Guten Abend zusammen,
ich bin ein wenig langsamer jetzt mit meinen Beiträgen, weil vieles zu erledigen ist und, ich will ehrlich sein, ein kleiner Teil des Tages auch für all das übrig bleiben muss, das nur bei diesem Sommerwetter geht..
Anni schrieb:
Wobei ich es für das größte " Malheur " halte , das wir uns überhaupt beschreiben , erklären, katalogisieren und dann auch noch dafür rechtfertigen müssen
Im Prinzip hast du schon Recht, datt is een groot Malöör. Um es zu Überwinden müssen wir uns aber wohl zumindest 'erklären'. Die 'Anderen' müssen ja erstmal erkennen, dass es uns gibt und ansatzweise kapieren können, wie wir, so im Groben, ticken.
Anne-Mette hatte wohl am Anfang des Threads die Befürchtung (so hab ich es jedenfalls rausgelesen), ich würde hier versuchen eine 'allgemeingültige Ursache' festzulegen. Mein Bestreben war das nie. Die Ursache ist m.E.sogar sekundär. Der entscheidende Punkt für uns besteht für mich darin, uns 'erklärlich' zu machen. Wenn wir das können, dann müssen wir uns auch irgendwann (dauert leider noch ne ganze Weile) nicht mehr rechtfertigen.
Dita schrieb:
"Deine" drei Frauen, Marielle, die du befragt hattest, konnten dir auch keine Antwort darauf geben, obwohl sie sich als Frau bezeichnen und auch weiterhin davon überzeugt sein werden eine zu sein.
Wie meint du das? Magst du versuchen mir zu erklären was du mit "konnten keine Antwort geben" meinst? Die drei waren natürlich von der Frage etwas überrascht und hatten wenig Zeit zum Nachdenken, Am Ende waren sie aber alle drei eher deswegen irritiert, weil sie es nicht beschreiben konnten, als wegen der Frage an sich. Eine meinte, sie werde darüber nochmal nachdenken müssen. Das Ergebnis steht noch aus.
ab08 schrieb:
das tut mir leid, drückte ich mich offenkundig falsch aus: "ein normierender, abgrenzender Charakter" war von mir jedenfalls nie beabsichtigt! ........ Aber natürlich steht es mir wirklich überhaupt nicht zu, Dich oder irgendjemand anderen als "nicht-betroffen" zu bezeichnen.
Prima, ehrlich. Zu viele Menschen, die sich selbst als transsexuell benennen / es sind, schaffen es leider nicht, ihre Sicht der Dinge nicht als 'das Mass der Dinge' anzusehen. Das mag an der schwierigen Situation liegen, in der sie sich befinden, aber mit ein bischen Selbstreflektionsvermögen sollte es doch allen möglich sein, zu erkennen, dass Transsexualität nicht darin besteht die eigenen 'Körperlichkeiten' möglichst geschickt zu kaschieren. Wie gesagt: Der 'Pimmel' ist es nicht. Dann können es breite Schultern, ein paar Haare oder eine etwas andere Selbstsicht auch nicht sein.
Auch wenn wir beide uns über die Ursachen hier nicht werden einigen können: Von mir aus kannst du wieder 'liebes' schreiben. Allerdings gefällt mir die Anrede nur mit Namen, ohne geschlechtsspezifisch geformtes Adjektiv, besser, weil sie 'kategorieärmer' ist. Zur Erläuterung: Ich hatte mir mal einen anderen Namen gewählt, der auf den Namen 'Maria' zurückgeht. Weil mir der aber, nach einer Weile der Selbstkategorisierung, nicht richtig passend erschien, habe ich ihn in Marielle, die 'kleine Maria', geändert. Diesen Namen ( es ist ein bischen auch ein (friedlicher) 'nom de guerre') will ich behalten, weil er mich ziemlich gut benennt, auch wenn er üblicherweise mit 'Frau' assoziiert wird und ich mir heute vielleicht einen 'neutraleren' wählen würde.
zu den Altdorfer Empfehlungen und dem von MarieB eingestellten Text dazu:
Es würde unseren Alltag ziemlich erleichtern, wenn sich dies mal durchsetzen würde.
Was das Bestreben nach einer Entpathologisierung angeht, bin ich völlig der gleichen Ansicht wie ab08. Es wird allerhöchste Zeit, dass zur Kenntnis genommen wird, das nicht wir krank sind, sondern das die Norm krank ist.
Was mich persönlich aber nicht wirklich überzeugt ist die Thesenbildung, aus der die Argumente für die Entpathologisierung hergeleitet werden. Ich will hier nicht mit der grossen Tube 'Copypaste' rumhantieren, aber ein paar Stücke Text aus den Empfehlungen könnten reichen, um zu erklären was ich meine.
Seitens der Neurowissenschaften werden zunehmend Studienergebnisse und Befunde vorgelegt, die belegen bzw. darauf hinweisen, dass Transsexualität als eine biologisch fundierte Variation des Gehirns angesehen werden muss.....
Angesichts des von anderen Neuro-Fachleuten beschriebenen Problems der möglichen ''Überinterpretation' von Daten aus neurologisch-messtechnischen Geräten, scheint mir "die darauf hinweisen" deutlich ehrlicher zu sein, als "die belegen".
Dabei dürften dynamische Selbstorganisationsprozesse von spezifischen Neuronennetzwerken in Richtung des Hirngeschlechts eine gewisse Rolle spielen.
"dürften ..... in Richtung .... eine gewisse Rolle spielen" Das hört sich für mich nach etwas anderem als einer 'unabweisbaren Wahrheit' an. Es ist gut, wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse und Thesen vorsichtig formulieren, aber 'vor Gericht' kommt man mit solch einer Aussage nicht weit.
Ich kann letztlich, wie wohl die meisten hier, die Belastbarkeit der verwendeten Daten und zugrundegelegten Studien nicht fachlich beurteilen. Deswegen bleiben mir nur die sprachlichen Eigenschaften des Empfehlungstextes und die Gesamtschau auf das was die Neurowissenschaft so alles kann oder nicht kann* als Beurteilungsbasis. Und danach komme ich zu dem Schluß, dass ich selbst mich, im Sinne einer tragfähigen Selbstkategorisierung, nicht zu sehr auf die Ausführungen zu den Ursachen der Transsexualität stützen würde. Es könnte, ist meine persönliche Sicht darauf, gut sein, dass aus dem Wunsch einer 'guten Sache' (der Entpathologisierung) einen wissenschaftlichen Unterbau zu geben, zu viel Argumentationsdruck entstanden ist, dem man versucht gerecht zu werden.
Wenn jemand im vorletzten Absatz über die Worte 'vor Gericht' gestolpert ist: Das meint kein 'ordentliches Gericht'. Zwei Aspekte an der ganzen Diskussion haben für mich aber schon den Charakter einer 'Verhandlung mit Urteil'.
Zum einen sagen wir oft, dass wir uns Toleranz und Verständnis von unserer Umwelt wünschen. Um uns zu verstehen und Toleranz zu üben, (be-)urteilt unsere Umwelt, ob wir 'schlüssig' genug sind, um in ihr Weltbild eingepasst zu werden (das hat absolut nichts mit 'Passing' zu tun!). Um unsere Argumente dafür nicht allzuoft widerrufen zu müssen, was uns unglaubwürdig machen könnte, sollten wir mit Angaben zu 'zwingenden', diagnostizierbaren Ursachen sehr vorsichtig sein.
Weiters werden, machen wir uns da bitte nichts vor, 'biologische Parameter' dazu führen, dass nach einer fixierten Definition dieser Parameter gesucht werden wird. Die Neuro-Leute könnten dann leicht versucht sein, anhand ihrer Messwerte Menschen einzuteilen (ich bin davon überzeugt, dass sie das zumindest versuchen werden). Was machen wir dann aber mit denen, denen die Neurowissenschaft bestätigt, dass sie nicht trans* sind, vielleicht weil sie knapp an den fixierten Parametern 'scheitern', die sich aber selbst nicht in dem ihnen zugewiesenen Geschlecht sehen? Sind die dann wieder krank?
Der zweite Aspekt der 'Verhandlung mit Urteil' betrifft mich selbst. meine Selbstkategorisierung. Ich habe kein Interesse daran, von jemandem eine 'Handreichung' für mein Selbstverständnis zu bekommen, die nicht wirklich gesichert ist. Ich muss mich selbst be-urteilen und mit diesem Urteil leben; darauf baue ich vieles auf. Wenn jetzt jemand sagt, er könne, ohne meine Sozialisation zu berücksichtigen, an meinem Grips erkennen, wer oder was ich bin ....... nee, ehrlich nicht. Der Schlag durch den möglichen, späteren Beweis, dass es doch nicht so, oder gar ganz anders ist, ginge mir viel zu tief. Ein solches Selbst-Fehlurteil möchte ich mir lieber ersparen. Und ich hoffe, dass den Autoren bewusst ist, welche Verantwortung sie haben, damit allen solche Selbst-Fehlurteile aufgrund von Thesen erspart bleiben.
Weiterhin aus dem Empfehlungstext:
Neben der strikten Gesundheits-, psychosozialen, neurowissenschaftlichen und Menschenrechtsorientierung
dieser Empfehlungen ist insbesondere noch hervorzuheben, dass
erstmals im internationalen Massstab transsexualitätsbezogene Guidelines in enger Kooperation
mit transsexuellen Menschen, die sich für die Menschenrechte engagieren, entwickelt
wurden und gemäss dem Forschungsprinzip der Holzkamp-Schule transsexuelle
Menschen nicht als sog. zu "Beforschende" betrachtet werden, sondern allgemein als
Mitforschende
Es ist sicher eine gute Idee, das (philosophische) 'Subjekt' zu befragen, wie es ihm geht und was in der Welt besser sein könnte. Aus der Auswahl der "Mitforschenden" entsteht aber ein Problem; die Mitforschenden werden, ganz subjektiv, ihre Sicht der DInge in die Forschung einbringen. Es wäre also, für ein wissenschaftlich valides Vorgehen notwendig, eine (sehr) große Anzahl 'Mitforschender' zu haben oder wenigstens einen repräsentativen Querschnitt der sich selbst als 'betroffen' ansehenden Menschen mitforschen zu lassen. Ansonsten besteht die deutliche Gefahr der Verengung des Blickwinkels.
E ist nichts schlechtes daran, zu den Menschen zu gehören, die sich als Transsexuelle für Menschenrechte engagieren, ganz im Gegenteil. Allerdings führt dieses 'Auswahlkriterium' für Mitforschende mit Sicherheit nicht zu einem 360Grad-Rundum-Überblick über das Thema, sondern es beeinflusst schon aus sich selbst heraus das Ergebnis.
Ich will und werde die 'Empfehlungen' nicht schlecht machen. Sie sind ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Thesen solcher Irren wie Money, aber der 'Weisheit letzter Schluss' sind sie auch nicht.
Ich stelle mal eine ganz persönliche These auf: Es wird nicht gelingen, das Wesen der trans-, inter, ....- sexualität zu ergründen und zu beschreiben, ohne sich von den körperlichen Merkmalen UND den sozialen Kategorien 'Mann' und 'Frau' zu verabschieden.
Leider, da hat ab08 sicher Recht, werden wir das Ergebnis der Überprüfung der These alle nicht erleben. Schade, aber wenigstens waren wir dabei, als es anfing.
habt eine gute Nacht und einen noch besseren Tag
Marielle
* da wären nämlich auch noch die Menschen, die fast ohne Gehirn halbwegs 'normal' durchs Leben kommen oder gar studieren. Dazu haben die Neuro-Leute noch so gar keine belastbare Idee.