Teil 2, Kapitel 44: Der Chef kommt zu Besuch
Valerie und Michael kamen sich geografisch immer näher. Während der Chef aber in mindestens 1000 Metern Höhe ganz locker und entspannt an Bord eines Air France Jets saß und sich ungezwungenen Betrachtungen hingeben konnte (vor seinem inneren, dem geistigen Auge immer noch der kleine knackige Po der hübschen jungen Stewardess), während dieser Zeit saß sie weit unter ihm, fast ganz auf Meereshöhe im Auto, war ein wenig aufgeregt und hatte es eilig, obwohl sie schon kurz vor dem Flughafen war. Warum aufgeregt? Weil große Dinge immer näher rückten, sie würde bald ihren Chef wiedersehen, und möglicherweise käme auch bald ihr erstes großes Projekt zum Abschluss, das alles ließ sie nicht ungerührt, da konnte sie nicht ruhig bleiben. Sie kam immer noch gut voran. Es war kaum Verkehr auf der Autobahn, die Stadt näherte sich, man erkannte es an den plötzlich auftauchenden Tempolimits.
Oben im Flieger war die Landung zwar angekündigt, aber trotzdem geschah minutenlang nichts. Die Maschine hielt ihre Höhe. Während AF 416 auf Landeerlaubnis wartete und scheinbar ganz ungerührt weiterhin hübsche Kreise und Warteschleifen über dem tiefblauen Meer zog (die Franzosen sagen dazu "le Grand Bleu"), um dann weiter Zeit zu vertrödeln im Sinkflug über dem über dem schier unendlich breiten goldbraunen Sandstrand, der Montpellier vom Mittelmeer trennte, dann wieder mehrmals die Vororte von Montpellier überflog, um so die Zeit bis zur Landeerlaubnis zu überbrücken, während also all dieses (nämlich gar nichts außer Warten) geschah, hatte inzwischen Valerie das breite Band der Autobahn A9 verlassen und steuerte den ganz in der Nähe liegenden Flughafen "Méditerranée" an. Jetzt war alles einfach. Sie brauchte dann nur noch der Beschilderung mit dem kleinen Flugzeug-Symbol zu folgen, passierte ein paar Kreisverkehre und konnte gleich darauf links vorne den Schriftzug "Aéroport Montpellier Méditerannée" auf dem Dach des Flughafengebäudes erkennen.
Kurzer Halt an der Parkplatzschranke, die elektrische Seitenscheibe surrte runter, Bankkarte in den Automaten rein, das Parkticket abziehen, diese Kurzzeitparkplätze für Abholer sind wirklich eine ganz feine Sache. Eines fand sie dann allerdings plötzlich ziemlich störend: Als sie die Bankkarte wieder in ihrem Geldbeutel verstauen wollte, fiel ihr auf: Sie hatte sich die Fingernägel nicht lackiert. Überhaupt nichts, kein Klarlack, kein roter Karmesin... uff. Oh jeemine, Valerie, wie konnte sie das bloß vergessen?
Hätte sie das tun sollen? Ein wenig Nagellack? Konnte sie das noch irgendwo nachholen? Rote Fingernägel war früher eigentlich ihr Standard gewesen. Jetzt, wo sie ihren Chef nach ziemlich langer Zeit wiedersah? War das nicht eigentlich ein Muss? Aber irgendwie war ihr die Nagelpflege in der letzten Zeit etwas aus dem Blickfeld geraten. Genauso, wie sie sich neuerdings nicht mehr täglich schminkte. Also, keine roten Nägel, hmmm"¦ Nicht, dass ihre Hände jetzt etwa ungepflegt gewirkt hätten, schließlich hatte sie einen Büroberuf und arbeitete nicht als Gärtnerin.
Aber inzwischen dachte sie wirklich nicht mehr ständig an ihr Makeup, Lippenstift und Nagellack, früher wäre ihr das nicht passiert. Sie stutzte, fühlte sich ein wenig ertappt. War ihr die Frauenrolle so normal und alltäglich geworden? War sie jetzt an ihre Rolle als Frau so sehr angepasst und gewohnt, dass sie Lippenstift oder Kosmetik schon mal wegließ, oder handelt es sich etwa bereits um eine kleine Nachlässigkeit? Sei es wie es sei, jetzt war sowieso nichts mehr zu ändern, in wenigen Minuten würde sie ihrem Chef gegenüberstehen und zwar so, wie sie eben war, nämlich ganz ohne Kriegsbemalung. Er kannte sie anders, früher war sie nie ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Aber jetzt war wohl nichts mehr daran zu ändern.
Wieder oben im Flieger: Eine dunkle seriöse Männerstimme meldet sich über den Kabinenlautsprecher:
"Messieurdames c'est le capitaine qui parle"¦
...blah blah blah... Landefreigabe erteilt.
...on va aterrir à Montpellier aéroport dans deux minutes"¦"
Es war der Flugkapitän, der die unmittelbar bevorstehende Landung ankündigte, um dann noch wie üblich die Uhrzeit und Temperaturen vor Ort durchzugeben. Es war kurz nach Mittag, draußen vierundzwanzig Grad, Sonnenschein und kaum Wind. Kaum war das Capitaine mit seiner Ansage durch, und die diversen standardmäßigen Dankesformeln abgespult, ("Wir bedanken und dass sie mir Air France geflogen sind"), dann hatte der Jet auch schon aufgesetzt, sie waren ganz sanft unten angekommen, und die Maschine rollte aus.
Michael sah sie sofort inmitten einer Gruppe von Abholern stehen, die vor der Gepäckausgabe warteten. Sie war groß, nicht sehr viel größer als die anderen Leute um sie herum, nicht dass sie jetzt ausgesprochen aus ihrer Umgebung herausragte, aber sie war schon ein etwas anderer Frauentyp, eher der nordeuropäische Typus. Ihre blonden langen Haare hatte er an ihr noch nicht gesehen, aber was ihm gleich auffiel, sie war schmal geworden, er hatte sie kräftiger in Erinnerung. Sie sah ihn auch sofort. Er nahm sie spontan in die Arme, sie tauschten routiniert zwei Wangenküsse, er musste sich etwas herunterbeugen zu ihr.
"Du machst das schon ganz wie ein Franzose" lachte Valerie, und gleich war die Stimmung entspannt. Beide freuten sich, einander zu sehen.
Valerie und Michael kannten sich quasi schon ewig, und während sie gemeinsam an der Gepäckausgabe warteten, quasselte sie in einer Tour, erzählte sie ihm pausenlos alles mögliche über ihre tägliche Arbeit, wie gut sie zurechtkäme in dem halb angemieteten Büro bei Delphine und Alain, wie gut sich die Sache mit dem Notar entwickelt hatte, dass sie Monsieur Elouard, der das Geschäft ja dann wohl später beurkunden würde, quasi beinahe privat kennen würde, das fand er sehr interessant.
"Ist bestimmt hilfreich, wenn du schon einen Draht zu den offiziellen Stellen hast" sagte Michael.
"Zumindest haben wir Tango getanzt zusammen" sagte Valerie und lächelte Michael ganz spitzbübisch an.
Es ist absolut kein Schaden, dachte sie, wenn sie Michael gleich zu Beginn in ein paar wichtige Details einweihen würde, also wenn er wüßte, wer ist wer und wer kann mit wem, somit wäre auf einem Gebiet schon mal etwas mehr Klarheit hergestellt. Ihr eigenes persönliches Verhältnis zu Michael war dagegen noch ziemlich ungeklärt. Natürlich war er ihr Chef. Aber er war auch ein Mann, und zwar einer, zu dem sie aufsah. Nicht nur, dass sie ihn als Immobilienfachmann schätzte und viel von ihm gelernt hatte. Nein, auch als Mensch, sagen wir es genauer: Als Mann fand sie ihn - nennen wir es mal so: sie fand ihn interessant. Ein gutaussehender, großer und attraktiver Mann, ja das war er, bestimmt.
Natürlich dachte sie auch an das, was früher mal gewesen war zwischen den beiden. Die Sache in der Oper Stuttgart, damals an diesem Abend, und danach das Besäufnis in Ericas Wohnung, als sie alle drei ziemlich betrunken waren und er sie damals beinahe genommen hätte, hätte sie das damals zugelassen. Und sie erinnerte sich auch, dass Erica ihr quasi zugestanden hatte, sich diesen Mann auch mal zu nehmen, will sagen, sie konnte jederzeit Sex mit ihm haben, böte sich jemals wieder die Gelegenheit. Erica hätte dagegen überhaupt nichts. Erica und Michael führten in dieser Beziehung eine ganz offene Beziehung. Valerie erinnerte auch speziell seine Vorliebe für bestimmte Sexpraktiken (Deep throat). Und dass Erica ihr damals erzählt hatte, sie und Michael würden das manchmal so machen zusammen aber sie habe nie verstanden, was Männer eigentlich an der Sache gut finden. Ja die Männer. Valerie sinnierte, als sie neben ihm in der Warteschlange stand, die sich vor einem der Automaten gebildet hatte, wo das Parkticket zu bezahlen war. War das Thema inzwischen in Vergessenheit geraten? Möglicherweise ja, möglicherweise aber auch nicht. Sie würde es herausfinden.
Nein, durch die räumliche Trennung und die neue Rollenverteilung zwischen Michael und Valerie, er als ihr Chef der Firma mit Sitz in Stuttgart und sie als seine freie Mitarbeiterin in Narbonne waren auch hier einige neue Facts entstanden, ihre Beziehung hatte eine neue Form angenommen, und auch das Verhältnis zu Michael als Mann hatte in neue Bahnen gefunden. Das bedeutete, auch das Private musste jetzt neu geordnet werden zwischen den beiden. Valerie dachte an die paar Tage, die vor den beiden lagen, und allerlei unzusammenhängendes Zeugs ging durch ihren Kopf, als sie gemeinsam zum Auto gingen, er zog seinen Rollkoffer an einer Hand, sie fischte die Autoschlüssel aus ihrer Handtasche, zahlte am Automaten und sie stiegen ins Auto.
Ihr enger Rock war beim Einsteigen hochgerutscht und sie sah aus dem Augenwinkel, wie er es vom Nebensitz aus gleich bemerkt hatte. Sie hob etwas den Po vom Sitz und wollte aus alten Gewohnheit den Rock runterziehen, überlegte einen ganz kleinen Moment lang, kam dann aber zu dem Schluss, den Rocksaum so zu lassen wie er war, eine Handbreit über dem Knie. Es war ihr überhaupt nicht unangenehm, dass seine Augen auf ihren Knien waren. Sollte er ruhig was sehen. Ihre Beine waren nicht schlecht, das wusste sie.
Soviel erstmal für heute.
Lieben Gruß an alle Leserinnen und Leser. Fortsetzung gegen Ende der Woche.
Eure Valerie
