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10.5.2013
Dieses Wochenende stand mit dem Forumstreffen in Berlin ein Höhepunkt an, der reichhaltige Erlebnisse versprach. Meinen Koffer hatte ich bereits am Vorabend gepackt und alle anderen Sachen zurechtgelegt.
Da heute, am Freitag nach Christi Himmelfahrt schulfrei ist, war meine Tochter bei ihrer Mutter und ich konnte diesen Andrea-Tag so beginnen, wie ich es am liebsten mag, ganz ohne Männermodus.
Gleich nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg. Als Outfit hatte ich einen kurzen engen schwarzen Rock, eine Bluse mit Blumenmuster, gemusterte schwarze Strumpfhosen, Pumps und darüber einen grünen Blazer ausgewählt. Das Wetter war zunächst nicht sehr freundlich, es regnete. Da wurde beim Umsteigen an einem kleinen Bahnhof mein Passing gleich auf eine harte Probe gestellt, als sich alle Wartenden in dem kleine Wartehäuschen drängten. Aber wie üblich bin ich wieder einmal nicht besonders beachtet worden. Nur ein etwa 10-jähriger Junge musterte mich etwas länger. Gut, so ganz unauffällig war ich als einzige Frau im Rock natürlich nicht.
Ab Leipzig ging es dann mit dem ICE weiter. dort saß ich zusammen mit einer Familie in einer Vierersitzgruppe. Die Eltern mir gegenüber hatten anfangs wohl noch etwas Nachtschlaf nachzuholen, während die etwa 14-jährige Tochter neben mir in ein Buch vertieft war. Später unterhielten sich alle drei miteinander, sodass ich erneut keine Beachtung fand.
Am Bahnhof Berlin-Südkreuz angekommen, war es bereits Zeit zum Mittagessen. Ich begnügte mich aber mit einem kleinen Imbiss, bevor es mit der S-Bahn weiter Richtung Schönhauser Allee ging. Ich hatte ein Zimmer in dem von den Organisatoren des Treffens empfohlenen Hotel 103 gebucht. Das Hotel war zwar eigentlich für eine andere Altergruppe ziemlich einfach eingerichtet, aber vom Komfort her völlig ausreichend, mit gutem Preis-Leistungsverhältnis eben.
Ich hatte noch etwas Zeit zum verschnaufen, meinen Koffer auszupacken und mein Outfit für den abendlichen Theaterbesuch zurechtzulegen. Das Wetter hatte sich inzwischen gebessert, bei angenehmen Temperaturen schien zeitweise sogar die Sonne.
Zunächst ging es zum ersten Teil des Forumstreffens ins Café Morgenrot. Es waren vom Hotel nur vier Stationen mit der Straßenbahn. Ich war etwa eine halbe Stunde vor der Zeit da, aber nicht ungewollt, da ich wegen des Theaterbesuchs nicht lange bleiben konnte. Zunächst wartete ich, den Eingang im Blick, ob ich jemanden von uns entdecke, doch leider Fehlanzeige!
Dafür bestätige sich immer wieder eine Beobachtung, die ich bereits zu Beginn meines ersten Berlin-Besuchs als Andrea machte: Die Kleidung der Leute ist hier deutlich vielfältiger, als ich es von zu Hause gewöhnt war. Das macht meines Erachtens Berlin (zumindest die Gegenden, die ich kennengelernt habe) zu einem guten Pflaster fürs Crossdressing, da unsereins so auch bei nicht ganz perfektem Passing nicht sonderlich auffällt.
Als ich nach etwa 15 Minuten Wartezeit niemanden von uns erblicken konnte, ging ich ins "Morgenrot" hinein und sah an einem der Tische Mona und Frau. Dank der Galeriebilder im Forum hatte auch sie mich sofort erkannt. Wir mussten noch etwa eine halbe Stunde warten, bis nach und nach die nächsten eintrafen: Marielle mit Frau, Flodur, Cher, Isabel, Marlen, Paula mit Frau (ich hoffe, ich habe niemanden vergessen).
Die äußeren Bedingungen, um sich etwas näher kennenzulernen, waren nicht optimal. Eine für meine Begriffe zu laute Musik erschwerte eine Unterhaltung erheblich. Gut, es war ja nur der Auftakt zum Forumstreffen, und ich musste mich kurz nach 16 Uhr ohnehin vorerst verabschieden, da ich noch ins Theater wollte. Für die Karte, die ich dafür übrig hatte, fand sich allerdings unter den Forumsmitgliedern kein(e) Interessent(in).
Ich fuhr also wieder ins Hotel zurück, und erneuerte noch einmal mein Makeup. Als Outfit wählte ich das, was ich schon des Öfteren in der Chemnitzer Oper trug: knöchellanger weinroter Rock, dunkelblaue Bluse, schwarze Sandaletten. In meiner Heimatstadt hatte ich aber bisher immer erst einen alltagstauglichen Rock und andere Schuhe angezogen und dann im Opernhaus gewechselt. Angeregt durch die oben beschrieben vielfältigen Kleidungsstile, verzichtete ich diesmal darauf und bin gleich im festlich eleganten Outfit mit der U-Bahn durch die Stadt zum Schillertheater gefahren.
Dort sollte als Ausweich für die zur Zeit geschlossene Staatsoper Unter den Linden eine Aufführung von Richard Wagners Oper "Der fliegende Holländer" stattfinden. Dass die Veranstaltung offiziell ausverkauft war, bot mir die Möglichkeit, die Karte, die ich für meine leider verhinderte Freundin Emma gekauft hatte, doch noch loszuwerden.
Am Rande einer kleinen Menschentraube vor dem Theater entdeckte ich einen Herrn mit einem Schild in der Hand: Suche 2 Karten! Ich sprach ihn an und sagte, dass ich
eine Karte anbieten könne. Er wollte den Preis wissen, und ich zeigte ihm den Aufdruck 72 €. Daraufhin drückte er mir 75 € in die Hand, sagte: "Stimmt so." und wir bedankten uns gegenseitig. Dass das Ganze so schnell und problemlos vonstatten geht, hätte ich nie gedacht. Später bedankte sich auch seine Frau noch einmal bei mir. Sie hatte neben mir Platz genommen und der Mann für sich noch eine zweite Karte erstehen können.
Durch dieses schnelle Geschäft hatte ich nun jede Menge Zeit, mich im Theater und unter den Leuten etwas umzusehen. Ich bin, was die Kleiderordnung betrifft, einiges gewöhnt, aber das, was ich hier sah, hat selbst mich schockiert. Gut, 80% der Besucher(innen) trugen angemessene Kleidung, die sich dezent vom Alltagsoutfit abhob. Weitere 10% sind mir besonders positiv aufgefallen, aber die restliche 10% - so würde ich bestenfalls auf Arbeit gehen.
Von der Aufführung meiner ersten Wagner-Oper hat mir das Bühnenbild am besten gefallen. Es zeigte einen Bibliothekssaal mit einem überdimensionalen Wandbild, das aufgezogen und dann selbst als Szenenbild dienen konnte. Das bot eine Reihe interessanter szenischer Effekte. Erstaunt war ich über die gute Textverständlichkeit (in Deutsch). Die eingeblendeten Übertitel wären gar nicht nötig gewesen.
Trotz 2-½ Stunden Spielzeit ging das ganze ohne Pause über die Bühne. Die drei Aufzüge, die als Basis für eine Aufteilung hätten dienen können, gingen hier völlig nahtlos ineinander über, sodass es keine einzige Gelegenheit für einen Zwischenapplaus gab. Bei italienischen und französischen Opern kommt dieser üblicherweise nach jeder berühmten Arie.
Musikalisch legte Wagner viel Wert auf dramaturgische Authentizität. Die Musik spiegelt gut die Stimmung der jeweiligen Szenen wider. Die schönen Melodien seiner italienischen Zeitgenossen fehlen dafür.
Um ein kleines Fazit zu ziehen: Der Ausflug in für mich fremde Gefilde war durchaus interessant, meine Favoriten sind aber nach wie vor die italienische Meister des 19. Jahrhunderts.
Wer sich näher für das Werk interessiert, kann hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fliege ... %C3%A4nder
Bezüglich der Rückfahrt ins Hotel mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren ja im Forum einige Bedenken bezüglich Sicherheit geäußert worden. Diese schienen anfangs völlig unbegründet, da zahlreiche Theaterbesucher auf diesen Weg ihre Heimfahrt antraten. So war die U-Bahn anfangs mindestens zur Hälfte mit den seriösen Damen und Herren, die mit mir die Vorstellung besucht hatten, besetzt. Nach und nach stiegen diese aber aus und nach 15 Stationen saß ich inmitten von Jugendlichen, die mich aber (wieder einmal) nicht beachteten. Interessant fand ich einen jungen Mann, der sich während der Fahrt von seiner Freundin die Fingernägel lackieren ließ. War das der Einstieg in eine Crossdresser-Karriere?
Da ich in der nicht stattgefundenen Opernpause einen kleinen Imbiss eingeplant hatte (das nächste Mal schaue ich genauer ins Programmheft), knurrte mir nun etwas der Magen. In der Schönhauser Allee konnte ich aber bei einem Bäcker, der gerade seinen Laden schließen wollte, noch ein Baguette erstehen.
Das war der erste Teil des Forumstreffens aus meiner Sicht. Fortsetzung folgt.