Teil 2 Kap. 26: Was man alles können muss als Maklerin.
"Meine Partnerin" stellte Dr. Engel die Dame vor, eine attraktive Frau in den Vierzigern, vielleicht auch schon fünfzig, jedenfalls deutlich älter als Valerie. Die Gruppe war stehengeblieben, man schaute sich an. Aha, dachte Valerie, seine Partnerin, also ist sie nicht seine Frau. Also ist er entweder Witwer oder geschieden. Und er hat sie nicht mit Namen vorgestellt. Was bedeutet das?
Valerie würde das bei Gelegenheit noch herausfinden müssen, besonders, was die genauen Besitzverhältnisse anging. Grundwissen für Makler: Erstens: Wer ist der Verkäufer? Mit wem verhandelst du? Zweitens: Was bietet er genau an, was die Stärken, was sind die Schwächen des Objekts?, und daraus folgend Drittens: für welchen Preis kannst du es wieder verkaufen?
Die Gruppe war stehengeblieben, man schaute sich an.
"Ja..." sagte Dr. Engel und machte eine Pause.
"Also das hier sind die drei Häuser, jeweils ein Stockwerk, hier das Haupthaus, ein Salon, eine Küche und vier Schlafzimmer, davon zwei mit Bad und Toilette. Schauen wir uns gleich im Detail... Dort drüben das Nebenhaus, das ist ein großes Wohn-/Arbeitszimmer und nochmals ein Schlafzimmer. Dazu ein Badezimmer und eine Sauna... Und zwischen den beiden Häusern haben wir noch das kleine Haus, da ist die Schwimmbadtechnik drin, also die Umwälzpumpe und so weiter. Und übrigens können wir das Wasser hier heizen, das geht dann rauf bis 26 Grad, sehr angenehm, das verlängert die Badesaison bis in den Herbst hinein..." Er hielt kurz inne, schaute Valerie an.
"Sagte ich das schon?"
Valerie nickte. Er fuhr fort
"Aber vor allem ist das die Sommerküche, das kleine Haus dort in der Mitte".
"Sommerküche?" fragte Valerie
"Üblich hier im Süden", sagte Dr. Engel.
"In Spanien hat man das viel, und auch hier kommt das mehr und mehr in Mode... Es wird halt schon recht heiß in den Sommermonaten, dann wird das Leben eben immer mehr ins Freie verlagert und die Hausfrau kocht dann eben lieber hier an der frischen Luft..." er schaute seine Partnerin an, und die nickte bestätigend.
Kochen mit Blick auf den Pool oder sozusagen mit einem Bein im Wasser, dachte Valerie. Sie inspizierte die zur Terrasse und zum Schwimmbad hin offene Sommerküche. Tatsächlich, alles war da, Küchenzeile, ein großer amerikanischer Kühlschrank, Gasherd, links ein überdimensionierter offener Kamin zum Grillen, für Barbecues.
Wie im Kino, wie bei Filmstars, dachte Valerie.
"Gut" sagte Dr. Engel. "Gehen wir rein?
Er zeigte auf das Haupthaus. Sie betraten einen großen Salon, der am anderen Ende durch einen riesigen offenen Kamin abgeschlossen wurde, von links und rechts kam viel Licht in den Raum durch große verglaste Türen, die auf die Terrasse und zum Garten führten. Ein französisches Landhaus, ein Herrenhaus mit viel Charakter aber auch viel Charme, dachte Valerie. Ein wenig wie der Besitzer selbst.
Er macht das gerne, dachte Valerie, während sie Schreibblock und ihre anderen Unterlagen und Prospekte vor sich ausbreitete. Er geniest es, sein Anwesen zu zeigen. Und sie spürte auch noch etwas anderes: Er akzeptierte sie als Maklerin, dieser Dr. Engel. Und was sie darüber hinaus noch bemerkte: Er interessierte sich auch für sie als Person, als Frau. Sie bemerkte es an seinen Blicken, an der Art, wie er auf sie reagiert hatte, vom ersten Augenblick an, als sie aus ihrem Auto ausgestiegen war.
Ihr gefiel das außerordentlich, dieses Gefühl, fachlich akzeptiert zu werden als Maklerin, aber auch das andere Gefühl, dass sie ihren Gesprächspartner auch als Frau interessierte. Ob er sie sogar begehrenswert fand? Irgendetwas in der Art war da im Raum, Valerie spürte es deutlich. Er zeigte deutliches Interesse an ihr. Und das, obwohl seine Partnerin mit am Tisch saß. Valerie beschloss, ein wenig mitzuspielen, nicht aus Berechnung, eher so spielerisch, als wollte sie sich ausprobieren. Eigentlich mehr unwillkürlich ging sie darauf ein, auf diese Signale und dieses Interesse, das sie meinte in seinen Augen gesehen zu haben.
Schon draußen im Garten hatte sie darauf reagiert, indem sie sich aufrechter hielt als sonst, und die Schultern mehr zurücknahm als sonst, mit dem Effekt, den Busen mehr zu zeigen. Sie beglückwünschte sich zu ihrer Idee von heute morgen, es war eine super Idee gewesen, heute eine eng taillierte Bluse zu tragen und auch den engen Rock, und diese kleinen Pads einzulegen in ihren BH, sie bemerkte es selbst, wie sie sich bewusster bewegte, anders ging, Busen und Po mehr bewegte beim Gehen als sonst, demonstrativer, und es stimmte auch, sie hatte etwas vorzuzeigen. Sie beschloss, noch ein klein wenig weiterzugehen, noch ein klitzekleines Bisschen.
"Darf ich kurz Ihr Badezimmer benutzen?" fragte sie.
"Selbstverständlich"
Er stand auf und ging voran, zeigte ihr die Badezimmertüre.
Auch hier war alles blitzblank, Fußboden und Wände in weißem Marmor gehalten, die Armaturen am Spülbecken in Chrom, alles wirkte teuer und vornehm. Sie fischte den Lippenstift aus ihrer Handtasche und zog sich die Lippen nach. Als sie zurückkam und sich wieder an den Salontisch setzte, hatte sie die oberen drei Blusenknöpfe geöffnet, einen mehr als vorher. Die Waffen der Frauen.
Ob er es bemerkte? Bestimmt hatte er es bemerkt. Aber er ließ sich nichts anmerken, er hatte Stil, er war ein Herr, er behielt die Contenance. Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Fluge mit der Detailbewertung des Objekts, mehrere Ordner und Baupläne waren auf dem großen Tisch ausgebreitet, Dr. Engel referierte alles was er wusste über sein Haus, das er nicht selbst gebaut hatte und nun nach über 10 Jahren verkaufen wollte. Valerie machte eine Menge Fotos und Videos von den Räumen und auch eine Menge Notizen, füllte ihre Papiere aus, stellte Fragen, die Dame des Hauses servierte Tee und Gebäck, die Sache ging ihren Gang.
Am Ende war eine Art Vorvertrag unterschrieben, noch kein richtiger Verkaufsauftrag, aber eine Erklärung, die er unterschrieb und die Michaels Firma zum Verkauf des Objekts berechtigte und verpflichtete. Sie würden das Haus auf ihrer Internetseite anbieten, fünf Prozent Vermittlungsprovision würden irgendwann an Michaels Firma fließen, falls es ihm gelänge, innerhalb einer bestimmten Frist einen solventen Käufer beizubringen. Als vorläufige unverbindliche Preisidee hatte Valerie einmal ganz locker in das Papier reingeschrieben: achthunderttausend. Zahlbar vom Käufer an den Veräußerer nach Abschluss eines notariell beurkundeten Kaufvertrags. Ihr Chef würde jubeln: Das bedeutete vierzigtausend Umsatz für seine Firma, auf einen Schlag.
Bei der Rückfahrt schwebte Valerie erst mal eine ganze Weile auf "Wolke sieben" sozusagen, das heißt, sie war euphorisch gestimmt. Hatte sie es wirklich geschafft? Aber plötzlich meldeten sich da wieder Zweifel. So viele war zu beachten, juristische Finessen, so viele mögliche Fallstricke. Wie waren die wirklichen Besitzverhältnisse? Gab es eine erste Ehefrau? Waren da eventuell noch weitere Berechtigte, die mitzureden hatten? Kinder? Erben? War das Objekt schuldenfrei?
Noch vom Auto aus rief sie das Stuttgarter Büro an.
"Michael hier"
"Valerie... ich komme gerade aus dem Objekt Dr. Engel. Halt dich fest, wir haben einen Vorvertrag..."
Fortsetzung demnächst in diesem Theater
L.G. Valerie
