die Ecke des großen Platzes, auf dem die Bühne und die Besucher-Sitzplätze für das das bayerische Bierfest aufgebaut waren, er hatte den Kopf hoch erhoben und sie gleich darauf entdeckt in der Menge, ihre Blicke trafen sich und ließen sich dann nicht mehr los.

Lächelte er? Sie war sich nicht sicher. Es waren vielleicht siebzig oder achtzig Meter Distanz zwischen den beiden, weniger als eine halbe Minute zu gehen, aber irgendwie schien für Valerie plötzlich die Zeit stillzustehen.

Plötzlich, auf einen Schlag, war da wieder der Karl-Heinz vor ihrem inneren Auge. War es Thierrys flotter, sportlicher Schritt, der diese assoziative Verbindung in ihrem Gedächtnis zustande brachte? War es sein jugendliches Lächeln? Jedenfalls (und wer Valerie besser kennt, den wundert das überhaupt nicht) erschien da jetzt plötzlich, ganz aus dem Nichts heraus, der junge Karl-Heinz in ihrem Kopf, der erste Mann, mit dem sie als Frau Sex hatte, die unvergessliche Nacht mit ihm im Interconti in Frankfurt, seine jugendliche Kraft aber auch Tapsigkeit, mit der er sie damals bestiegen hatte und über sie hergefallen war, und auch die Kraft und Ausdauer, mit der er sie damals stundenlang gevögelt hatte, bis sie wund war und wirklich nicht mehr konnte, dort oben in der Luxusetage dieses Superhotels in Frankfurt.

Andere Männer, die inzwischen durch ihr Leben gegangen waren, meistens hauptsächlich deshalb, um sie zu ficken, sie, die Transe, die das exquisite Erlebnis versprach, sie, die Travelo, le / la transsexuelle, das Wundertier. Warum nannten sie eigentlich nicht einfach "Frau", warum immer die Transe? Wer hatte ihr dieses unschöne Etikett angeklebt?

Sie dachte an Gunnar, mit dem sie lange zusammen war, eine Art Studentenbeziehung, aber Gunnar war wirklich ihr Liebster gewesen, ihr Teddybär, ein Kerl zum Knuddeln. War das Liebe? Keine Ahnung. Aber gebildet und klug, das war Gunnar, und gutaussehend, nicht zu vergessen. Beide hatten ein schönes Paar abgegeben, bei ihren Sonntagsspaziergängen im Park. Und so poetisch, wie Gunnar sein konnte, einfach so aus dem Stand mal seinen Rilke zu zitieren im Zoologischen Garten, das hat schon was. Auch Gunnar war inzwischen fast vergessen. Nicht vergessen waren die Nächte im Stuttgarter Studentenheim und später die Tage in Carcassonne, die die beiden quasi durchgehend im Hotelbett verbracht hatten.

Was Gunnar nicht hatte, war das Animalische, das Wilde. Auch das brauchte Valerie beim Sex, ein wenig Beimischung davon mußte schon sein, das war die Würze, die sie immer noch suchte. Die sie immer noch nicht gefunden hatte. Unwillkürlich dachte sie an diese Nacht in dem einsamen Strandhotel in Fleury, draußen die regnerische Nacht und das wilde Meer, drinnen sie, Valerie, im Hotelbett zusammen mit diesem fremden Mann, wie war doch bloß noch sein Name gewesen? Jean-Claude? Richtig, Jean-Claude, so heißen viele Franzosen, und ein Allerweltstyp, ja, das war er ja auch gewesen.

Jean-Claude, der Telecom-Techniker auf Durchreise. Sehr "horny" waren sie gewesen an diesem Abend, beide, auf Deutsch sagt man wohl "geil aufeinander". Two lonely strangers in the night, und ein ganze Flasche feinsten französischen Champagners hatten sie gemeinsam verkonsumiert dort in seinem Zimmer, und sie erinnerte sich auch an das rhythmische Geräusch, wenn sein ausgeprägter Bauch beim Rammeln auf ihr hoch gerecktes und ausgestrecktes Hinterteil klatschte, er hatte es ihren Südpol genannt, sie fand das witzig. Gespürt, innendrin im Po, so wie sie immer dachte dass Frauen es spüren und toll finden, wenn sie Sex mit einem Mann haben, gespürt hatte sie allerdings nicht sehr viel, damals bei der Liebe a tergo.

Gar nichts, überhaupt nichts, nothing, nada, rien de tout, war mit dem Gitano gewesen, obwohl geade der ihr vorher alles versprochen hatte, aber überhaupt nicht gehalten, denn er hatte sie sitzenlassen, er war nicht erschienen zu der Verabredung. Wer hoch pokert kann viel verlieren, und verloren fühlte sie sich damals schon, das ist wahr. Mit dem Gitano hätte sie damals wirklich gerne Liebe gemacht, sie dachte an seine schmalen Hüften und seine glühenden Augen, und sie hatte extra für ihn die feinste Unterwäsche angezogen und ihr liebstes Sommerkleid, dazu sogar Nylons im Sommer — alles umsonst.

Und jetzt Thierry, Ihr Neuer?

Er hatte sie dann auch erreicht. Sie schaute ihn an. Und dann, natürlich, nahm er sie erst mal in den Arm, ganz unbefangen, so wie man sich in Frankreich unter guten Freunden begrüßt, Wangenküsschen links, Wangenküsschen rechts. Sie fühlte sich gut dabei. Man würde jetzt erstmal einen netten Abend zusammen haben, es war Bayerisches Bierfest in Narbonne:

"A- zapft is" ("es ist angezapft") schrie der Leiter der Kapelle von seinem Musikpavillon herunter in die Menge und die Menge jodelte und gröhlte zurück, als hätten sie es verstanden.


Fortsetzung am nächsten Wochenende, wie immer hier in diesem Theater.

Lieben Gruß,

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 27. Jul 2019, 07:27
von Maria T
Hallo Valerie.
Schöne Zusammenfassung Ihrer Liebhaber 😁, macht wieder alles spannend. Was wird wohl werden, wieder ein ons oder doch mehr? Freu mich auf mehr zum lesen.
LG Maria

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 27. Jul 2019, 12:40
von Valerie Bellegarde
Maria T hat geschrieben: Sa 27. Jul 2019, 07:27 Hallo Valerie.
Schöne Zusammenfassung Ihrer Liebhaber 😁, macht wieder alles spannend.
LG Maria
Hallo Maria,

Ganz komplett war die Übersicht nicht, denn wir haben den Michael noch vergessen- Mit dem hatte sie doch ein jahrelanges deutsch-französisches Techtelmechtel, und daraus wurde erst kürzlich ein etwas heftigeres "rencontre", d.h. sie kriegte ihn zu sich ins Bett für eine Nacht... Das ist noch garnicht so lange her, erinnerst du dich?

L. G. Valerie