Teil 2, Kapitel 48: Businesswoman Valerie
Im Lauf der nächsten Wochen kamen ein paar Dinge ins Laufen, die Valeries Leben stark verändern sollten. Zunächst floss Geld auf ihr Konto, eine sechsstellige Summe, Absender war Michaels Firma in Stuttgart. Wie bekannt, hatte ihr Chef diese Anschubfinanzierung für ihr START UP ja genau so versprochen, als zinslosen Kredit unter Freunden.
Aber zum besseren Verständnis wir müssen die Chronologie einhalten, also erzählen wir lieber von Anfang an.
Zunächst reiste Michael am nächsten Tag wieder ab, ich erspare es mir, euch zu schildern, wie zerknautscht Valerie sich fühlte, am Morgen nach der bewussten Nacht, die sie mit ihrem Chef zusammen im Hotel Mercure Narbonne verbracht hatte. "Zerknautscht" bezeichnet hier aber nur ihren körperlichen Zustand, nicht den moralischen, denn moralisch oder gefühlsmäßig hatten die beiden (weder sie noch er) eigentlich nicht sehr viel Dauerhaftes investiert in diese Sache, was heißen soll, beide blickten eigentlich sehr locker und cool auf das zurück, was in der Nacht zuvor geschehen war.
In Ruhe betrachtet, handelte es sich doch um nichts anderes als ein flüchtiges Abenteuer, es war zwar intensiv gewesen, aber jetzt war es vorbei, und von tieferen oder bleibenden Gefühlen oder gar von Liebe sprach hinterher niemand, nein, man hatte zusammen ein kleines Abenteuer gehabt, ein "amour fou", aber mehr als das war es bestimmt nicht, vielleicht war es auch wirklich eine Narretei gewesen..
Insofern nimmt es nicht Wunder, dass die beiden das, was nachts zuvor im Hotelbett geschehen war, sozusagen sehr schnell als erledigt abhakten und kurz darauf auch wieder zu ihrer üblichen Business-Beziehung zurückfanden, schon das gemeinsame Frühstück, das sie am Tag seiner Abreise noch zusammen einnahmen, verlief recht unaufgeregt und thematisch war man gleich wieder beim Geschäft, also redeten sie dann über das Engels-Projekt, dann auch darüber, wie es mit der Gründung des Narbonner Büros weitergehen solle, solche Sachen eben, business as usual"¦
Eine klitzekleine Ausnahme genehmigte sich Valerie allerdings, als sie in der Kurzparker-Zone vor der Abflughalle des Aéroports Montpellier aus dem Auto ausstieg. Sie umarmte und küsste Michael dort in der Abflughalle noch einmal recht eng und auch recht lang, fast wie zwei Liebende umarmten und drückten sich die beiden dort eine kleine Weile, aber, obwohl es für Valerie wieder ein geiles Gefühl war, seinen Körper zu spüren, Liebende waren sie nicht, nein, sicher nicht. Das sagte ihr der Kopf, und Michael ging es wahrscheinlich genauso. Warum sie dennoch die Umarmung suchte? Vielleicht wollte sie die Zeit ein wenig anhalten oder sie auch zurückdrehen., was ja bekanntlich niemand kann.
Die folgenden Tage und Wochen arbeitete sie praktische für Drei, denn neben der Abwicklung des Engels-Projekts standen noch Bankbesuche in ihrem Terminkalender, sie musste ein neues Geschäftskonto neben ihrem Privatkonto anlegen, ein eigenes Büro war zu suchen, möglichst in guter Innenstadtlage und mit einem Parkplatz in der Nähe, denn die Immobilienleute müssen öfters mal kurz wegfahren, sind praktisch immer auf Achse. Sie fand geeignete Räume in der Rue Rossini unweit der Narbonner Markthalle, insofern war die Parkplatzfrage auch gleich mitgeklärt, denn dort gibt es zwei bis drei unterirdische Parkareale, die anzumieten waren.
Sie machte Entwürfe für ihr neues Firmenschild: Sie hielt inne und dachte nach: "Wow, ist das überhaupt richtig oder träume ich"?
"Immobiles Bellegarde" und darunter:
46 Rue Rossini, 11110 Narbonne" und ihr neues Geschäftstelefon.
Sollte sie sonst noch etwas darunter schrieben? Vielleicht: "Dienstleistungen Vermietung und Verkauf". Wie würde sich das machen?
Eine eigene Webseite musste auch erstellt werden, Möbel und Bürotechnik war einzukaufen. Und die Gewerbeanmeldung stand auch noch an. Und die Lizenz für die Ausübung des Gewerbes bei der Gewerbeaufsicht war zu beantragen, denn Immobilienhändler unterliegen In Frankreich einer strengen Gewerbeaufsicht mit vielen strengen Auflagen, und nicht jeder Fuzzi kann also daherkommen und plötzlich behaupten, er könne ohne große Vorkenntnisse so eine Firma gründen. Und, und, und"¦
Eine Menge war zu tun und doch schien noch viel mehr ungeklärt liegen zu bleiben"¦
EURL oder SARL, was wäre angebracht? Vorsteuerabzugsberechtigung bei19,6 Prozent? Fragen über Fragen waren noch zu klären. Nun ja, für das erste Jahr wäre das Finanzamt gnädig und würde auf den Einzug der Gewebesteuer verzichten, aber später wäre sie dann auf jeden Fall gewerbesteuerpflichtig, das heißt Valerie wäre dann eine richtige Unternehmerin mit eigener Buchhaltung, die dann auch richtig Steuern bezahlt.
Zunächst würde sie sich aber noch "Geschäftsführerin" nennen, und gleichzeitig wäre sie Inhaberin einer Tochterfirma ihrer Stuttgarter Mutterfirma, denn Michael hatte ja das Grundkapital für die Gründung bereitgestellt.
Sie wälzte Bücher über Buchhaltung. "20% Steuergutschrift für Investitionen von Gründern, Limit bei 100.000 Euro", das Limit konnte sie einhalten. Dieses Kapitel studierte sie besonders genau und bald wurde ihr klar, sie brauchte eine Hilfe, besonders für die Buchhaltung. Neben dem eigentlichen Vermietungs- und Verkaufsgeschäft konnte sie die buchhalterischen Aufgaben nicht auch noch stemmen.
Nein, das wäre wirklich zu viel für eine einzige Frau. Sie rief Michael an und beredete die Sache.
Fortsetzung in Bälde, hier in diesem Theater.
Liebe Grüße,
Valerie
