Seite 5 von 5

Re: Conchita Wurst

Verfasst: So 29. Jun 2014, 19:12
von Lina
Der britische multikünstler Quentin Crisp (1909-1999) - auch bekannt für ein extravagantes und feminin geprägtes Aussehen - hat mal gesagt: "Once I went out totally dressed like a woman - and nothing happened." (Sein Passing ist wohl nahezu 100% gewesen). Sein Aussehen fanden einige immer noch in den 90ern provokant. Darum geht es wohl auch bei CW.

Re: Conchita Wurst

Verfasst: So 29. Jun 2014, 23:21
von Marielle
Hallo zusammen, Hallo Lina,
Sein Aussehen fanden einige immer noch in den 90ern provokant. Darum geht es wohl auch bei CW.
Ich habe den Eurovisions-Contest nicht gesehen und auch sonst keinen Film-/Fernsehbeitrag mit Conchita, weswegen ich zur Wirkung der Person aus eigener Anschauung nichts sagen kann. Meine Beste und eine Freundin waren aber der Meinung, dass zumindest der ESC-Auftritt nichts explizit provozierendes an sich hatte.

Zum Thema "Provokation durch Uneindeutigkeit" habe ich aber trotzdem was zu sagen, bin ja schliesslich quasi "vom Fach": Wie es das von dir gebrachte Zitat des Künstlers nahelegt, 'passiert' natürlich umso weniger an Reaktion, je weiter sich eine Person in ihrer Aussendarstellung an die 'erwarteten Bilder' anpasst. Der Umkehrschluss "Provokation!" ist aber schlicht falsch. Eine uneindeutige, nicht dem Erwarteten entsprechende, Selbstdarstellung ist nicht notwendigerweise als Provokation zu verstehen. Böswillig könnte man diese Sichtweise auch als miese Unterstellung ansehen.

Vermutlich wird die Idee, dass es sich bei uneindeutigen Aussendarstellungen um eine Provokation handelt, dadurch unterstützt, dass die meisten Menschen, die sich uneindeutig darstellen, ganz gut mit den Reaktionen ihrer Umwelt umgehen können. Das liegt aber meist weniger an der Lust zur Provokation, als an dem halbwegs sicheren Stand, den man braucht, um sich überhaupt als "uneindeutig" unter die Leute zu begeben.

Ich bitte darum, dies bei der Einordnung von 'provokanten' Personen zu berücksichtigen. Nach meiner Erfahrung sind die nämlich oft 'mehr bei sich', als diejenigen, die nach Anpassung an das Erwartete streben.

Habt es gut

Marielle

Re: Conchita Wurst

Verfasst: Mo 30. Jun 2014, 15:36
von ab08
Marielle hat geschrieben:...dass die meisten Menschen, die sich uneindeutig darstellen, ganz gut mit den Reaktionen ihrer Umwelt umgehen können. Das liegt aber meist weniger an der Lust zur Provokation, als an dem halbwegs sicheren Stand, den man braucht, um sich überhaupt als "uneindeutig" unter die Leute zu begeben. Ich bitte darum, dies bei der Einordnung von 'provokanten' Personen zu berücksichtigen. Nach meiner Erfahrung sind die nämlich oft 'mehr bei sich', als diejenigen, die nach Anpassung an das Erwartete streben.
)):m Bravo! Da triffst Du den Nagel auf den Kopf, liebes Marielle!! :wink: Daher ein ganz herzliches Danke für diese, meiner Ansicht nach, sehr treffenden Sätze! (ap)
----------------------------------------------------------------------------------------------
@lina

Liebe Lina,
auch Dir ein ganz herzliches Danke für Deinen Querverweis auf Quentin Crisp! )):m
Seh ich auch ähnlich ==> Analogien zu Conchita Wurst gibt es einige. Das freut mich, denn diese Menschen bereichern mein Weltbild...

Liebe Grüße
ab

Re: Conchita Wurst

Verfasst: Mo 30. Jun 2014, 22:54
von Lina
Marielle hat geschrieben:Hallo zusammen, Hallo Lina,
Sein Aussehen fanden einige immer noch in den 90ern provokant. Darum geht es wohl auch bei CW.
Ich habe den Eurovisions-Contest nicht gesehen und auch sonst keinen Film-/Fernsehbeitrag mit Conchita, weswegen ich zur Wirkung der Person aus eigener Anschauung nichts sagen kann. Meine Beste und eine Freundin waren aber der Meinung, dass zumindest der ESC-Auftritt nichts explizit provozierendes an sich hatte.

Zum Thema "Provokation durch Uneindeutigkeit" habe ich aber trotzdem was zu sagen, bin ja schliesslich quasi "vom Fach": Wie es das von dir gebrachte Zitat des Künstlers nahelegt, 'passiert' natürlich umso weniger an Reaktion, je weiter sich eine Person in ihrer Aussendarstellung an die 'erwarteten Bilder' anpasst. Der Umkehrschluss "Provokation!" ist aber schlicht falsch. Eine uneindeutige, nicht dem Erwarteten entsprechende, Selbstdarstellung ist nicht notwendigerweise als Provokation zu verstehen. Böswillig könnte man diese Sichtweise auch als miese Unterstellung ansehen.

Vermutlich wird die Idee, dass es sich bei uneindeutigen Aussendarstellungen um eine Provokation handelt, dadurch unterstützt, dass die meisten Menschen, die sich uneindeutig darstellen, ganz gut mit den Reaktionen ihrer Umwelt umgehen können. Das liegt aber meist weniger an der Lust zur Provokation, als an dem halbwegs sicheren Stand, den man braucht, um sich überhaupt als "uneindeutig" unter die Leute zu begeben.

Ich bitte darum, dies bei der Einordnung von 'provokanten' Personen zu berücksichtigen. Nach meiner Erfahrung sind die nämlich oft 'mehr bei sich', als diejenigen, die nach Anpassung an das Erwartete streben.

Habt es gut

Marielle
Du machst irgendwie den Eindruck als würdest du Provokationen ausschließlich als was Negatives sehen.

Re: Conchita Wurst

Verfasst: Di 1. Jul 2014, 01:46
von Marielle
Guiten Abend,

Sind dir die Anführungszeichen entgangen, in die das Wort jeweils gesetzt ist?

Naja, kann ja schon mal passieren, wenn man Beiträge nur 'querliest', um dann eineinhalb Sätze, ohne Anrede und Gruß, in den Thread zu schieben.

Hinsichtlich des Nutzens, der sich aus der Befassung mit solchen Beiträgen ergibt, verweise ich auf deinen Beitrag von gestern, sechszehnuhrachtundzwanzig, in folgendem Thread: http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... f=3&t=8615

Habt es gut

Marielle

Re: Conchita Wurst

Verfasst: Di 1. Jul 2014, 11:32
von Marielle
Hallo zusammen,

gestern (heute morgen) war ich zu müde für langwierige Ausführungen. Ein bischen was will ich dazu aber doch noch loswerden; und zwar ganz ohne Rücksichtnahme auf Zeitverschwendung und Nutzen-Analyse, sondern im Interesse eines konstruktiven Austausches.


Ganz grundsätzlich ist eine Provokation eine Handlung oder eine Aussage, die bewusst darauf gerichtet ist, eine Reaktion zu erzeugen. Das ist schon deswegen nicht immer negativ, weil nach dieser Definition auch die freundlich formulierte Frage nach dem Weg zum Bahnhof eine Provokation ist. Sie ist ja bewusst auf die Erzeugung einer Reaktion gerichtet.

Es geht allerdings gar nicht darum, ob es eine positive oder negative Provokation darstellt, wenn jemand z.B. ein Kleid mit einem Gesichtspullover kombiniert. Das sollte aus meinem obigen Beitrag eigentlich auch herauszulesen gewesen sein.

Es geht um die Frage, ob es überhaupt eine 'Provokation' darstellt. Es geht darum, ob die Aussendarstellung von Conchita und anderen Uneindeutigen 'bewusst darauf gerichtet ist, eine Reaktion zu erzeugen' oder ob da nicht ein Mensch ist, der schlicht so handelt wie er/sie/es* es für sich als richtig entschieden hat. Dann würde die behauptete 'Provokation' nämlich nur im Kopf der Betrachter_in entstehen, nicht wahr? Es würde eine (neutrale) Handlung dadurch zur (gefühlten) Provokation, dass in diesem Kopf nicht genug Platz für eine neutrale, reaktionslose 'Zurkenntnisnahme' ist.

Wenn sich jemand durch eine uneindeutige Erscheinung provoziert fühlt, dann liegt das oft maßgeblich daran, dass die Betrachter_in ihr eigenes (immer eingeschränktes) Selbstdarstellungsschema zu weitgehend als für andere auch gültig ansieht.

Habt einen guten Tag, liebe Grüsse

Marielle


*) ich hab's bemerkt, ab08 :wink:



Querleser_innen-Service:

Der Mensch, der sich provoziert fühlt, muss oft nur seinen eigenen Horizont ein wenig nachjustieren, damit sich die vermeintliche Provokation in Luft auflöst.