Teil 2, Kapitel 37: Bisschen Erotik macht den Sonntag bunter.
Nachdem die drei Freunde die Literflasche Wein, die Alain und Delphine als Gastgeschenk mitgebracht hatten, noch zum Essen gemeinsam geleert hatten, zog man sich in Valeries Couchecke zurück. Es war ein schwerer roter AOC-Wein aus der Region Minervois, der das Gespräch befeuerte und die Gedanken fliegen ließ, entsprechend gelöst war die Stimmung und man hatte nichts anderes zu tun als sich dem gepflegten Nichtstun hinzugeben, damals sagte man "entspannen" dazu, wer jünger als dreissig ist, würde es heute wahrscheinlich "auschillen" nennen.
Nennt von mir aus gerne, wie ihr wollt. Jedenfalls waren sie alle drei ganz locker drauf und es sah ganz so aus, als würden sie alle noch eine Menge Spaß haben an diesem Sonntagnachmittag. Euch ist schon klar, was damit gemeint ist, und ich gehe davon aus, alle Leser sind erwachsen. Jedenfalls... schon kurze Zeit, nachdem die beiden Besucher in Valeries plüschiger Couch versunken waren (Valerie hatte übrigens zwischenzeitig für Nachschub an Hochprozentigem gesorgt und die Flasche sowie Gläser schön auf dem Couchtisch drapiert) also bereits kurz darauf begann Alain ein wenig an Delphine herumzufummeln, zuerst mit so kleinen Fingerspielereien, dann mit kleinem Getätschel und scheinbar absichtslosen Berührungen, aber dann, als sie keinerlei Abwehrhaltung zeigte sondern im Gegenteil zu erkennen gab, dass es ihr gefiel und sie überhaupt nicht gegen ein wenig Fummelei hatte, wurde er frecher und legte richtig los, das heißt, das ganze wuchs sich zu einer veritablen Knutscherei unter Erwachsenen aus.
Valerie bemerkte es (man konnte es wirklich nicht übersehen) und eigentlich war es ihr nicht so recht. Keinesfalls allerdings aus moralischen Gründen, denn erstens waren sie alle drei wie gesagt erwachsen, und wie bekannt ist, waren die beiden Freunde ja schon längere Zeit ein Paar, aber irgendwie war es Valerie als Zuschauerin in ihrem Sessel gegenüber nicht so ganz angenehm, den beiden beim Knutschen zuzusehen, was dann aber auch wieder nicht verwundert, denn schließlich war sie die einzige ohne männlichen Partner, also was tut eine junge Frau in so einer Situation?
Gute Frage. Jetzt sollte aber niemand auf falsche Gedanken kommen und etwa meinen, die Enttäuschung, die sie kürzlich erlebt hatte (mit dem Gitano) hätte sie etwa moralisch derartig heruntergezogen, dass sie von nun an der Erotik abgeschworen oder gar ganz auf Sex verzichtet hätte. Gut, so etwas gibt es, bei manchen Frauen oder Mädchen kommt das schon mal vor, wenigstens zeitweise, aber Valerie war anders. Nein, ganz im Gegenteil, denn schon ein paar Wochen nach dem betreffenden Erlebnis schien die Sache mehr oder weniger vergessen zu sein, in den Mittagspausen war sie fast immer zusammen mit den Kollegen draußen in einem Straßencafé, von denen es eine ganze Menge gibt in Narbonne, und auch abends vergrub sie sich keineswegs in ihrer kleinen Wohnung, sondern ging oft aus, war im Kino, im Theater, in der Kunstgalerie oder aber auch beim Sport, was auch immer draußen geboten war, und diese kleine mittelmeerische Stadt hatte wirklich eine Menge an Kultur zu bieten und offerierte gerade in der Sommerzeit viel an mittelmeerischer Atmosphäre und Zerstreuung, und zwar nicht nur für die Touristen, die dann natürlich die Strände und die Altstadt füllten.
Valerie wäre nicht sie selbst gewesen hätte sie nicht an Sex gedacht bei dem kleinen Schauspiel, das sich vor ihren Augen zu entwickeln begann, nein, sie wurde ja geradezu mit der Nase darauf gestoßen. Ihre Gegenüber zeigten sich dann auch weiterhin sehr wenig genant (nicht genierlich) und setzten ihre Spielereien fort. Wir kommen zurück auf die Frage am Ende des vorigen Absatzes und stellen sie erneut: Was tut eine junge Frau in so einer Situation?
Valerie tat etwas, das scheinbar überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatte, die sich vor ihren Augen abspielte. Sie griff zur Flasche und schenkte sich ein kleines Glas vom Hochprozentigen ein und kippte dann das Glas allein in einem Zug hinunter, nachdem sowohl Delphine als auch Alain mit einer Handbewegung zu verstehen gegeben hatten, sie wollten jetzt nichts trinken.
...nein danke...
Psychologen nennen das , was Valerie tat (einen Schnaps zu kippen), mit ihrem fachlichen Vokabular eine "Übersprungs-Handlung". Eine Übersprungs-Handlung ist nur auf den ersten Blick unlogisch. Nein sie hat hier eine sehr klare Funktion zu erfüllen: Sie dient nämlich dazu, einer bestimmten (oft kritischen) Situation vorhandene Spannungen bei den Beteiligten zu lösen. Sozusagen als ein Mittel, um die Beteiligten auf andere Gedanken zu bringen.
"Merci, ma pouce, mais je pense on va filer maintenant", sagte Alain. (danke Kleine, aber ich denke wir werden jetzt abhauen)
So wie er es sagte, gehörte nicht viel Fantasie dazu um sich auszumalen, was die beiden jetzt vorhatten.
Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis sich die beiden ganz lieb verabschiedeten
"Ciao Valerie, et un bon fin-du-dimanche" (tschüssi Valerie und noch einen schönen Sonntagabend)
"Solche Heuchler" dachte Valerie. Die beiden würden jetzt natürlich zuhause im Bett verschwinden, wo sonst, und sie bliebe alleine zurück.
Arme Valerie, alle haben Spass aber sie??
Soviel erst mal für heute. Wer wissen will, was sie anschließend wohl tun wird, muss sich noch ein wenig gedulden.
Liebe Grüße,
Valerie
