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Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 09:11
von ExuserIn-2022-05-28
Hallo Julia,

nun was Die HRT anbelangt würde ich da schon mindestens 6 Monate Alltagstest "vorlagern".
Ich sehe bei diversen SHG's ständig Leute, die sich nur von der Gruppendynamik leiten lassen. Da werde ich von einer gefragt, die gerade einmal en femme draussen war, " Du die anderen nehmen alle Hormone sollte ich nicht auch anfangen?"

Es gibt viele Personen, die sich einfach durch Gruppendynamik zu Dingen verleiten lassen, die sie eigentlich -wenn sie richtig überlegen würden - gar nicht wollen. Und diese sind nicht in der Lage selbst diese Überlegungen ohne Anstösse von aussen anzustellen.

Daher sollte grundsätzlich zunächst mindestens 6 Monate ein Alltagstest - aber mit psychologischer Begleitung - stattfinden, bevor mit körperverändernden Massnahmen jeder Art ( HRT, OP ) begonnen wird. So können diejenigen erstmal in sich gehen und überlegen, ob das wirklich der richtige Weg ist.

Ich habe schon "TS" kennen gelernt, die in Wirklichkeit Schwul sind, damit aber nicht umgehen können und sich ein Konstrukt derart gebildet haben, dass sie ja nach einer Op hetero sind, wenn sie mit einem Mann zusammen sind, also nehmen sie halt die OP in kauf um nicht von der Gesellschaft als Schwul angesehen zu werden. Ich habe welche kennen gelernt die in jungen Jahren ihre Grosse Liebe durch Krankheit oder Unfall verloren haben. Bei diesen war die Liebe so gross, dass sie das Gefühl hatten die verstorbene Frau zu betrügen wenn sie mit einer neuen zusammen wären. Sie versuchten dann selbst ein Ebenbild der verstorbenen Frau zu schaffen , so dass sie sie wenigstens im Spiegel sehen konnten. Ich sehe auf den Treffen ständig Leute, die noch nie en femme draussen waren aber schon ihre PÄ und GaOp planen und Leute die meinen ihr Leben wäre als Frau besser, weil sie mal irgendwann die Erfahrung gemacht haben (Schule) Mädchen haben es einfacher.

Wenn solche Personen ohne Test und wie manche fordern, ohne psychologische Begleitung sofort mit HRT und OP's anfangen, wird es irgendwann zum Punkt kommen, an dem sie erkennen, dass es der falsche Weg war und sie somit z.b. ihre verstorbene Frau nicht ersetzen können oder sie dadurch trotzdem keinen besseren Job bekommen oder ihre privaten Probleme dennoch nicht gelöst sind..

Dann ist es aber zu spät.

Es gibt viele Ts, die sagen: Ich weiss selbst am Besten was gut für mich ist. Das stimmt auch bei einigen, die schon soweit in sich gegangen sind und erkannt haben, dass sie wirkich TS sind, aber eben nicht fûr alle. Und letztere muss dann die Gesellschaft vor sich selbst schützen.

Was die anderen Punkt anbelangt: um sein Àusseres für den Allltagstest zu veränden: Es gibt Perücken. Viele TS, bei denen der Haarausfall schon zu weit fortgeschritten ist, brauchen sie auch nach einer Op ständig. Es gibt Silikoneinlagen für den BH und IPL kann man zu jeder Zeit auf eigene Rechnung durchführen lassen oder inzwischen auch selbst machen. Klar, das kostet dann Geld. Aber wenn Bio-Frauen mit extremem Haarwuchs (bei "meinem" IPL Institut ist ein Mädchen, 17 Jahre, dass starke Körperbehaarung hat und - obwohl ein Attest vom Psychologen vorliegt, ihre Behandlung selbst bezahlen muss.) ihre IPL selbst zahlen, kann man das auch von TS verlangen. Die Behandlung kostet ca 20 Päckchen Zigaretten pro Monat und viele rauchen mehr.

LG Chrissie

Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 10:58
von Julia65
Hallo Chrissie,
deine Argumente für den Alltagstest sind einleuchtend und schlüssig, gar keine Frage. Das bringt mich jetzt auf den Gedanken, dass die Forderung von Alltagstest, vielleicht individuell gestaltet werden sollte. Und ich glaube, so wird es ja auch inzwischen längst praktiziert. Gibt ein Psychologe in einer Stellungnahme die Diagnose Transsexualität, wird ein Endokrinologe auch Hormone verschreiben. Und diese Diagnose bekommt man ja häufig schon früher, als erst nach einem Jahr Therapie und Alltagstest.
Du schreibst viel über Begegnungen in SHGs. Ich hatte auch schon einige solcher Begegnungen, darunter aber auch welche mit Leuten, die ein nicht so sehr ausgeprägtes Selbstbewustsein haben, die seit Monaten en femme auftreten, und totz Perrücke, Schminke und weiblicher Kleidung sehr stark maskulin wirken. Ein hammerstarker Bartschatten lässt sich beim besten Willen nicht vollständig überschminken. Wenn so jemand unter neugieringen Blicken leidet, Angst vor negativen Erfahrungen hat etc., kann es auch bei wirklich eindeutigen TS dazu führen, dass sie ihren Weg abbrechen, oder sogar ihr Leben. In sochen Fällen, so glaube ich, sollte es die Möglichkeit geben, zeitiger mit den feminisierenden Massnahmen zu beginnen um diese unangenehme Zeit so kurz wie möglich zu halten.
HRT und GAOP vermeide ich allerdings in Einem zu nennen. Für mich gehört die GAOP weit weit hinter die HRT.
Ich glaube, als Psychologe oder Endokrinologe würde ich niemandem Hormone geben wollen, der nicht wenigstens schon mehrere Wochen oder besser Monate permanent als Frau auftritt.
LG
Julia

Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 13:42
von Caira
Ich kann es nur aus meiner Sicht schildern:

Irgendwann letztes Jahr im Sommer war mein Bedürfnis so groß mein Leben "als Frau" zu beginnen, dass ich angefangen habe den Inhalt meines Kleiderschrankes zu ändern und mich dezent zu schminken. Es war einfach eine Notwendigkeit für mich, schon vor dem Outing. Ich hatte vorher keine großartigen "En-Femme-Ausritte". Das war für mich nie von Bedeutung. Später wurde mir dann gesagt, dass das in Kopplung mit einem Outing als Alltagstest gilt - okay, alles klar. Ich habs von mir aus gemacht und das langsam gesteigert, denn das wollte ich so. Je weiblicher meine Frisur wird, desto mehr lege ich bei der Kleidung nach. Da passiert ständig etwas. Das ich damit nicht den "Cut-Anforderungen" einiger Leute nicht gerecht werde, liegt in der Natur der Sache - des Gleitens. Ich bin damit sehr zufrieden und es gibt ja nicht nur eine Wahrheit!

Der Punkt ist eigentlich der, dass ich net sage, dass ich "als was" lebe oder irgendeinen Test begonnen habe. Ich habe angefangen das zu leben, was ich bin - von mir aus, ohne direkten Startschuss. Ich konnte dieses elende Mannsein-Fristen nicht mehr ertragen. Mir ist relativ gleich, welche Normen ich nun erfülle und welche Kriterien. Ich lebe so, wie es mich glücklich macht. Ich hoffe einfach nur, dass die Ärzte das erkennen und mir dabei helfen das entsprechend konsequent weiterzugehen. Das ist das einzige, was mir etwas Angst bereitet.

Ich weiß auch, dass es da draußen TS gibt, wo das anders läuft und wo man die Sache anders beleuchten muss. Wenn ich mich hier und da umschaue, frage ich mich schon mal, wer da die HRT stattgegeben hat. Aber letztlich muss man das allein bestimmen dürfen. Man kann nicht im Leben jede Verantwortung in die Hände anderer legen. Wer mit dem Feuer spielt, muss damit rechnen sich zu verbrennen. Für mich hat das in gewisser Weise den faden Beigeschmack einer Bevormundung und ich mag einfach für mich selbst entscheiden. Es gibt so viele konsequenzreiche Dinge im Leben, die ich auch allein entscheiden muss - wo mir niemand hilft oder "es gut meint".

LG Nika

Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 16:50
von ExuserIn-2022-05-28
Hallo Julia, ja eine feste Zeit ist niht unbedingt nötig wenn der Psychologe schon früher grünes Licht gibt.

Was IPL anbelangt : Jeder kann ja im Vorfeld auf eigene Kosten aktiv werden. Das geht je nach Umfang. Ich hatte für den Hals und Kinn Bereich 80 Euro alle 6 Wochen. Wenn man nicht gerade Hartz IV bekommt kann man das schon mal erübrigen.
Perücken gibt es gute und preiswerte bei www.lofty.de in fast jeder grösseren Stadt und ein guter Schminkkurs hilft beim Rest.

LG Chrissie

Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 17:56
von Anni
Hallo NIKA )))(:

wo hast Du DAS von mir abgeschrieben ???? :lol: da werde ich wohl schwere Plagiats-Vorwürfe erheben müssen :shock: ... da hilft auch nicht , das Du ein paar Kleinigkeiten verändert hast :mrgreen:

... nee - Spaß bei Seite - DER Text könnte von mir stammen - ich hab's auch nicht mehr ausgehalten , die " Rolle meines Lebens " zu spielen und hab für mich entschieden , ganz langsam und behutsam den Leuten mein " wahres ICH " unter zu schieben :wink:

... bei den einen mag ja die " HauRuck - Methode " die Richtige sein .... ich für meinen Teil bevorzuge die etwas sanftere Methode , wo die Leute Zeit haben , sich an das Andere ( neu ist es ja nicht :lol: ) Erscheinungsbild zu gewöhnen . (smili)

Zugegeben , der Weg ist nicht unbedingt leichter , aber ich hab damit gute Erfahrungen gemacht . Jede soll eben auf Ihre Weise den Weg finden , wie sie als Frau zu ihrer Bestimmung findet .

LG Anni

Re: was bedeutet eigentlich "als Frau leben"

Verfasst: Mo 14. Jan 2013, 19:05
von Sandra82
Ich verstehe Nikas Ansatz sehr gut, auch wenn ich für mich einen anderen Weg gewählt habe.

Nach ganz wenigen und zaghaften Versuchen im Dezember habe ich zum Jahreswechsel auch mein Auftreten komplett geändert und bin seit dem "vollzeit" als Sandra unterwegs. Allerdings hatte ich es vorher auch meinem näheren Umfeld mitgeteilt.
Passing ist eine Sache die mir selber sehr auf den Geist geht, vor allem meine Stimme, aber so ist das halt. Ich habe mittlerweile genug Selbstvertrauen um auch fremden Menschen so wie ich bin zu begegnen. Dennoch werde ich jetzt Schritt für Schritt versuchen mein äußeres Erscheinungsbild weiter anzupassen.

Vor einigen Wochen habe ich nicht verstanden, warum alle so hinter Hormonen und OP hinterher sind, aber kann es jetzt auch verstehen. Es kann, denke ich, vor allem für nicht so selbstsichere Personen ein großes Problem sein nicht das verkörpern zu können wie sie sich fühlen. Jede Anpassung an das Wunschgeschlecht ist dann eine großere Erleichterung für diese Personen. Ich habe heute mit IPL angefangen, aber bezahle es auch selber. Ich habe einen starken Bartwuchs, aber den kann ich auch Überschminken, nur mag ich es nicht mich jeden Tag mit einer dicken Schicht Make-Up voll zu kleistern. Hormone werde ich auch versuchen so schnell wie möglich zu bekommen, sofern weder Therapeutin noch Ärzte etwas dagegen haben.. Ich bin mir aber sicher, dass ich das richtige tue und den gesamten Weg gehen werde. Das dabei mir vorgeschrieben wird immer wieder bestimmte Zeiträume einzuhalten empfinde ich bisher noch nicht als schlimm, so habe ich auch die Zeit es jeden Tag für mich neu zu Prüfen ob noch alles stimmt.

Die Leute die auch gerne mal mit dem Frau-sein provozieren wollen oder es einfach nur zum Teil leben wollen sollen es gerne tun. In der lokalen SHG habe ich gehört das es auch hier Transsexuelle gibt, die sich nicht trauen sich zu outen oder offen in der neuen Rolle leben wollen. Bisher verstehe ich noch nicht wieso, aber ich hoffe das ich in einem der nächsten Treffen Gelegenheit erhalte werde auch mit solchen Personen zu sprechen.

Grundsätzlich sehe ich bei mir keinen Alltagstest mehr, sondern vielmehr eine Übergangsphase die ich irgendwann hinter mir lassen werde. In dieser Zeit gewöhnt sich hoffentlich mein Umfeld an mein neues Auftreten, überwinde ich die vielen kleinen Hindernisse auf dem Weg und verbessert sich mein Passung soweit, dass ich von meiner Umwelt als Frau wahrgenommen und behandelt werde. Ich will ja nicht mein Leben lang unbedingt mehr als nötig auffallen.

Darialenas Frage nach dem Leidensdruck muss ich auch nicht schmallippig beantworten. Für mich bestand der Druck aus der Differenz zwischen dem was ich empfinde und was ich bin. Dieser Druck ist jetzt wo ich als Frau lebe deutlich geringer, aber geht auch bis zwischen die Beine. Viel von dem Druck habe ich selber aufgebaut, indem ich versucht habe einen von mir konstruierten Männerbild zu entsprechen. Als ich das erkannt habe, habe ich mich damit beschäftigt, ob es nicht passt, wenn ich mich einfach von diesem Bild löse und versuche nur ich zu sein. Die Antwort für mich ist nein, dass reicht mir nicht und passt nicht zu dem was ich fühle und empfinde. Jetzt habe ich die andere Seite ausprobiert und stelle für mich fest, dass das mir entspricht und trotz der vielen Probleme die eine Transition mit sich bringt ich diesen Weg gehen will.

Liebe Grüße
- Sandra