Re: Interessenvertretung
Verfasst: Fr 22. Mai 2015, 21:55
Liebe Anni,
liebe Anke,
vielleicht ist es nicht so ganz klar geworden, was ich meinte. Gruppen haben wir wirklich genug und auch dieses Forum, so toll es auch ist, sollte nicht zu noch einer neuen Gruppe werden. Was wir aber hier leisten können und sollten ist, dazu aufzurufen, dass sich alle, die sich hier versammeln und alle Gruppen die hier über Ihre Arbeit und Aktionen schreiben, dass alle engagierten Aktivist_innen, sich unter größeren Dächern zusammenfinden!
Fragt bei Euren zuständigen Landesregierungen nach, ob es solche Dächer gibt, wenn Ihr es nicht bereits wisst. Schließt Euch dort an und sorgt mit dafür, dass diese sich wiederum unter einem Landes-Dach versammeln und das dieses sich dann dem Bundes-Dach anschließt - welches nach August hoffentlich existieren wird. Dies ist das Netzwerk, dass wir schaffen müssen. Es geht dabei nicht um Gleichschaltung oder Gleichmacherei. Es geht um ein großes umfassendes Netzwerk, ein Bündnis, mit Informationsfluss in alle Richtungen. Wir sind viel mehr, als die denken! Wir sind sogar viel mehr, als die meisten von uns denken. Uns kann nur niemand zählen, weil so viele unsichtbar sind...
Jedesmal wenn ich auf einer Veranstaltung war und erfahre, was wieder super cooles irgendwo gelaufen ist, dann freue ich mich, dass wieder etwas Tolles stattfand, ärgere mich aber gleichzeitig, dass ich es erst post-factum mitbekommen haben. Vieles hätte ich gerne unterstützt, doch ich wusste einfach nicht, dass etwas stattfand. Entsprechend ärmlich fallen manche Aktionen dann leider auch aus. Das ist kein Vorwurf an die Veranstalter_innen! Keineswegs. Es ist ein Vorwurf an unsere zersplitterte "Community", wenn man sie als solche überhaupt bezeichnen sollte, die es in fast 40 Jahren nicht geschafft hat, eine gemeinsame Identität zu entwickeln und gemeinsam für etwas einzutreten. Kein Wunder also, dass fast alle Veränderungen zu trans*-Gunsten durch Individualprozesse vor Gerichten von Einzelnen erstritten wurden und praktisch nichts durch Interessenvertretung über den politischen Prozess erreicht wurde. Ist das nicht unendlich blamabel? Genau das ist das Bild, dass von uns z.B. in der Politik vorherrscht - zersplittert, zerfasert, sich selbst zerstreitend und kaum zu erfassen. Mit Trans* zusammenzuarbeiten ist für Politiker (und andere CIS Gruppen) fast so angenehm, wie eine Wurzelbehandlung im Nebel. Man sieht nichts wirklich, wenn dann nur schemenhaft und aus allen Richtungen kommt ständig nur ein Aufschrei.
Geht hinaus in die Welt und motiviert die Gruppen in Eurer Region, einen Landesverband zu gründen oder sich einem bestehenden anzuschließen! Schreibt darüber, blogged darüber, teilt es den anderen Landesverbänden und Gruppen mit, tragt es in Foren (wie diesem), verbreitet es. Und tut es nachhaltig! Eines der ganz großen Probleme von trans* ist, dass zu viele Aktivist_innen während ihrer Transition aktiv werden - meist weil sie gegen Widerstände anlaufen müssen und diese mit Aktivismus versuchen niederzukämpfen. Das ist toll! Mutig! Doch es hat den Nachteil, dass wenn sie einmal ihr persönliches Problem gelöst haben, sie sich aus dem Aktivismus zurückziehen und eine große Lücke hinterlassen. Man kann das ganz gut an der Existenzdauer von Selbsthilfegruppen ablesen. Einige sterben bereits kurz nachdem die Gründer_innen ausscheiden und das kann nach zwei bis drei Jahren soweit sein, wenn sie ihre Transition abgeschlossen haben. Einige schaffen es noch eine zweite Generation von nocheinmal zwei bis drei Jahren zu halten. Die meisten verschwinden aber nach vier bis sechs Jahren wieder. Man sollte sich, denke ich, gut überlegen, warum man aktiv werden möchte. Ist es wirklich das große Ganze? Oder ist es doch das eigene Problem? Entsprechend sollte man auch handeln.
Und auch wenn Ihr nicht aktiv tätig werden wollt, schließt Euch zumindest mit Eurer Mitgliedschaft einer Gruppe an, damit wir auch mal Zahlen bekommen, Zahlen über die wirkliche Größe unserer Gemeinschaft. Es ist wichtig! Wir bekommen keine Landes- oder Bundesregierung dazu, Gesetze oder Verordnungen zu unserem Schutz oder zur Gewährung von Rechten zu erlassen oder zu verändern, wenn wir nicht einmal ansatzweise abschätzen können, wir groß unsere Gruppe überhaupt ist. Die, die auf halbwegs amtlichen Zahlen sitzen, rechnen uns gerne klein - da wird die Zahl der Anträge nach TSG oder durchgeführter angleichender Operationen als Maß genommen. Doch was ist mit all jenen, die keinen Antrag nach TSG gestellt haben? Oder keine genitalangleichende OP gemacht haben? Ich bin dann schonmal draußen und, wenn ich mich nicht irre, viele andere aus diesem Forum auch. Ist das dann eine gesunde Grundlage, um darauf basierend weitreichende Entscheidungen zu treffen? Damit wären wir dann wieder bei dem Thema Sichtbarkeit
Doch das hatten wir ja schon...
In diesem Sinne: Der rote Teppich liegt bereits! Wenn wir nun gemeinsam ein Dach bauen, schenkt uns die Politik die Innenausstattung dazu
Liebe Grüße
nicole
liebe Anke,
vielleicht ist es nicht so ganz klar geworden, was ich meinte. Gruppen haben wir wirklich genug und auch dieses Forum, so toll es auch ist, sollte nicht zu noch einer neuen Gruppe werden. Was wir aber hier leisten können und sollten ist, dazu aufzurufen, dass sich alle, die sich hier versammeln und alle Gruppen die hier über Ihre Arbeit und Aktionen schreiben, dass alle engagierten Aktivist_innen, sich unter größeren Dächern zusammenfinden!
Fragt bei Euren zuständigen Landesregierungen nach, ob es solche Dächer gibt, wenn Ihr es nicht bereits wisst. Schließt Euch dort an und sorgt mit dafür, dass diese sich wiederum unter einem Landes-Dach versammeln und das dieses sich dann dem Bundes-Dach anschließt - welches nach August hoffentlich existieren wird. Dies ist das Netzwerk, dass wir schaffen müssen. Es geht dabei nicht um Gleichschaltung oder Gleichmacherei. Es geht um ein großes umfassendes Netzwerk, ein Bündnis, mit Informationsfluss in alle Richtungen. Wir sind viel mehr, als die denken! Wir sind sogar viel mehr, als die meisten von uns denken. Uns kann nur niemand zählen, weil so viele unsichtbar sind...
Jedesmal wenn ich auf einer Veranstaltung war und erfahre, was wieder super cooles irgendwo gelaufen ist, dann freue ich mich, dass wieder etwas Tolles stattfand, ärgere mich aber gleichzeitig, dass ich es erst post-factum mitbekommen haben. Vieles hätte ich gerne unterstützt, doch ich wusste einfach nicht, dass etwas stattfand. Entsprechend ärmlich fallen manche Aktionen dann leider auch aus. Das ist kein Vorwurf an die Veranstalter_innen! Keineswegs. Es ist ein Vorwurf an unsere zersplitterte "Community", wenn man sie als solche überhaupt bezeichnen sollte, die es in fast 40 Jahren nicht geschafft hat, eine gemeinsame Identität zu entwickeln und gemeinsam für etwas einzutreten. Kein Wunder also, dass fast alle Veränderungen zu trans*-Gunsten durch Individualprozesse vor Gerichten von Einzelnen erstritten wurden und praktisch nichts durch Interessenvertretung über den politischen Prozess erreicht wurde. Ist das nicht unendlich blamabel? Genau das ist das Bild, dass von uns z.B. in der Politik vorherrscht - zersplittert, zerfasert, sich selbst zerstreitend und kaum zu erfassen. Mit Trans* zusammenzuarbeiten ist für Politiker (und andere CIS Gruppen) fast so angenehm, wie eine Wurzelbehandlung im Nebel. Man sieht nichts wirklich, wenn dann nur schemenhaft und aus allen Richtungen kommt ständig nur ein Aufschrei.
Geht hinaus in die Welt und motiviert die Gruppen in Eurer Region, einen Landesverband zu gründen oder sich einem bestehenden anzuschließen! Schreibt darüber, blogged darüber, teilt es den anderen Landesverbänden und Gruppen mit, tragt es in Foren (wie diesem), verbreitet es. Und tut es nachhaltig! Eines der ganz großen Probleme von trans* ist, dass zu viele Aktivist_innen während ihrer Transition aktiv werden - meist weil sie gegen Widerstände anlaufen müssen und diese mit Aktivismus versuchen niederzukämpfen. Das ist toll! Mutig! Doch es hat den Nachteil, dass wenn sie einmal ihr persönliches Problem gelöst haben, sie sich aus dem Aktivismus zurückziehen und eine große Lücke hinterlassen. Man kann das ganz gut an der Existenzdauer von Selbsthilfegruppen ablesen. Einige sterben bereits kurz nachdem die Gründer_innen ausscheiden und das kann nach zwei bis drei Jahren soweit sein, wenn sie ihre Transition abgeschlossen haben. Einige schaffen es noch eine zweite Generation von nocheinmal zwei bis drei Jahren zu halten. Die meisten verschwinden aber nach vier bis sechs Jahren wieder. Man sollte sich, denke ich, gut überlegen, warum man aktiv werden möchte. Ist es wirklich das große Ganze? Oder ist es doch das eigene Problem? Entsprechend sollte man auch handeln.
Und auch wenn Ihr nicht aktiv tätig werden wollt, schließt Euch zumindest mit Eurer Mitgliedschaft einer Gruppe an, damit wir auch mal Zahlen bekommen, Zahlen über die wirkliche Größe unserer Gemeinschaft. Es ist wichtig! Wir bekommen keine Landes- oder Bundesregierung dazu, Gesetze oder Verordnungen zu unserem Schutz oder zur Gewährung von Rechten zu erlassen oder zu verändern, wenn wir nicht einmal ansatzweise abschätzen können, wir groß unsere Gruppe überhaupt ist. Die, die auf halbwegs amtlichen Zahlen sitzen, rechnen uns gerne klein - da wird die Zahl der Anträge nach TSG oder durchgeführter angleichender Operationen als Maß genommen. Doch was ist mit all jenen, die keinen Antrag nach TSG gestellt haben? Oder keine genitalangleichende OP gemacht haben? Ich bin dann schonmal draußen und, wenn ich mich nicht irre, viele andere aus diesem Forum auch. Ist das dann eine gesunde Grundlage, um darauf basierend weitreichende Entscheidungen zu treffen? Damit wären wir dann wieder bei dem Thema Sichtbarkeit
In diesem Sinne: Der rote Teppich liegt bereits! Wenn wir nun gemeinsam ein Dach bauen, schenkt uns die Politik die Innenausstattung dazu
Liebe Grüße
nicole