Alicia hat geschrieben: Do 22. Aug 2024, 23:14
(...) Sie liebt weiterhin den Menschen, den sie auch vorher schon lieb hatte, und der hat sich ja nicht grundlegend verändert. Und ich liebe sie, so wie sie ist und natürlich auch dafür, dass sie die äußere Änderung mitträgt. (...)
Ich denke, in diesen beiden Sätzen steckt schon alles Wesentliche drin: man kann einen Partner nicht partiell lieben, sondern nur ganz oder gar nicht. Es spielt dabei nicht mal die entscheidende Rolle, ob der Partner über alles explizit Bescheid weiß. In einer jahrzehntelangen, engen Partnerschaft kennt, liebt und akzeptiert man den Partner MIT allen - auch eventuell noch verborgenen - Eigenschaften. Die geschlechtliche Besonderheit war ja in den meisten von uns schon immer vorhanden; das Outing verändert den Menschen nicht grundsätzlich, es rundet das Gesamtbild nur ab, macht es authentischer und in sich harmonischer. Für eine Frau, die einen von uns
wirklich liebt, ist das Outing keinesfalls ein Grund zum Liebesentzug: der Mensch, den sie liebt, bleibt dabei doch derselbe - nur jetzt noch ein Stück offener und ehrlicher. Wer sich von solcher Offenheit zum Liebesentzug veranlasst sieht, war wohl schon von Anfang an nicht der richtige Partner.
Ich kann da freilich leicht reden, weil ich meine liebe Frau vor nun schon fast 20 Jahren gleich von Anfang an unter dem Aspekt meiner transsexuellen Veranlagung kennengelernt habe: ich habe ihr da nie etwas vorgemacht. So war es dann für mich auch nie ein Partnerschaftsproblem, mich im intimen Zusammensein - und später dann auch öffentlich und amtlich - von der weiblichen Seite zu zeigen. Insofern kann ich bei dieser Art von Problemen (Gottseidank!) eigentlich nicht mitreden - weshalb ich mich bisher aus diesem Thread auch herausgehalten habe. Allerdings hat mich meine
erste Ehefrau vor nun schon fast 40 Jahren aus genau solchen Gründen verlassen - was aber damals ein großes Glück für mich war, weil diese Ehe von Anfang an nicht gestimmt hatte und komplett auf pathologischen Beziehungsmustern aufbaute: eine klassische Ehehölle. Mein unfreiwilliges Outing (sie hat mir systematisch nachspioniert und prompt ein paar Sachen gefunden...) hat mich damals gerettet; ohne diese Schicksalsfügung (die ich selber wohl eher unterbewusst herausgefordert hatte) hätte ich nicht die Kraft gehabt, mich aus dieser schrecklichen Beziehung freizukämpfen.
Das bedeutet freilich nicht, dass mir jetzt Ängste und Schamgefühle gegenüber meiner lieben Barbara völlig fremd wären. Es gibt da schon immer noch Bereiche, die auch ich ich lieber für mich behalte: z. B. die diversen Optimierungen meines Outfits - ein Kleid probeweise enger nähen oder mit den diversen Polstern an Brust und Po experimentieren - mache ich vorzugsweise dann, wenn sie außer Haus ist. In der Experimentierphase geniere ich mich, und hasse es, mich dabei von Barbara beobachtet zu fühlen. Ich will mich ihr damit erst zeigen, wenn ich es für mich selber vor dem Spiegel für gut befunden habe. Ein Stück Intimsphäre brauche ich bei aller Offenheit eben doch auch noch, und zu meinem Glück respektiert Barbara das auch. In einer guten Ehe respektiert man sich gegenseitig auch
mit dem einen oder anderen, kleinen Geheimnis vor einander.