Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI - # 5
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Ich war noch etwas wackelig auf den Beinen, als ich mich am nächsten Tag auf den Weg zum Paket-Amt in der Luckenwalder Straße machte. Ein "Fresspaket" von meiner Tante aus Hannover konnte ich in Empfang nehmen. Ich freute mich. Es war eine nette Geste von ihr, dass sie mir etwas schickte. Auch telefonierten wir manchmal miteinander, sodass der Kontakt nie ganz abriss.
Ein paar Sachen musste ich noch einkaufen. Das erledigte ich auf dem Rückweg.
"Erst die Arbeit — dann das Vergnügen", dachte ich mir und ging mit meiner Wäsche in einen Waschsalon. Mein Koffer stand inzwischen ausgepackt im Flur.
Ich hatte ein Buch dabei; denn ich wollte den Salon nicht verlassen. Einmal war mir dort tatsächlich Wäsche geklaut worden, als ich kurz abwesend war und meine Wäsche durch die Trocken-Trommel tobte. Das sollte mir nicht noch einmal passieren.
Auf das Buch konnte ich mich nicht so recht konzentrieren und ließ den letzten Abend Revue passieren. Mit Ruhm hatte ich mich nicht gerade bekleckert. Bisher war mir nie passiert, dass ich dringend aufgefordert wurde, "endlich zu gehen".
Da musste ich wohl abends noch einmal hin und um Entschuldigung bitten; schließlich wollte ich es mir mit den Leuten nicht verderben.
In der Marheineke Markthalle gönnte ich mir Fisch am Imbiss; so konnte ich die Stinkerei aus meiner Küche fernhalten.
Nachmittags beschäftigte ich mich mit meinen auf der Insel erworbenen Schätzen, d.h. der Sender kam noch nicht zum Einsatz; denn ich hatte so spontan keine Idee, wie ich ihn allein ausprobieren sollte.
Um nicht gleich die Batterien leer zu machen, wollte ich den Empfänger gern an mein vorhandenes Netzteil anschließen, aber der Stecker passte nicht. Ich hatte aber keine Lust, gleich wieder aufzubrechen und zu Arlt zu fahren und mir einen passenden Stecker zu besorgen. So probierte ich den Empfänger nur kurz aus.
Ganz hervorragend konnte ich Funkverkehr mit Flugzeugen hören. Polizeifunk war auch kein Problem — Taxifunk uninteressant.
Ich hatte die Lautstärke so eingestellt, dass ich so eben und eben hören konnte, was aus den Lautsprechern kam. Ich nahm mir vor, einen Kopfhörer zu besorgen.
Trotzdem erschrak ich, als es klingelte. Schnell schaltete ich den Empfänger ab und schob ihn unter die Bettdecke.
"Auch Du bist es!"
Einer aus meiner Klasse wollte nachsehen, ob ich schon wieder im Lande war. Außerdem wollte er mich "überreden", abends zu einer Fete zu kommen.
Ich sagte ihm, dass es bei mir etwas später werden würde; denn ich hätte vorher noch etwas zu erledigen.
Die Tarantel hatte wohl gerade erst aufgemacht, als ich hineintrat. Eine Frau saß mit einer Blechdose an einem kleinen Tisch am Eingang und verkaufte Eintrittskarten.
"Bakmak" stand auf dem Programm, sicherlich eine gute Band, aber die Musik, die sie machte, ging für meinen Geschmack zu sehr in Richtung Jazzrock und ich hatte nie rechten Zugang zu den Stücken gefunden.
Ich hatte schließlich an diesem Abend auch schon etwas vor.
Natürlich musste ich ihr erst einmal auseinandersetzen, dass ich nicht zum Konzert gekommen war, sondern um etwas mit der Thekenkraft "zu besprechen hatte".
Ich wurde vorgelassen, ohne dass ich eine Karte kaufen musste.
Die Frau empfing mich mit einem "ach, der schonwieder - Blick". Ich bat um Entschuldigung für mein Verhalten am letzten Abend und meinte, so etwas würde nicht wieder vorkommen.
"Hoffentlich!" sagte sie dazu.
Ich fragte sie, ob ich etwas zu ihrer Besänftigung beitragen könnte.
Ein Cocktail war das richtige Mittel. Sie prostete mir zu — und ich prostete "š"in die Luft", schließlich wollte ich meine versprochene Besserung nicht gleich wieder teilweise zurücknehmen.
Ich bezahlte und verabschiedete mich, noch bevor die Band angefangen hatte.
Später, in Schöneberg, musste ich in dem alten, aber ziemlich gepflegten Mehrfamilienhaus nur dem Lärmpegel nachgehen: bis auf die Straße war die Musik zu hören.
Den Schalter für das Treppenlicht fand ich gleich. "Klack" machte es laut in einem Holzkasten, der am Hinterausgang hing. "Nach 18 Uhr keine Teppiche klopfen" stand auf einem Schild an der Tür und "Fußballspielen auf dem Hof verboten". Klare Regelungen, die sicherlich nicht allen Mietern gefielen.
Irgendwie freute ich mich auf den Abend und nahm immer zwei Stufen auf einmal, als ich nach oben stürmte. Dicker Sisal schluckte die Geräusche.
Die Party war in vollem Gange. Getränkemäßig hielt ich mich zurück; eine Mitschülerin fragte mich, ob ich krank wäre. Junge, was hatte ich für einen Ruf???
"Nein, aber gestern hatte ich etwas zu viel des Guten. Heute werde ich es etwas langsamer angehen lassen", antwortete ich ihr.
Dieses Mal hatte ich meine Pfeife dabei. Später, als nur noch der "harte Kern" anwesend war, gab es Gelegenheit, sie zu stopfen. Es war wieder eine "besonders gute Lieferung" eingetroffen; aber langsam hatte ich das Gefühl, bei meinem Mitschüler gab es nur "gute Lieferungen".
Da auch in dieser Wohnung ein Matratzenlager vorhanden war, das vorher noch als Riesensofa gedient hatte, konnte die Übernachtungsfrage pragmatisch geklärt werden, wenn auch kaum mehr von ÜBERnachtung gesprochen werden konnte, sondern von "ein paar Stunden dösen oder schlafen".
Am spätem Vormittag wollte ich heimfahren, überlegte es mir aber unterwegs anders und fuhr mit der U-Bahn zur Krummen Lanke. Ich ging am See spazieren, was mir gut tat. Kein "Großstadtgefühl", sondern Wasser und Wald — und natürlich etliche SpaziergängerInnen, die die gleiche Idee wie ich hatten.
Die Erwachsenen machten überwiegend einen frohen Eindruck, hatten vielleicht gerade schön gefrühstückt oder Sex gehabt. Ich musste lächeln, wenn ich einige Paare sah und mir das vorstellte. Die begleitenden Kinder sahen oftmals nicht so froh aus, sondern hätten vielleicht lieber mit Freunden gespielt als um die Krumme Lanke zu laufen.
Interessant fand ich die Gesprächsfetzen.
Der belehrende Vater: "schaut mal, das sind Buchen! Wenn ihr genau auf den Boden schaut, werdet ihr im Umkreis Bucheckern finden".
Die Kinder stoben davon.
"Du kannst den Wagen auch mal schieben" — eine junge Frau schob nicht nur den Kinderwagen, sondern hatte auch noch ein kleines Kind an der Hand. Der dazugehörige Mann hatte die Hände in der Jackentasche und meinte: "die zweite Hälfte".
"Otto sah nicht gut aus gestern" — schon waren die beiden älteren Damen an mir vorbei. Wollen wir hoffen, dass es Otto bald besser ging.
"Der tut nichts, der spielt nur", ein Mann versuchte, seinen Schäferhund wieder einzufangen, der sich für den kleinen weißen Pudel einer Spaziergängerin interessierte.
Vom Spazierweg bog ich so ab, dass ich zur Fischerhüttenstraße kam — und dann ging ich durch lauter winzige Straßen mit "Hexenhäuschen". Das waren ganz kleine Reihenhäuser, die in diesem bevorzugten Gebiet standen. Alle hatten einen kleinen Vorgarten und einen Garten "nach hinten raus". Alte Obstbäume standen da — und einige Mieter hatten einen Blumen- oder Gemüsegarten.
Staunend stand ich davor: "IM KINDERLAND", las ich auf dem Straßenschild. Nichts deutete darauf hin, dass wir uns in der Stadt befanden.
Ganz leicht roch es aus den Schornsteinen nach Kohleofen — und ich musste an die Worte meiner Zimmerwirtin denken, die mir gesagt hatte: "Sonntags heize ich den Badeofen an".
Überhaupt musste ich manchmal an das Praktikum denken. Gut fand ich, dass wir auf der Fete nicht über unsere Erlebnisse gesprochen hatten; denn die nächsten Wochen in der Schule waren mit Berichten aus dem Praktikum voll belegt. Das hatte uns der Klassenlehrerschon angekündigt. Die Note der Präsentation sollte sogar im Zeugnis stehen.
Ich war froh, dass ich nicht zu den ersten SchülerInnen gehörte, die mit ihrem Vortrag dran waren. So konnte ich erst einmal hören und schauen, was die anderen Praktikanten erlebt hatten.
Ja, "schauen" hatte ich ganz vernachlässigt. Sybille, die von einem Kinderladen berichtete, hatte viele Fotos gemacht. Außerdem hatte sie mit einem UHER Reportage-Tonbandgerät einige Situationen aufgenommen.
In einer Pause rief ich in der Klinik an und ließ mich mit Antje verbinden. Ich bat sie um Fotos von der Gruppe und Fotos von der Einrichtung — und vielleicht noch um ein Konzept, das während der Zeit meines Praktikums gerade in Arbeit war. Sie versprach mir, alles umgehend zu schicken.
Bei dem Stichwort "Fotos" fiel ihr allerdings ein, dass ich doch auch Fotos haben müsste. Sie meinte nicht die beiden Polaroidbilder von uns, sondern die kleinen Negative.
In ganz kurzen Worten erzählte ich ihr, was ich damit gemacht hatte. Ich musste schon wieder Markstücke nachwerfen, denn sie wollte mir noch etwas erzählen.
"Ich komme übernächste Woche nach Berlin, kann ich dann bei Dir schlafen?"
"BEI mir JA, aber MIT mir NEIN", antwortete ich und hatte Mühe, ernst zu bleiben, "wer mich einmal nicht reingelassen hat, muss nicht wieder ankommen!"
Es dauerte einen Moment, bis sie meinen Satz als Spaß verstanden hatte.
"Die Fotos und den Entwurf für das Konzept schicke ich vorher", meinte sie, "dann bis bald!"
Ein paar Sachen musste ich noch einkaufen. Das erledigte ich auf dem Rückweg.
"Erst die Arbeit — dann das Vergnügen", dachte ich mir und ging mit meiner Wäsche in einen Waschsalon. Mein Koffer stand inzwischen ausgepackt im Flur.
Ich hatte ein Buch dabei; denn ich wollte den Salon nicht verlassen. Einmal war mir dort tatsächlich Wäsche geklaut worden, als ich kurz abwesend war und meine Wäsche durch die Trocken-Trommel tobte. Das sollte mir nicht noch einmal passieren.
Auf das Buch konnte ich mich nicht so recht konzentrieren und ließ den letzten Abend Revue passieren. Mit Ruhm hatte ich mich nicht gerade bekleckert. Bisher war mir nie passiert, dass ich dringend aufgefordert wurde, "endlich zu gehen".
Da musste ich wohl abends noch einmal hin und um Entschuldigung bitten; schließlich wollte ich es mir mit den Leuten nicht verderben.
In der Marheineke Markthalle gönnte ich mir Fisch am Imbiss; so konnte ich die Stinkerei aus meiner Küche fernhalten.
Nachmittags beschäftigte ich mich mit meinen auf der Insel erworbenen Schätzen, d.h. der Sender kam noch nicht zum Einsatz; denn ich hatte so spontan keine Idee, wie ich ihn allein ausprobieren sollte.
Um nicht gleich die Batterien leer zu machen, wollte ich den Empfänger gern an mein vorhandenes Netzteil anschließen, aber der Stecker passte nicht. Ich hatte aber keine Lust, gleich wieder aufzubrechen und zu Arlt zu fahren und mir einen passenden Stecker zu besorgen. So probierte ich den Empfänger nur kurz aus.
Ganz hervorragend konnte ich Funkverkehr mit Flugzeugen hören. Polizeifunk war auch kein Problem — Taxifunk uninteressant.
Ich hatte die Lautstärke so eingestellt, dass ich so eben und eben hören konnte, was aus den Lautsprechern kam. Ich nahm mir vor, einen Kopfhörer zu besorgen.
Trotzdem erschrak ich, als es klingelte. Schnell schaltete ich den Empfänger ab und schob ihn unter die Bettdecke.
"Auch Du bist es!"
Einer aus meiner Klasse wollte nachsehen, ob ich schon wieder im Lande war. Außerdem wollte er mich "überreden", abends zu einer Fete zu kommen.
Ich sagte ihm, dass es bei mir etwas später werden würde; denn ich hätte vorher noch etwas zu erledigen.
Die Tarantel hatte wohl gerade erst aufgemacht, als ich hineintrat. Eine Frau saß mit einer Blechdose an einem kleinen Tisch am Eingang und verkaufte Eintrittskarten.
"Bakmak" stand auf dem Programm, sicherlich eine gute Band, aber die Musik, die sie machte, ging für meinen Geschmack zu sehr in Richtung Jazzrock und ich hatte nie rechten Zugang zu den Stücken gefunden.
Ich hatte schließlich an diesem Abend auch schon etwas vor.
Natürlich musste ich ihr erst einmal auseinandersetzen, dass ich nicht zum Konzert gekommen war, sondern um etwas mit der Thekenkraft "zu besprechen hatte".
Ich wurde vorgelassen, ohne dass ich eine Karte kaufen musste.
Die Frau empfing mich mit einem "ach, der schonwieder - Blick". Ich bat um Entschuldigung für mein Verhalten am letzten Abend und meinte, so etwas würde nicht wieder vorkommen.
"Hoffentlich!" sagte sie dazu.
Ich fragte sie, ob ich etwas zu ihrer Besänftigung beitragen könnte.
Ein Cocktail war das richtige Mittel. Sie prostete mir zu — und ich prostete "š"in die Luft", schließlich wollte ich meine versprochene Besserung nicht gleich wieder teilweise zurücknehmen.
Ich bezahlte und verabschiedete mich, noch bevor die Band angefangen hatte.
Später, in Schöneberg, musste ich in dem alten, aber ziemlich gepflegten Mehrfamilienhaus nur dem Lärmpegel nachgehen: bis auf die Straße war die Musik zu hören.
Den Schalter für das Treppenlicht fand ich gleich. "Klack" machte es laut in einem Holzkasten, der am Hinterausgang hing. "Nach 18 Uhr keine Teppiche klopfen" stand auf einem Schild an der Tür und "Fußballspielen auf dem Hof verboten". Klare Regelungen, die sicherlich nicht allen Mietern gefielen.
Irgendwie freute ich mich auf den Abend und nahm immer zwei Stufen auf einmal, als ich nach oben stürmte. Dicker Sisal schluckte die Geräusche.
Die Party war in vollem Gange. Getränkemäßig hielt ich mich zurück; eine Mitschülerin fragte mich, ob ich krank wäre. Junge, was hatte ich für einen Ruf???
"Nein, aber gestern hatte ich etwas zu viel des Guten. Heute werde ich es etwas langsamer angehen lassen", antwortete ich ihr.
Dieses Mal hatte ich meine Pfeife dabei. Später, als nur noch der "harte Kern" anwesend war, gab es Gelegenheit, sie zu stopfen. Es war wieder eine "besonders gute Lieferung" eingetroffen; aber langsam hatte ich das Gefühl, bei meinem Mitschüler gab es nur "gute Lieferungen".
Da auch in dieser Wohnung ein Matratzenlager vorhanden war, das vorher noch als Riesensofa gedient hatte, konnte die Übernachtungsfrage pragmatisch geklärt werden, wenn auch kaum mehr von ÜBERnachtung gesprochen werden konnte, sondern von "ein paar Stunden dösen oder schlafen".
Am spätem Vormittag wollte ich heimfahren, überlegte es mir aber unterwegs anders und fuhr mit der U-Bahn zur Krummen Lanke. Ich ging am See spazieren, was mir gut tat. Kein "Großstadtgefühl", sondern Wasser und Wald — und natürlich etliche SpaziergängerInnen, die die gleiche Idee wie ich hatten.
Die Erwachsenen machten überwiegend einen frohen Eindruck, hatten vielleicht gerade schön gefrühstückt oder Sex gehabt. Ich musste lächeln, wenn ich einige Paare sah und mir das vorstellte. Die begleitenden Kinder sahen oftmals nicht so froh aus, sondern hätten vielleicht lieber mit Freunden gespielt als um die Krumme Lanke zu laufen.
Interessant fand ich die Gesprächsfetzen.
Der belehrende Vater: "schaut mal, das sind Buchen! Wenn ihr genau auf den Boden schaut, werdet ihr im Umkreis Bucheckern finden".
Die Kinder stoben davon.
"Du kannst den Wagen auch mal schieben" — eine junge Frau schob nicht nur den Kinderwagen, sondern hatte auch noch ein kleines Kind an der Hand. Der dazugehörige Mann hatte die Hände in der Jackentasche und meinte: "die zweite Hälfte".
"Otto sah nicht gut aus gestern" — schon waren die beiden älteren Damen an mir vorbei. Wollen wir hoffen, dass es Otto bald besser ging.
"Der tut nichts, der spielt nur", ein Mann versuchte, seinen Schäferhund wieder einzufangen, der sich für den kleinen weißen Pudel einer Spaziergängerin interessierte.
Vom Spazierweg bog ich so ab, dass ich zur Fischerhüttenstraße kam — und dann ging ich durch lauter winzige Straßen mit "Hexenhäuschen". Das waren ganz kleine Reihenhäuser, die in diesem bevorzugten Gebiet standen. Alle hatten einen kleinen Vorgarten und einen Garten "nach hinten raus". Alte Obstbäume standen da — und einige Mieter hatten einen Blumen- oder Gemüsegarten.
Staunend stand ich davor: "IM KINDERLAND", las ich auf dem Straßenschild. Nichts deutete darauf hin, dass wir uns in der Stadt befanden.
Ganz leicht roch es aus den Schornsteinen nach Kohleofen — und ich musste an die Worte meiner Zimmerwirtin denken, die mir gesagt hatte: "Sonntags heize ich den Badeofen an".
Überhaupt musste ich manchmal an das Praktikum denken. Gut fand ich, dass wir auf der Fete nicht über unsere Erlebnisse gesprochen hatten; denn die nächsten Wochen in der Schule waren mit Berichten aus dem Praktikum voll belegt. Das hatte uns der Klassenlehrerschon angekündigt. Die Note der Präsentation sollte sogar im Zeugnis stehen.
Ich war froh, dass ich nicht zu den ersten SchülerInnen gehörte, die mit ihrem Vortrag dran waren. So konnte ich erst einmal hören und schauen, was die anderen Praktikanten erlebt hatten.
Ja, "schauen" hatte ich ganz vernachlässigt. Sybille, die von einem Kinderladen berichtete, hatte viele Fotos gemacht. Außerdem hatte sie mit einem UHER Reportage-Tonbandgerät einige Situationen aufgenommen.
In einer Pause rief ich in der Klinik an und ließ mich mit Antje verbinden. Ich bat sie um Fotos von der Gruppe und Fotos von der Einrichtung — und vielleicht noch um ein Konzept, das während der Zeit meines Praktikums gerade in Arbeit war. Sie versprach mir, alles umgehend zu schicken.
Bei dem Stichwort "Fotos" fiel ihr allerdings ein, dass ich doch auch Fotos haben müsste. Sie meinte nicht die beiden Polaroidbilder von uns, sondern die kleinen Negative.
In ganz kurzen Worten erzählte ich ihr, was ich damit gemacht hatte. Ich musste schon wieder Markstücke nachwerfen, denn sie wollte mir noch etwas erzählen.
"Ich komme übernächste Woche nach Berlin, kann ich dann bei Dir schlafen?"
"BEI mir JA, aber MIT mir NEIN", antwortete ich und hatte Mühe, ernst zu bleiben, "wer mich einmal nicht reingelassen hat, muss nicht wieder ankommen!"
Es dauerte einen Moment, bis sie meinen Satz als Spaß verstanden hatte.
"Die Fotos und den Entwurf für das Konzept schicke ich vorher", meinte sie, "dann bis bald!"
-
Anni
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 816
- Registriert: Mo 20. Jul 2009, 20:09
- Pronomen:
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 0
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Herzlichen Dank für die " Sonntags - Ausgabe "
LG von frecher Anni
LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Am Dienstag der nächsten Woche steckte ein großer Briefumschlag im Briefkasten. Ich sah gleich, dass ihn ein Klinik-Stempel zierte. Also hatte Antje Wort gehalten und mir die Unterlagen geschickt. Ich war etwas enttäuscht, dass von der Psychologin noch nichts dabei war.
Auch am nächsten Tag blickte ich vergeblich in den Briefkasten. Doch, halt, ein kleiner Zettel, den ich fast übersehen hätte. "Einschreiben eigenhändig, abzuholen zwischen 9 und 17 Uhr"¦".
Mist — es war schon zu spät. Am nächsten Tag würde ich es nicht vor der Schule schaffen, aber hoffentlich danach. Wir würden nur bis 16 Uhr Unterricht haben.
Antje hatte sich richtig Mühe gegeben mit der Zusammenstellung der Unterlagen. Es waren etliche Fotos dabei, die 18 x 24 cm oder noch größer waren.
Die "Konzeption in Arbeit" enthielt eine gute Inhaltsübersicht, die ich direkt für meine Zwecke übernehmen konnte. Nun musste mir noch selbst etwas einfallen lassen.
"Ein Tag in der Klinik" — nein, den Gedanken verwarf ich gleich wieder. "Alltag in der Klinik" — auch nicht viel besser. Ich fragte mich: "wie schrecklich klingt denn das?"
"Ein Tag hat viele Stunden" fiel mir dann ein und ich sortierte die Bilder grob nach dem Tagesablauf in der Einrichtung.
Vom Wecken war ein Foto dabei, vom Frühstück, von den Vormittagsstunden, vom Mittagessen, der Mittagsruhe, der "Plauderstunde des Personals", Kaffeezeit, Spaziergang, Abendessen, Bettruhe.
Von der immer sehr lang dauernden Duschaktion und vom Zähneputzen war kein Foto dabei.
Ich gliederte alles so, dass sich eine sinnvolle Reihenfolge ergab.
Material brauchte ich noch, um alles aufzukleben und alles bereit für meinen Vortrag zu machen.
Das war nicht so einfach, aber von unserer Kunstlehrerin sollte ich es bekommen. Mit ihr konnte ich auch besprechen, wie ich die fehlenden Teile meiner Präsentation hinzufügen konnte.
Am nächsten Morgen ging ich noch vor dem Unterricht in den Kunstraum und sprach mit der Doezentin.
Wir blätterten ein paar alte STERN-Ausgaben durch, die schon damals zu einem großen Teil aus Reklame bestanden. Sie zeigte mir, wie ich mit Nitro-Verdünner einen Abdruck einer STERN-Seite auf weißes Papier vornehmen konnte. Ein geeignetes Objekt war schnell gefunden: eine ganzseitige Anzeige einer "glücklichen Schauma-Schampoo-Familie".
Das Blatt wurde gut mit dem Verdünner eingejaucht; anschließend presste ich in einer geeigneten Presse beide Blätter aufeinander und hielt gleich darauf das Ergebnis in den Händen.
Ich war höchst zufrieden. Der Abdruck hatte nicht an jeder Stelle gleich gut für einen gesättigtes Abbild gesorgt, aber das gab ihm einen authentischen, ja fast einen künstlerischen Ausdruck.
"Das solltest Du nicht zu oft machen", gab mir die Dozentin mit auf den Weg, "das Zeug ist giftig und hoch entzündlich. Also nicht bei der Arbeit rauchen!"
Dann zeigte sie mir noch, wie ich die Überschriften mit breiten Filzstiften am besten auf das Papier bekommen würde. Dabei stellte ich mich später nicht ganz so geschickt an, aber man konnte es lesen.
"Am besten ist, Du gehst in eine Apotheke und besorgst Dir eine große Windel", meinte sie noch, "dann hast Du ein praktisches Beispiel und wir brauchen von dem Teil kein Bild oder Foto. Es könnte sogar sein, dass sie Dir ein paar leere Medikamentenverpackungen mitgeben, dann könntest Du in Deinem Referat darauf hinweisen, dass der Medikamentengebrauch in solchen Einrichtungen immer noch weit verbreitet ist".
Ich hatte ihr von dem spezielle Blumenstrauß erzählt, den ich zum Abschied erhalten hatte.
Mit einem guten Gefühl machte ich mich auf den Weg zur U-Bahn. Meinen arbeitsmäßigen Schwung wollte ich gleich ausnutzen und ging in eine Apotheke, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand.
Da hatte ich leider eine vollkommene Blockade.
"Na, was darf es denn sein?" fragte mich der Apotheker.
"Mh"¦ ich möchte", ich stammelte ""¦ich will"¦ haben Sie?"
"Na?"
"Äh".
"Kondome?" fragte er mich. Ich schüttelte mit dem Kopf.
"Die Pille für die Freundin? Dann bräuchte ich aber ein Rezept".
"Nein, aber".
""˜n Mittel gegen Pilze?" fragte er schließlich.
"Nein, eine, eine"¦"
"Windel" rückte ich endlich heraus.
"Windeln befinden sich im SB-Bereich dort hinten", er zeigte mir die Richtung, "wie alt ist das Baby denn?"
"Nein, die Windel ist nicht für ein Kleinkind", gab ich zur Antwort. Endlich löste sich die Blockade und ich konnte ihm sagen, um was es ging. Er lächelte freundlich, verschwand kurz und kam mit einer riesig wirkenden Windel zurück, die schon ein wenig angestaubt aussah. "Die können Sie so haben. Wenn es nur für ein Referat sein soll, dann tut auch diese ihren Dienst, die hat mal ein Vertreter hier gelassen, der dann nie wieder gekommen ist. Darf es noch etwas sein?"
Ich erzählte ihm von den Medikamentenpackungen. Sehr begeistert war er nicht, aber schließlich verschwand er erneut und kam dann mit einer Papiertüte voller leerer Packungen zurück.
"Aber nicht mit Smarties füllen und verkaufen" gab er mir lachend mit auf den Weg.
Ich bedankte mich.
Je näher ich dem Postamt kam, desto nervöser wurde ich. Tatsächlich — der Brief, den ich abholen sollte, war von der Psychologin.
Ich hielt ihn noch nicht in den Händen, da sah ich schon: es war kein Stempel der Klinik auf dem Umschlag, sondern von einer "Gemeinschaftspraxis für angewandte Psychologie".
Der Postbeamte kontrollierte meinen Ausweis ganz genau. Dann übergab er mir den Brief und meinte: "na dann alles Jute!"
Schnellen Schrittes machte ich mich auf den Nachhauseweg. Fast hätte ich mich auf eine Bank gesetzt und sofort einen Blick in den Brief geworfen, aber dann sagte ich mir: "mach das zu Hause!" Außer Atem bog ich in die Schleiermacherstraße ein, stand schließlich vor dem Haus, ging in den Seitenflügel und fummelte schon auf der Treppe meinen Schlüssel aus der Tasche, was nicht gerade einfach war wegen der ganzen Sachen, die ich dabei hatte.
Ich war etwas zittrig, als ich die Kaffeemaschine mit Kaffee und Wasser fütterte.
Fast hätte ich den Filter vergessen.
Ein paar Tropfen gingen daneben — wie immer, wenn ich es eilig hatte.
Ich setzte mich und riss den Umschlag auf.
Im Anschreiben stand, dass keine medizinische Untersuchung durchgeführt worden wäre und dass die Ergebnisse mehr eine "grobe Einschätzung" als eine Diagnose wären.
"Ja, was denn nun?" wollte ich hinausschreien.
"Sie sind ein Sinusmensch", begann die Expertise.
Auch am nächsten Tag blickte ich vergeblich in den Briefkasten. Doch, halt, ein kleiner Zettel, den ich fast übersehen hätte. "Einschreiben eigenhändig, abzuholen zwischen 9 und 17 Uhr"¦".
Mist — es war schon zu spät. Am nächsten Tag würde ich es nicht vor der Schule schaffen, aber hoffentlich danach. Wir würden nur bis 16 Uhr Unterricht haben.
Antje hatte sich richtig Mühe gegeben mit der Zusammenstellung der Unterlagen. Es waren etliche Fotos dabei, die 18 x 24 cm oder noch größer waren.
Die "Konzeption in Arbeit" enthielt eine gute Inhaltsübersicht, die ich direkt für meine Zwecke übernehmen konnte. Nun musste mir noch selbst etwas einfallen lassen.
"Ein Tag in der Klinik" — nein, den Gedanken verwarf ich gleich wieder. "Alltag in der Klinik" — auch nicht viel besser. Ich fragte mich: "wie schrecklich klingt denn das?"
"Ein Tag hat viele Stunden" fiel mir dann ein und ich sortierte die Bilder grob nach dem Tagesablauf in der Einrichtung.
Vom Wecken war ein Foto dabei, vom Frühstück, von den Vormittagsstunden, vom Mittagessen, der Mittagsruhe, der "Plauderstunde des Personals", Kaffeezeit, Spaziergang, Abendessen, Bettruhe.
Von der immer sehr lang dauernden Duschaktion und vom Zähneputzen war kein Foto dabei.
Ich gliederte alles so, dass sich eine sinnvolle Reihenfolge ergab.
Material brauchte ich noch, um alles aufzukleben und alles bereit für meinen Vortrag zu machen.
Das war nicht so einfach, aber von unserer Kunstlehrerin sollte ich es bekommen. Mit ihr konnte ich auch besprechen, wie ich die fehlenden Teile meiner Präsentation hinzufügen konnte.
Am nächsten Morgen ging ich noch vor dem Unterricht in den Kunstraum und sprach mit der Doezentin.
Wir blätterten ein paar alte STERN-Ausgaben durch, die schon damals zu einem großen Teil aus Reklame bestanden. Sie zeigte mir, wie ich mit Nitro-Verdünner einen Abdruck einer STERN-Seite auf weißes Papier vornehmen konnte. Ein geeignetes Objekt war schnell gefunden: eine ganzseitige Anzeige einer "glücklichen Schauma-Schampoo-Familie".
Das Blatt wurde gut mit dem Verdünner eingejaucht; anschließend presste ich in einer geeigneten Presse beide Blätter aufeinander und hielt gleich darauf das Ergebnis in den Händen.
Ich war höchst zufrieden. Der Abdruck hatte nicht an jeder Stelle gleich gut für einen gesättigtes Abbild gesorgt, aber das gab ihm einen authentischen, ja fast einen künstlerischen Ausdruck.
"Das solltest Du nicht zu oft machen", gab mir die Dozentin mit auf den Weg, "das Zeug ist giftig und hoch entzündlich. Also nicht bei der Arbeit rauchen!"
Dann zeigte sie mir noch, wie ich die Überschriften mit breiten Filzstiften am besten auf das Papier bekommen würde. Dabei stellte ich mich später nicht ganz so geschickt an, aber man konnte es lesen.
"Am besten ist, Du gehst in eine Apotheke und besorgst Dir eine große Windel", meinte sie noch, "dann hast Du ein praktisches Beispiel und wir brauchen von dem Teil kein Bild oder Foto. Es könnte sogar sein, dass sie Dir ein paar leere Medikamentenverpackungen mitgeben, dann könntest Du in Deinem Referat darauf hinweisen, dass der Medikamentengebrauch in solchen Einrichtungen immer noch weit verbreitet ist".
Ich hatte ihr von dem spezielle Blumenstrauß erzählt, den ich zum Abschied erhalten hatte.
Mit einem guten Gefühl machte ich mich auf den Weg zur U-Bahn. Meinen arbeitsmäßigen Schwung wollte ich gleich ausnutzen und ging in eine Apotheke, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand.
Da hatte ich leider eine vollkommene Blockade.
"Na, was darf es denn sein?" fragte mich der Apotheker.
"Mh"¦ ich möchte", ich stammelte ""¦ich will"¦ haben Sie?"
"Na?"
"Äh".
"Kondome?" fragte er mich. Ich schüttelte mit dem Kopf.
"Die Pille für die Freundin? Dann bräuchte ich aber ein Rezept".
"Nein, aber".
""˜n Mittel gegen Pilze?" fragte er schließlich.
"Nein, eine, eine"¦"
"Windel" rückte ich endlich heraus.
"Windeln befinden sich im SB-Bereich dort hinten", er zeigte mir die Richtung, "wie alt ist das Baby denn?"
"Nein, die Windel ist nicht für ein Kleinkind", gab ich zur Antwort. Endlich löste sich die Blockade und ich konnte ihm sagen, um was es ging. Er lächelte freundlich, verschwand kurz und kam mit einer riesig wirkenden Windel zurück, die schon ein wenig angestaubt aussah. "Die können Sie so haben. Wenn es nur für ein Referat sein soll, dann tut auch diese ihren Dienst, die hat mal ein Vertreter hier gelassen, der dann nie wieder gekommen ist. Darf es noch etwas sein?"
Ich erzählte ihm von den Medikamentenpackungen. Sehr begeistert war er nicht, aber schließlich verschwand er erneut und kam dann mit einer Papiertüte voller leerer Packungen zurück.
"Aber nicht mit Smarties füllen und verkaufen" gab er mir lachend mit auf den Weg.
Ich bedankte mich.
Je näher ich dem Postamt kam, desto nervöser wurde ich. Tatsächlich — der Brief, den ich abholen sollte, war von der Psychologin.
Ich hielt ihn noch nicht in den Händen, da sah ich schon: es war kein Stempel der Klinik auf dem Umschlag, sondern von einer "Gemeinschaftspraxis für angewandte Psychologie".
Der Postbeamte kontrollierte meinen Ausweis ganz genau. Dann übergab er mir den Brief und meinte: "na dann alles Jute!"
Schnellen Schrittes machte ich mich auf den Nachhauseweg. Fast hätte ich mich auf eine Bank gesetzt und sofort einen Blick in den Brief geworfen, aber dann sagte ich mir: "mach das zu Hause!" Außer Atem bog ich in die Schleiermacherstraße ein, stand schließlich vor dem Haus, ging in den Seitenflügel und fummelte schon auf der Treppe meinen Schlüssel aus der Tasche, was nicht gerade einfach war wegen der ganzen Sachen, die ich dabei hatte.
Ich war etwas zittrig, als ich die Kaffeemaschine mit Kaffee und Wasser fütterte.
Fast hätte ich den Filter vergessen.
Ein paar Tropfen gingen daneben — wie immer, wenn ich es eilig hatte.
Ich setzte mich und riss den Umschlag auf.
Im Anschreiben stand, dass keine medizinische Untersuchung durchgeführt worden wäre und dass die Ergebnisse mehr eine "grobe Einschätzung" als eine Diagnose wären.
"Ja, was denn nun?" wollte ich hinausschreien.
"Sie sind ein Sinusmensch", begann die Expertise.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Sinusmensch?
Wenn Sie Ihr "Geburtsgeschlecht" erhalten haben, dann nehmen wir mal an, das wäre der "Vollausschlag" in dem Geschlecht, das die Hebamme entdecken konnte und gleich den stolzen Eltern gemeldet hat: "ein Junge".
Nun haben Sie aber vielleicht beide Geschlechter "in sich" oder wir können KEIN EINdeutiges Geschlecht bei Ihnen feststellen.
Das bei der Geburt erst einmal festgelegte Geschlecht wird sich vermutlich, das bestärken die von Ihnen beantworteten Fragen, verändern. Es wird sich genau wie bei einer Sinuskurve zunächst abschwächen, auf einen "Nullpunkt" zugehen und sich dann "dem anderen Geschlecht" zuwenden. Die Entwicklung ist aber nicht genau vorhersehbar. Auch haben wir verschiedene Befragte, die sehr lange auf dem gedachten "Nullpunkt" verharrten und jeweils sehr spontan sich situativ mal in dem einen und mal in dem anderen Geschlecht fühlten.
Auch ist noch nicht genügend untersucht worden, wie weit auf der Zeitachse (x) gegangen werden muss, um bis zum Nullpunkt oder bis zu einem Ausschlag "nach unten" zu kommen.
Bei einigen Befragten stellten wir Zeiteinheiten von mehreren Jahrzehnten fest.
Das deckt sich mit den Untersuchungen, die zu belegen scheinen, dass viele Menschen eine Transsexualität erst in späteren Jahren entdecken und erkennen. Deshalb ist es falsch, diese Menschen zu fragen: ""¦warum hast Du früher nichts gesagt?"
Es wird zum großen Teil daran liegen, dass die Position des zugewiesenen Geburtsgeschlechtes durch Handlungen der Eltern — und später durch gesellschaftliche Normen - verfestigt wird, sodass die Bewegung auf der Zeitachse viele Jahre sehr langsam — und von den Betroffenen und seiner Umgebung fast unbemerkt verläuft. Feststehende Strukturen und Beurteilungen von Geschlecht bestärken Betroffene sehr lange darin, dass sie "das sind was die Hebamme feststellte".
Allerdings werten sie Zweifel an der eigenen Identität und am Geburtsgeschlecht oftmals selbst als "Störung die bearbeitet/beseitigt werden muss". Dieses Gefühl wird durch Eltern, Erzieher und LehrerInnen verstärkt, wenn sie veraltete Erziehungs- und Rollenbilder verinnerlicht haben. Ein Beispiel: "für einen Jungen kannst Du aber sauber schreiben", oder "Mädchen tun das nicht", "Jungen heulen nicht".
Ich quälte mich durch den relativ theoretischen Text, von dem ich nicht alles verstand.
Es schien so, als wäre ich, so wie viele andere Menschen, ein "offenes Buch" — und es würde sich mit der Zeit herausstellen, in welche Richtung ich gehen würde.
Vielleicht war auch alles nur ein Spiel gewesen, zu dem Elli den Anstoß gegeben hatte?
Für mich war trotzdem die Frage, ob es wohl noch mehr solche Leute "wie mich" gäbe und ich nahm mir vor, gezielter danach zu fragen, wenn ich auf andere Menschen treffen sollte.
Um mich abzulenken, komplettierte ich meine Arbeiten für das Referat und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. In der nächsten Woche waren erst noch einige meiner MitschülerInnen dran, die teilweise "einen guten Lenz" gehabt hatten. Besonders ruhig war es in einigen Kinderläden gewesen. In den Berichten fiel sehr häufig der Satz "Kaffee getrunken".
So kam es, dass ich mit meinem Bericht positiv herausstach aus einer Reihe von Referaten, die nur wenige Informationen enthielten. Dabei erzählte ich nur die "halbe Wahrheit" und beschränkte mich auf das rein Fachliche. Die gute Benotung freute mich.
Am Wochenende sollte wieder eine Fete in der WG in der Nähe des Stutti stattfinden. Ich nahm mir vor, schon dort mit den Fragen zu beginnen, die mich beschäftigten.
Das Klima der Gruppe hatte sich aber irgendwie verändert.
Ich sollte mich nicht so viel um meine persönlichen Fragestellungen kümmern, sondern mehr gesellschaftliches Engagement zeigen, wurde mir gesagt. Auch sollte ich mich endlich entscheiden, in die WG einzuziehen und gemeinsam an "politischen Zielen" zu arbeiten. Ich bat um eine Bedenkzeit von einer Woche; dann wollte ich mich "amtlich" entscheiden.
Einer der Anwesenden hatte eine kleine Zeitung dabei, die sich "Berliner Extradienst" nannte. Zeitung war fast übertrieben - ein relativ kleines politisches Blatt, das nicht überall käuflich zu erwerben war. Eher wurde es an Abonnenten verkauft; allerdings lag es auch in einigen Kneipen aus. Jedenfalls war es ein ziemlich "linkes" Blatt und die Artikel spornten einige in unserer Diskussionsrunde zu richtigen geistigen Höhenflügen an. Das Klima wurde rauer und schnell wurden "richtige Positionen" definiert, die zu verteidigen wären. Außerdem beurteilten die Anwesenden "Aktionen", die ich nicht einordnen konnte.
Immerhin war ich ein paar Wochen nicht in Berlin gewesen. Hatte ich mich so verändert oder hatte sich unsere lockere Gemeinschaft verändert?
Irgendwie war ich nicht in der Stimmung, in der WG zu bleiben und dort zu übernachten und fuhr zurück in meine Wohnung.
In Gedanken war ich schon halb im Bett, als ich die Treppen hinaufstieg. Als ich um die letzte Ecke bog und mir dabei etwas Schwung holte, indem ich mich am Handlauf hochzog, da sah ich, dass Elli auf der oberen Stufe kauerte. Welche Überraschung — lange her! In meinem Kopf tobten noch Marx und Engels — und die Suche nach "dem Wohle der Arbeiterklasse".
Wir hatten gerade noch "sozialistische Lieder" gesungen, aber ich war dabei ins Fettnäpfchen getreten, hatte die Liedzeile "Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil auch Du ein Arbeiter bist" in ""¦weil auch Du ein SOZIALArbeiter bist geändert, aber das kam nicht gut an: "damit macht man keinen Spaß!"
(Ich hoffe, ich habe mit meiner Interpretation weder Brecht noch Eisler, noch Busch beleidigt)
Elli schien lange gewartet zu haben und war ziemlich ermattet, machte aber einen nüchternen Eindruck, was mich beruhigte.
"Komm erst einmal rein", rief ich ihr zu.
Wir hatten uns lange nicht gesehen und aus diesem Grund viel zu erzählen.
Elli ging jedoch nicht der Reihe nach, sondern kam immer wieder darauf zurück, dass sie eine Vorladung von "Brauns Leuten" hatte.
Ich wurde überhaupt nicht schlau daraus, was sie gegen Elli in der Hand hatten, aber es schien sehr ernst zu sein. Sie sah kaum noch einen Ausweg. Auch hatte sie keine Papiere, konnte nicht einmal verschwinden und Berlin verlassen.
Mir fielen die Fotos wieder ein, die ich noch hatte. Ich versprach Elli, ihr zu helfen. "Verschiebe den Termin um zwei Tage und sage ihnen, dass Du wichtige und brisante Unterlagen mitbringen wirst", riet ich ihr, "Du kannst morgen Abend vorbeikommen, dann habe ich etwas für Dich".
Elli wirkte nur wenig erleichtert, tat aber so, als würde es ihr besser gehen. "Ok, danke, dann bis morgen!"
Sie ging.
Ich schloss hinter ihr sorgfältig ab. Unter der Küchenspüle verwahrte ich "die Fotos" in einem 1 3/4 Zoll Rohr, das ich dort so geschickt platziert hatte, dass es so aussah, als würde es dort hingehören und seinen ihm angedachten Zweck erfüllen. Das tat es schließlich auch!
Die untere Seite des Rohres war mit einem Blindstopfen versehen und oben hatte ich ein Gewinde reinschneiden lassen beim Klempner, an dessen Werkstatt ich immer vorbeikam, wenn ich zur U-Bahn ging. Er hatte mir auch einen passenden 90-Grad Bogen aus Eisen verkauft und ebenso etwas Hanf mitgegeben wie zwei Schellen, mit denen ich das Rohr an der Wand befestigen konnte. Die ganze Konstruktion konnte ich so drehen, dass der Bogen scheinbar in die Wand führte.
Schnell hatte ich die Schellen geöffnet und hielt das Rohr in der Hand. Die Fotos waren noch alle in der eingerollten Position. Damit hatte ich gerechnet.
Das Bild, das Braun mit dem einen Mädchen zeigte, zog ich aus dem Rohr heraus und legte es in eines meiner Schulbücher. Die anderen Fotos blieben in ihrem Behältnis.
Schließlich schraubte ich die Schellen wieder zu — und alles sah aus wie früher.
Das Foto war nach einer Weile schön plan geworden in dem Buch. Nun konnte ich es abfotografieren. Gut, dass ich mir einmal eine passende Halterung für die Kamera gebaut hatte, weil ich ziemlich viele Aufnahmen von Abbildungen in einem alten Buch machen musste, wobei es auf Genauigkeit ankam.
Ich machte etliche Fotos von dem Bild, jeweils mit anderer Beleuchtung und anderer Blende. Ich achtete darauf, dass ich penibel scharf stellte.
Dann spulte ich den Film zurück und entnahm ihn aus der Kamera.
Ich ärgerte mich, dass ich das Rohr schon wieder fest installiert hatte; schließlich sollte das Foto wieder hinein zu den anderen. Es half nichts, ich musste noch einmal schrauben.
Am nächsten Schultag war ich schon früh unterwegs; denn ich wollte vor dem Unterricht noch schnell in die Dunkelkammer. Die zuständige Lehrerin für das Fach "Technische Mittler" traf ich im Flur. Ich bat um Erlaubnis, schnell einen Film entwickeln zu dürfen und 2"¦3 Abzüge.
"Für ein Projekt, das mit meinem Praktikum zu tun hat", fügte ich schnell hinzu.
"Ja, ist in Ordnung, aber mach schnell, in einer Stunde kommt eine Klasse, die will auch in die Dunkelkammer!"
Die Zeit sollte reichen — und reichte auch. Ich brauchte nicht auf allergrößte Qualität zu achten; denn ich hatte ja noch das Original — und sogar die Negative beim Notar.
So sparte ich mir Zeit beim Wässern des Filmes — und auch die Abzüge machte ich "schnell"¦schnell!"
Als die Lehrerin an die Tür klopfte, packte ich gerade meine Sachen ein.
"Fertig?"
"Ja, vielen Dank!"
Wenn Sie Ihr "Geburtsgeschlecht" erhalten haben, dann nehmen wir mal an, das wäre der "Vollausschlag" in dem Geschlecht, das die Hebamme entdecken konnte und gleich den stolzen Eltern gemeldet hat: "ein Junge".
Nun haben Sie aber vielleicht beide Geschlechter "in sich" oder wir können KEIN EINdeutiges Geschlecht bei Ihnen feststellen.
Das bei der Geburt erst einmal festgelegte Geschlecht wird sich vermutlich, das bestärken die von Ihnen beantworteten Fragen, verändern. Es wird sich genau wie bei einer Sinuskurve zunächst abschwächen, auf einen "Nullpunkt" zugehen und sich dann "dem anderen Geschlecht" zuwenden. Die Entwicklung ist aber nicht genau vorhersehbar. Auch haben wir verschiedene Befragte, die sehr lange auf dem gedachten "Nullpunkt" verharrten und jeweils sehr spontan sich situativ mal in dem einen und mal in dem anderen Geschlecht fühlten.
Auch ist noch nicht genügend untersucht worden, wie weit auf der Zeitachse (x) gegangen werden muss, um bis zum Nullpunkt oder bis zu einem Ausschlag "nach unten" zu kommen.
Bei einigen Befragten stellten wir Zeiteinheiten von mehreren Jahrzehnten fest.
Das deckt sich mit den Untersuchungen, die zu belegen scheinen, dass viele Menschen eine Transsexualität erst in späteren Jahren entdecken und erkennen. Deshalb ist es falsch, diese Menschen zu fragen: ""¦warum hast Du früher nichts gesagt?"
Es wird zum großen Teil daran liegen, dass die Position des zugewiesenen Geburtsgeschlechtes durch Handlungen der Eltern — und später durch gesellschaftliche Normen - verfestigt wird, sodass die Bewegung auf der Zeitachse viele Jahre sehr langsam — und von den Betroffenen und seiner Umgebung fast unbemerkt verläuft. Feststehende Strukturen und Beurteilungen von Geschlecht bestärken Betroffene sehr lange darin, dass sie "das sind was die Hebamme feststellte".
Allerdings werten sie Zweifel an der eigenen Identität und am Geburtsgeschlecht oftmals selbst als "Störung die bearbeitet/beseitigt werden muss". Dieses Gefühl wird durch Eltern, Erzieher und LehrerInnen verstärkt, wenn sie veraltete Erziehungs- und Rollenbilder verinnerlicht haben. Ein Beispiel: "für einen Jungen kannst Du aber sauber schreiben", oder "Mädchen tun das nicht", "Jungen heulen nicht".
Ich quälte mich durch den relativ theoretischen Text, von dem ich nicht alles verstand.
Es schien so, als wäre ich, so wie viele andere Menschen, ein "offenes Buch" — und es würde sich mit der Zeit herausstellen, in welche Richtung ich gehen würde.
Vielleicht war auch alles nur ein Spiel gewesen, zu dem Elli den Anstoß gegeben hatte?
Für mich war trotzdem die Frage, ob es wohl noch mehr solche Leute "wie mich" gäbe und ich nahm mir vor, gezielter danach zu fragen, wenn ich auf andere Menschen treffen sollte.
Um mich abzulenken, komplettierte ich meine Arbeiten für das Referat und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. In der nächsten Woche waren erst noch einige meiner MitschülerInnen dran, die teilweise "einen guten Lenz" gehabt hatten. Besonders ruhig war es in einigen Kinderläden gewesen. In den Berichten fiel sehr häufig der Satz "Kaffee getrunken".
So kam es, dass ich mit meinem Bericht positiv herausstach aus einer Reihe von Referaten, die nur wenige Informationen enthielten. Dabei erzählte ich nur die "halbe Wahrheit" und beschränkte mich auf das rein Fachliche. Die gute Benotung freute mich.
Am Wochenende sollte wieder eine Fete in der WG in der Nähe des Stutti stattfinden. Ich nahm mir vor, schon dort mit den Fragen zu beginnen, die mich beschäftigten.
Das Klima der Gruppe hatte sich aber irgendwie verändert.
Ich sollte mich nicht so viel um meine persönlichen Fragestellungen kümmern, sondern mehr gesellschaftliches Engagement zeigen, wurde mir gesagt. Auch sollte ich mich endlich entscheiden, in die WG einzuziehen und gemeinsam an "politischen Zielen" zu arbeiten. Ich bat um eine Bedenkzeit von einer Woche; dann wollte ich mich "amtlich" entscheiden.
Einer der Anwesenden hatte eine kleine Zeitung dabei, die sich "Berliner Extradienst" nannte. Zeitung war fast übertrieben - ein relativ kleines politisches Blatt, das nicht überall käuflich zu erwerben war. Eher wurde es an Abonnenten verkauft; allerdings lag es auch in einigen Kneipen aus. Jedenfalls war es ein ziemlich "linkes" Blatt und die Artikel spornten einige in unserer Diskussionsrunde zu richtigen geistigen Höhenflügen an. Das Klima wurde rauer und schnell wurden "richtige Positionen" definiert, die zu verteidigen wären. Außerdem beurteilten die Anwesenden "Aktionen", die ich nicht einordnen konnte.
Immerhin war ich ein paar Wochen nicht in Berlin gewesen. Hatte ich mich so verändert oder hatte sich unsere lockere Gemeinschaft verändert?
Irgendwie war ich nicht in der Stimmung, in der WG zu bleiben und dort zu übernachten und fuhr zurück in meine Wohnung.
In Gedanken war ich schon halb im Bett, als ich die Treppen hinaufstieg. Als ich um die letzte Ecke bog und mir dabei etwas Schwung holte, indem ich mich am Handlauf hochzog, da sah ich, dass Elli auf der oberen Stufe kauerte. Welche Überraschung — lange her! In meinem Kopf tobten noch Marx und Engels — und die Suche nach "dem Wohle der Arbeiterklasse".
Wir hatten gerade noch "sozialistische Lieder" gesungen, aber ich war dabei ins Fettnäpfchen getreten, hatte die Liedzeile "Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil auch Du ein Arbeiter bist" in ""¦weil auch Du ein SOZIALArbeiter bist geändert, aber das kam nicht gut an: "damit macht man keinen Spaß!"
(Ich hoffe, ich habe mit meiner Interpretation weder Brecht noch Eisler, noch Busch beleidigt)
Elli schien lange gewartet zu haben und war ziemlich ermattet, machte aber einen nüchternen Eindruck, was mich beruhigte.
"Komm erst einmal rein", rief ich ihr zu.
Wir hatten uns lange nicht gesehen und aus diesem Grund viel zu erzählen.
Elli ging jedoch nicht der Reihe nach, sondern kam immer wieder darauf zurück, dass sie eine Vorladung von "Brauns Leuten" hatte.
Ich wurde überhaupt nicht schlau daraus, was sie gegen Elli in der Hand hatten, aber es schien sehr ernst zu sein. Sie sah kaum noch einen Ausweg. Auch hatte sie keine Papiere, konnte nicht einmal verschwinden und Berlin verlassen.
Mir fielen die Fotos wieder ein, die ich noch hatte. Ich versprach Elli, ihr zu helfen. "Verschiebe den Termin um zwei Tage und sage ihnen, dass Du wichtige und brisante Unterlagen mitbringen wirst", riet ich ihr, "Du kannst morgen Abend vorbeikommen, dann habe ich etwas für Dich".
Elli wirkte nur wenig erleichtert, tat aber so, als würde es ihr besser gehen. "Ok, danke, dann bis morgen!"
Sie ging.
Ich schloss hinter ihr sorgfältig ab. Unter der Küchenspüle verwahrte ich "die Fotos" in einem 1 3/4 Zoll Rohr, das ich dort so geschickt platziert hatte, dass es so aussah, als würde es dort hingehören und seinen ihm angedachten Zweck erfüllen. Das tat es schließlich auch!
Die untere Seite des Rohres war mit einem Blindstopfen versehen und oben hatte ich ein Gewinde reinschneiden lassen beim Klempner, an dessen Werkstatt ich immer vorbeikam, wenn ich zur U-Bahn ging. Er hatte mir auch einen passenden 90-Grad Bogen aus Eisen verkauft und ebenso etwas Hanf mitgegeben wie zwei Schellen, mit denen ich das Rohr an der Wand befestigen konnte. Die ganze Konstruktion konnte ich so drehen, dass der Bogen scheinbar in die Wand führte.
Schnell hatte ich die Schellen geöffnet und hielt das Rohr in der Hand. Die Fotos waren noch alle in der eingerollten Position. Damit hatte ich gerechnet.
Das Bild, das Braun mit dem einen Mädchen zeigte, zog ich aus dem Rohr heraus und legte es in eines meiner Schulbücher. Die anderen Fotos blieben in ihrem Behältnis.
Schließlich schraubte ich die Schellen wieder zu — und alles sah aus wie früher.
Das Foto war nach einer Weile schön plan geworden in dem Buch. Nun konnte ich es abfotografieren. Gut, dass ich mir einmal eine passende Halterung für die Kamera gebaut hatte, weil ich ziemlich viele Aufnahmen von Abbildungen in einem alten Buch machen musste, wobei es auf Genauigkeit ankam.
Ich machte etliche Fotos von dem Bild, jeweils mit anderer Beleuchtung und anderer Blende. Ich achtete darauf, dass ich penibel scharf stellte.
Dann spulte ich den Film zurück und entnahm ihn aus der Kamera.
Ich ärgerte mich, dass ich das Rohr schon wieder fest installiert hatte; schließlich sollte das Foto wieder hinein zu den anderen. Es half nichts, ich musste noch einmal schrauben.
Am nächsten Schultag war ich schon früh unterwegs; denn ich wollte vor dem Unterricht noch schnell in die Dunkelkammer. Die zuständige Lehrerin für das Fach "Technische Mittler" traf ich im Flur. Ich bat um Erlaubnis, schnell einen Film entwickeln zu dürfen und 2"¦3 Abzüge.
"Für ein Projekt, das mit meinem Praktikum zu tun hat", fügte ich schnell hinzu.
"Ja, ist in Ordnung, aber mach schnell, in einer Stunde kommt eine Klasse, die will auch in die Dunkelkammer!"
Die Zeit sollte reichen — und reichte auch. Ich brauchte nicht auf allergrößte Qualität zu achten; denn ich hatte ja noch das Original — und sogar die Negative beim Notar.
So sparte ich mir Zeit beim Wässern des Filmes — und auch die Abzüge machte ich "schnell"¦schnell!"
Als die Lehrerin an die Tür klopfte, packte ich gerade meine Sachen ein.
"Fertig?"
"Ja, vielen Dank!"
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Die Leute aus der Wohngemeinschaft hatten mir einige Berliner-Extradienst-Exemplare mitgegeben und mich aufgefordert, darin zu lesen, "damit wir den gleichen Informationshintergrund haben", wie mir gesagt wurde.
Mehr lustlos blätterte ich in einer Unterrichtspause in den Ausgaben. Seit meiner letzten Beschäftigung mit dem Blatt hatte sich am Jargon der dort Schreibenden nicht viel geändert.
Ein Mitarbeiter eines Stadtteilzentrums hatte die Hefte früher immer auf den Tisch des Mitarbeiterzimmers gelegt mit der Aufforderung, sich zu "bilden".
Er war es auch, der mir einen gehörigen Schrecken einjagte, als wir Ende Februar 1975 bei einem Kaffee zusammensaßen.
"Hast Du etwas mit der Entführung zu tun?" hatte er mich allen Ernstes gefragt. Das Zeichen höchsten Erstaunens werden mir auf der Stirn gestanden haben; denn ich hatte von keiner Entführung gehört. Bei diesem Kollegen wusste ich immer nicht so richtig, was ich von ihm und seinen Äußerungen halten sollte; gleichwohl unterhielt ich mich manchmal mit ihm, meistens über dienstliche Belange.
"Das kannst Du mir nicht erzählen", meinte er, "dass Du davon nichts mitbekommen hast, Du wohnst doch gerade in Zehlendorf!"
Das stimmte, zu dem Zeitpunkt hatte ich dort vorübergehend ein kleines Zimmer, um in der Nähe meiner Vorpraktikantenstelle zu wohnen.
"Vom Salemer Steig, wo Dein Zimmer ist bis zum Elvirasteig, wo die Entführung stattgefunden hat, ist es doch nur umme Ecke", bohrte er nach, "Du MUSST etwas mitbekommen haben!"
Nein, das hatte ich tatsächlich nicht. Ich war ja auch mit dem Bus nach Zehlendorf Mitte gefahren; da lag der Ort der Entführung nicht gerade auf dem Weg.
Ich hatte mich zwar über eine noch höhere Polizeipräsenz als sonst gewundert, aber da ich noch nicht Radio gehört hatte, wusste ich tatsächlich nichts davon, dass CDU-Chef Peter Lorenz entführt worden war.
Die Stadt "atmete" anders bei solchen Ereignissen; das war so deutlich wie eine Angespanntheit zu spüren. Alle schienen auf etwas zu warten:
auf die Katastrophe oder "ein gutes Ende".
Außerdem trafen Neugierde, Hass auf die Entführer, Mitleid mit dem Entführten, aber auch deutliche Schadenfreude aufeinander. Das konnte man aus den Äußerungen der Menschen heraushören, als die Entführung später Stadtgespräch wurde. Einige Verschwörungstheoretiker sprachen sogar von einer "fingierten Entführung", um handfeste Begründungen für ein noch schärferes Einschreiten ("¦ mehr Sicherheit schaffen) gegen Linke zu haben, die zu der Zeit fast alle "in der Ecke des Terrorismus" gesehen wurden.
Einige vermuteten sogar, es wäre ein "Wahlkampftrick" der CDU und die Partei hätte die Entführung "bestellt".
Am 2. März 1975 trug die CDU tatsächlich den Wahlsieg bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus davon. Zu dem Zeitpunkt war Lorenz noch in den Händen seiner Entführer. Sie sollen ihm sogar gratuliert haben. Den CDU-Chef, der einen scharfen Wahlkampf führte und nicht müde wurde von "Mit Tatkraft mehr Sicherheit schaffen" zu sprechen, wurde vom "2. Juni" angesichts der schwächelnden SPD als möglicher kommender Regierender Bürgermeister gesehen.
Die Entführer stellten Forderungen: sechs RAF-Mitglieder sollten aus dem Gefängnis freigelassen und in den Jemen ausgeflogen werden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um die "Führungsriege" der Organisation, die auch in Haft war. An der Entschlossenheit der Entführer, der "Bewegung 2. Juni" gab es für den langjährigen Polizeipräsidenten Hübner in den Tagen "des großen Krisenstabes" keinen Zweifel.
Es boten sich verschiedene Vermittler an, aber schließlich war es Pfarrer Heinrich Albertz, den die Entführer als Begleiter für die Freigepressten forderten und der mit ihnen in der Maschine der Lufthansa in den Jemen saß.
In der linken Szene wurden die Entführer nach dem unblutigen Ende der Aktion fast wie Helden gefeiert.
Ich legte die Hefte beiseite, genug erst einmal damit. Schließlich sollten wir gleich "Gesundheitslehre" haben, ein ganz anderes Thema.
In den folgenden Stunden schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Schließlich ging es doch darum, mein Versprechen einzulösen und Elli zu helfen.
Mehr lustlos blätterte ich in einer Unterrichtspause in den Ausgaben. Seit meiner letzten Beschäftigung mit dem Blatt hatte sich am Jargon der dort Schreibenden nicht viel geändert.
Ein Mitarbeiter eines Stadtteilzentrums hatte die Hefte früher immer auf den Tisch des Mitarbeiterzimmers gelegt mit der Aufforderung, sich zu "bilden".
Er war es auch, der mir einen gehörigen Schrecken einjagte, als wir Ende Februar 1975 bei einem Kaffee zusammensaßen.
"Hast Du etwas mit der Entführung zu tun?" hatte er mich allen Ernstes gefragt. Das Zeichen höchsten Erstaunens werden mir auf der Stirn gestanden haben; denn ich hatte von keiner Entführung gehört. Bei diesem Kollegen wusste ich immer nicht so richtig, was ich von ihm und seinen Äußerungen halten sollte; gleichwohl unterhielt ich mich manchmal mit ihm, meistens über dienstliche Belange.
"Das kannst Du mir nicht erzählen", meinte er, "dass Du davon nichts mitbekommen hast, Du wohnst doch gerade in Zehlendorf!"
Das stimmte, zu dem Zeitpunkt hatte ich dort vorübergehend ein kleines Zimmer, um in der Nähe meiner Vorpraktikantenstelle zu wohnen.
"Vom Salemer Steig, wo Dein Zimmer ist bis zum Elvirasteig, wo die Entführung stattgefunden hat, ist es doch nur umme Ecke", bohrte er nach, "Du MUSST etwas mitbekommen haben!"
Nein, das hatte ich tatsächlich nicht. Ich war ja auch mit dem Bus nach Zehlendorf Mitte gefahren; da lag der Ort der Entführung nicht gerade auf dem Weg.
Ich hatte mich zwar über eine noch höhere Polizeipräsenz als sonst gewundert, aber da ich noch nicht Radio gehört hatte, wusste ich tatsächlich nichts davon, dass CDU-Chef Peter Lorenz entführt worden war.
Die Stadt "atmete" anders bei solchen Ereignissen; das war so deutlich wie eine Angespanntheit zu spüren. Alle schienen auf etwas zu warten:
auf die Katastrophe oder "ein gutes Ende".
Außerdem trafen Neugierde, Hass auf die Entführer, Mitleid mit dem Entführten, aber auch deutliche Schadenfreude aufeinander. Das konnte man aus den Äußerungen der Menschen heraushören, als die Entführung später Stadtgespräch wurde. Einige Verschwörungstheoretiker sprachen sogar von einer "fingierten Entführung", um handfeste Begründungen für ein noch schärferes Einschreiten ("¦ mehr Sicherheit schaffen) gegen Linke zu haben, die zu der Zeit fast alle "in der Ecke des Terrorismus" gesehen wurden.
Einige vermuteten sogar, es wäre ein "Wahlkampftrick" der CDU und die Partei hätte die Entführung "bestellt".
Am 2. März 1975 trug die CDU tatsächlich den Wahlsieg bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus davon. Zu dem Zeitpunkt war Lorenz noch in den Händen seiner Entführer. Sie sollen ihm sogar gratuliert haben. Den CDU-Chef, der einen scharfen Wahlkampf führte und nicht müde wurde von "Mit Tatkraft mehr Sicherheit schaffen" zu sprechen, wurde vom "2. Juni" angesichts der schwächelnden SPD als möglicher kommender Regierender Bürgermeister gesehen.
Die Entführer stellten Forderungen: sechs RAF-Mitglieder sollten aus dem Gefängnis freigelassen und in den Jemen ausgeflogen werden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um die "Führungsriege" der Organisation, die auch in Haft war. An der Entschlossenheit der Entführer, der "Bewegung 2. Juni" gab es für den langjährigen Polizeipräsidenten Hübner in den Tagen "des großen Krisenstabes" keinen Zweifel.
Es boten sich verschiedene Vermittler an, aber schließlich war es Pfarrer Heinrich Albertz, den die Entführer als Begleiter für die Freigepressten forderten und der mit ihnen in der Maschine der Lufthansa in den Jemen saß.
In der linken Szene wurden die Entführer nach dem unblutigen Ende der Aktion fast wie Helden gefeiert.
Ich legte die Hefte beiseite, genug erst einmal damit. Schließlich sollten wir gleich "Gesundheitslehre" haben, ein ganz anderes Thema.
In den folgenden Stunden schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Schließlich ging es doch darum, mein Versprechen einzulösen und Elli zu helfen.
-
Bianca D.
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 3048
- Registriert: Fr 1. Mai 2009, 18:02
- Geschlecht: weibl.
- Pronomen:
- Wohnort (Name): Schacht Audorf
- Hat sich bedankt: 6 Mal
- Danksagung erhalten: 8 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Moin Anne-Mette,Anne-Mette hat geschrieben:Sinusmensch?
gibt es diesen Begriff mit der Definition so wirklich,oder hast du das jetzt für deinen Roman so konstruiert?
Weiter so,macht echt Spaß die Story und vertreibt mir hier gekonnt die Zeit, bis ich wieder gesund bin.
LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Moin,
Die Psychologin hatte wohl vor ihrem Studium eine technische Ausbildung absolviert und benutzte sicherlich aus diesem Grunde neben "ganz viel Fachchinesisch" Anleihen aus der Technik.
Mach's besser
Herzliche Grüße
Anne-Mette
Dann wünsche ich Dir gute Besserungvertreibt mir hier gekonnt die Zeit, bis ich wieder gesund bin.
Die Psychologin hatte wohl vor ihrem Studium eine technische Ausbildung absolviert und benutzte sicherlich aus diesem Grunde neben "ganz viel Fachchinesisch" Anleihen aus der Technik.
Mach's besser
Herzliche Grüße
Anne-Mette
-
Anni
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 816
- Registriert: Mo 20. Jul 2009, 20:09
- Pronomen:
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 0
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Hallo Anne-Mette
... nu , da sind ja Erkenntnisse in Deiner Geschichte zu erlangen ... da muß man erst mal drauf kommen
Es heißt ja nicht umsonst : Lesen bildet !
LG von frecher Anni
... nu , da sind ja Erkenntnisse in Deiner Geschichte zu erlangen ... da muß man erst mal drauf kommen
Es heißt ja nicht umsonst : Lesen bildet !
LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Geschichte: ELLI
Hilfe für Elli - das war nicht ganz so einfach wie ich es mir vorstellte, hatte sie sich doch bisher recht bedeckt gehalten, wenn ich sie um weitere Informationen bat.
Sie druckste meistens herum, aber ich hatte den Eindruck, sie wäre irgendwie zwischen zwei Gruppen geraten, hatte sich "zwischen die Stühle gesetzt", wie man sagt. In diese missliche Lage hatte sie sich mehr durch Zufall hineinmanövriert, wie sie andeutete.
In einem Neuköllner Ladenbüro "Kredit für alle Fälle" hatte sie Geld geliehen, weil sie es "für Casablanca" brauchte. Sie hatte sich die Kreditbedingungen aber nicht richtig durchgelesen und die drei Formulare fast unbesehen unterschrieben, weil sie froh darüber war, dass ihr überhaupt jemand Kredit gab.
Die monatlichen Raten stiegen von sehr günstigen Anfangsraten in ziemliche Höhen. Erst als sie einige Zahlungen nicht leisten konnte, wurde ihr bewusst, dass sie einem Wucherer aufgesessen war. Der setzte sie recht bald unter Druck und sie sollte die Schulden "abarbeiten".
Zunächst war es "Pillepalle", wie sie es nannte. Sie reiste in die DDR in verschiedene Städte und traf sich mit Mittelsmännern (es waren tatsächlich nur selten Frauen dabei) und erhielt immer wieder Orden und Dokumente aus der NS-Zeit. Die hatte sie in den Westen zu schmuggeln und bei wechselnden Abnehmern abzugeben. Sie erwarb sich eine gewisse Geschicklichkeit, sodass sie selbst bei den strengen Grenzkontrollen nie aufflog. Später erfuhr sie dann, dass sie unter Beobachtung und wohl auch unter einem gewissen Schutz stand und deshalb nie von den DDR Grenzern "gefilzt wurde".
Erst dachte sie, ihre Auftraggeber wären aus dem Westen und es ginge um den Verkauf der Sachen.
Manchmal zweigte sie ein paar Kleinigkeiten von dem Schmuggelgut ab und verkaufte es auf eigene Rechnung an Interessierte. Aber da sie sich nicht damit auskannte, verkaufte sie vieles "unter Wert" und sicherlich auch einmal "Falsches" oder an "falsche Leute".
Da wechselte schon mal ein Flottenkriegsabzeichen für wenig Geld den Besitzer.
Trotz ihrer Mühe, die Schulden abzuarbeiten, waren diese weiterhin gestiegen und betrugen nach einem Jahr mehr als das Doppelte der ursprünglichen Kreditsumme.
Da sagte man ihr im Kreditbüro, nun müsse sie mal "langsam Leistung zeigen". Sie sollte in Hamburg Kontakte aufbauen und "Informationen besorgen", dann gäbe es eine Chance, den Kredit langsam zurückzuführen.
Es wäre falsch, hier vorzugreifen; denn Elli rückte immer nur stückweise mit den Informationen heraus. Auch wenn ich wusste, dass sie mir nur einen Teil erzählt hatte und auch weiterhin nur das erzählen würde, was ihr nutzte, wollte ich ihr helfen; denn auch ich hatte mit den "Leuten um Braun" unangenehme Erfahrungen gemacht. Ein gemeinsamer "Feind" - aber bedeutete das schon unsere FREUNDSCHAFT?
Weil ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie genau es Elli mit der Wahrheit nahm, entschied ich mich, vorsichtig zu sein und hielt ich mich nun meinerseits mit konkreten Informationen zurück. Ich erzählte ihr nichts von den Negativen und auch nicht vom Tonband, ganz zu schweigen von den Orten, an denen ich diese Sachen aufbewahrte.
Wir trafen uns spätabends in der Ruine am Winterfeldtplatz, genau der Richtige Ort für "konspirative Treffen". Elli hatte schon ziemlich viel getrunken, stützte sich auf einen Tisch - ein halbvolles Schultheiss vor sich. Ihre Strumpfhose war kaputt — und sie gab sich keine Mühe, das zu verbergen. Ihr Pullover war schmuddelig (höflich ausgedrückt), aber sie hatte eine Zigarette im Mund und neben ihrem Bierglas lagen eine Packung Dunhill und ein goldenes Feuerzeug. "Eine Frau der Kontraste", dachte ich gerade; da kam ein Mann an den Tisch und steckte sich beides ein. Wortlos ging er.
Elli schien sich zu freuen, als sie mich sah.
Ich zeigte ihr das Foto. Obwohl die Qualität durch das Umkopieren gelitten hatte, erkannte sie gleich Braun, konnte aber keine Verbindung zu der jungen Frau herstellen, die mit ihm Sex hatte.
"Und nun?" fragte sie mich.
"Jürgen, hast Du eine Schere?" fragte ich den Wirt, der allerdings nur verständnislos den Kopf schüttelte. "Bier und Korn kannst Du haben und "¦, aber keine Schere!"
Na gut, dann musste ich es mit meinen zarten Fingern versuchen: ich riss das Foto ungefähr in der Mitte durch, und zwar so, dass Braun noch gut zu sehen war, während die Anwesenheit der Frau nur vermutet werden konnte, wenn man wusste, wie das Original aussah.
Ich gab Elli das Foto, die mich ungläubig ansah und fragte: "was soll ich damit?"
"Das gibst Du morgen Braun, aber nur ihm persönlich! Sage ihm, den Rest des Fotos haben wir auch noch — und er soll Dich in Ruhe lassen, sonst"¦
"¦ sonst schicken wir es an die BILD". Mir fiel gerade keine andere Adresse ein, die Interesse an dem Foto — oder sogar an dem Original haben könnte.
"Wenn Du meinst?!" antwortete Elli matt, "dann lass uns gehen".
Ich bezahlte und wir machten uns gleich auf den Heimweg.
Am nächsten Nachmittag sah ich Elli schon wieder. Sie wartete nach Unterrichtsschluss an der Schule auf mich und sah nicht gut aus.
"Du sollst mitkommen zu Braun", mit diesen Worten empfing sie mich, "mit mir allein will er nicht verhandeln!"
Treffpunkt war in einem Büro in einem großen Gebäude am Kleistpark. Ich wunderte mich; denn es gehört "eigentlich" zu den Verkehrsbetrieben. Im Erdgeschoss - hatte ich damals meinen Antrag auf Ausstellung einer Studenten-Monatskarte abgegeben, die auch uns Fachschülern zugebilligt wurde, wenn wir eine Bescheinigung der Schule beibrachten.
Wir mussten einige Treppen hinaufsteigen und warteten schließlich vor einer Bürotür mit einer wenig aussagekräftigen Bezeichnung. "Zimmer 403" stand lediglich auf dem grauen Türschild.
Elli klopfte; es war fast wie im Film; denn ihre Klopfzeichen erfolgten in einem bestimmten Rhythmus.
Die Tür wurde von innen aufgeschlossen — und Braun erschien. Er blickte vorsichtig in den Flur und war zufrieden, dass niemand zu sehen war — nur wir.
"Kommt rein", als wir eingetreten waren, schloss er wieder ab.
Der Raum war nicht besonders groß — und nichts deutete darauf hin, dass er für betriebsfremde Zwecke benutzt wurde. Im Gegenteil: im Regal entdeckte ich allerlei Material, das sicherlich für die Öffentlichkeitsarbeit gedacht war: Luftballons, Mützen, Faltprospekte und kleine Spielsachen.
"Das Büro ist nur geborgt". Er schien meine Gedanken erraten zu haben.
"Übrigens: netter Erpressungsversuch". Ich schaute ihn fragend an.
"Ich hätte nicht gedacht, dass auf eurer Schule auch Krimis zum Unterrichtsmaterial gehören!"
Er ließ wirklich seinen ganzen Charme spielen.
"Das wird nix", rückte er gleich mit seiner Ablehnung heraus, "selbst wenn man mich hier abzieht wegen der verlorenen oder besser gesagt gestohlenen Fotos, dann ist Mandy immer noch nicht raus aus der Nummer".
"Mandy?"
"Ja, Deckname Mandy" flüsterte Elli.
Die Sache wurde immer verworrener.
Es stellte sich heraus, dass man Elli auf die Schliche gekommen war, weil sie in Hamburg "ziemlich unbeholfen vorgegangen war", wie Braun kurz andeutete. Weder er noch Elli gönnten mir Details.
Ellis "geheimste Missionen" waren von den Leuten, die sie eigentlich auskundschaften sollte, gut geplant — und man stellte Elli immer gerade so viel Material für ihre Auftraggeber zur Verfügung, dass diese nicht misstrauisch wurden.
Nun hatte man allerdings ein großes Interesse daran, Ellis "Ostbesuche" für sich zu nutzen und erpresste sie mit ihrer Tätigkeit. "Das ist kein Kavaliersdelikt" hatte man ihr recht deutlich gesagt, "es sind auch schon Leute für lange Zeit im Bau gelandet, die nicht mit uns kooperierten".
Ich verstand Ellis Zwickmühle. Vertrauen konnte sie kaum einem Menschen. Im "Osten" geschnappt zu werden wäre sicherlich auch schrecklich — und ganz die Seite wechseln und dort leben kam für Elli nicht in Frage.
Braun spielte einen Trumpf aus: "ihr habt nichts davon, wenn ihr mich hochgehen lasst, eher im Gegenteil". Dann guckte er mich an: "vielleicht ergibt sich auch für Dich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit uns; denn uns ist zu Ohren gekommen, dass Du in der Hausbesetzerszene und in linken Kreisen verkehrst. Da hätte ich einige Ideen.
In die Tarantel gehst Du doch wohl auch nicht nur wegen der Musik?"
Diese Frage wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht zu deuten.
"Auf alle Fälle muss der Druck von Elli genommen werden", fiel mir ein und ich redete eindringlich auf Braun ein: ""¦die bricht sonst zusammen!"
"Aha, der kommt die sozialpädagogische Ader durch", meinte er dazu, "Mandy ist aber erwachsen und hätte sich selbst überlegen können, was sie will und was sie muss. Ich kann allerdings ein wenig Druck von ihr nehmen, wenn Du für sie einspringst!"
Bei mir schrillten sämtliche Alarmglocken, aber ich lehnte nur halbherzig ab.
Er wollte mir eine Zusammenarbeit möglichst gut "verkaufen" und sprach von finanziellen Anreizen, Elli wäre geholfen, und ich könnte dem Staat dienen, "nur Vorteile — für beide Seiten!" Er redete sich fast in einen Rausch und erinnerte mich an einen Versicherungsvertreter, der "Lebensverträge" schreiben sollte, um die "vereinbarten" Jahresziele zu schaffen.
Ich lehnte deutlicher ab und teilte ihm mit, ich würde nicht meine Freunde auszuspionieren. "Wo wir gerade bei Freunden sind", meinte er, "Sei nicht so naiv und denke, dass alle Deine Freunde auch wirkliche Freunde sind."
Das saß!
Mir fiel das "im Blick haben" wieder ein — und andererseits "uns ist zu Ohren gekommen".
Braun guckte auf die Uhr.
"Ihr hört von mir", dann forderte er uns auf, den Raum zu verlassen. Als wir am Ende des Flures waren, verließ auch er das Büro, folgte uns aber nicht.
Elli machten einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Das konnte ich verstehen; schließlich war die Besprechung nicht gerade erfolgreich verlaufen.
Aber hatten wir Braun vielleicht doch zum Nachdenken gebracht?
Wir fuhren in die Molle und tranken Bier, kamen aber zu keinen weiteren Erkenntnissen.
Mit einem starken Gefühl der Unzufriedenheit fuhr ich zurück in die Wohnung. Elli wollte Sachen packen und für ein paar Tage nach Dänemark fahren. Sie hoffte, dass sie an der Grenze keine Probleme bekommen würde.
Als ich in meiner Wohnung vor dem kleinen Schwarzweißfernseher saß, den ich mal bei Quelle bestellt hatte und der mir immer noch gute Dienste leistete, fiel mir das "zu Ohren gekommen" wieder ein. Ich ging die Reihe meiner MitschülerInnen durch. Bei einigen schloss ich es aus, aber bei einigen hielt ich es auch für möglich, dass sie "die Ohren offenhielten" gegen Geld oder andere Ware. Es konnte natürlich auch sein, dass sie genau wie Elli auf jemanden hereingefallen waren, der sie nun erpresste. "Manchmal sind es die, von denen man es am wenigsten vermutet", fiel mir ein und ich dachte an die WG in Charlottenburg. Oder sollte vielleicht einer der Dozenten beteiligt sein?
Ich dachte nach. Es kam mir im Nachhinein schon ein wenig merkwürdig vor, dass mein Klassenlehrer mir den Praktikumsplatz in der Klinik vermittelte, mich sogar hinfuhr und dass es dann dort zu dem Zwischenfall mit den beiden Mädchen gekommen war.
"Zu Ohren", ich analysierte den Begriff weiter — ganz nüchtern. "Direkte Rede muss es nicht sein", dachte ich, "zu Ohren kommt mir auch der Ton aus dem Fernseher — und aus dem Radio."
Das war das Stichwort!
Ich legte die zweite Platte meines Ten Years After Albums "RECORDED LIVE" auf. Meine Nachbarn waren schon gewöhnt, dass es besonders bei "Going Home" manchmal relativ laut wurde. Die Platte hörte ich immer noch sehr gern, obwohl ich sie schon bestimmt zwei Jahre hatte.
9 Minuten 30 hatte ich Zeit — dann kam ja auch noch der Beifall und die Zugabe "Choo Choo Mama".
Ich drehte auf etwas mehr als Zimmerlautstärke, dann ging ich ins Bad und schloss die Tür. Die Musik war nur noch gedämpft zu hören. Ich setzte mich auf den WC-Deckel und hatte meinen Empfänger, den ich auf der Insel gekauft hatte, auf dem Schoß.
Es war ein Ohrhörer dabeigewesen, den ich schon wegwerfen wollte, weil er einen schlechten Klang hatte und weil ich das Gefühl überhaupt nicht mochte, so ein Teil im Ohr zu haben.
Nun war ich froh, dass ich ihn noch hatte. Als ich den Stecker in die Buchse des Empfängers steckte, wurde der Lautsprecher ausgeschaltet. "Klinkenbuchse mit Schaltkontakt" heißt so etwas, hatte mir ein Verkäufer gesagt, als ich in einem Elektronikladen einmal so ein Ersatzteil für den Cassettenrecorder meiner Schwester kaufte.
Ich schaltete das Gerät ein. RIAS II — ich drehte am geriffelten Knopf für die Frequenz. Erst einmal wollte ich es auf UKW versuchen — und mir dann die anderen Wellenbereiche vornehmen.
Ich musste nicht lange suchen — da schnarrte es auch aus meinem kleinen Ohrhörer, etwas unterhalb der Frequenz, wo ich vor ein paar Tagen einem Feuerwehreinsatz als Zuhörer verfolgt hatte: "Going Home!"
"Die" mussten in meiner Wohnung eine Wanze versteckt haben. Erst wollte ich sie suchen und kaputtmachen; auch überlegte ich, recht deutliche und böse Worte zu rufen, um die Leute zu beeindrucken, aber mir fiel dann doch ein, den Schaden, den ich hatte, in einen Nutzen umzuwandeln — und dabei half mir AFN — THE GREAT 88".
Sie werden nie in Erfahrung gebracht haben, dass sie mir damals sehr geholfen haben, aber ich werde nie vergessen: "THE HOUR". Samstagabend liefen "Album-Stücke", die sonst wenig gespielt wurden, z.B "MONTANA von Frank Zappa. Sie spielten aber nicht direkt von Platten, sondern von sicherlich von Bändern, denn manche Platte "knackte" immer an derselben Stelle.
Es war relativ normal — und selbst die Moderatoren sprachen von ""¦ with scratch in the middle".
Ich glaube, es war Moderator und Air Force Sergeant Rik De Lisle, der seine Ansage um diese Worte ergänzte. Ich müsste mal schauen, ob ich die Cassette noch habe.
Aber AFN half mir nicht mit "THE HOUR", obwohl ich vieles aufgenommen habe, sondern mit dem Programm "danach". Da liefen die Stücke in immer wieder der gleichen Reihenfolge und ich vermutete, sie hätten riesige Bänder, die immer mal wieder getauscht wurden.
Nachtrag: es ist doch erstaunlich, wenn manfrau auf "Bruchstücke aus der Vergangenheit" trifft (hier ein Ausschnitte eines Briefes an die liebe Familie)
Sie druckste meistens herum, aber ich hatte den Eindruck, sie wäre irgendwie zwischen zwei Gruppen geraten, hatte sich "zwischen die Stühle gesetzt", wie man sagt. In diese missliche Lage hatte sie sich mehr durch Zufall hineinmanövriert, wie sie andeutete.
In einem Neuköllner Ladenbüro "Kredit für alle Fälle" hatte sie Geld geliehen, weil sie es "für Casablanca" brauchte. Sie hatte sich die Kreditbedingungen aber nicht richtig durchgelesen und die drei Formulare fast unbesehen unterschrieben, weil sie froh darüber war, dass ihr überhaupt jemand Kredit gab.
Die monatlichen Raten stiegen von sehr günstigen Anfangsraten in ziemliche Höhen. Erst als sie einige Zahlungen nicht leisten konnte, wurde ihr bewusst, dass sie einem Wucherer aufgesessen war. Der setzte sie recht bald unter Druck und sie sollte die Schulden "abarbeiten".
Zunächst war es "Pillepalle", wie sie es nannte. Sie reiste in die DDR in verschiedene Städte und traf sich mit Mittelsmännern (es waren tatsächlich nur selten Frauen dabei) und erhielt immer wieder Orden und Dokumente aus der NS-Zeit. Die hatte sie in den Westen zu schmuggeln und bei wechselnden Abnehmern abzugeben. Sie erwarb sich eine gewisse Geschicklichkeit, sodass sie selbst bei den strengen Grenzkontrollen nie aufflog. Später erfuhr sie dann, dass sie unter Beobachtung und wohl auch unter einem gewissen Schutz stand und deshalb nie von den DDR Grenzern "gefilzt wurde".
Erst dachte sie, ihre Auftraggeber wären aus dem Westen und es ginge um den Verkauf der Sachen.
Manchmal zweigte sie ein paar Kleinigkeiten von dem Schmuggelgut ab und verkaufte es auf eigene Rechnung an Interessierte. Aber da sie sich nicht damit auskannte, verkaufte sie vieles "unter Wert" und sicherlich auch einmal "Falsches" oder an "falsche Leute".
Da wechselte schon mal ein Flottenkriegsabzeichen für wenig Geld den Besitzer.
Trotz ihrer Mühe, die Schulden abzuarbeiten, waren diese weiterhin gestiegen und betrugen nach einem Jahr mehr als das Doppelte der ursprünglichen Kreditsumme.
Da sagte man ihr im Kreditbüro, nun müsse sie mal "langsam Leistung zeigen". Sie sollte in Hamburg Kontakte aufbauen und "Informationen besorgen", dann gäbe es eine Chance, den Kredit langsam zurückzuführen.
Es wäre falsch, hier vorzugreifen; denn Elli rückte immer nur stückweise mit den Informationen heraus. Auch wenn ich wusste, dass sie mir nur einen Teil erzählt hatte und auch weiterhin nur das erzählen würde, was ihr nutzte, wollte ich ihr helfen; denn auch ich hatte mit den "Leuten um Braun" unangenehme Erfahrungen gemacht. Ein gemeinsamer "Feind" - aber bedeutete das schon unsere FREUNDSCHAFT?
Weil ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie genau es Elli mit der Wahrheit nahm, entschied ich mich, vorsichtig zu sein und hielt ich mich nun meinerseits mit konkreten Informationen zurück. Ich erzählte ihr nichts von den Negativen und auch nicht vom Tonband, ganz zu schweigen von den Orten, an denen ich diese Sachen aufbewahrte.
Wir trafen uns spätabends in der Ruine am Winterfeldtplatz, genau der Richtige Ort für "konspirative Treffen". Elli hatte schon ziemlich viel getrunken, stützte sich auf einen Tisch - ein halbvolles Schultheiss vor sich. Ihre Strumpfhose war kaputt — und sie gab sich keine Mühe, das zu verbergen. Ihr Pullover war schmuddelig (höflich ausgedrückt), aber sie hatte eine Zigarette im Mund und neben ihrem Bierglas lagen eine Packung Dunhill und ein goldenes Feuerzeug. "Eine Frau der Kontraste", dachte ich gerade; da kam ein Mann an den Tisch und steckte sich beides ein. Wortlos ging er.
Elli schien sich zu freuen, als sie mich sah.
Ich zeigte ihr das Foto. Obwohl die Qualität durch das Umkopieren gelitten hatte, erkannte sie gleich Braun, konnte aber keine Verbindung zu der jungen Frau herstellen, die mit ihm Sex hatte.
"Und nun?" fragte sie mich.
"Jürgen, hast Du eine Schere?" fragte ich den Wirt, der allerdings nur verständnislos den Kopf schüttelte. "Bier und Korn kannst Du haben und "¦, aber keine Schere!"
Na gut, dann musste ich es mit meinen zarten Fingern versuchen: ich riss das Foto ungefähr in der Mitte durch, und zwar so, dass Braun noch gut zu sehen war, während die Anwesenheit der Frau nur vermutet werden konnte, wenn man wusste, wie das Original aussah.
Ich gab Elli das Foto, die mich ungläubig ansah und fragte: "was soll ich damit?"
"Das gibst Du morgen Braun, aber nur ihm persönlich! Sage ihm, den Rest des Fotos haben wir auch noch — und er soll Dich in Ruhe lassen, sonst"¦
"¦ sonst schicken wir es an die BILD". Mir fiel gerade keine andere Adresse ein, die Interesse an dem Foto — oder sogar an dem Original haben könnte.
"Wenn Du meinst?!" antwortete Elli matt, "dann lass uns gehen".
Ich bezahlte und wir machten uns gleich auf den Heimweg.
Am nächsten Nachmittag sah ich Elli schon wieder. Sie wartete nach Unterrichtsschluss an der Schule auf mich und sah nicht gut aus.
"Du sollst mitkommen zu Braun", mit diesen Worten empfing sie mich, "mit mir allein will er nicht verhandeln!"
Treffpunkt war in einem Büro in einem großen Gebäude am Kleistpark. Ich wunderte mich; denn es gehört "eigentlich" zu den Verkehrsbetrieben. Im Erdgeschoss - hatte ich damals meinen Antrag auf Ausstellung einer Studenten-Monatskarte abgegeben, die auch uns Fachschülern zugebilligt wurde, wenn wir eine Bescheinigung der Schule beibrachten.
Wir mussten einige Treppen hinaufsteigen und warteten schließlich vor einer Bürotür mit einer wenig aussagekräftigen Bezeichnung. "Zimmer 403" stand lediglich auf dem grauen Türschild.
Elli klopfte; es war fast wie im Film; denn ihre Klopfzeichen erfolgten in einem bestimmten Rhythmus.
Die Tür wurde von innen aufgeschlossen — und Braun erschien. Er blickte vorsichtig in den Flur und war zufrieden, dass niemand zu sehen war — nur wir.
"Kommt rein", als wir eingetreten waren, schloss er wieder ab.
Der Raum war nicht besonders groß — und nichts deutete darauf hin, dass er für betriebsfremde Zwecke benutzt wurde. Im Gegenteil: im Regal entdeckte ich allerlei Material, das sicherlich für die Öffentlichkeitsarbeit gedacht war: Luftballons, Mützen, Faltprospekte und kleine Spielsachen.
"Das Büro ist nur geborgt". Er schien meine Gedanken erraten zu haben.
"Übrigens: netter Erpressungsversuch". Ich schaute ihn fragend an.
"Ich hätte nicht gedacht, dass auf eurer Schule auch Krimis zum Unterrichtsmaterial gehören!"
Er ließ wirklich seinen ganzen Charme spielen.
"Das wird nix", rückte er gleich mit seiner Ablehnung heraus, "selbst wenn man mich hier abzieht wegen der verlorenen oder besser gesagt gestohlenen Fotos, dann ist Mandy immer noch nicht raus aus der Nummer".
"Mandy?"
"Ja, Deckname Mandy" flüsterte Elli.
Die Sache wurde immer verworrener.
Es stellte sich heraus, dass man Elli auf die Schliche gekommen war, weil sie in Hamburg "ziemlich unbeholfen vorgegangen war", wie Braun kurz andeutete. Weder er noch Elli gönnten mir Details.
Ellis "geheimste Missionen" waren von den Leuten, die sie eigentlich auskundschaften sollte, gut geplant — und man stellte Elli immer gerade so viel Material für ihre Auftraggeber zur Verfügung, dass diese nicht misstrauisch wurden.
Nun hatte man allerdings ein großes Interesse daran, Ellis "Ostbesuche" für sich zu nutzen und erpresste sie mit ihrer Tätigkeit. "Das ist kein Kavaliersdelikt" hatte man ihr recht deutlich gesagt, "es sind auch schon Leute für lange Zeit im Bau gelandet, die nicht mit uns kooperierten".
Ich verstand Ellis Zwickmühle. Vertrauen konnte sie kaum einem Menschen. Im "Osten" geschnappt zu werden wäre sicherlich auch schrecklich — und ganz die Seite wechseln und dort leben kam für Elli nicht in Frage.
Braun spielte einen Trumpf aus: "ihr habt nichts davon, wenn ihr mich hochgehen lasst, eher im Gegenteil". Dann guckte er mich an: "vielleicht ergibt sich auch für Dich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit uns; denn uns ist zu Ohren gekommen, dass Du in der Hausbesetzerszene und in linken Kreisen verkehrst. Da hätte ich einige Ideen.
In die Tarantel gehst Du doch wohl auch nicht nur wegen der Musik?"
Diese Frage wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht zu deuten.
"Auf alle Fälle muss der Druck von Elli genommen werden", fiel mir ein und ich redete eindringlich auf Braun ein: ""¦die bricht sonst zusammen!"
"Aha, der kommt die sozialpädagogische Ader durch", meinte er dazu, "Mandy ist aber erwachsen und hätte sich selbst überlegen können, was sie will und was sie muss. Ich kann allerdings ein wenig Druck von ihr nehmen, wenn Du für sie einspringst!"
Bei mir schrillten sämtliche Alarmglocken, aber ich lehnte nur halbherzig ab.
Er wollte mir eine Zusammenarbeit möglichst gut "verkaufen" und sprach von finanziellen Anreizen, Elli wäre geholfen, und ich könnte dem Staat dienen, "nur Vorteile — für beide Seiten!" Er redete sich fast in einen Rausch und erinnerte mich an einen Versicherungsvertreter, der "Lebensverträge" schreiben sollte, um die "vereinbarten" Jahresziele zu schaffen.
Ich lehnte deutlicher ab und teilte ihm mit, ich würde nicht meine Freunde auszuspionieren. "Wo wir gerade bei Freunden sind", meinte er, "Sei nicht so naiv und denke, dass alle Deine Freunde auch wirkliche Freunde sind."
Das saß!
Mir fiel das "im Blick haben" wieder ein — und andererseits "uns ist zu Ohren gekommen".
Braun guckte auf die Uhr.
"Ihr hört von mir", dann forderte er uns auf, den Raum zu verlassen. Als wir am Ende des Flures waren, verließ auch er das Büro, folgte uns aber nicht.
Elli machten einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Das konnte ich verstehen; schließlich war die Besprechung nicht gerade erfolgreich verlaufen.
Aber hatten wir Braun vielleicht doch zum Nachdenken gebracht?
Wir fuhren in die Molle und tranken Bier, kamen aber zu keinen weiteren Erkenntnissen.
Mit einem starken Gefühl der Unzufriedenheit fuhr ich zurück in die Wohnung. Elli wollte Sachen packen und für ein paar Tage nach Dänemark fahren. Sie hoffte, dass sie an der Grenze keine Probleme bekommen würde.
Als ich in meiner Wohnung vor dem kleinen Schwarzweißfernseher saß, den ich mal bei Quelle bestellt hatte und der mir immer noch gute Dienste leistete, fiel mir das "zu Ohren gekommen" wieder ein. Ich ging die Reihe meiner MitschülerInnen durch. Bei einigen schloss ich es aus, aber bei einigen hielt ich es auch für möglich, dass sie "die Ohren offenhielten" gegen Geld oder andere Ware. Es konnte natürlich auch sein, dass sie genau wie Elli auf jemanden hereingefallen waren, der sie nun erpresste. "Manchmal sind es die, von denen man es am wenigsten vermutet", fiel mir ein und ich dachte an die WG in Charlottenburg. Oder sollte vielleicht einer der Dozenten beteiligt sein?
Ich dachte nach. Es kam mir im Nachhinein schon ein wenig merkwürdig vor, dass mein Klassenlehrer mir den Praktikumsplatz in der Klinik vermittelte, mich sogar hinfuhr und dass es dann dort zu dem Zwischenfall mit den beiden Mädchen gekommen war.
"Zu Ohren", ich analysierte den Begriff weiter — ganz nüchtern. "Direkte Rede muss es nicht sein", dachte ich, "zu Ohren kommt mir auch der Ton aus dem Fernseher — und aus dem Radio."
Das war das Stichwort!
Ich legte die zweite Platte meines Ten Years After Albums "RECORDED LIVE" auf. Meine Nachbarn waren schon gewöhnt, dass es besonders bei "Going Home" manchmal relativ laut wurde. Die Platte hörte ich immer noch sehr gern, obwohl ich sie schon bestimmt zwei Jahre hatte.
9 Minuten 30 hatte ich Zeit — dann kam ja auch noch der Beifall und die Zugabe "Choo Choo Mama".
Ich drehte auf etwas mehr als Zimmerlautstärke, dann ging ich ins Bad und schloss die Tür. Die Musik war nur noch gedämpft zu hören. Ich setzte mich auf den WC-Deckel und hatte meinen Empfänger, den ich auf der Insel gekauft hatte, auf dem Schoß.
Es war ein Ohrhörer dabeigewesen, den ich schon wegwerfen wollte, weil er einen schlechten Klang hatte und weil ich das Gefühl überhaupt nicht mochte, so ein Teil im Ohr zu haben.
Nun war ich froh, dass ich ihn noch hatte. Als ich den Stecker in die Buchse des Empfängers steckte, wurde der Lautsprecher ausgeschaltet. "Klinkenbuchse mit Schaltkontakt" heißt so etwas, hatte mir ein Verkäufer gesagt, als ich in einem Elektronikladen einmal so ein Ersatzteil für den Cassettenrecorder meiner Schwester kaufte.
Ich schaltete das Gerät ein. RIAS II — ich drehte am geriffelten Knopf für die Frequenz. Erst einmal wollte ich es auf UKW versuchen — und mir dann die anderen Wellenbereiche vornehmen.
Ich musste nicht lange suchen — da schnarrte es auch aus meinem kleinen Ohrhörer, etwas unterhalb der Frequenz, wo ich vor ein paar Tagen einem Feuerwehreinsatz als Zuhörer verfolgt hatte: "Going Home!"
"Die" mussten in meiner Wohnung eine Wanze versteckt haben. Erst wollte ich sie suchen und kaputtmachen; auch überlegte ich, recht deutliche und böse Worte zu rufen, um die Leute zu beeindrucken, aber mir fiel dann doch ein, den Schaden, den ich hatte, in einen Nutzen umzuwandeln — und dabei half mir AFN — THE GREAT 88".
Sie werden nie in Erfahrung gebracht haben, dass sie mir damals sehr geholfen haben, aber ich werde nie vergessen: "THE HOUR". Samstagabend liefen "Album-Stücke", die sonst wenig gespielt wurden, z.B "MONTANA von Frank Zappa. Sie spielten aber nicht direkt von Platten, sondern von sicherlich von Bändern, denn manche Platte "knackte" immer an derselben Stelle.
Es war relativ normal — und selbst die Moderatoren sprachen von ""¦ with scratch in the middle".
Ich glaube, es war Moderator und Air Force Sergeant Rik De Lisle, der seine Ansage um diese Worte ergänzte. Ich müsste mal schauen, ob ich die Cassette noch habe.
Aber AFN half mir nicht mit "THE HOUR", obwohl ich vieles aufgenommen habe, sondern mit dem Programm "danach". Da liefen die Stücke in immer wieder der gleichen Reihenfolge und ich vermutete, sie hätten riesige Bänder, die immer mal wieder getauscht wurden.
Nachtrag: es ist doch erstaunlich, wenn manfrau auf "Bruchstücke aus der Vergangenheit" trifft (hier ein Ausschnitte eines Briefes an die liebe Familie)
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Das brachte mich auf die Idee, auch für ein Unterhaltungsprogramm zu sorgen, dabei meinen Spaß zu haben und etwas mehr über Machenschaften in der damaligen Zeit zu erfahren.
Im Schicksal von Elli spiegelte sich vieles wider, was in den 1970er Jahren "gespielt wurde". Das klingt ein wenig unernst; dabei führten diese "Spiele" oftmals zur Vernichtung von Persönlichkeiten und Existenzen und zerstörten Familien. Auch im Blick zurück fällt es schwer zu bewerten, wer die "Guten" und wer die "Bösen" waren und oftmals wussten man nicht einmal, auf welcher Seite die einzelnen Menschen standen und für wen sie arbeiteten.
Einige standen sogar auf "beiden Seiten" und kamen durch diesen Spagat fast durcheinander mit verschiedenen Namen und Persönlichkeiten.
"Der Osten" hatte einen entscheidenden Vorteil; denn "der Westen" bot viele offene Flanken, die politischen Gegnern ein Eindringen zum Agitieren ermöglichte, während es Westlern seltener gelang, sich im Osten Erkenntnisse zu verschaffen oder gar politisch (gegen die DDR) zu arbeiten. Die Grenze erwies sich als schlecht zu durchdringendes Netz, das zwar Radio- und Fernsehsendungen durchließ, aber nur äußerst selten erlaubte, Informationsmaterial wie Flugblätter, Zeitschriften oder Zeitungen zur Verbreitung in die DDR zu bringen, während andererseits der DDR viele Möglichkeiten offenstanden, gedruckte Veröffentlichungen im Westen zu steuern oder zu beeinflussen. Allerdings deckten sie dabei nur einen kleinen Bereich des "Informationsbedarfes" ab, erreichten hauptsächlich Studenten und deren Organisationen, während die "breite Masse" sich von der Springer-Presse "informieren ließ". Es gab nur wenige Presseerzeugnisse, die relativ unabhängig waren und "breit informierten" (vom Hühnerdiebstahl bis zu politischen Ereignissen).
Erschreckend war es für mich, wie unkritisch selbst "gebildete" Menschen mit den Informationen umgingen, die durch "linke Blätter" verbreitet wurden. Da wurde oft dermaßen "auf den Putz gehauen", als wollte man den Sozialismus mit der Holzhammermethode in die Köpfe der Menschen pressen. "Das muss man doch merken", habe ich so manches Mal gedacht, "Hammer und Sichel, ein aussagekräftiges Logo, da müsste der Hammer doch viel größer abgebildet werden.
Schon damals wurden "links- und rechtsradikale Magazine" u.a. vom Verfassungsschutz "beobachtet".
Dazu gibt es (nicht nur) eine "kleine Anfrage", von 1969, die im Bundestag beantwortet wurde:
Betr.: Links- und rechtsradikale Publikationen
Bezug: Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marx (Kaiserslautern),
Dr. Althammer, Kühn (Hildesheim), Dr. Ritz,
Frau Kalinke, Dr. Klepsch und Genossen
- Drucksache V/4532 -
In der Antwort wird eine lange Liste dieser Publikationen veröffentlicht, in der auch die Namen der Verantwortlichen genannt werden. Allerdings finden sich natürlich keine Hinweise, in wieweit unsere Republik und deren Vertreter und (geheimen) Organe selbst darin verstrickt waren
Auf einer meiner Fahrten nach Kopenhagen, bei der ich die Fähre von Rostock-Warnemünde nutzte, machte ich die Erfahrung, dass penibel kontrolliert wurde und es kaum möglich war, Material in die DDR einzuschmuggeln, wenn man nicht auf ein Netzwerk von Helfern zurückgreifen konnte.
Ich musste tatsächlich alles ausladen, was sich im Wagen befand und es gab die obligatorische Kontrolle mit dem "Spiegelwagen" — und dann erfolgte die Aufforderung "bitte entfernen Sie die Sitzfläche der Rückbank!"
Das war bei meinem Strich-Achter eine arge Fummelei und mir gelang es manchmal nicht, beim Zusammenbauen die Halteklammer wieder richtig einzusetzen.
Die Mühe wollte ich mir bei einer meiner Rückfahrten sparen und ich sagte frech: ""¦ das geht bei dem Wagen nicht!"
"Kein Problem", meinte da der Grenzer, "dann fahren sie rechts ran auf den Seitenstreifen und probieren es — und wenn es Ihnen gelungen ist, dann machen wir mit der Kontrolle weiter".
Er hatte mehr Geduld als ich. Er ließ sich nicht erweichen und selbst unsere Bitte, die Toilette aufsuchen zu dürfen wurde abgekanzelt mit dem Satz: ""¦erst bauen Sie die Rückbank aus, dann können Sie gerne einen Abort der Deutschen Demokratischen Republik benutzen.
Die Kontrolle zog sich schließlich über drei Stunden — auch ohne dass ich eine "demokratische Toilette" aufsuchte.
Jahre später hörte ich von einem Musikschaffenden, der in eine ähnliche Situation geraten war und langsam in Zeitnot kam, da das Studio, das er in Berlin aufsuchen sollte, nur für eine gewisse Zeit zur Verfügung stand und sein Nichterscheinen einen erheblichen finanziellen Nachteil gebracht hätte. In einem "günstigen Moment" gab er einfach Gas und es gelang ihm tatsächlich, unverletzt davonzukommen, obwohl sie hinter ihm herschossen. Er konnte zwar später davon berichten und auch ein Einschussloch zeigen und eine beschädigte Rohfassung einer Schallplatte, aber Reisen nach Berlin waren ihm von da an nur noch mit dem Flugzeug möglich — ein teuer erkauftes Abenteuer!
Ich musste mir einen Plan überlegen. Wollte ich den Leuten, die mich abhörten, ein "Unterhaltungsprogramm" bieten — oder lieber Ernsthaftes?
Weiterhin musste ich abklären, ob es live stattfinden sollte — oder wie bei AFN, wenn kein Moderator das Programm gestaltete "vom Band".
"¦ oder beide Arten, je nach Bedarf?
Das Problem war, dass ich kein Tonbandgerät hatte. Der kleine Cassettenrecorder, den ich besaß, hatte einen ziemlich schlechten Klang. Damit würde ich gleich auffliegen. Es musste ein Gerät her, das für meine Zwecke besser geeignet war.
Außerdem galt es zu überlegen, wer mir die Wanze untergejubelt hatte. Diese kleinen UKW-Sender haben eine begrenzte Reichweite von mehreren hundert Metern. So mussten die Lauscher sich ganz in der Nähe befinden. Waren es vielleicht sogar meine Nachbarn?
Ich war gespannt, welche Art "Wanze" benutzt wurde. Mit Batterien schien sie nicht zu funktionieren; dann hätte sie immer mal wieder "gefüttert werden müssen"; denn der Stromverbrauch war zwar nicht besonders hoch, konnte aber nicht dauerhaft durch kleine Zellen gespeist werden.
"Die wird sich in irgendeinem Teil befinden, das selbst einen Stromanschluss hat und selbst wenig Krach macht", dachte ich mir und durchsuchte "im Geiste" die Wohnung.
Ich wollte keinesfalls jemanden darauf aufmerksam machen, dass ich von der Anwesenheit des "Tierchens" wusste.
Im Schicksal von Elli spiegelte sich vieles wider, was in den 1970er Jahren "gespielt wurde". Das klingt ein wenig unernst; dabei führten diese "Spiele" oftmals zur Vernichtung von Persönlichkeiten und Existenzen und zerstörten Familien. Auch im Blick zurück fällt es schwer zu bewerten, wer die "Guten" und wer die "Bösen" waren und oftmals wussten man nicht einmal, auf welcher Seite die einzelnen Menschen standen und für wen sie arbeiteten.
Einige standen sogar auf "beiden Seiten" und kamen durch diesen Spagat fast durcheinander mit verschiedenen Namen und Persönlichkeiten.
"Der Osten" hatte einen entscheidenden Vorteil; denn "der Westen" bot viele offene Flanken, die politischen Gegnern ein Eindringen zum Agitieren ermöglichte, während es Westlern seltener gelang, sich im Osten Erkenntnisse zu verschaffen oder gar politisch (gegen die DDR) zu arbeiten. Die Grenze erwies sich als schlecht zu durchdringendes Netz, das zwar Radio- und Fernsehsendungen durchließ, aber nur äußerst selten erlaubte, Informationsmaterial wie Flugblätter, Zeitschriften oder Zeitungen zur Verbreitung in die DDR zu bringen, während andererseits der DDR viele Möglichkeiten offenstanden, gedruckte Veröffentlichungen im Westen zu steuern oder zu beeinflussen. Allerdings deckten sie dabei nur einen kleinen Bereich des "Informationsbedarfes" ab, erreichten hauptsächlich Studenten und deren Organisationen, während die "breite Masse" sich von der Springer-Presse "informieren ließ". Es gab nur wenige Presseerzeugnisse, die relativ unabhängig waren und "breit informierten" (vom Hühnerdiebstahl bis zu politischen Ereignissen).
Erschreckend war es für mich, wie unkritisch selbst "gebildete" Menschen mit den Informationen umgingen, die durch "linke Blätter" verbreitet wurden. Da wurde oft dermaßen "auf den Putz gehauen", als wollte man den Sozialismus mit der Holzhammermethode in die Köpfe der Menschen pressen. "Das muss man doch merken", habe ich so manches Mal gedacht, "Hammer und Sichel, ein aussagekräftiges Logo, da müsste der Hammer doch viel größer abgebildet werden.
Schon damals wurden "links- und rechtsradikale Magazine" u.a. vom Verfassungsschutz "beobachtet".
Dazu gibt es (nicht nur) eine "kleine Anfrage", von 1969, die im Bundestag beantwortet wurde:
Betr.: Links- und rechtsradikale Publikationen
Bezug: Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marx (Kaiserslautern),
Dr. Althammer, Kühn (Hildesheim), Dr. Ritz,
Frau Kalinke, Dr. Klepsch und Genossen
- Drucksache V/4532 -
In der Antwort wird eine lange Liste dieser Publikationen veröffentlicht, in der auch die Namen der Verantwortlichen genannt werden. Allerdings finden sich natürlich keine Hinweise, in wieweit unsere Republik und deren Vertreter und (geheimen) Organe selbst darin verstrickt waren
Auf einer meiner Fahrten nach Kopenhagen, bei der ich die Fähre von Rostock-Warnemünde nutzte, machte ich die Erfahrung, dass penibel kontrolliert wurde und es kaum möglich war, Material in die DDR einzuschmuggeln, wenn man nicht auf ein Netzwerk von Helfern zurückgreifen konnte.
Ich musste tatsächlich alles ausladen, was sich im Wagen befand und es gab die obligatorische Kontrolle mit dem "Spiegelwagen" — und dann erfolgte die Aufforderung "bitte entfernen Sie die Sitzfläche der Rückbank!"
Das war bei meinem Strich-Achter eine arge Fummelei und mir gelang es manchmal nicht, beim Zusammenbauen die Halteklammer wieder richtig einzusetzen.
Die Mühe wollte ich mir bei einer meiner Rückfahrten sparen und ich sagte frech: ""¦ das geht bei dem Wagen nicht!"
"Kein Problem", meinte da der Grenzer, "dann fahren sie rechts ran auf den Seitenstreifen und probieren es — und wenn es Ihnen gelungen ist, dann machen wir mit der Kontrolle weiter".
Er hatte mehr Geduld als ich. Er ließ sich nicht erweichen und selbst unsere Bitte, die Toilette aufsuchen zu dürfen wurde abgekanzelt mit dem Satz: ""¦erst bauen Sie die Rückbank aus, dann können Sie gerne einen Abort der Deutschen Demokratischen Republik benutzen.
Die Kontrolle zog sich schließlich über drei Stunden — auch ohne dass ich eine "demokratische Toilette" aufsuchte.
Jahre später hörte ich von einem Musikschaffenden, der in eine ähnliche Situation geraten war und langsam in Zeitnot kam, da das Studio, das er in Berlin aufsuchen sollte, nur für eine gewisse Zeit zur Verfügung stand und sein Nichterscheinen einen erheblichen finanziellen Nachteil gebracht hätte. In einem "günstigen Moment" gab er einfach Gas und es gelang ihm tatsächlich, unverletzt davonzukommen, obwohl sie hinter ihm herschossen. Er konnte zwar später davon berichten und auch ein Einschussloch zeigen und eine beschädigte Rohfassung einer Schallplatte, aber Reisen nach Berlin waren ihm von da an nur noch mit dem Flugzeug möglich — ein teuer erkauftes Abenteuer!
Ich musste mir einen Plan überlegen. Wollte ich den Leuten, die mich abhörten, ein "Unterhaltungsprogramm" bieten — oder lieber Ernsthaftes?
Weiterhin musste ich abklären, ob es live stattfinden sollte — oder wie bei AFN, wenn kein Moderator das Programm gestaltete "vom Band".
"¦ oder beide Arten, je nach Bedarf?
Das Problem war, dass ich kein Tonbandgerät hatte. Der kleine Cassettenrecorder, den ich besaß, hatte einen ziemlich schlechten Klang. Damit würde ich gleich auffliegen. Es musste ein Gerät her, das für meine Zwecke besser geeignet war.
Außerdem galt es zu überlegen, wer mir die Wanze untergejubelt hatte. Diese kleinen UKW-Sender haben eine begrenzte Reichweite von mehreren hundert Metern. So mussten die Lauscher sich ganz in der Nähe befinden. Waren es vielleicht sogar meine Nachbarn?
Ich war gespannt, welche Art "Wanze" benutzt wurde. Mit Batterien schien sie nicht zu funktionieren; dann hätte sie immer mal wieder "gefüttert werden müssen"; denn der Stromverbrauch war zwar nicht besonders hoch, konnte aber nicht dauerhaft durch kleine Zellen gespeist werden.
"Die wird sich in irgendeinem Teil befinden, das selbst einen Stromanschluss hat und selbst wenig Krach macht", dachte ich mir und durchsuchte "im Geiste" die Wohnung.
Ich wollte keinesfalls jemanden darauf aufmerksam machen, dass ich von der Anwesenheit des "Tierchens" wusste.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Allerdings fühlte ich mich selbst relativ "unwichtig" und ich hatte keine Ahnung, warum jemand ein solches Interesse an mir haben sollte. Schließlich war ich eigentlich ein "ganz normaler Schüler".
Ich musste an einen Brief an meine "liebe Familie" denken, bei der ich mich gerade für das Geld und das Paket bedankt hatte, in dem "wirklich sehr schöne Sachen waren", wie ich ihnen schrieb. Meine Mutter wusste davon, dass ich manchmal Heimweh hatte und schickte mir etwas "von der Insel" oder Leckereien, die sie in Dänemark gekauft hatte.
Die Verwicklungen waren eigentlich nur entstanden, weil ich mich auf einige Aktionen eingelassen hatte, die in einem Zusammenhang mit Elli standen.
Oder war es vielleicht so, dass das Klima in der Stadt Aktion und Reaktion und unklare Verhältnisse begünstigte und mich zweifeln ließ, wer Freund und "nicht Freund" war?
Aufgefallen war mir eine Hörigkeit bei vielen Menschen gegenüber Wort- und Meinungsführern.
Ja, das waren in der Regel "Führer" und "keine Führerinnen". Eine eigene Meinung oder ein Diskussionsbeitrag, der zeigte, dass man die "offiziellen Blätter" NICHT verinnerlicht hatte, waren nicht gern gesehen. Man musste mit dem Gebrauch seiner Worte vorsichtig sein und einige Wortstämme gehörten zum Pflichtprogramm.
Die "Morgenpost" wurde allerdings von vielen Menschen "heimlich" gekauft, wenn sie auf Arbeits- oder Wohnungssuche waren.
"Zusammen mit den Männern" funktionierten Diskussionen nicht besonders gut, sodass engagierte Frauen vielfach "unter sich" blieben und ihre politische Arbeit auch um eine Reihe von Frauenfesten erweiterten. So fand am 11. Mai 1974 ein erstes großes Fest in der Alten TU-Mensa statt, in der es für 4 Mark einen "Tanz in den Muttertag" gab. Männer hatten keinen Zutritt!
Die Flying Lesbians machten Musik — die erste "Frauenrockband mit Anspruch".
Statt "Anspruch" nannten viele Männer eher ein anderes Wort mit "A": "Anstrengend".
Später sollte eine Frauenrockgruppe "Unter dem Pflaster liegt der Strand, komm, reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand" singen, was einige konservative Politiker als Aufforderung zu Gewalttaten werteten.
Männer fühlten sich in ihrem Herrschaftsanspruch bedroht, ging es doch in Frauendemos, Projekten und Festen um Männergewalt, Selbstbestimmung und um den -§218.
Obwohl viele Männer gelernt hatten, in politischen Diskussionen Stellung zu beziehen und sich kritisch mit den herrschenden Verhältnissen auseinanderzusetzen und für "die Rechte der benachteiligten Arbeiterklasse" einzusetzen, so blieb die persönliche Auseinandersetzung im engeren Umkreis oftmals auf der Strecke und häusliche Gewalt war durchaus ein Problem auch in diesen "fortschrittlichen Kreisen". Auch unterschied man sich in der Sprache deutlich von der Sprache der Arbeiterklasse, die sich von ihnen nicht vertreten fühlte.
Jemand aus der Wohngemeinschaft meldete sich. Der Auszug einer Mitbewohnerin hatte sich verzögert, weil sie noch keine neue Wohnung gefunden hatte. Ich sollte mich noch ein wenig gedulden. Das fiel mir nicht schwer; denn ich war mir immer noch unsicher, ob ich meine kleine Wohnung nicht doch behalten sollte.
Mir war aufgefallen, dass vor unserem Vorderhaus oftmals ein brauner T2 stand. "Entrümpelungen besenrein" stand auf der Fahrertür. Die hintere Scheibe war weiß übermalt und jemand hatte mehr schlecht als recht "Umzüge und Kleintransporte aller Art" auf die weiße Fläche geschrieben.
Abgesehen von der Frontscheibe und den beiden Scheiben in den Türen konnte kein Blick in den Wagen geworfen werden, aber wenn ich am Lenkrad vorbei guckte, dann sah ich, dass hinter den beiden Sitzen eine Sperrholzwand eingebaut worden war. Viel Mühe hatten sie sich damit nicht gemacht, das konnte ich sogar von draußen sehen. Sie war nur grob zurechtgesägt worden; Pinsel und Schleifpapier waren bestimmt nicht zum Einsatz gekommen.
Den T2 hatte ich schon oft gesehen und ich wollte gelegentlich mal anzurufen, um mich nach den Preisen zu erkundigen, falls ich die Transportdienste in Anspruch zu nehmen sollte, wenn es tatsächlich zu einem Umzug in die WG kommen sollte. Zwar hatten auch einige aus unserer Klasse ein geeignetes Transportmittel, aber ich wollte lieber bezahlen für den Transport und mich dann darauf verlassen können, dass es zum verabredeten Zeitpunkt klappte.
Je mehr ich über den T2 nachdachte, desto mehr fiel mir zu dem Wagen ein.
Er stand ziemlich häufig vor unserem Vorderhaus — und ich glaubte ihn auch schon vor Kneipe neben unserer Schule gesehen zu haben.
Viele Aufträge schienen die Leute nicht zu haben; denn meistens stand der Wagen. Die Telefonnummer auf der Tür passte überhaupt nicht zu unserem Bezirk, in dem die Nummern einen anderen Anfang hatten.
Ich fragte den Mann vom Zeitungskiosk, ob der die Leute kennen würde, die den Wagen regelmäßig vor dem Haus abstellten, aber er konnte mir nicht weiterhelfen. "Wenn Du einen Wagen brauchst, dann nimm doch Otto", meinte er und überreichte mir einen kleinen Handzettel: "Wenn"™s Dich zieht in einen anderen Ort — dann macht Otto Günstig den Transport!"
Darunter stand, etwas schräg abgesetzt: "Gut, günstig, schnell, zuverlässig!" - und eine Telefonnummer.
Ich versprach ihm, "mal wieder ein paar Hefte aus Dänemark" mitzubringen, wenn er mir den Gefallen tun würde, ein paar Tage zu notieren, wann der Wagen dort stehen würde und wann nicht.
Er sagte zu.
"Man könnte denken, es ist Dein Wagen!" Mit diesen Worten empfing er mich, als ich ein paar Tage später bei ihm ein Motorradheft kaufen wollte. Irgendwie schien der Arbeitsbeginn der Transporteure an meine Schulzeit gekoppelt zu sein. Wenn ich mich auf den Weg zur U-Bahn machte - höchstens zehn Minuten später entfernte sich der Wagen auch.
"Als Du neulich einen Tag krank warst, da waren die auch nicht los", meinte der Verkäufer, "und was mich sehr wundert: ich habe noch nie gesehen, dass da einer ausgestiegen und in eines der Häuser gegangen ist!"
Der Wagen musste näher unter die Lupe genommen werden.
"Vergiss die Hefte nicht", gab er mir noch mit auf den Weg. "Na klar, Du kennst mich doch", entgegnete ich.
"Ja eben!" er tat so, als würde er hinter seine Ladentheke Schutz suchen, weil ich vermutlich etwas werfen würde, fügte aber schnell "Scherz!" hinzu.
Ich hielt die Zeit für gekommen, mal wieder in Frauensachen unterwegs zu sein. Vieles hatte ich zwar nicht mehr, aber war das nicht eine gute Gelegenheit, den Bestand mal wieder zu erweitern und die Ausstattung zu verbessern?
Als ich vor den traurigen Resten stand, die ich noch besaß, wusste ich gleich, dass es eigentlich eine Notwendigkeit war, neue Sachen zu kaufen, wenn ich mich "als Frau" draußen zeigen und in der Öffentlichkeit bewegen wollte. Als Frau könnte ich vielleicht auch jedenfalls zeitweise meinem bedrohlich wirkenden Umfeld entfliehen?
Durch das Geld von meinen Eltern, das im Paket gewesen war, stand ich finanziell ganz gut — und so musste ich kein schlechtes Gewissen haben, zu einem kleinen Einkaufsbummel aufzubrechen.
Da ich immer noch nicht wusste, was es mit dem Wagen vor dem Haus auf sich hatte und ich nicht ahnen konnte, ob man mich vielleicht auch beim Verlassen des Hauses beobachten würde, entwischte ich durch den Hinterausgang, überquerte die halbhohe Mauer zum Nachbarhaus und konnte es mit ein paar Handwerker verlassen, die gerade Feierabend machten und nicht bemerkten, dass ich sie als Sichtschutz missbrauchte. Schnell bog ich nach links ab, schaltete dann aber in eine gemäßigte Gangart, um nicht aufzufallen.
Es war nicht weit zu Hertie am Mehringdamm. Ein wenig kannte ich mich schon in der Damenabteilung aus und konnte innerhalb weniger Minuten meinen Bestand an Frauensachen erheblich erweitern.
Da ich einige Schnäppchen gemacht hatte, beschloss ich, nicht gleich wieder nach Hause zu laufen, sondern einen Bogen zu machen und noch ein Eis zu essen.
Ich kam an einem der zahlreichen Trödel-Läden vorbei, die auch den Fußweg als Verkaufsfläche nutzten und einem fast den Weg versperrten. "Nicht viel besser als Sachen vom Sperrmüll" — ich musste an die Sachen denken, die ich während der straßenweise durchgeführten Sperrmülltermine ergattern konnte. An weiteren Möbeln hatte ich kein Interesse. Ganz beiläufig betrachtete ich das Schaufenster. Neben einigen Schmucksachen lag ein Hörgerät in der Auslage, sein silbrig glänzendes kleines Gehäuse sah fast aus wie ein Taschenradio, das ohne Sendereinstellung geliefert wurde. Ein Ohrhörer war auch dabei. Auf einem Zettel stand: "Sie werden sich wundern, was sie damit alles wieder hören können, warnen Sie unbedingt ihre Familie, sonst könnte es Ärger geben!"
Meine Familie wollte ich damit nicht bloßstellen, aber mir kam eine andere Idee.
Zwölfmarkfünfzig war allerdings ganz schön viel. Mir gelang es, den Verkäufer auf elf Mark runterzuhandeln — und verzichtete auf das Eis.
Ich schlenderte mit meinen Schätzen zurück. Die Hertie-Tüte verstaute ich erst einmal im Schrank. Ziemlich laut machte ich Musik an und setzte einen Kaffee auf. Erst dann wandte ich mich dem Hörgerät zu. Den Ohrhörer fand ich eklig und warf ihn gleich in den Müll. Das Kabel musste ich abschneiden; denn es war fest mit dem Gerät verbunden. Ich ließ reichlich von den ummantelten Drähten übrig, um später einen anderen Kopfhörer anzuschließen.
Das Batteriefach war ziemlich vergammelt; mit der Nagelfeile meines Taschenmessers kratzte ich die kleinen Federn sauber, bis der Belag vollständig entfernt war.
Gut, dass ich eine passende Batterie vorrätig hatte, so konnte ich das Gerät gleich ausprobieren.
Mit dem Fingernagel isolierte ich die beiden Kabelenden des Kopfhörerkabels ab und dachte mir: "spart eine teure Abisolierzange, wenn man stabile Fingernägel hat!"
Rein behelfsmäßig fummelte ich die Kupferdrähte an den Stecker meines Ohrhörers und ärgerte mich, dass ich immer noch keinen besseren gekauft hatte.
Ich schaltete das Gerät ein, aber schon beim Einstellen der Lautstärke rutschten die feinen Drähte vom Stecker. Ausgebildete Elektroniker werden sich mit Schaudern abwenden, aber ich friemelte sie wieder am Stecker fest und fixierte sie dann mit Hansaplast, damit sie nicht wieder abrutschten.
Ich war überrascht, wie sehr sich die Wahrnehmbarkeit ganz leiser Töne schon bei meinen ersten Versuchen veränderte. Als ich das Fenster öffnete, wurde das leise Hintergrundrauschen des Verkehrs zu einem Donnergrollen.
Ich musste an einen Brief an meine "liebe Familie" denken, bei der ich mich gerade für das Geld und das Paket bedankt hatte, in dem "wirklich sehr schöne Sachen waren", wie ich ihnen schrieb. Meine Mutter wusste davon, dass ich manchmal Heimweh hatte und schickte mir etwas "von der Insel" oder Leckereien, die sie in Dänemark gekauft hatte.
Die Verwicklungen waren eigentlich nur entstanden, weil ich mich auf einige Aktionen eingelassen hatte, die in einem Zusammenhang mit Elli standen.
Oder war es vielleicht so, dass das Klima in der Stadt Aktion und Reaktion und unklare Verhältnisse begünstigte und mich zweifeln ließ, wer Freund und "nicht Freund" war?
Aufgefallen war mir eine Hörigkeit bei vielen Menschen gegenüber Wort- und Meinungsführern.
Ja, das waren in der Regel "Führer" und "keine Führerinnen". Eine eigene Meinung oder ein Diskussionsbeitrag, der zeigte, dass man die "offiziellen Blätter" NICHT verinnerlicht hatte, waren nicht gern gesehen. Man musste mit dem Gebrauch seiner Worte vorsichtig sein und einige Wortstämme gehörten zum Pflichtprogramm.
Die "Morgenpost" wurde allerdings von vielen Menschen "heimlich" gekauft, wenn sie auf Arbeits- oder Wohnungssuche waren.
"Zusammen mit den Männern" funktionierten Diskussionen nicht besonders gut, sodass engagierte Frauen vielfach "unter sich" blieben und ihre politische Arbeit auch um eine Reihe von Frauenfesten erweiterten. So fand am 11. Mai 1974 ein erstes großes Fest in der Alten TU-Mensa statt, in der es für 4 Mark einen "Tanz in den Muttertag" gab. Männer hatten keinen Zutritt!
Die Flying Lesbians machten Musik — die erste "Frauenrockband mit Anspruch".
Statt "Anspruch" nannten viele Männer eher ein anderes Wort mit "A": "Anstrengend".
Später sollte eine Frauenrockgruppe "Unter dem Pflaster liegt der Strand, komm, reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand" singen, was einige konservative Politiker als Aufforderung zu Gewalttaten werteten.
Männer fühlten sich in ihrem Herrschaftsanspruch bedroht, ging es doch in Frauendemos, Projekten und Festen um Männergewalt, Selbstbestimmung und um den -§218.
Obwohl viele Männer gelernt hatten, in politischen Diskussionen Stellung zu beziehen und sich kritisch mit den herrschenden Verhältnissen auseinanderzusetzen und für "die Rechte der benachteiligten Arbeiterklasse" einzusetzen, so blieb die persönliche Auseinandersetzung im engeren Umkreis oftmals auf der Strecke und häusliche Gewalt war durchaus ein Problem auch in diesen "fortschrittlichen Kreisen". Auch unterschied man sich in der Sprache deutlich von der Sprache der Arbeiterklasse, die sich von ihnen nicht vertreten fühlte.
Jemand aus der Wohngemeinschaft meldete sich. Der Auszug einer Mitbewohnerin hatte sich verzögert, weil sie noch keine neue Wohnung gefunden hatte. Ich sollte mich noch ein wenig gedulden. Das fiel mir nicht schwer; denn ich war mir immer noch unsicher, ob ich meine kleine Wohnung nicht doch behalten sollte.
Mir war aufgefallen, dass vor unserem Vorderhaus oftmals ein brauner T2 stand. "Entrümpelungen besenrein" stand auf der Fahrertür. Die hintere Scheibe war weiß übermalt und jemand hatte mehr schlecht als recht "Umzüge und Kleintransporte aller Art" auf die weiße Fläche geschrieben.
Abgesehen von der Frontscheibe und den beiden Scheiben in den Türen konnte kein Blick in den Wagen geworfen werden, aber wenn ich am Lenkrad vorbei guckte, dann sah ich, dass hinter den beiden Sitzen eine Sperrholzwand eingebaut worden war. Viel Mühe hatten sie sich damit nicht gemacht, das konnte ich sogar von draußen sehen. Sie war nur grob zurechtgesägt worden; Pinsel und Schleifpapier waren bestimmt nicht zum Einsatz gekommen.
Den T2 hatte ich schon oft gesehen und ich wollte gelegentlich mal anzurufen, um mich nach den Preisen zu erkundigen, falls ich die Transportdienste in Anspruch zu nehmen sollte, wenn es tatsächlich zu einem Umzug in die WG kommen sollte. Zwar hatten auch einige aus unserer Klasse ein geeignetes Transportmittel, aber ich wollte lieber bezahlen für den Transport und mich dann darauf verlassen können, dass es zum verabredeten Zeitpunkt klappte.
Je mehr ich über den T2 nachdachte, desto mehr fiel mir zu dem Wagen ein.
Er stand ziemlich häufig vor unserem Vorderhaus — und ich glaubte ihn auch schon vor Kneipe neben unserer Schule gesehen zu haben.
Viele Aufträge schienen die Leute nicht zu haben; denn meistens stand der Wagen. Die Telefonnummer auf der Tür passte überhaupt nicht zu unserem Bezirk, in dem die Nummern einen anderen Anfang hatten.
Ich fragte den Mann vom Zeitungskiosk, ob der die Leute kennen würde, die den Wagen regelmäßig vor dem Haus abstellten, aber er konnte mir nicht weiterhelfen. "Wenn Du einen Wagen brauchst, dann nimm doch Otto", meinte er und überreichte mir einen kleinen Handzettel: "Wenn"™s Dich zieht in einen anderen Ort — dann macht Otto Günstig den Transport!"
Darunter stand, etwas schräg abgesetzt: "Gut, günstig, schnell, zuverlässig!" - und eine Telefonnummer.
Ich versprach ihm, "mal wieder ein paar Hefte aus Dänemark" mitzubringen, wenn er mir den Gefallen tun würde, ein paar Tage zu notieren, wann der Wagen dort stehen würde und wann nicht.
Er sagte zu.
"Man könnte denken, es ist Dein Wagen!" Mit diesen Worten empfing er mich, als ich ein paar Tage später bei ihm ein Motorradheft kaufen wollte. Irgendwie schien der Arbeitsbeginn der Transporteure an meine Schulzeit gekoppelt zu sein. Wenn ich mich auf den Weg zur U-Bahn machte - höchstens zehn Minuten später entfernte sich der Wagen auch.
"Als Du neulich einen Tag krank warst, da waren die auch nicht los", meinte der Verkäufer, "und was mich sehr wundert: ich habe noch nie gesehen, dass da einer ausgestiegen und in eines der Häuser gegangen ist!"
Der Wagen musste näher unter die Lupe genommen werden.
"Vergiss die Hefte nicht", gab er mir noch mit auf den Weg. "Na klar, Du kennst mich doch", entgegnete ich.
"Ja eben!" er tat so, als würde er hinter seine Ladentheke Schutz suchen, weil ich vermutlich etwas werfen würde, fügte aber schnell "Scherz!" hinzu.
Ich hielt die Zeit für gekommen, mal wieder in Frauensachen unterwegs zu sein. Vieles hatte ich zwar nicht mehr, aber war das nicht eine gute Gelegenheit, den Bestand mal wieder zu erweitern und die Ausstattung zu verbessern?
Als ich vor den traurigen Resten stand, die ich noch besaß, wusste ich gleich, dass es eigentlich eine Notwendigkeit war, neue Sachen zu kaufen, wenn ich mich "als Frau" draußen zeigen und in der Öffentlichkeit bewegen wollte. Als Frau könnte ich vielleicht auch jedenfalls zeitweise meinem bedrohlich wirkenden Umfeld entfliehen?
Durch das Geld von meinen Eltern, das im Paket gewesen war, stand ich finanziell ganz gut — und so musste ich kein schlechtes Gewissen haben, zu einem kleinen Einkaufsbummel aufzubrechen.
Da ich immer noch nicht wusste, was es mit dem Wagen vor dem Haus auf sich hatte und ich nicht ahnen konnte, ob man mich vielleicht auch beim Verlassen des Hauses beobachten würde, entwischte ich durch den Hinterausgang, überquerte die halbhohe Mauer zum Nachbarhaus und konnte es mit ein paar Handwerker verlassen, die gerade Feierabend machten und nicht bemerkten, dass ich sie als Sichtschutz missbrauchte. Schnell bog ich nach links ab, schaltete dann aber in eine gemäßigte Gangart, um nicht aufzufallen.
Es war nicht weit zu Hertie am Mehringdamm. Ein wenig kannte ich mich schon in der Damenabteilung aus und konnte innerhalb weniger Minuten meinen Bestand an Frauensachen erheblich erweitern.
Da ich einige Schnäppchen gemacht hatte, beschloss ich, nicht gleich wieder nach Hause zu laufen, sondern einen Bogen zu machen und noch ein Eis zu essen.
Ich kam an einem der zahlreichen Trödel-Läden vorbei, die auch den Fußweg als Verkaufsfläche nutzten und einem fast den Weg versperrten. "Nicht viel besser als Sachen vom Sperrmüll" — ich musste an die Sachen denken, die ich während der straßenweise durchgeführten Sperrmülltermine ergattern konnte. An weiteren Möbeln hatte ich kein Interesse. Ganz beiläufig betrachtete ich das Schaufenster. Neben einigen Schmucksachen lag ein Hörgerät in der Auslage, sein silbrig glänzendes kleines Gehäuse sah fast aus wie ein Taschenradio, das ohne Sendereinstellung geliefert wurde. Ein Ohrhörer war auch dabei. Auf einem Zettel stand: "Sie werden sich wundern, was sie damit alles wieder hören können, warnen Sie unbedingt ihre Familie, sonst könnte es Ärger geben!"
Meine Familie wollte ich damit nicht bloßstellen, aber mir kam eine andere Idee.
Zwölfmarkfünfzig war allerdings ganz schön viel. Mir gelang es, den Verkäufer auf elf Mark runterzuhandeln — und verzichtete auf das Eis.
Ich schlenderte mit meinen Schätzen zurück. Die Hertie-Tüte verstaute ich erst einmal im Schrank. Ziemlich laut machte ich Musik an und setzte einen Kaffee auf. Erst dann wandte ich mich dem Hörgerät zu. Den Ohrhörer fand ich eklig und warf ihn gleich in den Müll. Das Kabel musste ich abschneiden; denn es war fest mit dem Gerät verbunden. Ich ließ reichlich von den ummantelten Drähten übrig, um später einen anderen Kopfhörer anzuschließen.
Das Batteriefach war ziemlich vergammelt; mit der Nagelfeile meines Taschenmessers kratzte ich die kleinen Federn sauber, bis der Belag vollständig entfernt war.
Gut, dass ich eine passende Batterie vorrätig hatte, so konnte ich das Gerät gleich ausprobieren.
Mit dem Fingernagel isolierte ich die beiden Kabelenden des Kopfhörerkabels ab und dachte mir: "spart eine teure Abisolierzange, wenn man stabile Fingernägel hat!"
Rein behelfsmäßig fummelte ich die Kupferdrähte an den Stecker meines Ohrhörers und ärgerte mich, dass ich immer noch keinen besseren gekauft hatte.
Ich schaltete das Gerät ein, aber schon beim Einstellen der Lautstärke rutschten die feinen Drähte vom Stecker. Ausgebildete Elektroniker werden sich mit Schaudern abwenden, aber ich friemelte sie wieder am Stecker fest und fixierte sie dann mit Hansaplast, damit sie nicht wieder abrutschten.
Ich war überrascht, wie sehr sich die Wahrnehmbarkeit ganz leiser Töne schon bei meinen ersten Versuchen veränderte. Als ich das Fenster öffnete, wurde das leise Hintergrundrauschen des Verkehrs zu einem Donnergrollen.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Damit müsste sich doch etwas machen lassen?
Am nächsten Tag kaufte ich mir nach der Schule erst einmal einen vernünftigen Ohrhörer. Zuhause schnitt ich das Kabel in der Mitte durch und isolierte die Enden ab. Ich verlötete die Kabel mit den Kabeln des Hörgerätes und war froh, dass ich meinen kleinen Lötkolben immer noch hatte, "seit der Konfirmation", fiel mir ein. Vom Konfirmationsgeld hatte ich mir damals auch Werkzeuge gekauft, von denen ich einige nach Berlin mitgenommen hatte.
Mit Klebeband isolierte ich die Kabel wieder; denn ich durfte keinesfalls einen Kurzschluss riskieren. Ich wollte das gerade erworbene Gerät nicht zerstören, noch bevor ich es richtig ausprobiert hatte.
Es war erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung meiner Umgebungsgeräusche veränderte und wie präzise ich auf einmal vieles hören konnte, was ich vorher als "undefiniertes Geräusch" wahrgenommen hatte. Ich konnte sogar ein Gespräch in der Nachbarwohnung mithören, von dem ich ohne das Gerät nur Wortfetzen hätte hören können.
Ich hatte aber kein Interesse daran, meine Nachbarn abzuhören.
Das Hörgerät schaltete ich aus, um die Batterien zu schonen und legte es beiseite. Es war mal wieder Zeit für "laute Musik"; denn ich wollte mir die Beine rasieren und das musste nicht unbedingt jemand mitgebekommen.
Das Woodstock-Album sollte es mal wieder sein. So richtig in Schwung kam die Angelegenheit allerdings erst mit dem zweiten Lied, "GOING UP THE COUNTRY" mit Canned Heat.
Sehr viel Zeit "mit Musikbegleitung" war immer nicht — und ich verzichtete gern auf den relativ brutalen Einsatz des Plattenwechslers und legte per Hand auf. Eine LP-Seite kam in den meisten Fällen auf nicht viel mehr als zwanzig Minuten.
Ich war noch nicht ganz fertig, als Woodstock auf die letzte Rille wechselte. So durfte Janis Joplin anschließend auch noch kurz "PIECE OF MY HEART" in die Welt hinausschreien und sich dabei von Big Brother & Company begleiten lassen. Was für ein intensives Stück!
Das bot doch sogar etwas Abwechslung für die Abhörer, falls sie gerade im Einsatz waren.
Doch "wer solche Schweinereien macht, hat eigentlich nicht verdient, dass ich mir darüber Gedanken mache, dass er ein gutes und abwechslungsreiches Musikprogramm hat", fiel mir ein.
Die Rasur war ganz passabel ausgefallen.
Janis Joplin verstummte. Ich schaltete den Plattenspieler aus und das Radio an. "Seasons in the Sun", Terry Jacks erinnerte mich bei RIAS II daran, dass wir das Lied auf der Insel auch immer gehört hatten.
Ich machte mich zurecht, zog meine neu erworbenen Sachen an. Die Auspolsterung des BHs war der einzige Kritikpunkt, der mich wirklich störte. Mein Erscheinungsbild hatte sich vollkommen gewandelt.
Selbst meine etwas herben Gesichtszüge schienen etwas weicher auszufallen. "So würde Dich bestimmt nicht einmal Deine Großmutter erkennen", dachte ich mir dabei.
"UNDERGROUND 70 - THE SOUND OF THE SEVENTIES", ich wollte den Abhörern mal eine ausgefallenere Musik gönnen Vielleicht würde ich sogar gleich erfahren, wie sie darüber dachten.
Chicago Transit Authority legten los mit "Introduction", bevor der Geiger, der auf der Vorderseite abgebildet war, "Tired Of Waiting" mit seiner Band "THE FLOCK" intonierte.
Aber mir ging es nicht vordergründig um die Musik, sondern darum, möglichst leise die Wohnung zu verlassen. Den Scharnieren der Eingangstür hatte ich schon in den letzten Tagen immer mal wieder ein paar Tropfen Öl gegönnt, sodass sie nicht mehr quietschten. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass sie sich nun so leicht und geschmeidig bewegte. Die ersten Male fiel sie fast von allein ins Schloss.
Das wollte ich nun auf alle Fälle vermeiden. Das Schloss selbst war auch gut eingeölt.
Ich startete die Platte und regelte die Lautstärke so hoch, dass ich es gerade noch als "Zimmerlautstärke" bewertet hätte.
Nun hatte ich eine gute Viertelstunde Zeit.
Die Tür ließ ich nicht ins Schloss fallen, sondern hatte meinen Schlüssel hineingesteckt, ihn leicht nach rechts gedreht, sodass die Schließzunge sich ins Schloss zurückzog . Ganz vorsichtig zog ich die Tür zu und ließ erst dann den Schlüssel der Federkraft nachgeben, sodass die Zunge und Aufnahme sich an der gewünschten Stelle trafen.
Schnell, aber leise ging ich die Treppen hinab. Ich wählte wieder den Weg über das Nachbarhaus und war froh, dass die Mauer, die die beiden Höfe trennte, nicht besonders hoch war.
Ich wollte vermeiden durch "meine" Haustür ins Freie zu treten, die durch einen defekten Türschließer immer einen Höllenlärm machte. Wie oft hatten schon die Nachbarn geschimpft, die direkt über der Tür wohnten, aber bisher hatte sich an dem Zustand nichts geändert.
Ich stand vor dem T2, aber von ihm abgewandt. Das Hörgerät hatte ich in einer STERN-TÜTE untergebracht. Ich griff in die Tüte hinein, schaltete das Gerät ein und richtete es auf das Innere des Wagens. Tatsächlich: ganz leise konnte ich "Rosalie" von Appaloosa hören. Stimmen waren nicht zu vernehmen. Da war es auch schon Zeit für meine Rückkehr in die Wohnung; denn es war das vorletzte Stück — und das letzte war nur drei Minuten lang.
Ein Moped knatterte vorbei. Schnell schaltete ich das Hörgerät aus. Es verstärkte den Krach des kleinen 50 Kubik-Motors so immens, dass ich glaubte, mir würden die Ohren abfallen.
"Eigentlich ein gutes Gerät für diejenigen, die gern laut fahren", dachte ich mir, "dann müssen sie nicht den Auspuff anbohren.
Ich kam tatsächlich gerade in meine Wohnung zurück, als die letzten Takte zu hören waren.
"Knacks"; der Motor schaltete sich aus, da der Tonarm die innere Position erreicht hatte.
"Du wirst also abgehört" sagte ich zu mir selbst, "fragt sich nur, von wem und warum".
"Damit die Linke weiß, was die Rechte tut", warb der "Extradienst", aber der Satz war bestimmt auch umkehrbar, hatte aber mit mir nichts zu tun.
Am nächsten Tag kaufte ich mir nach der Schule erst einmal einen vernünftigen Ohrhörer. Zuhause schnitt ich das Kabel in der Mitte durch und isolierte die Enden ab. Ich verlötete die Kabel mit den Kabeln des Hörgerätes und war froh, dass ich meinen kleinen Lötkolben immer noch hatte, "seit der Konfirmation", fiel mir ein. Vom Konfirmationsgeld hatte ich mir damals auch Werkzeuge gekauft, von denen ich einige nach Berlin mitgenommen hatte.
Mit Klebeband isolierte ich die Kabel wieder; denn ich durfte keinesfalls einen Kurzschluss riskieren. Ich wollte das gerade erworbene Gerät nicht zerstören, noch bevor ich es richtig ausprobiert hatte.
Es war erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung meiner Umgebungsgeräusche veränderte und wie präzise ich auf einmal vieles hören konnte, was ich vorher als "undefiniertes Geräusch" wahrgenommen hatte. Ich konnte sogar ein Gespräch in der Nachbarwohnung mithören, von dem ich ohne das Gerät nur Wortfetzen hätte hören können.
Ich hatte aber kein Interesse daran, meine Nachbarn abzuhören.
Das Hörgerät schaltete ich aus, um die Batterien zu schonen und legte es beiseite. Es war mal wieder Zeit für "laute Musik"; denn ich wollte mir die Beine rasieren und das musste nicht unbedingt jemand mitgebekommen.
Das Woodstock-Album sollte es mal wieder sein. So richtig in Schwung kam die Angelegenheit allerdings erst mit dem zweiten Lied, "GOING UP THE COUNTRY" mit Canned Heat.
Sehr viel Zeit "mit Musikbegleitung" war immer nicht — und ich verzichtete gern auf den relativ brutalen Einsatz des Plattenwechslers und legte per Hand auf. Eine LP-Seite kam in den meisten Fällen auf nicht viel mehr als zwanzig Minuten.
Ich war noch nicht ganz fertig, als Woodstock auf die letzte Rille wechselte. So durfte Janis Joplin anschließend auch noch kurz "PIECE OF MY HEART" in die Welt hinausschreien und sich dabei von Big Brother & Company begleiten lassen. Was für ein intensives Stück!
Das bot doch sogar etwas Abwechslung für die Abhörer, falls sie gerade im Einsatz waren.
Doch "wer solche Schweinereien macht, hat eigentlich nicht verdient, dass ich mir darüber Gedanken mache, dass er ein gutes und abwechslungsreiches Musikprogramm hat", fiel mir ein.
Die Rasur war ganz passabel ausgefallen.
Janis Joplin verstummte. Ich schaltete den Plattenspieler aus und das Radio an. "Seasons in the Sun", Terry Jacks erinnerte mich bei RIAS II daran, dass wir das Lied auf der Insel auch immer gehört hatten.
Ich machte mich zurecht, zog meine neu erworbenen Sachen an. Die Auspolsterung des BHs war der einzige Kritikpunkt, der mich wirklich störte. Mein Erscheinungsbild hatte sich vollkommen gewandelt.
Selbst meine etwas herben Gesichtszüge schienen etwas weicher auszufallen. "So würde Dich bestimmt nicht einmal Deine Großmutter erkennen", dachte ich mir dabei.
"UNDERGROUND 70 - THE SOUND OF THE SEVENTIES", ich wollte den Abhörern mal eine ausgefallenere Musik gönnen Vielleicht würde ich sogar gleich erfahren, wie sie darüber dachten.
Chicago Transit Authority legten los mit "Introduction", bevor der Geiger, der auf der Vorderseite abgebildet war, "Tired Of Waiting" mit seiner Band "THE FLOCK" intonierte.
Aber mir ging es nicht vordergründig um die Musik, sondern darum, möglichst leise die Wohnung zu verlassen. Den Scharnieren der Eingangstür hatte ich schon in den letzten Tagen immer mal wieder ein paar Tropfen Öl gegönnt, sodass sie nicht mehr quietschten. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass sie sich nun so leicht und geschmeidig bewegte. Die ersten Male fiel sie fast von allein ins Schloss.
Das wollte ich nun auf alle Fälle vermeiden. Das Schloss selbst war auch gut eingeölt.
Ich startete die Platte und regelte die Lautstärke so hoch, dass ich es gerade noch als "Zimmerlautstärke" bewertet hätte.
Nun hatte ich eine gute Viertelstunde Zeit.
Die Tür ließ ich nicht ins Schloss fallen, sondern hatte meinen Schlüssel hineingesteckt, ihn leicht nach rechts gedreht, sodass die Schließzunge sich ins Schloss zurückzog . Ganz vorsichtig zog ich die Tür zu und ließ erst dann den Schlüssel der Federkraft nachgeben, sodass die Zunge und Aufnahme sich an der gewünschten Stelle trafen.
Schnell, aber leise ging ich die Treppen hinab. Ich wählte wieder den Weg über das Nachbarhaus und war froh, dass die Mauer, die die beiden Höfe trennte, nicht besonders hoch war.
Ich wollte vermeiden durch "meine" Haustür ins Freie zu treten, die durch einen defekten Türschließer immer einen Höllenlärm machte. Wie oft hatten schon die Nachbarn geschimpft, die direkt über der Tür wohnten, aber bisher hatte sich an dem Zustand nichts geändert.
Ich stand vor dem T2, aber von ihm abgewandt. Das Hörgerät hatte ich in einer STERN-TÜTE untergebracht. Ich griff in die Tüte hinein, schaltete das Gerät ein und richtete es auf das Innere des Wagens. Tatsächlich: ganz leise konnte ich "Rosalie" von Appaloosa hören. Stimmen waren nicht zu vernehmen. Da war es auch schon Zeit für meine Rückkehr in die Wohnung; denn es war das vorletzte Stück — und das letzte war nur drei Minuten lang.
Ein Moped knatterte vorbei. Schnell schaltete ich das Hörgerät aus. Es verstärkte den Krach des kleinen 50 Kubik-Motors so immens, dass ich glaubte, mir würden die Ohren abfallen.
"Eigentlich ein gutes Gerät für diejenigen, die gern laut fahren", dachte ich mir, "dann müssen sie nicht den Auspuff anbohren.
Ich kam tatsächlich gerade in meine Wohnung zurück, als die letzten Takte zu hören waren.
"Knacks"; der Motor schaltete sich aus, da der Tonarm die innere Position erreicht hatte.
"Du wirst also abgehört" sagte ich zu mir selbst, "fragt sich nur, von wem und warum".
"Damit die Linke weiß, was die Rechte tut", warb der "Extradienst", aber der Satz war bestimmt auch umkehrbar, hatte aber mit mir nichts zu tun.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Trotzdem wollte ich gerne herausfinden, wer diese Schweinerei ins Leben gerufen hatte und am Laufen hielt.
Ich war nicht der einzige Bewohner unserer Insel, der — aus welchem Grund auch immer — ins "berliner Exil" gezogen war. Einer meiner Motorrad-Kumpel hatte mit einem Studium begonnen, hatte aber auch sonst "viele Eisen im Feuer", sodass wir uns selten sahen. Ich wusste aber, dass ich mich im "Ernstfall" auf ihn verlassen konnte. Bei den Leuten aus meiner Klasse war ich mir nicht ganz so sicher, ob in meiner Angelegenheit das "Siegel der Verschwiegenheit" unbeschädigt bleiben würde.
Ich schrieb ihm einen Brief und hoffte, dass er regelmäßig in seinen Briefkasten gucken würde. Darauf musste ich mich verlassen; denn er hatte kein Telefon.
Mein Schreiben war kurz: "Treffen beim Seehasen zum Ølwechsel am Samstag, 15 Uhr".
Samstag war wirklich sehr schönes Ausflugswetter. Ich bereitete mich vor und zog meine Frauensachen an. Gern hätte ich auch mal Schuhe mit höheren Absätzen getragen, aber mit flacheren war ich flexibler und konnte, wenn es erforderlich sein sollte, schnell wegrennen. Da man mein Verschwinden nicht gleich bemerken sollte, ließ ich das Radio an, als ich mich auf den Weg machte. Samstags gab es auf RIAS II immer eine recht lang dauernde Wunschsendung, in der auch immer an "unsere Freunde in der DDR" gedacht wurde, "gedacht" im Sinne von "aussielen und nicht auf die Tittel quatschen"; denn es wurde sehnlichst auf "Futter zum Mitschneiden" gewartet und es würden auch an diesem Samstag wieder etliche Schätze mitgeschnitten werden.
Die Tür zog ich genau wie beim letzten Mal nur leicht ins Schloss.
Es stellte sich eine gewisse Routine ein, als ich wieder über die Mauer zum Nachbarhaus kletterte. Leider landete ich fast in den Armen des Hausmeisters, der genau so überrascht und erschrocken war wie ich. "Hoppla, junge Dame", er schien mich nicht gleich zu erkennen, meinte dann aber doch: "ach, Du bist es. Warum gehst Du nicht wie andere anständige Leute durch die Eingangstür?"
Ich erklärte ihm, dass ich keinen Wert darauf legte, durch MEINE Haustür ins Freie zu treten, sondern dass ich durchaus ein Interesse daran hatte, ungesehen ins Berliner Wochenendleben zu entwischen.
"Ja, Eifersucht ist eine schlimme Sache", meinte er dazu. Ich ließ ihm diesen Glauben, und als er fragte, "wer ist es denn?" gab ich ihm eine ausweichende Antwort.
Es war mir ganz recht, dass er eine falsche Vermutung hatte. Immerhin glaubte er sogar an die Notwendigkeit meiner Verkleidung.
"Du musst aber nicht über die Mauer springen", meinte er, "guck mal, hier ist eine Tür, zu der der liebe Hausmeister einen Schlüssel hat!"
Er grinste und hielt mir einen verrosteten Schlüssel vor die Nase, "der passt nicht nur hier, sondern auch noch für den nächsten Hof-Übergang!
Interesse?"
Natürlich hatte ich Interesse; denn wenn ich die Türen benutzen konnte, musste ich nicht über die Mauer klettern und würde auch nicht mehr in Gefahr laufen, meine Kleidung zu beschmutzen, ganz zu schweigen von dem Aufsehen, das ich erregte, wenn ich häufiger über die Mauer sprang.
"5 Mark", sagte er. Damit war ich sofort einverstanden. "Du kannst den hier nehmen, ich feile mir einen neuen zurecht!"
Schon war ich im Besitz des Schlüssels.
"Viel Spaß noch!" Er grinste breit.
"Danke, Dir auch!"
Ich sollte mich ein wenig sputen; denn hinunter zum Wannsee und dann zum Seehasen war es eine ganz schön weite Reise. Erst einmal musste ich mit der U-Bahn zur Station Krumme Lanke fahren, unterwegs sogar noch umsteigen.
Als ich endlich am Heckeshorn aus dem Bus der Linie 3 stieg, hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich wäre verreist.
Ob mein Kumpel es auch rechtzeitig geschafft hatte?
"Auf uns Inselkinder ist immer Verlass", dachte ich mir.
Ich konnte schon "den Löwen" sehen, der mir ein wenig fehlplatziert wirkte. Zwar hatte er einen schönen Blick über den Wannsee und er wird sich über die vielen badenden und segelnden Berliner gefreut haben, aber immer wieder glaubte ich eine Träne in seinen Augen zu sehen; denn eigentlich gehörte er in den Norden, um als Denkmal an den Sieg der königlich-dänischen Truppen über die deutschen Schleswig-Holsteiner in der Schlacht bei Idstedt zu erinnern.
Mein Kumpel hatte es tatsächlich geschafft und saß, den Blick auf das Wasser gerichtet, ziemlich weit unten auf einem der unbequemen Holz-Klappstühle. Er verweilte wohl schon länger dort und war ganz vertieft in das Beobachten einiger Segelschüler, die mit Laserjollen Kentern und Wiederaufrichten übten.
"Moin"
"Moin" er guckte weiter auf das Wasser.
Erst nach ein paar Augenblicken wandte er sich mir zu, "wie siehst Du denn aus, "¦bist Du etwa?"
"Nein, bin ich nicht!" (was immer ich auch sein sollte)
Ich setzte mich und zeigte auf Boote und die Segelschüler: "die gehen ganz schön ab, wenn gut Wind ist!"
"Ach", meinte er, "hier in dieser Badewanne? Wer gewohnt ist, einen Hobie durch die Brandung zu prügeln, der wird diesem Ententeich nicht viel abgewinnen!"
"Was darf es sein?" Beflissen stand eine junge Kellnerin vor uns.
"Ølwechsel?" fragte ich meinen Kumpel. Er nickte.
"Zwei Halbe bitte"
"Schultheiss oder Kindl?"
"Kindl"
"Kommt gleich!"
Nun war es an der Zeit, meinen Kumpel einzuweihen.
Zwischendurch guckte er immer wieder auf das Wasser und ich hatte meine Zweifel, ob der meinen Erzählungen folgen würde.
Die Wannseefähre tuckerte vorbei - in einem weiten Bogen in guter Entfernung; trotzdem machte sie Wellen und brachte das Wasser in dem kleinen Hafen durcheinander. Einer der Segelschüler verlor das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Mein Kumpel lachte. In aller Eile wurde ein Außenborder gestartet und ein Boot flitze hinaus zu den Segelschülern. Es kam zu spät; denn als es die Gruppe erreicht hatte, saß die schwimmwestentragende Gestalt schon wieder an der Pinne der Laserjolle.
Mein Kumpel Jan hatte schon alles richtig verstanden, obwohl er während meiner Erzählung meistens geschwiegen hatte.
"Bitte, der Herr und die Dame, zwei Kindl".
"Danke"
"Wenn ich Montag in die Schule fahre, könntest Du während meiner Abwesenheit nach der Wanze suchen", schlug ich ihm vor, "ich habe zwar mit dem Allwellenempfänger versucht, ihn zu peilen, aber bisher nicht gefunden. Er muss irgendwo stecken, wo er Verbindung zum Stromnetz hat, denn Batterien wären längst leer — und es war niemand in der Wohnung, der sie hätte auswechseln können, jedenfalls ist mir nicht aufgefallen, dass jemand in meiner Wohnung war".
Wir prosteten uns zu. "Und dann?" fragte er.
"Dann überlegen wir uns etwas", antwortete ich ihm, am besten treffen wir uns Montagabend um 18 Uhr in der Trulli".
Wir ließen uns das Bier schmecken — und als die Bedienung kam und kassieren wollte, antwortete ich in meiner charmanten Art und Weise: "gern zahlen wir"¦
"¦ wenn sie uns nicht nur die Rechnung, sondern auch gleich noch zwei Bier mitbringen!"
Damit war sie einverstanden.
Ich fummelte meinen zweiten Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbund, den ich erst am Tag zuvor dort in den Sicherungsring gezwängt hatte.
"Zu treuen Händen; die Haustür ist tagsüber meistens offen. Sonst musst Du ins Nachbarhaus und über die Mauer!" Wortlos nahm er den Schlüssel entgegen und verstaute ihn in seiner Geldbörse.
Ich bezahlte; dann machten wir uns auf den Rückweg. Der Bus wurde voll mit Ausflüglern. Alle erzählten von ihren Erlebnissen. Es wurde laut. Ein kleines Kind schlief trotzdem auf dem Schoß der Mutter gleich ein.
Am Wittenbergplatz trennten wir uns; mein Kumpel wollte noch ins Kino, ich aber wollte erst einmal in meine Wohnung. Schließlich lief das Radio schon stundenlang.
Der T2 stand immer noch vor unserem Haus; die schienen sehr geduldig zu sein. Ich hoffte, das Radioprogramm hatte ihnen Abwechslung verschafft.
Ich ging in das Nachbarhaus und wählte dieses Mal nicht den Weg über die Mauer, sondern durch die Tür.
Ungesehen erreichte ich meine Wohnung. Ich tat so, als hätte ich geschlafen und wäre nach Stunden aufgewacht. Ob mir das einer abnahm?
Den Sonntag vertrödelte ich. Gut, dass ich alleine war; denn sonst wäre es peinlich für mich geworden, aber mich konnte keiner sehen (davon ging ich jedenfalls aus).
Ich hatte mir die Penthouse-Hefte noch einmal angesehen. Eine ziemlich "gut ausgestattete" Frau lümmelte auf der Motorhaube eines Ford Mustang. "SHE NEEDS POWER" stand mitten im Bild.
Ich bewunderte ihren perfekt sitzenden BH und holte meinen aus dem Schlafzimmer und zog ihn an.
Ich stopfte ihn aus und guckte in den Spiegel. Zwar hatte ich mit dem Betrachten des Fotos und Wahrnehmen eines scheinbaren Idealzustandes die Messlatte ziemlich hoch gelegt, aber auch unter normalen Umständen musste ich jeden Vergleich scheuen; es sah wirklich nicht sehr passend aus. Dafür müsste es doch eine Lösung geben?
Ich stellte den Badezimmerspiegel schräg, um auch noch den Rest meines Körpers zu betrachten. "Ganz passabel", fiel mir dazu ein, aber "das mit dem BH muss besser werden!"
Montag ging ich "ganz normal" in die Schule. Ich machte sogar extra etwas Krach, um auf mich aufmerksam zu machen. Spätestens als die Haustür krachend und mit Gedonner ins Schloss fiel, nachdem sie vorher noch kreischend aufgeschrien hatte, musste wohl jeder im näheren Umkreis mitbekommen haben, dass ich das Haus verlassen hatte.
So sollte es auch sein.
Dem Unterricht konnte ich kaum folgen; denn ich fieberte dem Abend entgegen.
Kurz vor 18 Uhr stand ich vor der Pizzeria, in der wir uns verabredet hatten. Vorher war ich nicht in meiner Wohnung gewesen. Gneisenaustraße — Ecke Mehringdamm. Ich musste von der U-Bahn nicht weit laufen, war trotzdem ganz außer Atem, weil ich fast gerannt war.
Von meinem Kumpel Jan war nichts zu sehen, also ging ich hinein. Auch dort war er nicht. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch und bestellte erst einmal ein Bier. Die Speisekarte legte ich beiseite und sagte dem Kellner, ich würde noch jemanden erwarten und später etwas bestellen.
Endlich kam Jan. Er steuerte gleich auf meinen Tisch zu.
"In der Lampe!"
"Eigenartige Begrüßung", dachte ich mir, war ich doch von ihm ein knappes "moin" gewöhnt.
"Moin erst einmal, die Wanze ist in der Lampe!"
Er war sichtlich froh über seine erfolgreiche Detektivarbeit.
"Auf dem Schreibtisch steht Deine Lampe mit einem langen Schwanenhals, die hat einen ziemlich stabilen Fuß", fuhr er fort, "in dem haben sie einen kleinen Sender untergebracht. Strom haben sie vor dem Schalter abgegriffen. Ein winziger Trafo ist drinnen, ein Gleichrichter, Spannungsregler"¦
"¦feine und filigrane Arbeit, alle Achtung!"
Der Kellner brachte mein Bier. Jan bestellte sich auch eines. Es war unnötig, uns darauf hinzuweisen, dass die Gäste nicht nur trinken sollten. Wir hatten beide einen Bärenhunger und bestellten uns "Familienpizza, extra groß".
Im Laufe des Abends entwickelten wir Ideen, wie wir die neu gewonnenen Informationen am besten umsetzen konnten. Uns kamen die wildesten Einfälle.
"Wir könnten uns in Deiner Wohnung darüber unterhalten, dass vor dem Haus ein Abhörwagen steht und dass wir den hochgehen lassen", meinte Jan, "was meinst Du, wie schnell die in Schwung kommen".
"Wir könnten auch gezielt Gerüchte verbreiten", antwortete ich.
"Gerüche? Bei den vielen Zwiebeln auf der Pizza wird das kein Probleme sein!"
"GerüchTE, zum Beispiel, dass wir uns aufmachen in die Skalitzer Straße, wo heute ein Haus besetzt werden soll!"
"Tatsächlich?"
"Nein, nicht, dass ich wüsste — aber das wäre doch ein nettes Gerücht, das sie auch in Schwung bringen würde!"
So ging es bestimmt ein Stunde hin und her und mit jedem Bier wurden wir ausgelassener. Sogar relativ gefährliche Aktionen fielen uns ein.
Doch die allergenialste Idee nannte Jan zum Schluss. Die hatte er wohl schon länger in petto, wollte aber die Vorfreude genießen.
"Wir verschenken die Lampe", meinte er trocken.
"Darauf hätte ich auch kommen können", entgegnete ich, "oder wegwerfen?!
Dir soll ich sie bestimmt schenken" — halb gefragt und halb so dahingeworfen.
"Nein, wir verschenken sie ziel- und bedarfsgerecht!"
"Äh? Bedarfsgerecht? Haben Sie etwas getrunken? Sie reden doch sonst nicht so geschwollen", fragte ich ihn.
"Natürlich bedarfsgerecht und zielgerecht" wiederholte er, ohne auf meine Frage einzugehen, "Du ahnst nicht, wer in unserem Spanisch-Kurs ist!"
Nein, das ahnte ich wirklich nicht.
"Na, Sybille!" Ich kannte keine Sybille und gab ihm das auch deutlich zu verstehen.
"Sybille ist die Freundin von Karla".
Das sagte mir immer noch nichts, ich kannte auch keine Karla.
"Karla hat doch beim Neubauer auf der Etage angefangen als Schreibkraft!"
"Ich kenne auch keinen Neubauer!"
"Habt ihr nicht Politik als Fach?"
"Ja, aber da haben wir gerade Marx und Engels und nicht Neubauer und Karla".
"Neubauer ist Innensenator!"
"Und dem willst Du die Lampe schenken?"
"Nein, aber Karla, denn die hat sich darüber beschwert, dass sie als Aushilfskraft wirklich das letzte Büro bekommen hat. Es ist schäbig, fast leer und Sybille hat schon gefragt, ob nicht jemand ein paar Sachen für sie übrig hat, um es gemütlicher zu machen: Pflanzen, ein kleines Radio, vielleicht eine schöne Lampe!"
"Damit können wir dienen", ich fand den Einfall glänzend. Ich wäre wahrscheinlich die Leute los, die mich abhörten — und wenn das eines Tages ans Licht käme: eine Wanze in der Umgebung des Innensenators, das hätte was!"
Mit einem Grappa besiegelten wir den Deal.
Jan sollte am nächsten Tag wieder, während ich in der Schule war, in meine Wohnung gehen und die Lampe holen.
Es wurde auch Zeit, wieder etwas Privatsphäre zu gewinnen; denn eine Postkarte fiel aus dem Briefkasten, als ich ihn Mittwoch öffnete.
Freitag, 17 Uhr 50 Bahnhof Zoo; es wäre nett, wenn Du mich abholst.
Stimmt — Antje wollte kommen.
Ich war nicht der einzige Bewohner unserer Insel, der — aus welchem Grund auch immer — ins "berliner Exil" gezogen war. Einer meiner Motorrad-Kumpel hatte mit einem Studium begonnen, hatte aber auch sonst "viele Eisen im Feuer", sodass wir uns selten sahen. Ich wusste aber, dass ich mich im "Ernstfall" auf ihn verlassen konnte. Bei den Leuten aus meiner Klasse war ich mir nicht ganz so sicher, ob in meiner Angelegenheit das "Siegel der Verschwiegenheit" unbeschädigt bleiben würde.
Ich schrieb ihm einen Brief und hoffte, dass er regelmäßig in seinen Briefkasten gucken würde. Darauf musste ich mich verlassen; denn er hatte kein Telefon.
Mein Schreiben war kurz: "Treffen beim Seehasen zum Ølwechsel am Samstag, 15 Uhr".
Samstag war wirklich sehr schönes Ausflugswetter. Ich bereitete mich vor und zog meine Frauensachen an. Gern hätte ich auch mal Schuhe mit höheren Absätzen getragen, aber mit flacheren war ich flexibler und konnte, wenn es erforderlich sein sollte, schnell wegrennen. Da man mein Verschwinden nicht gleich bemerken sollte, ließ ich das Radio an, als ich mich auf den Weg machte. Samstags gab es auf RIAS II immer eine recht lang dauernde Wunschsendung, in der auch immer an "unsere Freunde in der DDR" gedacht wurde, "gedacht" im Sinne von "aussielen und nicht auf die Tittel quatschen"; denn es wurde sehnlichst auf "Futter zum Mitschneiden" gewartet und es würden auch an diesem Samstag wieder etliche Schätze mitgeschnitten werden.
Die Tür zog ich genau wie beim letzten Mal nur leicht ins Schloss.
Es stellte sich eine gewisse Routine ein, als ich wieder über die Mauer zum Nachbarhaus kletterte. Leider landete ich fast in den Armen des Hausmeisters, der genau so überrascht und erschrocken war wie ich. "Hoppla, junge Dame", er schien mich nicht gleich zu erkennen, meinte dann aber doch: "ach, Du bist es. Warum gehst Du nicht wie andere anständige Leute durch die Eingangstür?"
Ich erklärte ihm, dass ich keinen Wert darauf legte, durch MEINE Haustür ins Freie zu treten, sondern dass ich durchaus ein Interesse daran hatte, ungesehen ins Berliner Wochenendleben zu entwischen.
"Ja, Eifersucht ist eine schlimme Sache", meinte er dazu. Ich ließ ihm diesen Glauben, und als er fragte, "wer ist es denn?" gab ich ihm eine ausweichende Antwort.
Es war mir ganz recht, dass er eine falsche Vermutung hatte. Immerhin glaubte er sogar an die Notwendigkeit meiner Verkleidung.
"Du musst aber nicht über die Mauer springen", meinte er, "guck mal, hier ist eine Tür, zu der der liebe Hausmeister einen Schlüssel hat!"
Er grinste und hielt mir einen verrosteten Schlüssel vor die Nase, "der passt nicht nur hier, sondern auch noch für den nächsten Hof-Übergang!
Interesse?"
Natürlich hatte ich Interesse; denn wenn ich die Türen benutzen konnte, musste ich nicht über die Mauer klettern und würde auch nicht mehr in Gefahr laufen, meine Kleidung zu beschmutzen, ganz zu schweigen von dem Aufsehen, das ich erregte, wenn ich häufiger über die Mauer sprang.
"5 Mark", sagte er. Damit war ich sofort einverstanden. "Du kannst den hier nehmen, ich feile mir einen neuen zurecht!"
Schon war ich im Besitz des Schlüssels.
"Viel Spaß noch!" Er grinste breit.
"Danke, Dir auch!"
Ich sollte mich ein wenig sputen; denn hinunter zum Wannsee und dann zum Seehasen war es eine ganz schön weite Reise. Erst einmal musste ich mit der U-Bahn zur Station Krumme Lanke fahren, unterwegs sogar noch umsteigen.
Als ich endlich am Heckeshorn aus dem Bus der Linie 3 stieg, hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich wäre verreist.
Ob mein Kumpel es auch rechtzeitig geschafft hatte?
"Auf uns Inselkinder ist immer Verlass", dachte ich mir.
Ich konnte schon "den Löwen" sehen, der mir ein wenig fehlplatziert wirkte. Zwar hatte er einen schönen Blick über den Wannsee und er wird sich über die vielen badenden und segelnden Berliner gefreut haben, aber immer wieder glaubte ich eine Träne in seinen Augen zu sehen; denn eigentlich gehörte er in den Norden, um als Denkmal an den Sieg der königlich-dänischen Truppen über die deutschen Schleswig-Holsteiner in der Schlacht bei Idstedt zu erinnern.
Mein Kumpel hatte es tatsächlich geschafft und saß, den Blick auf das Wasser gerichtet, ziemlich weit unten auf einem der unbequemen Holz-Klappstühle. Er verweilte wohl schon länger dort und war ganz vertieft in das Beobachten einiger Segelschüler, die mit Laserjollen Kentern und Wiederaufrichten übten.
"Moin"
"Moin" er guckte weiter auf das Wasser.
Erst nach ein paar Augenblicken wandte er sich mir zu, "wie siehst Du denn aus, "¦bist Du etwa?"
"Nein, bin ich nicht!" (was immer ich auch sein sollte)
Ich setzte mich und zeigte auf Boote und die Segelschüler: "die gehen ganz schön ab, wenn gut Wind ist!"
"Ach", meinte er, "hier in dieser Badewanne? Wer gewohnt ist, einen Hobie durch die Brandung zu prügeln, der wird diesem Ententeich nicht viel abgewinnen!"
"Was darf es sein?" Beflissen stand eine junge Kellnerin vor uns.
"Ølwechsel?" fragte ich meinen Kumpel. Er nickte.
"Zwei Halbe bitte"
"Schultheiss oder Kindl?"
"Kindl"
"Kommt gleich!"
Nun war es an der Zeit, meinen Kumpel einzuweihen.
Zwischendurch guckte er immer wieder auf das Wasser und ich hatte meine Zweifel, ob der meinen Erzählungen folgen würde.
Die Wannseefähre tuckerte vorbei - in einem weiten Bogen in guter Entfernung; trotzdem machte sie Wellen und brachte das Wasser in dem kleinen Hafen durcheinander. Einer der Segelschüler verlor das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Mein Kumpel lachte. In aller Eile wurde ein Außenborder gestartet und ein Boot flitze hinaus zu den Segelschülern. Es kam zu spät; denn als es die Gruppe erreicht hatte, saß die schwimmwestentragende Gestalt schon wieder an der Pinne der Laserjolle.
Mein Kumpel Jan hatte schon alles richtig verstanden, obwohl er während meiner Erzählung meistens geschwiegen hatte.
"Bitte, der Herr und die Dame, zwei Kindl".
"Danke"
"Wenn ich Montag in die Schule fahre, könntest Du während meiner Abwesenheit nach der Wanze suchen", schlug ich ihm vor, "ich habe zwar mit dem Allwellenempfänger versucht, ihn zu peilen, aber bisher nicht gefunden. Er muss irgendwo stecken, wo er Verbindung zum Stromnetz hat, denn Batterien wären längst leer — und es war niemand in der Wohnung, der sie hätte auswechseln können, jedenfalls ist mir nicht aufgefallen, dass jemand in meiner Wohnung war".
Wir prosteten uns zu. "Und dann?" fragte er.
"Dann überlegen wir uns etwas", antwortete ich ihm, am besten treffen wir uns Montagabend um 18 Uhr in der Trulli".
Wir ließen uns das Bier schmecken — und als die Bedienung kam und kassieren wollte, antwortete ich in meiner charmanten Art und Weise: "gern zahlen wir"¦
"¦ wenn sie uns nicht nur die Rechnung, sondern auch gleich noch zwei Bier mitbringen!"
Damit war sie einverstanden.
Ich fummelte meinen zweiten Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbund, den ich erst am Tag zuvor dort in den Sicherungsring gezwängt hatte.
"Zu treuen Händen; die Haustür ist tagsüber meistens offen. Sonst musst Du ins Nachbarhaus und über die Mauer!" Wortlos nahm er den Schlüssel entgegen und verstaute ihn in seiner Geldbörse.
Ich bezahlte; dann machten wir uns auf den Rückweg. Der Bus wurde voll mit Ausflüglern. Alle erzählten von ihren Erlebnissen. Es wurde laut. Ein kleines Kind schlief trotzdem auf dem Schoß der Mutter gleich ein.
Am Wittenbergplatz trennten wir uns; mein Kumpel wollte noch ins Kino, ich aber wollte erst einmal in meine Wohnung. Schließlich lief das Radio schon stundenlang.
Der T2 stand immer noch vor unserem Haus; die schienen sehr geduldig zu sein. Ich hoffte, das Radioprogramm hatte ihnen Abwechslung verschafft.
Ich ging in das Nachbarhaus und wählte dieses Mal nicht den Weg über die Mauer, sondern durch die Tür.
Ungesehen erreichte ich meine Wohnung. Ich tat so, als hätte ich geschlafen und wäre nach Stunden aufgewacht. Ob mir das einer abnahm?
Den Sonntag vertrödelte ich. Gut, dass ich alleine war; denn sonst wäre es peinlich für mich geworden, aber mich konnte keiner sehen (davon ging ich jedenfalls aus).
Ich hatte mir die Penthouse-Hefte noch einmal angesehen. Eine ziemlich "gut ausgestattete" Frau lümmelte auf der Motorhaube eines Ford Mustang. "SHE NEEDS POWER" stand mitten im Bild.
Ich bewunderte ihren perfekt sitzenden BH und holte meinen aus dem Schlafzimmer und zog ihn an.
Ich stopfte ihn aus und guckte in den Spiegel. Zwar hatte ich mit dem Betrachten des Fotos und Wahrnehmen eines scheinbaren Idealzustandes die Messlatte ziemlich hoch gelegt, aber auch unter normalen Umständen musste ich jeden Vergleich scheuen; es sah wirklich nicht sehr passend aus. Dafür müsste es doch eine Lösung geben?
Ich stellte den Badezimmerspiegel schräg, um auch noch den Rest meines Körpers zu betrachten. "Ganz passabel", fiel mir dazu ein, aber "das mit dem BH muss besser werden!"
Montag ging ich "ganz normal" in die Schule. Ich machte sogar extra etwas Krach, um auf mich aufmerksam zu machen. Spätestens als die Haustür krachend und mit Gedonner ins Schloss fiel, nachdem sie vorher noch kreischend aufgeschrien hatte, musste wohl jeder im näheren Umkreis mitbekommen haben, dass ich das Haus verlassen hatte.
So sollte es auch sein.
Dem Unterricht konnte ich kaum folgen; denn ich fieberte dem Abend entgegen.
Kurz vor 18 Uhr stand ich vor der Pizzeria, in der wir uns verabredet hatten. Vorher war ich nicht in meiner Wohnung gewesen. Gneisenaustraße — Ecke Mehringdamm. Ich musste von der U-Bahn nicht weit laufen, war trotzdem ganz außer Atem, weil ich fast gerannt war.
Von meinem Kumpel Jan war nichts zu sehen, also ging ich hinein. Auch dort war er nicht. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch und bestellte erst einmal ein Bier. Die Speisekarte legte ich beiseite und sagte dem Kellner, ich würde noch jemanden erwarten und später etwas bestellen.
Endlich kam Jan. Er steuerte gleich auf meinen Tisch zu.
"In der Lampe!"
"Eigenartige Begrüßung", dachte ich mir, war ich doch von ihm ein knappes "moin" gewöhnt.
"Moin erst einmal, die Wanze ist in der Lampe!"
Er war sichtlich froh über seine erfolgreiche Detektivarbeit.
"Auf dem Schreibtisch steht Deine Lampe mit einem langen Schwanenhals, die hat einen ziemlich stabilen Fuß", fuhr er fort, "in dem haben sie einen kleinen Sender untergebracht. Strom haben sie vor dem Schalter abgegriffen. Ein winziger Trafo ist drinnen, ein Gleichrichter, Spannungsregler"¦
"¦feine und filigrane Arbeit, alle Achtung!"
Der Kellner brachte mein Bier. Jan bestellte sich auch eines. Es war unnötig, uns darauf hinzuweisen, dass die Gäste nicht nur trinken sollten. Wir hatten beide einen Bärenhunger und bestellten uns "Familienpizza, extra groß".
Im Laufe des Abends entwickelten wir Ideen, wie wir die neu gewonnenen Informationen am besten umsetzen konnten. Uns kamen die wildesten Einfälle.
"Wir könnten uns in Deiner Wohnung darüber unterhalten, dass vor dem Haus ein Abhörwagen steht und dass wir den hochgehen lassen", meinte Jan, "was meinst Du, wie schnell die in Schwung kommen".
"Wir könnten auch gezielt Gerüchte verbreiten", antwortete ich.
"Gerüche? Bei den vielen Zwiebeln auf der Pizza wird das kein Probleme sein!"
"GerüchTE, zum Beispiel, dass wir uns aufmachen in die Skalitzer Straße, wo heute ein Haus besetzt werden soll!"
"Tatsächlich?"
"Nein, nicht, dass ich wüsste — aber das wäre doch ein nettes Gerücht, das sie auch in Schwung bringen würde!"
So ging es bestimmt ein Stunde hin und her und mit jedem Bier wurden wir ausgelassener. Sogar relativ gefährliche Aktionen fielen uns ein.
Doch die allergenialste Idee nannte Jan zum Schluss. Die hatte er wohl schon länger in petto, wollte aber die Vorfreude genießen.
"Wir verschenken die Lampe", meinte er trocken.
"Darauf hätte ich auch kommen können", entgegnete ich, "oder wegwerfen?!
Dir soll ich sie bestimmt schenken" — halb gefragt und halb so dahingeworfen.
"Nein, wir verschenken sie ziel- und bedarfsgerecht!"
"Äh? Bedarfsgerecht? Haben Sie etwas getrunken? Sie reden doch sonst nicht so geschwollen", fragte ich ihn.
"Natürlich bedarfsgerecht und zielgerecht" wiederholte er, ohne auf meine Frage einzugehen, "Du ahnst nicht, wer in unserem Spanisch-Kurs ist!"
Nein, das ahnte ich wirklich nicht.
"Na, Sybille!" Ich kannte keine Sybille und gab ihm das auch deutlich zu verstehen.
"Sybille ist die Freundin von Karla".
Das sagte mir immer noch nichts, ich kannte auch keine Karla.
"Karla hat doch beim Neubauer auf der Etage angefangen als Schreibkraft!"
"Ich kenne auch keinen Neubauer!"
"Habt ihr nicht Politik als Fach?"
"Ja, aber da haben wir gerade Marx und Engels und nicht Neubauer und Karla".
"Neubauer ist Innensenator!"
"Und dem willst Du die Lampe schenken?"
"Nein, aber Karla, denn die hat sich darüber beschwert, dass sie als Aushilfskraft wirklich das letzte Büro bekommen hat. Es ist schäbig, fast leer und Sybille hat schon gefragt, ob nicht jemand ein paar Sachen für sie übrig hat, um es gemütlicher zu machen: Pflanzen, ein kleines Radio, vielleicht eine schöne Lampe!"
"Damit können wir dienen", ich fand den Einfall glänzend. Ich wäre wahrscheinlich die Leute los, die mich abhörten — und wenn das eines Tages ans Licht käme: eine Wanze in der Umgebung des Innensenators, das hätte was!"
Mit einem Grappa besiegelten wir den Deal.
Jan sollte am nächsten Tag wieder, während ich in der Schule war, in meine Wohnung gehen und die Lampe holen.
Es wurde auch Zeit, wieder etwas Privatsphäre zu gewinnen; denn eine Postkarte fiel aus dem Briefkasten, als ich ihn Mittwoch öffnete.
Freitag, 17 Uhr 50 Bahnhof Zoo; es wäre nett, wenn Du mich abholst.
Stimmt — Antje wollte kommen.
-
Anni
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 816
- Registriert: Mo 20. Jul 2009, 20:09
- Pronomen:
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 0
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Hallo Anne-Mette
... nun kommt die SACHE ja richtig in Schwung
---- DANKE !
LG von frecher Anni
... nun kommt die SACHE ja richtig in Schwung
LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 27183
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 193 Mal
- Danksagung erhalten: 2189 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Die Aktion wegen der Beseitigung der Lampe schien gut geklappt zu haben; denn als ich am nächsten Nachmittag in meine Wohnung zurückkehrte, war sie verschwunden. Der T2 stand auch nicht mehr vor dem Haus. Ich war schon gespannt, welchen Reim "die" sich darauf machen würden.
Ein wenig ärgerlich war ich auf Jan. Er hatte den Wohnungsschlüssel einfach auf den Küchentisch gelegt, die Tür zugezogen und nicht abgeschlossen.
In den nächsten Tagen hörte ich gespannt Nachrichten und erwartete fast eine Schlagzeile der BZ: "Wanze im näheren Umkreis des Innensenators gefunden!"
Aber erst einmal passierte nichts.
Ich räumte meine Bude auf und immer wieder graste ich mit dem Allwellenempfänger sämtliche in Frage kommenden Frequenzbereiche ab, was jedes Mal sehr lange dauerte; aber ich konnte keine Signale einer neuen Wanze einfangen. Das beruhigte mich ein wenig, aber ein ganz leises "ungutes Gefühl" blieb.
Gut, dass wir Freitag früher Schluss hatten, so konnte ich einen schönen Strauß Blumen kaufen, bevor ich überpünktlich auf dem Bahnsteig stand, um Antje abzuholen. Der Zug fuhr nach wenigen Minuten in den Bahnhof ein. Wäre er nicht so laut gewesen, hätte man von "schleichen" sprechen können; denn die Lokomotive bewegte sich wie ein Marathonläufer auf den letzten Metern.
Dann sah ich sie — und sie hatte mich auch gleich entdeckt! Ich winkte ihr zu; ein Willkommensruf blieb mir im Halse stecken.
Sie ließ ihren schweren Koffer förmlich fallen und rannte auf mich zu. Sie sprang mir in die Arme und ich muss wohl in dem Moment wegen dieses "Überfalls" etwas überrascht geguckt haben. So überschwänglich kannte ich sie schließlich nicht.
"Freust Du Dich etwa überhaupt nicht?"
"Doch, natürlich — und wie!"
Ich nahm sie endlich richtig in die Arme.
"Lass uns mal lieber den Koffer holen", sagte ich nach einer weiteren innigen Umarmung und 1000 Küssen, "hier muss man vorsichtig sein!"
Stimmt — jemand hatte den Koffer wohl schon "im Blick". Mein grimmiger Gesichtsausdruck zeigte ihm jedoch, dass ich auch ihn im Visier hatte. Er wandte sich ab und hoffte vermutlich auf eine andere und bessere Gelegenheit.
Ich hätte fast vergessen, die Blumen zu übergeben.
"Hast Du Steine im Koffer?"
Selbst mir war er fast zu schwer und ich musste richtig schleppen und fürchtete, der Griff würde abreißen, "wie hast Du den denn tragen können?"
"Ich habe mir helfen lassen!"
Antje staunte, dass wir sofort eine U-Bahn in unsere Richtung erwischten und dass es mit dem Umsteigen genauso gut klappte.
Es war nicht weit von der U-Bahn bis zu "meiner" Schleiermacher; trotzdem musste ich den Koffer auf unserem kurzen Weg mehrmals absetzen und ein paar Minuten pausieren. "Schade, dass es keine Koffer mit Rädern drunter gibt", dachte ich mir.
Fast geschafft — und kein T2 vor dem Haus. Mein Herz jubelte. Trotzdem stellte ich mir die Frage: "was will Antje hier, macht sie einfach nur einen Berlinbesuch?"
Nun noch den schweren Koffer die Treppen hochschleppen, aber auch das brachten wir hinter uns.
Wir hatten noch nicht ganz die Tür geschlossen, da fiel sie mir in die Arme.
Eine völlig entfesselte, wilde Knutscherei. Wie von einer magischen Kraft gelenkt stand sie schließlich vor dem Bett, mir zugewandt. Sie ließ sich auf das Bett fallen und zog mich mit zu sich hinunter.
Wir tobten wie die Kinder.
Schließlich beförderte sie unter ihrem Rock einen bunten Slip hervor und warf ihn von sich. Sie öffnete den Knopf meiner Jeans und versuchte, mir die Hose von den Beinen zu ziehen.
Ich musste helfen; die Hose war eng — und war mir zu eng geworden.
Sie setzte sich auf mich und begann zu reiten. Sie war so nass, dass es "schmatzte".
"Ich habe keine Kondome im Haus".
Sie hielt mir den Mund zu: "psst".
"Dein Freund!"
"Psst".
"Du hast doch gesagt"¦".
Weiter kam ich nicht.
"Kannst Du endlich mal aufhören mit dem Gerede? Wir unterhalten uns schon noch!"
Ich schwieg endlich"¦
"¦ und genoss.
Danach waren wir beide ermattet und dösten kurz ein.
Als wir aufwachten, schmiegte sie sich an mich und griff mir an den (ich glaube, das sagt man hier im Forum nicht so deutlich).
Wir waren wie ausgehungert, merkten nicht, wie die Zeit verging.
Schließlich meldete sich auch noch "der andere Hunger".
Für die Pizzeria war es fast zu spät, aber warum nicht zum Savigny-Platz fahren; da und im Umkreis hatte immer jemand auf.
Wir zogen uns an — und schon waren wir im berliner Nachtleben verschwunden.
Antje staunte immer noch, wir kurz die Wartezeit auf die nächste U-Bahn war. "Hier könnte ich den ganzen Tag umherfahren", meinte sie, "bei uns fährt der Bus nur drei Mal am Tag!"
Sie staunte auch über das Lichtermeer und die vielen Leute, die noch unterwegs waren.
Wir hatten Lust auf "Handpizza" — und dazu ein Bier.
"Zweimal Pizza Salami?!" meinte der Mann, der IMMER eine Zigarette im Mund hatte.
"Salami" war mit "*" versehen und unten auf der Karte stand als Erklärung "Plockwurst".
"Bier dazu?"
"Ja"
"Drei Mark achtzig"
Ich gab ihm zwei Zweimarkstücke, "stimmt so!"
Wir aßen "Pizza für ne Mark", tranken aus der Flasche — und fühlten uns wie die Könige.
Antje nahm mich in den Arm und gab mir einen Kuss, der nach Bier und Pizza schmeckte.
Es war nicht weit zum Quasimodo.
"Hast Du Lust auf einen kleinen Spaziergang und danach etwas Musik?"
Ich hakte mich bei ihr unter und wir machten uns auf den Weg.
"Ist es weit?"
"Nein, nur ein Stück die Kantstraße hinunter".
Wir kamen umsonst rein; denn es war schon spät.
Durch den dichten Rauch konnte man nicht viel sehen, aber die Wellen der Begeisterung schlugen hoch — die Band war schon bei der Zugabe.
Ich zeigte auf ein Plakat: "Da sollten wir nächste Woche hingehen, Queen Yahna spielt hier!"
Es kam einer vorbei mit einem runden Tablett mit vollen Biergläsern. Ich hielt ihm am Ärmel fest und brüllte gegen den Lärm an: "ich nehme zwei!"
Als wir ausgetrunken hatten, machte die Band Feierabend. Der Jazzkeller leerte sich langsam.
Wir erwischten die letzte U-Bahn.
Antje kam gerade aus der Dusche und setzte sich an den Frühstückstisch.
Ich wollte sie gerade etwas fragen, aber ohne etwas kaputtzumachen und suchte krampfhaft nach einem Anfang. Sie schien meine Gedanken erraten zu haben; denn sie begann:
"Mit meinem Freund ist es aus. Als er mit dem Schiff in Vancouver war, hat er eine Eskimöse kennengelernt. Kanada war schon immer sein Traum — und mit seinem ersparten Geld von den Fahrten haben sie sich ein schönes Grundstück gekauft, er und seine Eskimöse. Sie rümpfte die Nase: "soll er glücklich werden mit seinem Fischweib!"
So ganz schien sie die Trennung noch nicht verarbeitet zu haben, sie guckte richtig böse.
Dann wurde ihr Gesichtsausdruck wieder weicher, "bleiben der Koffer und die Verhütung".
Sie machte es kurz: "ich habe mir die Pille verschreiben lassen; wir können also"¦
"¦ und der Koffer ist randvoll mit meinen Sachen; ich werde auch nach Berlin ziehen. Meine Wohnung habe ich untervermietet, so konnten die Möbel drinnen bleiben und ein paar Sachen.
Ich suche mir hier eine Arbeit oder ich werde noch einmal studieren".
Das war eine Überraschung.
"Zu klein" — meine Alarmglocken schrillten. Auf Dauer war die Wohnung für zwei Leute nicht geeignet. Auch hatte ich eigentlich vorgehabt, in die WG einzuziehen.
Ich sah meine "Freiheit" in Gefahr, aber war es wirklich Freiheit gewesen, was ich erlebt hatte?
"In den nächsten Tagen gehe ich zum Arbeitsamt — und nach einer Wohnung muss ich auch gucken."
sie schien meine Gedanken erraten zu haben.
"Aber erst einmal haben wir ein paar Tage Spaß!"
Gegen Spaß war nichts einzuwenden; aber ich stellte mir die Frage, wie sich meine "ungeklärten Verhältnisse" entwickeln würden.
Würden "die" nach dem Verschwinden der Lampe so einfach aufgeben, oder hatten sie schon aufgegeben?
"Bis Du etwas gefunden hast, kannst Du gerne hier wohnen", sagte ich und fügte hinzu: "ich würde mich freuen!
Damit Du auch mal ein wenig Erholung von mir hast, kannst Du die Wohnung bald ein paar Tage für Dich allein haben; denn ich gehe auf Klassenfahrt!"
Wir zogen uns an und gingen auf den Markt. Wir wollten zusammen kochen.
Noch vor dem Eingang trafen wir Jan, der die selbe Idee gehabt hatte. "Karla lässt Dankesgrüße ausrichten", rief er mir zu.
"Wer ist Karla?" Antje guckte fragend.
"Ach, eine Bekannte".
"Und sie ist Dir dankbar? Wofür?"
""¦ eine Lampe..geschenkt!"
Der Rest ging in meinem Gelächter unter.
Ein wenig ärgerlich war ich auf Jan. Er hatte den Wohnungsschlüssel einfach auf den Küchentisch gelegt, die Tür zugezogen und nicht abgeschlossen.
In den nächsten Tagen hörte ich gespannt Nachrichten und erwartete fast eine Schlagzeile der BZ: "Wanze im näheren Umkreis des Innensenators gefunden!"
Aber erst einmal passierte nichts.
Ich räumte meine Bude auf und immer wieder graste ich mit dem Allwellenempfänger sämtliche in Frage kommenden Frequenzbereiche ab, was jedes Mal sehr lange dauerte; aber ich konnte keine Signale einer neuen Wanze einfangen. Das beruhigte mich ein wenig, aber ein ganz leises "ungutes Gefühl" blieb.
Gut, dass wir Freitag früher Schluss hatten, so konnte ich einen schönen Strauß Blumen kaufen, bevor ich überpünktlich auf dem Bahnsteig stand, um Antje abzuholen. Der Zug fuhr nach wenigen Minuten in den Bahnhof ein. Wäre er nicht so laut gewesen, hätte man von "schleichen" sprechen können; denn die Lokomotive bewegte sich wie ein Marathonläufer auf den letzten Metern.
Dann sah ich sie — und sie hatte mich auch gleich entdeckt! Ich winkte ihr zu; ein Willkommensruf blieb mir im Halse stecken.
Sie ließ ihren schweren Koffer förmlich fallen und rannte auf mich zu. Sie sprang mir in die Arme und ich muss wohl in dem Moment wegen dieses "Überfalls" etwas überrascht geguckt haben. So überschwänglich kannte ich sie schließlich nicht.
"Freust Du Dich etwa überhaupt nicht?"
"Doch, natürlich — und wie!"
Ich nahm sie endlich richtig in die Arme.
"Lass uns mal lieber den Koffer holen", sagte ich nach einer weiteren innigen Umarmung und 1000 Küssen, "hier muss man vorsichtig sein!"
Stimmt — jemand hatte den Koffer wohl schon "im Blick". Mein grimmiger Gesichtsausdruck zeigte ihm jedoch, dass ich auch ihn im Visier hatte. Er wandte sich ab und hoffte vermutlich auf eine andere und bessere Gelegenheit.
Ich hätte fast vergessen, die Blumen zu übergeben.
"Hast Du Steine im Koffer?"
Selbst mir war er fast zu schwer und ich musste richtig schleppen und fürchtete, der Griff würde abreißen, "wie hast Du den denn tragen können?"
"Ich habe mir helfen lassen!"
Antje staunte, dass wir sofort eine U-Bahn in unsere Richtung erwischten und dass es mit dem Umsteigen genauso gut klappte.
Es war nicht weit von der U-Bahn bis zu "meiner" Schleiermacher; trotzdem musste ich den Koffer auf unserem kurzen Weg mehrmals absetzen und ein paar Minuten pausieren. "Schade, dass es keine Koffer mit Rädern drunter gibt", dachte ich mir.
Fast geschafft — und kein T2 vor dem Haus. Mein Herz jubelte. Trotzdem stellte ich mir die Frage: "was will Antje hier, macht sie einfach nur einen Berlinbesuch?"
Nun noch den schweren Koffer die Treppen hochschleppen, aber auch das brachten wir hinter uns.
Wir hatten noch nicht ganz die Tür geschlossen, da fiel sie mir in die Arme.
Eine völlig entfesselte, wilde Knutscherei. Wie von einer magischen Kraft gelenkt stand sie schließlich vor dem Bett, mir zugewandt. Sie ließ sich auf das Bett fallen und zog mich mit zu sich hinunter.
Wir tobten wie die Kinder.
Schließlich beförderte sie unter ihrem Rock einen bunten Slip hervor und warf ihn von sich. Sie öffnete den Knopf meiner Jeans und versuchte, mir die Hose von den Beinen zu ziehen.
Ich musste helfen; die Hose war eng — und war mir zu eng geworden.
Sie setzte sich auf mich und begann zu reiten. Sie war so nass, dass es "schmatzte".
"Ich habe keine Kondome im Haus".
Sie hielt mir den Mund zu: "psst".
"Dein Freund!"
"Psst".
"Du hast doch gesagt"¦".
Weiter kam ich nicht.
"Kannst Du endlich mal aufhören mit dem Gerede? Wir unterhalten uns schon noch!"
Ich schwieg endlich"¦
"¦ und genoss.
Danach waren wir beide ermattet und dösten kurz ein.
Als wir aufwachten, schmiegte sie sich an mich und griff mir an den (ich glaube, das sagt man hier im Forum nicht so deutlich).
Wir waren wie ausgehungert, merkten nicht, wie die Zeit verging.
Schließlich meldete sich auch noch "der andere Hunger".
Für die Pizzeria war es fast zu spät, aber warum nicht zum Savigny-Platz fahren; da und im Umkreis hatte immer jemand auf.
Wir zogen uns an — und schon waren wir im berliner Nachtleben verschwunden.
Antje staunte immer noch, wir kurz die Wartezeit auf die nächste U-Bahn war. "Hier könnte ich den ganzen Tag umherfahren", meinte sie, "bei uns fährt der Bus nur drei Mal am Tag!"
Sie staunte auch über das Lichtermeer und die vielen Leute, die noch unterwegs waren.
Wir hatten Lust auf "Handpizza" — und dazu ein Bier.
"Zweimal Pizza Salami?!" meinte der Mann, der IMMER eine Zigarette im Mund hatte.
"Salami" war mit "*" versehen und unten auf der Karte stand als Erklärung "Plockwurst".
"Bier dazu?"
"Ja"
"Drei Mark achtzig"
Ich gab ihm zwei Zweimarkstücke, "stimmt so!"
Wir aßen "Pizza für ne Mark", tranken aus der Flasche — und fühlten uns wie die Könige.
Antje nahm mich in den Arm und gab mir einen Kuss, der nach Bier und Pizza schmeckte.
Es war nicht weit zum Quasimodo.
"Hast Du Lust auf einen kleinen Spaziergang und danach etwas Musik?"
Ich hakte mich bei ihr unter und wir machten uns auf den Weg.
"Ist es weit?"
"Nein, nur ein Stück die Kantstraße hinunter".
Wir kamen umsonst rein; denn es war schon spät.
Durch den dichten Rauch konnte man nicht viel sehen, aber die Wellen der Begeisterung schlugen hoch — die Band war schon bei der Zugabe.
Ich zeigte auf ein Plakat: "Da sollten wir nächste Woche hingehen, Queen Yahna spielt hier!"
Es kam einer vorbei mit einem runden Tablett mit vollen Biergläsern. Ich hielt ihm am Ärmel fest und brüllte gegen den Lärm an: "ich nehme zwei!"
Als wir ausgetrunken hatten, machte die Band Feierabend. Der Jazzkeller leerte sich langsam.
Wir erwischten die letzte U-Bahn.
Antje kam gerade aus der Dusche und setzte sich an den Frühstückstisch.
Ich wollte sie gerade etwas fragen, aber ohne etwas kaputtzumachen und suchte krampfhaft nach einem Anfang. Sie schien meine Gedanken erraten zu haben; denn sie begann:
"Mit meinem Freund ist es aus. Als er mit dem Schiff in Vancouver war, hat er eine Eskimöse kennengelernt. Kanada war schon immer sein Traum — und mit seinem ersparten Geld von den Fahrten haben sie sich ein schönes Grundstück gekauft, er und seine Eskimöse. Sie rümpfte die Nase: "soll er glücklich werden mit seinem Fischweib!"
So ganz schien sie die Trennung noch nicht verarbeitet zu haben, sie guckte richtig böse.
Dann wurde ihr Gesichtsausdruck wieder weicher, "bleiben der Koffer und die Verhütung".
Sie machte es kurz: "ich habe mir die Pille verschreiben lassen; wir können also"¦
"¦ und der Koffer ist randvoll mit meinen Sachen; ich werde auch nach Berlin ziehen. Meine Wohnung habe ich untervermietet, so konnten die Möbel drinnen bleiben und ein paar Sachen.
Ich suche mir hier eine Arbeit oder ich werde noch einmal studieren".
Das war eine Überraschung.
"Zu klein" — meine Alarmglocken schrillten. Auf Dauer war die Wohnung für zwei Leute nicht geeignet. Auch hatte ich eigentlich vorgehabt, in die WG einzuziehen.
Ich sah meine "Freiheit" in Gefahr, aber war es wirklich Freiheit gewesen, was ich erlebt hatte?
"In den nächsten Tagen gehe ich zum Arbeitsamt — und nach einer Wohnung muss ich auch gucken."
sie schien meine Gedanken erraten zu haben.
"Aber erst einmal haben wir ein paar Tage Spaß!"
Gegen Spaß war nichts einzuwenden; aber ich stellte mir die Frage, wie sich meine "ungeklärten Verhältnisse" entwickeln würden.
Würden "die" nach dem Verschwinden der Lampe so einfach aufgeben, oder hatten sie schon aufgegeben?
"Bis Du etwas gefunden hast, kannst Du gerne hier wohnen", sagte ich und fügte hinzu: "ich würde mich freuen!
Damit Du auch mal ein wenig Erholung von mir hast, kannst Du die Wohnung bald ein paar Tage für Dich allein haben; denn ich gehe auf Klassenfahrt!"
Wir zogen uns an und gingen auf den Markt. Wir wollten zusammen kochen.
Noch vor dem Eingang trafen wir Jan, der die selbe Idee gehabt hatte. "Karla lässt Dankesgrüße ausrichten", rief er mir zu.
"Wer ist Karla?" Antje guckte fragend.
"Ach, eine Bekannte".
"Und sie ist Dir dankbar? Wofür?"
""¦ eine Lampe..geschenkt!"
Der Rest ging in meinem Gelächter unter.