conny hat geschrieben: Mo 25. Aug 2025, 09:21
Die Kritikpunkte kommen ja nicht allein von Blome. Insbesondere die Altersgrenze wird von Experten als problematisch angesehen. Wie sich das mit der jährlichen Änderbarkeit auswirkt, bleibt abzuwarten, insbesondere mit Blick auf, hoffentlich nicht weitere, Mißbrauchsfälle.
Mal getrennt von den rechtstheoretischen Dingen: Soweit ich die Stellungnahmen von vor der Verabschiedung im Kopf habe, hat sich kaum ein tatsächlich mit Kindern und Jugendlichen befasstes Experty oder Fachgesellschaft ablehnend gegen die jetzige Regelung geäussert. Es wurden von "interessierter Seite" irgendwelche Szenarien gezeichnet, die allesamt wirklichkeitsfremd sind - zum Beispiel weil Familiengerichte beteiligt wären, deren Prämisse stets das Kindeswohl ist. Wer sich tatsächlich auskennt weiss auch, dass sich gerade im Kind- und Jugendalter alle amtlichen Geschichten ziemlich problemlos ändern lassen. Die einjährige Sperrfrist entfällt (genau deshalb) und ausser (auch leicht änderbaren) Schulunterlagen gibt es keine bürokratischen Verwicklungen. Dass KuJ bei ihrer sozialen Transition kompetent (psychologisch) begleitet werden sollten, vor allem um die Kollisionen mit ihrer Umwelt abzufangen, ist eine völlig andere Sache.
Ausserdem ändert eben ein anderer Geschlechtseintrag und Vornamen auch für Erwachsene nicht wirklich praktisch etwas, also im Sinne von Rechtskraft o.ä. Die Leute bleiben die gleichen, sie "verschwinden" nicht, sie bekommen keine anderen Rechte, nichts. Deshalb, zum x-ten Male,
kann es auch keinen "Missbrauch" geben, weil es gar keinen "Gebrauch" gibt - ausser eben neuen Vornamen und ggf Anrede.
Es kann uns ärgern, dass da Leute wie Liebich rumtrollen und uns oder Behörden oder so veralbern wollen. Da könnten wir alle einfach souverän drüber stehen, weil es rein praktisch ausgehen wird wie in der Flens-Werbung damals: "aber genützt hat ihm*ihr das auch nix".
Der wesentliche Punkt scheint mir zu sein, dass viele (konservative) Leute an diesen amtlichen Eintrag glauben
wollen. Sie möchten irgendeine objektive Beweisbarkeit, die ihre Geschlechterwelt verbindlich ordnet. Am besten biologisch-medizinisch und ein für alle Mal lebenslang. Nur ist eben Biologie erstens vielfältiger als Bio 8. Klasse und hat zweitens mit unseren sozialen Geschlechterrollen kaum was zu tun. Welche Klamotten, welche Sprache, welche Stereotypen für welche Menschen sind keine Naturgegebenheiten. Auch die binäre Geschlechterteilung überhaupt. Alles gesellschaftlich entwickelt und tradiert, oder wie die zuständigen Wissenschaften sagen: "konstruiert"; wenn auch nicht am Reissbrett.
Sowohl das Beharren auf starren, lebenslangen Rollen und anderen ein Geschlecht zuschreiben zu wollen (im Alltag), als auch diese Liebich-Aufregung haben für mich diese gleiche Ursache: Eine gefühlte Beliebigkeit verwirrt, verunsichert und kann bedrohlich wirken für Menschen, die einfache, klare Weltbilder brauchen. Vielleicht entziehen solche Freiheiten zur Selbstbestimmung auch der eigenen Identität, Rollenbild und "Legitimation" qua Geschlecht ein bisschen den Boden. Wenn sich Leute plötzlich anders zuordnen, was erwarten die dann von mir? Bin ich selbst überhaupt ausreichend {Mann,Frau}? Woher weiss ich das? Nehmen "die anderen" mich noch ernst? Unsicherheit und Zweifel machen aggressiv. Leute, die sich Freiheiten "rausnehmen", werden als "sich für was besseres haltend" emfpunden, usw. Männlicher Anti-Feminismus funktioniert zB häufig ähnlich, weil ihre vermeintlich "natürliche Autorität" einfach nicht mehr akzeptiert und ihr jahrzehntelanges Verhalten kritisiert wird. Auf einmal kein guter Mensch und keine Deutungshoheit mehr.
Die meisten Menschen sind eben in Sachen Geschlecht und Gender überhaupt nicht stabil und souverän genug, um auf die abweichende Geschlechtlichkeit anderer gelassen zu reagieren.