Kap. 31: Le gitane (der Zigeuner)
Während ich den Titel dieses Kapitels schreibe, muss ich das Lesepublikum schon um Verzeihung für die Wortwahl bitten, denn man sagt heute nicht mehr Zigeuner sondern Roma, und was in Frankreich früher "les gitanes" waren, sind heutzutage "les gens de voyage", also "die Reisenden". So ist der heute korrekte Sprachgebrauch. Das hat sich alles geändert, in Deutschland genauso wie auch in Frankreich.
Da die Geschichte der jungen Valerie aber nicht heute angesiedelt ist sondern in einer vergangenen Zeit, die jetzt bestimmt vierzig Jahre vorbei ist, möge man mir die Freiheit erlauben, die Dinge bei dem Namen zu nennen, den sie damals hatten. Also, es gab dort diesen Gitano (Zigeuner), er stand dort auf dem Trödelmarkt von Cabezac vor ihr und machte sie an.
Er grinste und pöbelte.
Eindeutig sexistisch, würde man diese Verhalten heute nennen, aber wie gesagt, es war vor 40 Jahren...
"Que tu es belle" (bist aber 'ne sexy Braut)
sagte er ihr und grinste ihr breit mitten ins Gesicht. Was er danach noch sagte, verstand sie nicht mehr so genau, aber es könnte so etwas ähnliches gewesen sein wie ...
"je veux te baiser..." oder eine ähnliche Unverschämtheit,
man muss das nicht übersetzen, aber jeder sollte wissen, dass dieses Verb "baiser" in Frankreich sowohl "küssen" wie auch "ficken" bedeuten kann. Und so, wie der Typ aussah, würde der sich bestimmt nicht lange mit küssen aufhalten.
Nach wie vor grinste er sie schief an, man konnte deutlich sehen, dass ihm einer der vorderen Schneidezähne fehlte, was seine Artikulation nicht besser machte. Bestimmt hat er den bei einer Schlägerei verloren, bestimmt ein Gangster, ein Rocker, ein Gitano, ging es ihr durch den Kopf. Sie war frappiert, was eigentlich sonst nicht ihre Art ist. Aber nun ja, es stimmt schon, sie hatte sich nun mal ein bisschen frech angezogen für diesen Samstagmorgen, der Ausschnitt ihres rosa Tops war gewagt um nicht zu sagen frech, ließ sozusagen tief blicken, aber die Sache hatte ja auch ihren guten Grund, weil sie und Delphine ja wirklich vorhatten, ein paar der mitgebrachten Sachen auch zu verkaufen, anstatt sie abends wieder zurück nach Hause zu schleppen, also stylt man sich als Frau bei so einem Anlass schon ein wenig. Man will den Käufern ja auch etwas bieten fürs Auge, die sollen ja was haben zum Gucken, die sollen gut aufgelegt sein, dann rollt auch der Rubel und alle sind zufrieden.
Es war in der Situation jetzt nicht etwa so, dass sie besonders Angst gehabt hätte, nein, ihr Eindruck war eher zwiespältig. Dieser junge Gitano sah zwar ein bisschen verwegen aus mit seinen ungepflegten langen schwarzen Haaren, aber (eine Frau sieht das auch) er war auch schlank, deutlich jünger als Valerie, knapp zwanzig, er war gut gebaut, schmale Hüften, sportlich, und irgendwie wirkte er auch attraktiv auf sie.
Das alles ging ihr in Sekundenschnelle durch den Kopf, während ihr Auge ihn abscannte. Sie war wieder mal in einem Zustand, der man gemeinhin als Hin- und hergerissen bezeichnet. Verstehe einer die Frauen, aber so sind sie, und die Männer lieben sie dafür...
In den späten sechziger Jahren gab es einen Kinofilm des Regisseurs Luis de Bunuel mit dem Titel "Belle de Jour", darin treten als Hauptdarsteller die junge Cathérine Deneuve auf und Michel Piccoli. Die Deneuve spielt eine sexuell frustrierte junge Arztfrau, die ihre Frigidität überwindet, indem sie sich in einem Luxusbordell Männern für Geld hingibt, dabei lernt sie diesen jungen hübschen Gitano kennen mit Namen Marcel, der zuerst ihr Kunde ist, aber sich später dann in sie verliebt und sie im weiteren Verlauf der Geschichte dann als sein persönliches Eigentum betrachtet (Spanier, Zigeuner!), was zu ein paar Konflikten führt, was man sich denken kann, aber das muss jetzt nicht weiter ausgeführt zu werden. Der Film war damals ein Welterfolg und lief unter seinem französischen Titel auch in Deutschland.
Auf jeden Fall sah der junge Marcel, der Gitano in diesem Film genau so aus wie der Typ, der Valerie anmachte, dort auf dem Trödelmarkt. Ein wenig gefährlich, verwegen, aber schön.
Was war zu tun in dieser Lage? Sie beschloss ganz schnell und intuitiv, eine Art De-Eskalationsstrategie zu fahren. Erst mal die Lage etwas entspannen. Natürlich hatte er sie beleidigt (sexual harrassement würde man das heute nennen) und streng genommen hätte sie dem Dorfpolizisten Bescheid geben können, der in der Nähe sichtbar war, aber so weit wollte sie nun auch wieder nicht gehen, denn, ehrlich gesprochen, der Typ war ihr nicht einmal so furchtbar unangenehm, denn gut sah er schon aus, der Junge.
Was tun Mädel in so einem Fall? Sie wenden die Waffen der Frauen an.
Valerie lächelte hinreißend.
"Das ist hier mein Verkaufsstand, und ich bin hier um diesen Drucker zu verkaufen, und ein paar Disketten, wenn du die brauchen kannst. Nichts sonst. Überhaupt nichts anderes. Punkt."
Er ignorierte ihren Einwand, ganz souverän, und tatsächlich, er konnte auch sympathisch sein. Sogar ausgesprochen sympathisch. Man kam ins Gespräch. Er sei mit seiner Familie hier auf dem Campingplatz, ja eigentlich mehrere Familien. Camping Cars, Wohnwagen, Mercedes, verstehst du. Ja, wir kommen von Spanien, aus der Gegend von Barcelona und ja, wir sind auf der Durchreise. Wir reisen immer. Und wir verkaufen auch alles mögliche, hier auf diesem Trödelmarkt. Und auch auf anderen Vide Greniers in der Gegend. Komm einfach rüber zu uns, dann zeige ich dir alles. Gibt auch was zu essen bei uns...
Soviel für heute. Fortsetzung in dieser Woche, gegen Ende der Woche 7
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Liebe Grüße, Valerie
