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Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Do 3. Mär 2016, 17:17
von Anne-Mette
Nein, kein Damenbesuch - Braun wartete in meinem Zimmer. Er hatte sich wohl schon umgesehen. Meine wenigen Möbel und persönlichen Sachen befanden sich nicht mehr an der gleichen Stelle wie bei meinem Verlassen der Wohnung. Vielleicht hatte die Wirtin aber auch sauber gemacht und nicht alles wieder an seinen Platz befördert.
"Da habe ich wohl einen Fehler gemacht", meinte er, "Du hast doch bestimmt die Negative?
Unfair finde ich das", fügte er hinzu, "dabei habe ich schließlich angeboten, Dir zu helfen!
Ob das nun noch etwas wird, muss sich zeigen!
Wo sind die Negative?"
"Die sind an sicherer Stelle", antwortete ich ihm, "an die kommt keiner heran ohne meine Zustimmung".
Er forderte mich auf, mich auszuziehen und ihm meine Sachen zu geben. Er untersuchte alle Taschen, aber fand die Negative nicht. "Dumm nur", meinte er, "dann hast Du sie bestimmt in der Klinik versteckt, aber da kann ich nicht wieder auftauchen, ohne Verdacht zu erregen. Sie würden es bestimmt gleich an "das Büro" melden!"
Dann versuchte er mich zu überreden, die Negative zu holen und ihm auszuhändigen. Es sollte mein Schade nicht sein. Er holte eine dickes Geldbündel aus seiner Jackentasche, das mit einer goldenen , schon etwas abgewetzten Klammer zusammengehalten wurde und zählte ein paar Hunderter auf den Tisch.
"Nein!" — ich lehnte ab.
Ich lehnte auch ab, als er fast anfing zu jammern, er würde in die allergrößten Schwierigkeiten kommen. Ich blieb standhaft.
Zuletzt sagte ich ihm: "ich leiste hier mein Praktikum weiter ab und abschließend fahre ich wieder nach Berlin. Die Negative liegen warm und trocken und werden sorgsam für mich aufgehoben. Ich werde später entscheiden, was damit geschehen soll.
Das Geld können Sie wieder einstecken!"
Das tat er auch. Er hatte wohl selbst das Gefühl, bei mir zunächst nichts weiter ausrichten zu können. Er zog sich zurück und verschwand. "Du hörst von uns" waren seine Abschiedsworte.
Meine Wirtin kam und fragte misstrauisch: "haben Sie etwa mit der Polizei zu tun?"
"Nicht direkt", konnte ich antworten, "es ging um eine Fundsache, eine scheinbar sehr wertvolle Fundsache". Sie blieb unschlüssig im Türrahmen stehen.
Nach der Horrornacht musste ich mich unbedingt ausruhen. Meine Wirtin ging endlich, aber schnaufte, "na, ob das so stimmt!"
Ich legte mich auf mein Bett, ohne mich auszuziehen und schlief bis zum nächsten Morgen.
Pünktlich erschien ich zum Dienst in der Klinik. Es hatte sich kaum etwas verändert, wie auch nach der kurzen Zeit meiner Abwesenheit. Ich konnte sogar gleich wieder Kontakt zu Benni aufbauen. Er erkannte mich wieder und fragte: "wo Du warst?"
"Wo warst Du? heißt das", rief Antje, die daneben stand. "Drüben!" Ich machte eine Handbewegung in eine unbestimmte Richtung, um meine Antwort durch eine Geste zur unterstreichen.
"Drüben — Arbeit?" fragte Benni.
"Ja, aber nun bin ich wieder hier". Er war mit der Antwort zufrieden und fragte nach der "Tarre".
"Die Gitarre ist im Dienstzimmer" konnte ich ihm antworten. "Nikolaus?" fragte er.
"Ja, auch das Lied vom Nikolaus — nach der Mittagsruhe". Das erschien mir immer noch besser als das Schreien und Schlagen, das ich in dem anderen Block gehört hatte.
Mir war aufgefallen, dass die beiden jungen Frauen nicht da waren. Ich erkundigte mich nach ihnen. "Ach die - " Antje tat fast so, als würde sie sie nicht kennen, "die wurden wieder abgerufen!"
"Abgerufen???"
"Ja, ihre Dienststelle, die sie für ein Praktikum zu uns entsendet hat, hat sie zurückbeordert!"
Rätselhaft.
Nach dem Essen zogen wir uns ins Personalzimmer zurück. Viele Fragen brannten mir auf der Seele. Zuerst erzählte ich von den schrecklichen Zuständen in Block K.
Antje gab zur Antwort, dass da eigentlich schon lange niemand mehr untergebracht wurde. Es wäre auch nicht üblich, Menschen in irgendwelchen Räumen sich selbst zu überlassen und nur "aus der Ferne" zu beaufsichtigen. Auch was ich sonst erlebt hatte, kam ihr sehr merkwürdig vor.
"Die alten Räume sind vermietet", schaltete sich ein Pfleger ein, "ein Psychodoc aus Hamburg hat sie gemietet und kümmert sich selbst um Belegung und Personal. Ich hatte gedacht, da wird niemand mehr eingeschlossen! Die alten Räume erfüllen überhaupt nicht mehr die geltenden Vorschriften, reguläre Belegung ist da nicht zulässig."
Wir staunten. "Aber ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen", wollte ich sagen, musste aber zugeben, dass ich nichts gesehen hatte. Stattdessen rief ich: "aber die Schreie, die ich gehört habe — und das Schlagen!"
Es ging niemand direkt auf meinen Einwand ein.
"Der Psychodoc aus Hamburg ist übrigens mit Frau Wedeler aus dem Klinikvorstand verheiratet", fügte der Pfleger hinzu. Er wird die Räume zu einem günstigen Preis bekommen haben".
"Wenn Du willst, gehen wir nach Dienstschluss mal rüber und schauen nach, was dort vor sich geht", flüsterte Antje mir zu.
Ich erzählte ihr, dass "unsere Schlüssel" dort nicht passen würden. Sie versprach mir, vom Hausmeister den "Universalschlüssel" zu "borgen".
Dann wurde es noch einmal dienstlich. Ich wurde angesprochen, dass in den wöchentlich stattfindenden Teamsitzungen auch immer ein "persönlich reflektierendes Gespräch" stattfinden sollte. Die Klinik legte großen Wert darauf, die MitarbeiterInnen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen; denn sie versprachen sich davon u.a. bessere Arbeitsleistungen und weniger Krankheitsfälle.
"Es wäre gut für die Beurteilung Deines Praktikums, wenn Du mit einer Fragestellung das nächste Thema bestimmen könntest", meinte Antje. "Es sind PsychologInnen dabei, die uns auf unseren Reisen durch unsere persönlichsten Eigenschaften begleiten. Was könnte Dich interessieren? Hast Du Fragen zu Suchtproblemen? "¦ oder vielleicht zu Depressionen? "¦oder zu sexuellen Fragen? "¦ oder zu einem ganz anderen Bereich? "¦ zu weit zurückliegenden Erlebnissen, vielleicht Missbrauch?"
Ich fühlte mich überfahren. Einen Moment war ich stumm, dann brach es aus mir heraus: "wenn jemand eigentlich ein Mann ist, aber sich doch nicht so fühlt, sondern als Frau — oder er ist beides, Mann und Frau - oder er weiß es nicht und möchte es vielleicht wissen, könnten wir darüber auch reden?"
"Ja, na klar", antwortete sie — und wurde dann leiser: "endlich ein anderes Thema; denn immer wieder die Beziehungsprobleme meiner KollegInnen kann ich schon nicht mehr hören". Trotzdem schien sie ein wenig erstaunt oder enttäuscht zu sein, oder bildete ich mir das nur ein?
Nachmittags, nach der Ruhezeit, gab es dann endlich "das Lied vom Nikolaus". Benni war begeistert.
Mir fielen noch ein paar Lieder ein, die ich mit C, F und G7 spielen konnte. Die Gitarre stimmte ich "grob nach Gehör"; denn eine Stimmgabel war nicht vorhanden.
Benni hatte eine Plastikschüssel in der Hand und einen alten, abgebrochenen Kochlöffel und klopfte (mehr oder weniger) den Takt.
Abends, nachdem alle Jugendlichen fertig waren und die Nachtschicht sich um sie kümmerte, ging ich wieder unter die Dusche. Dieses Mal steckte ich meinen Schlüssel von innen ins Schloss und hoffte, dass ich ungestört bleiben würde.
So war es auch.
Lieber langweilig, also so ein "Erlebnis" wie beim letzten Duschen.
"Wo bleibst Du denn?" Antje wartete schon im Dienstzimmer auf mich. Sie winkte mit dem Schlüsselbund und "drohte" scherzhaft mit einer großen, gummiummantelten Taschenlampe, die sie wie einen Knüppel in der Hand hielt.
Wir machten uns auf den Weg .
Im Kellergang war dieses Mal überhaupt kein Licht. Antje ging, mit der Lampe in der Hand, noch einmal zurück zum Anfang des Kellerganges und öffnete die Tür eines kleinen mit Hammerschlag-Lack lackierten Schränkchens, das sich über dem hölzernen Handlauf befand. Sie legte einen Schalter um — und wir hatten Licht. Wieder konnte ich einen Blick auf die alten, staubigen Gerätschaften werfen, die natürlich noch an ihrem Platz standen, festgehalten von großflächigen Spinnen-Netzen. "Gruselig muss das früher gewesen sein, als das alles noch in Betrieb war", meinte Antje.
Wir hatten den Kellergang durchquert und gingen die Treppe hinauf. Die Taschenlampe hielt sie mir entgegen und flüsterte: "falls es gefährlich wird!"
Sie hatte einen entschlossenen Gesichtsausdruck, den ich vorher bei ihr noch nie gesehen hatte. Ihre liebevolle Ausstrahlung, die ich während der Arbeit stets gerne wahrgenommen hatte, war völlig verschwunden.
Merkwürdiger Weise war es die ganze Zeit, in der wir uns im alten Block aufhielten, ruhig gewesen — gespenstisch ruhig: keine Schreie, kein Schlagen, einfach nichts war zu hören, aber die Treppenstufen knarrten unter unseren Schritten und machten die Szenerie noch unheimlicher.
"Fast wie im Film", dachte ich, "fehlt noch, dass gleich der Geist des Hauses erscheint".

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Fr 4. Mär 2016, 15:48
von Anne-Mette
Es erschien aber kein Geist. Überhaupt: es blieb ruhig, auch als wir durch die Flure gingen. Zuerst suchten wir das Stationszimmer auf. Es sah noch genau so aus, wie ich es verlassen hatte. Sogar die alte Zeitung lag noch da. Es war aus den Räumlichkeiten immer noch kein Geräusch zu vernehmen. Ich vermutete Schlimmes. Auch sonst war kein Mensch zu sehen oder zu hören.
"Suchen wir die einzelnen Zimmer auf", meinte Antje, "die werden doch die Leute nicht einfach sich selbst überlassen haben!"
Doch der vielgelobte Generalschlüssel des Hausmeisters passte nicht zu den Schlüsseln der Zimmertüren. Die Schlösser waren sicherlich ausgewechselt worden, als der "Psychodoc" den Block damals übernahm.
Antje wurde richtig hektisch. Sie lief von Tür zu Tür, probierte den Schlüssel, rüttelte an der Klinke, rief laut, aber überall das gleiche Ergebnis, sie erhielt keine Antwort!
Schließlich kamen wir ans Ende des Flures — und sahen eine Tür, die mit einem einfachen Schloss versehen war; aber sie war nicht abgeschlossen.
Antje öffnete die Tür halb, leuchtete hinein und stieß einen Pfiff aus. Sie rief mir zu: "Du glaubst es nicht"¦!"
Schnell warf auch ich einen Blick in die Kammer, die bestimmt früher zum Aufbewahren der Putz-Utensilien gedient hatte; denn dort standen noch diverse Eimer, die ebenso darauf hindeuteten, wie der typische Geruch nach Putzmitteln.
Jemand hatte einen kleinen Schreibtisch in die Kammer getragen und darauf stand — ich wollte es wirklich kaum glauben, ein TK5, ein Tonbandgerät von Grundig.
Ein Dioden-Kabel führte vom Tonbandgerät zu einem ziemlich großen Verstärker mit dem Eingang "TB/TA".
"Herkules 101" und "150 Watt" prangte stolz auf der polierten Aluminium Frontfläche.
"150 Watt, damit kann man eine Menge Krach machen", sagte ich mehr zu mir selbst als zu Antje, die gleich darauf rief: "mach mal an!"
Ich schaltete den Verstärker ein und dann das Tonbandgerät. Ich wartete einen Moment. Als das "magische Auge" leuchtete und mir Betriebsbereitschaft signalisierte, drehte ich den rechten Wahlschalter des Tonbandgerätes auf die dritte Rasterstellung "Abspielen". Sofort setzten sich die 15er Spulen in eine Drehbewegung — und die schrecklichen Schreie und das Klopfen waren wieder aus den Zimmern zu hören. "Das ist ja gediegen!", ich war fassungslos und erschrak beim Hören der Schreie, obwohl sie vom Band geliefert wurden.
Vom Verstärker führten mehrere Kabel durch die Wand hindurch und speisten sicherlich große Lautsprecher in den Zimmern.
Ich stoppte das Tonband, schaltete es dann auf "SPULEN" und wählte mit dem massiven Knebel zwischen den Spulen die Stellung, die ein schnelles Rückspulen in Gang setzte. Nach einer Weile war die linke Spule voll. Das Band hatte sich aus der rechten Spule gelöst, die nun stille stand.
Ein Stückchen Band hing aus der rechten Spule heraus und machte ein wischendes Geräusch auf der metallenen Oberfläche des Gerätes, bis ich auf Stop geschaltet hatte.
Ich schaltete beide Geräte wieder aus.
Ein flacher Karton, blau, mit weißen Spiralen und der Aufschrift "AGFA MAGNETONBAND" lag neben dem TK 5 auf dem Schreibtisch. Ein Stempel war darauf zu sehen. Ich musste den Karton in die Hand nehmen, um die Schrift zu entziffern, die leicht verwischt war. "Theatergruppe Hamburg St. Georg" konnte ich schließlich lesen.
"Schade, dass ich keine Kamera dabeihabe; denn das glaubt uns sonst keiner", sagte ich zu Antje, die immer noch staunend neben dem Schreibtisch stand".
"Ich habe eine Polaroid", meinte sie, aber ich weiß nicht, ob ich noch einen Film dazu habe. Den gibt es nicht überall!"
"Dann müssten wir noch einmal zurückkommen", gab ich zur Antwort, "oder willst Du jetzt laufen und nachschauen?"
Nein, das wollte sie nicht: "das würde bestimmt eine ganze Stunde dauern, bis ich wieder hier wäre — und wie gesagt, ich weiß nicht einmal, ob noch ein Film da ist".
Ich steckte die Tonbandspule in den flachen Karton und nahm ihn an mich. "Beweismittel", sagte ich zu Antje, "eigentlich müssten wir das fotografieren oder das Tonband gerät mitnehmen".
Sie hob es leicht an. "Schwer!" war ihre Reaktion. "Ja, sagte ich, "das ist noch ein richtiges Eisenschwein".
Wir ließen es dort stehen und nahmen nur das Band mit.
Der Rückweg gelang uns ohne Probleme. Den Strom schalteten wir wieder ab.
Antje gab die Taschenlampe und den Schlüssel beim Pförtner ab, der ihn einschloss.
"Wir sollten ein Protokoll schreiben", meinte sie, als wir vor der Pförtnerloge standen, "kommst Du noch mit zu mir?"
Das war eigentlich eine gute Idee. Ich folgte ihr bereitwillig. Sie hatte Recht, es war ganz schön weit.
Ihre kleine Wohnung machte einen gemütlichen Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als würde sie dort alleine wohnen. Sie schien meine Gedanken erraten zu haben: "Für einen allein ist die Wohnung groß genug", sagte sie, als sie mich in die kleine Küche bat, "Kaffee?"
Ich nahm dankend an.
"Oder doch lieber ein Bier?"
"Noch besser!"
Sie stellte zwei Flens auf den Tisch. Ich öffnete meine Flasche und nahm einen großen Schluck. Sie tat es mir gleich.
Danach verschwand sie und mühte sich ziemlich ab, etwas von einem Schrank herunterzuholen.
"Soll ich helfen?"
"Nein, nicht nötig, geht schon!"
"Darf ich vorstellen? Meine Mitbewohnerin Gabriele".
Sie lachte und hielt mir eine Reiseschreibmaschine entgegen.
Dann verschwand sie wieder und kehrte mit einigen Blatt Papier zurück.
Sie legte ein Blaupapier zwischen zwei Blätter und spannte diese in die Maschine. Ein wenig ausrichten — ein wenig drehen an der Walze — wie ich das von meiner eigenen Maschine kannte.
Sie schrieb recht flott.
In zehn Minuten hatte sie ein Protokoll unseres Besuches fertig. Wir unterzeichneten beide Exemplare. Eines sollte ich mitnehmen — und eines wollte sie behalten.
"Noch ein Bier?"
"Gerne"
Sie verschwand noch einmal und kam mit einer älteren, weißen Kamera zurück, die ganz anders als die üblichen Apparate aussah. Sie hielt mir die "Swinger" entgegen: "leider habe ich keinen Film hier, aber den kann ich vielleicht am Wochenende besorgen; ich habe keinen Dienst".
Ich war nie ein Freund von solchen Sofortbildkameras, obwohl ich auch mal eine hatte. Die Fotos, die sie selbst "sofort" entwickelte, waren nicht so richtig gut, fand ich. Außerdem waren die Filme ziemlich teuer und nicht weit verbreitet; so erhielt man oft überlagerte Ware.
"Kann ich Dir noch eine sehr persönliche Frage stellen?" Sie guckte ein wenig verlegen.
"Ja, natürlich", antwortete ich.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: So 6. Mär 2016, 10:39
von Anni
Hallo Anne-Mette )))(:

Jo ! Wieder eine schöne Fortsetzung der Geschichte (ap)

Für die jüngeren Leser wird wohl in Zukunft noch die Eine oder Andere Erläuterung notwendig sein :wink:

.... Schreibmaschine --- hatte die schon WiFi ?

... was ist Blaupapier --- Rezept für Koma-Saufen ???

... magisches Auge --- Zubehör für neueste Smartfones ??? :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

Auf MDR ( Mitteldeutscher Rundfunk ) gibt's so ca. alle 4-5 Wochen eine Sendung " Damals war's " ... wenn's um die Ende 60er , Anfang 70er geht - ach wie
oft muß ich dann schmunzeln , mit welch " einfachen " Mitteln wir dennoch die " Hürden des Lebens " gemeistert haben (smili)

Wann geht's weiter ????? :shock:

LG von frecher Anni

PS : " Damals war's " - nächste Sendung 03.04.2016 , 20.15 Uhr

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: So 6. Mär 2016, 13:39
von Anne-Mette
Moin,

"Blaupaper" - das ist nicht ganz korrekt, aber diesen Begriff aus meiner Kindheit habe ich wohl lange Zeit beibehalten.
"Kohlepapier" oder "Durchschreibpapier" ist wohl eher der richtige Begriff, steht auch auf der Verpackung:
kohlepapier.jpg
Das Produkt von GEHA hat eine grüne, glänzende Oberfläche - und die Rückseite, die das Kopieren übernimmt, ist es schwarz.

Ja, damals gab es noch keine Auswahl der auszudruckenden Exemplare wie bei Open OFFICE oder anderen Textprogrammen. Mit dem Kohlepapier war das eine ziemliche Fummelei. Zwei Kopien erforderten schon Routine; denn das Kohlepapier war sehr rutschig.
... und wehe, man hatte sich verschrieben...

Die "Gabriele" war eine voll mechanische Schreibmaschine. Die Dame auf der GEHA-Verpackung sitzt vor einer elektrischen Maschine, die irgendwie in den 60er/70er Jahren aufkamen und mit der Zeit immer erschwinglicher wurden. Da "donnerten" die Buchstaben mit elektrischer Unterstützung auf das Papier, was in der ersten Zeit dazu führte, dass man sich heftig erschrak - und ungewollt den Buchstaben mehrfach aufs Papier brachte, wenn man, wie man es von der rein mechanischen Maschine gewohnt war, "ordentlich fest" auf die Tasten drückte.
Die ersten Maschinen funktionierten ähnlich wie die rein mechanischen; erst später gab es "Kugelkopf" (IBM) und Typenradmaschinen.
Das war ein Technologie-Sprung für diejenigen, die ihre Schriftstücke individuell gestalten wollten; denn es gab eine Auswahl verschiedener Schrift-Typen.
Für die Typenrad-Maschinen gab es zwar kein WIFI, aber erste "Bastel-Lösungen" wurden geschaffen, um diese Schreibmaschinen an die aufkommenden Computer und (Taschen)Rechner anzuschließen.

Ein "magisches Auge" ist eine Anzeige-Röhre, die in damaligen Radios und Tonbandgeräten verwendet wurde.
Sie zeigt die beste Sender-Einstellung (höchste Feldstärke) an; bei Tonbandgeräten konnte man nach der Anzeige den Aufnahmepegel steuern.
Damit waren schon einige "Effekte" bei eigener oder aufgenommener Musik möglich.
So eine Röhre habe ich allerdings nicht (wie das Kohleppaier) "zur Hand".

Gruß
Anne-Mette

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: So 6. Mär 2016, 14:01
von Olivia
Hallo Anne-Mette,

eine Reminiszenz an das gute alte Kohlepapier gibt sozusagen es auch heute noch: Wenn Du bei einer E-Mail jemanden "Cc" setzt, schickst Du dem/der eine "Carboncopy", also das, was Du früher mit dem Kohlepapier gemacht hast...

Liebe Grüße von Olivia

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: So 6. Mär 2016, 17:54
von Anne-Mette
Moin,

wie gut, dass es auch ruhigere Tage - und sogar Phasen gab. Die werden zwar für die LeserInnen nicht so interessant sein, aber es gab auch solche Tage:

Es ging ihr um das Thema, das ich für die nächste Team-Sitzung vorgeschlagen hatte. Sie fragte mich: ""¦ und, warst Du schon einmal in Frauenkleidung unterwegs?"
"Ja, ein paar Mal".
"Hast Du eigene Sachen?"
"Ja, aber nicht hier während des Praktikums dabei, ich habe mich auf das Nötigste beschränkt. Außerdem weiß ich nicht, wie meine Wirtin reagieren würde"¦
"¦ und meine Praxisanleiterin!"
Sie schaute mich an und lachte: "ach, die wird nichts dagegen haben!"
Für einen Moment verschwand sie und kam mit einigen Sachen zurück. "Da bin ich rausgewachsen, probiere Du mal!"
Der Rock machte keine Probleme; denn er hatte oben einen Gummizug. Wir mussten ungefähr die gleiche Größe haben. Der Rock war weder zu eng noch rutschte er.
Das T-Shirt saß etwas knapp — und dem BH sah ich gleich an, dass er von der sogenannten Unterbrustweite mindestens zwei Nummern zu klein war. Das sagte ich ihr auch.
"Oh, Du kennst Dich aus! Wenn ich am Wochenende unterwegs bin und einen Film besorge, dann kann ich Dir einen passenden BH mitbringen, einverstanden?"
Eigentlich sprach nichts dagegen, aber auch nichts so richtig dafür. "Meinetwegen", ich gab ihr fünfzig Mark für die beiden Sachen. "Wir können später abrechnen, wenn ich zurück bin". Sie wollte mir den Schein zurückgeben, aber ich sagte, "nimm ruhig!"
Ich zog meine eigenen Sachen wieder an und machte mich auf den Heimweg.
Der Rest der Woche verging wie im Fluge.
Samstag sollte ich mich für ein paar Stunden in der Klinik einfinden, um der Wochenend-Crew etwas zu helfen.
Als ich auf dem Weg zur Arbeit an einer Telefonzelle vorbeikam, rief ich einen Motorradkumpel von der Insel an. Ich bat ihn, bei meiner Schwester vorbeizufahren und ihr zu sagen, sie solle bitte noch einmal mit Brigitte reden, dass mein Brief unbedingt gut aufgehoben werden sollte und dass ich ihn persönlich abholen würde.
"Fahre bitte hin und rufe nicht an!" schärfte ich meinem Kumpel ein.
Er versprach es.
Nach dem Dienst sollte ich bei Antje vorbeischauen. Das tat ich auch. Ich fand sie in guter Stimmung vor.
Für die fünfzig Mark hatte sie nicht nur einen Film bekommen und einen BH, sondern auch passende Unterwäsche. Sie hatte einen guten Blick für Größen, war sparsam und hatte einen guten Geschmack.
Ich sollte mich wieder "verwandeln", wie sie es nannte. Wir waren beide mit dem Ergebnis zufrieden. Den relativ flach geschnittenen BH stopften wir mit Taschentüchern aus.
"Perfekt", meinte sie, "das wollen wir gleich mit einem Foto dokumentieren!"
Sie legte den Film in die Kamera ein und stellte scharf. Sie fummelte sogar eine passende Blitzlichtbirne in die Fassung.
Nach ein paar Minuten hielten wir das fertige Foto in unseren Händen. "Perfekt", meinte sie schon wieder.
Nun wollte ich ein Erinnerungsfoto von ihr machen. Sie zeigte mir die etwas merkwürdige Art, die richtige Entfernung einzustellen: "Den roten Knopf zusammendrücken — drehen, bis "No" verschwindet und "Yes" erscheint".
Erst verstand ich es nicht ganz, aber dann sah ich das kleine Fenster unterm Sucher.
"Aber nur ein Bild", rief sie mir zu, "der Film liefert nur acht!"
Auch das Bild gelang.
"Was machen wir noch mit dem angebrochenen Abend? Fragte sie mich.
Mir fiel nichts ein, ich keine festen Vorstellungen von der Wochenendgestaltung. Irgendetwas würde sich schon ergeben, hatte ich gedacht.
"Kommst Du mit ins "HIT69", fragte sie mich, "da ist heute Live-Musik!"
Ich hatte nichts dagegen: "Ich komme mit, aber nicht in den Frauen-Klamotten!"
"Schade", meinte sie, "wir könnten doch mal testen, wie Dich unbefangene Leute einschätzen würden: als Mann oder Frau!"
"Nein", ich lehnte entschieden ab und zog meine Jeans an.
Allerdings vergaß ich, die Unterwäsche zu tauschen.
Gegen zehn erreichten wir die "Dorf-Disko", wie ich dachte. Sie war überraschend groß, sicherlich mal ein ehemaliges Kino gewesen. Drei Mark Eintritt — dabei ein Freigetränk; dazu erhielten wir einen Stempel auf die Hand: "Gebucht 13.8.1975". Das Datum stimmte nicht, aber das war völlig ohne Belang.
Vorn war eine Band schon kräftig in Aktion. Die drei Leute brachten abwechselnd eigene Stücke und nachgespielte Hits der letzten Jahre. Die eigenen Stücke kamen nicht so richtig an, aber wenn sie die anderen Stücke (überraschend gut — und "fast wie echt") spielten, füllte sich die Tanzfläche.
Nach dem zweiten Bier hatte auch ich ein wenig Tanzlaune. "Woll"™n wir?" lautete meine kurze und knappe Aufforderung, die ich mit einem Kopfnicken in Antjes Richtung unterstrich.
"Is jut", ihre Antwort fiel genau so knapp aus. Beides war nicht so ganz dem entsprechend, was junge Menschen in der Tanzschule lernen.
Von der Tanzfläche hatten wir einen guten Blick auf die Gruppe. Für eine "Dorfband" waren die drei Musiker recht gut ausgestattet. Der Gitarrist mühte sich mit seiner Ibanez Les Paul Kopie, der Bassist bearbeitete seinen Fender Bass mit Hingabe — und der Trommler achtete darauf, dass keiner seinem Ludwig-Schlagzeug zu nahe kam. Immer wieder gab er Hinweise mit den Trommelstöcken, die Leute sollten sich von seinem Instrument fernhalten. Ein Wunder, dass er noch so gut den Takt halten konnte.
Der Fender Verstärker harmonierte sehr schön mit der schwarzen Ibanez. Ich überlegte, ob er wohl die serienmäßigen Tonabnehmer gegen andere ausgetauscht hatte und wollte ihn in einer Pause fragen.
Es war eine ziemlich ausgelassene Rumhüpferei: jeder für sich und jeder so gut ersie kann.
Dann entstand plötzlich eine mir völlig ungewohnte Situation! Die Band spielte ein langsames Stück von Peter Straffrei — und rasch bildeten sich Paare, die bald darauf mehr oder weniger eng umschlungen tanzten. Ich guckte Antje fragend an, aber sie machte einen Schritt auf mich zu — und schon hielt ich sie im Arm. Erst ging es überhaupt nicht, aber nach einer Weile hatten wir uns aufeinander eingestellt. Fast bedauerte ich, dass danach wieder ein schnelleres Stück kam.
Es tauchten ein paar Mitarbeiter aus der Klinik auf. Wir setzten uns alle an einen Tisch und plauderten bei Bier und Wein. Es ging um dienstliche Belange. Hörte ich in der ersten Zeit noch höflich zu und nickte freundlich mit dem Kopf zu den Erzählungen, so wurde mir mit der Zeit langweilig. Eine Spielpause benutze ich, um mit dem Gitarristen ins Gespräch zu kommen. Er erzählte mir, er hatte tatsächlich die Ibanez-Abnehmer gegen DiMarzio ausgetauscht, war aber nicht besonders gesprächig.
Ich dachte an meine Gitarre. Ich war extra nach Flensburg gefahren, um mir eine E-Gitarre zu kaufen. Als ich endlich nach langer Fahrt in einem Musik-Geschäft in der Nähe des Deutschen Hauses stand, meinte der Verkäufer nur trocken: "Elektrogitarren sind aus".
Ich entschied mich nach langer Überlegung für eine Höfner-Schlaggitarre; denn ich wollte nicht mit leeren Händen zurückkommen. Dazu kaufte ich einen Tonabnehmer von Schaller. Natürlich war das keine richtige Ausrüstung für einen zukünftigen Rock-Musiker.

Antje machte schließlich den Vorschlag aufzubrechen; ich war froh.
Wir verabschiedeten uns von den KollegInnen: "Bis Montag!"
"Schönen Sonntag!"
"Willst Du noch mit zu mir?" Der Vorschlag von Antje gefiel mir.
"Ich glaube nicht, dass Du so spät noch bei Deiner Wirtin auftauchen kannst!"
"Ja, ist gut". Insgeheim hatte ich fast darauf gehofft, dass wir die Nacht verbringen würden.
Bei ihr in der Wohnung tranken wir noch einen Absacker. "Du kannst IN meinem Bett mitpennen", meinte sie in einer aufgesetzt burschikosen Art, "aber nicht MIT MIR pennen; denn das habe ich meinem Freund versprochen: Wenn er nicht hier ist, dann kommt keiner in meine Möse!
"¦ aber anfassen kannst Du mich".
Anfassen - das machten wir ausgiebig.
Später erzählte sie mir, dass ihr Freund zur See fuhr und immer längere Zeit unterwegs war.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Mo 7. Mär 2016, 16:02
von Anne-Mette
Den Sonntag "vergammelte" ich. Meine Wirtin begrüßte mich mit den Worten "na, auch schon da?" Sie saß aber mit einer Nachbarin auf der Terrasse und trank Obst-Likör. Deshalb verblasste ihr Interesse an mir sofort wieder.
""¦macht Praktikum in der Klinik", hörte ich sie noch zu ihrer Nachbarin sagen, als ich schon auf der Treppe war.

In der nächsten Woche kümmerte ich mich weiter um die Aufgaben, die ich während meines Praktikums zu bewältigen hatte. Mein Kontakt zu Benni war immer besser geworden. Ich hatte inzwischen das Gefühl, er hatte gut Vertrauen gefasst und freute sich jeden Morgen, wenn ich kam. An liebsten hatte er es, wenn wir Musik machten; aber er spielte auch gern mit Spielsteinen, die er nach Farben sortierte und als lange Schlangen aneinandergereiht auf den Tisch legte.
Dienstag kam eine junge Erzieherin, die ihn später in einer angegliederten Einrichtung, einem Kleinstheim auf dem Lande, weiter betreuen sollte.
Erst schrie Benni, als sie auftauchte und sich nach ihm erkundigte. Als ich sie aber in den Arm nahm, wie Antje es mit mir gemacht hatte und "guck Benni, eine Freundin" sagte, beruhigte er sich wieder. Später durfte sie sogar mitspielen.
Dienstag hatte Antje früh Feierabend. Sie hatte die Polaroid-Kamera dabei und meinte zu mir: "Wir sollten nachher einen Versuch starten, drüben zu fotografieren. Ich hole die Schlüssel vom Hausmeister!"
Sie hatte auch wieder die Taschenlampe in der Hand, als wir uns in den alten Block schlichen. Wieder war der Strom abgestellt und wir mussten in an der Schalttafel aktivieren.
Dann ging es durch den Kellergang. Nichts hatte sich geändert. Gern hätte ich die herumstehenden medizinischen Geräte und Rollstühle fotografiert, aber Antje meinte, dazu wären die wenigen Bilder zu schade, die noch auf dem Film zur Verfügung standen.
Unbehelligt erreichten wir Block K.
So sehr wir auch lauschten, wir hörten wieder keinen Laut. Trotzdem trauten wir uns nicht, irgendetwas zu rufen.
Das Stationszimmer war bis auf eine Kleinigkeit unverändert.
Die Zeitung war nicht mehr da.
Im Flur entdeckten wir keine Auffälligkeiten, doch als wir die ehemalige Putzkammer erreichten, erlebten wir eine Enttäuschung: der Schreibtisch war fort — und mit ihm das Tonbandgerät und der Verstärker. Das Loch in der Wand, durch das die Kabel verschwanden, war grob mit Gips gefüllt worden. Einige Besen und Schrubber, an die Wand gelehnt, schufen etwas mehr Putzkammer-Atmosphäre.
Schade! Wir waren ärgerlich, dass wir nicht schon vorher versucht hatten, hier zu fotografieren.
Unseren Frust spülten wir später mit ein paar Feierabendbier hinunter. Immerhin hatten wir das Tonband und unser Protokoll.
Donnerstag war die große Team-Sitzung mit den Psychologen. Mir war nicht nur ein wenig mulmig zumute — ich hatte richtig Angst; denn ich war nicht gewohnt, in einer größeren Gruppe über Gefühle zu reden. Schließlich kam ich aus einer Familie, in der am besten alles in Ordnung zu sein hatte. Probleme oder ganz persönliche Gefühle und Gedanken hatten wir fast nie angesprochen. Es war harte Arbeit, jedenfalls etwas offener zu werden, so wie ich es in der Schulgemeinschaft gelernt hatte. In so einer Team-Sitzung — und dann noch im Beisein der Psychologen war das natürlich viel schwieriger.
Es ging aber wesentlich besser, als ich es gedacht hatte. Die Gesprächsführerin ging sehr behutsam vor. Sie hatte sich vorbereitet und stellte mir viele Fragen, ließ mich aber auch erzählen. Die anderen KollegInnen trugen wenig zu den Gesprächen bei, machten aber einen aufmerksamen Eindruck.
Schließlich meinte die, Psychologin, eine Diagnose könnte und wollte sie nicht stellen, dazu wären auch medizinische Untersuchungen notwendig.
Sie konnte jedoch guten Gewissens empfehlen, beide Geschlechterrollen auszuprobieren und dann eine Entscheidung zu treffen. Sie warnte mich allerdings; denn in unserem Land gäbe es kaum Möglichkeiten zu Operationen, um sich dem "Wunschgeschlecht" angleichen zu lassen.
"Operationen?" Ich zuckte zusammen.
Eine Namensänderung wäre auch nicht einfach — und nicht einheitlich geregelt, fuhr sie fort.
"Probiere es aus!" schloss sie ihren kurzen Vortrag.
"Kann er das nicht schon hier im Praktikum ausprobieren?" fragte Jürgen, einer der Erzieher.
"Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist", antwortete die Psychologin, "wir müssen an die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen denken. Persönliche Belange müssen dahinter zurückstehen.
Wir können nicht durch ein persönliches Experiment die Gruppe durcheinanderbringen und vielleicht lange aufgebaute Beziehungen auf"™s Spiel setzen. Unsere Kinder und Jugendlichen sind besonders darauf angewiesen, dass sie stabile Verhältnisse haben.
Im Freizeitbereich solltest Du anfangen", sie sah mich dabei an.
Jürgen aber ließ nicht locker: "er könnte das doch in eine Verkleidungs-Situation einbauen!"
Gleich darauf verbessert er sich: "ich meine natürlich sie oder"¦". Er guckte ratlos.
"Das wäre eine Idee"; die Psychologin erschien zunächst von ihrer Vorgabe abzuweichen, warf dann aber den Kopf zurück und meinte abschließend: "nein, tut mir leid, das können wir nicht machen!"
Die Sitzung war beendet. Die Psychologin bat mich, anschließend noch kurz in ihr Büro zu kommen. Das tat ich gern. Sie sagte mir, dass sie sich sehr gefreut hatte, als sie davon erfuhr, dass es um Trans- und/oder Intersexualität gehen sollte im "psychologischen Thema". Weiterhin deutete sie an, dass sie selbst etwas mit der Thematik zu tun hatte, es aber im "großen Kreis" nicht sagen wollte.
"Schließlich warst Du heute dran, nicht ich", sagte sie dazu und grinste über"™s ganze Gesicht.
Dann berichtete sie mir von Forschungen, die sie betrieb — und ob ich nicht Lust hätte, daran teilzunehmen. Sie hätte inzwischen einige theoretische Ansätze entwickelt, die sie gern durch "praktische Erfahrungen" belegen wollte. Sie hatte eine Gruppe von 15 Menschen, die sie regelmäßig befragte. Drei- oder vier Mal im Jahr wollte sie mit der Post einen Fragebogen schicken — und einmal jährlich veranstaltete sie mit anderen Interessierten ein Treffen, auf dem es Vorträge gab — und eine "Betroffenenkonferenz".
"Ich fühle mich aber nicht "betroffen", gab ich ihr zur Antwort. "Stimmt", entgegnete sie, "das ist wirklich kein gutes Wort dafür!"
Dann erzählte sie mir noch von einer Formel, die sie entwickelt hatte und die sie "Begehren-Sein-Formel" nannte. Ich muss recht dumm aus der Wäsche geguckt haben; denn diesen Begriff hatte ich noch nie gehört.
Sie nannte mir ein Beispiel. Erste Anfänge sah sie in der ödipalen Phase der Kinder. Schon dort vermutete sie, gäbe es entweder ein Begehren (ich heirate meine Mutter) — oder ein Sein (ich will wie meine Mutter/mein Vater sein). Das würde sich später fortsetzen, allerdings weitgehend von der Mutter lösen und dann andere Frauen oder Männer betreffen.
Aus verschiedenen Fragen (und natürlich den Antworten dazu) fühlte sie sich in der Lage, eine Transsexualität zu "berechnen". Außerdem wäre es wohl möglich, eine Berechnung darüber anzustellen, "wie stark" die Abweichung von einem eigentlich zugewiesenen Geburtsgeschlecht wäre.
Sie gab mir einige Fragebögen und bat mich, besonders Bogen 3 sorgfältig auszufüllen, dann könnte sie mir schon einiges über mich sagen.
Ich nickte und versprach, mich "gelegentlich" mit den Fragebögen zu beschäftigen.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Di 8. Mär 2016, 12:17
von Anne-Mette
Das ergab sich auch erst am Sonntag; denn davor hatte ich genug damit zu tun, meinen Praktikums-Ordner auf Vordermann zu bringen.
Antje hatte mir den guten Hinweis gegeben, die gerade aufkommende Leistungs- und Betreuungsdokumentation in meine Berichte einfließen zu lassen. Gleichwohl schärfte sie mir ein, keinesfalls ungekürzte Namen zu verwenden.
"Kaum vorstellbar, dass wir bis vor kurzem noch ohne jegliche einheitliche Dokumentation gearbeitet haben", meinte Antje, "Schriftliches gab es nur, wenn die Jugendämter mal nachgefragt haben oder wenn uns Patienten verlassen haben und in eine andere Einrichtung gewechselt sind. Da standen wir manchmal ganz schön auf dem Schlauch, wenn es auf einmal hieß: stellen Sie uns bitte einen Entwicklungsbericht zur Verfügung".
Sonntag nahm ich mir den Fragebogen der Psychologin vor. Er war sehr umfangreich und enthielt sehr viele, teilweise (für mich) peinlich Fragen. Ich nahm mir vor, sie auf eine Verschwiegenheitsverpflichtung anzusprechen.
Als ich den Fragebogen am Montag ablieferte, begann schon meine letzte Praktikumswoche. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Die Psychologin versprach mir, innerhalb der nächsten drei Wochen eine kurze Auswertung zu schicken. Sie notierte sich meine Adresse. Ich wies sie darauf hin, dass ich mit "bedingungsloser Verschwiegenheit" rechnete und dass sie nur mir persönlich Auskunft geben sollte. Das sicherte sie zu. Allerdings versäumte ich, mir das schriftlich bestätigen zu lassen.
Mein Lehrer hatte in der Klinik angerufen und gesagt, dass die Woche nach dem Praktikum frei wäre; denn einige meiner MitschülerInnen hatten ihr Praktikum erst später beginnen können und mussten verlängern. Die unverhofften freien Tag wollte ich nutzen, um auf die Insel zu fahren. Dabei kam mir entgegen, dass ich nicht allzuviel Gepäck hatte.
Der letzte Tag in der Klinik war nett. Wir feierten mit den Kindern und Jugendlichen bei Saft und Kuchen. Fast war ich ein wenig wehmütig, die Arbeit mit Benni nun beendet zu haben. Auch er fragte traurig: "Du weg?"
"Ja, ich muss wieder in die Schule". Er fand sich damit ab. "Tarre?" fragte er noch.
"Die Gitarre bleibt hier", antwortete Antje für mich. Er freute sich, aber mir fiel ein, dass er nicht mehr viel davon haben würde, selbst sich ein Musikfreund in der Klinik finden sollte; denn auch seine Zeit dort ging dem Ende entgegen. Er sollte möglichst bald in das Kleinstheim umziehen, wie die Erzieherin uns sagte, die ihn immer wieder besuchte.
"Vielleicht haben sie auch dort eine Gitarre", dachte ich, aber ihm war noch nicht einmal klar, dass ein Umzug bevorstand. Ich wollte ihn nicht mit Hinweisen verunsichern, die er nicht verarbeiten konnte.
Zur Verabschiedung bekam ich ein Abschiedsgeschenk, das ziemlich makaber war: einen Blumenstrauß, in den lauter kleine Medikamentenflaschen und Tablettenpackungen hineingebunden waren.
Eine Anspielung auf einen Drogenkonsum meinerseits konnte das nicht sein, sollte sich aber wohl auf eine besondere Art und Weise auf den hohen Medikamentengebrauch in der Klinik auseinandersetzen. Ich habe noch heute den Geruch von Dipiperon in der Nase, wenn ich an die tägliche mehrfache Medikamentengabe denke.
Anschließend trafen wir uns in einem kleineren KollegInnenkreis bei Antje. Ich musste an unsere Nacht denken und erschrak ein wenig, als ihr Freund mir aufmachte, als ich klingelte.
Der Abend war jedoch unbefangen und richtig nett. Ihr Freund was sympathisch und erzählte von seinen Reisen auf einem Frachter.
Viel hatte ich nicht zu packen, als ich mich am nächsten Morgen für die Abreise bereit machte.
Meine Wirtin schenkte mir eine kleine Flasche Kräuterschnaps: "Ist selbstgemacht — für die Gesundheit". Ich bedankte mich artig.
Bald darauf stand ich auch schon auf dem Bahnsteig — mit einer Fahrkarte in der Hand, die ich gerade am Schalter gelöst hatte. Es war nicht besonders viel los. Trotzdem blickte ich mich manchmal um. Schließlich hatte Braun gesagt, sie würden mich "im Auge behalten".
Als der Zug einlief, suchte ich mir einen Fensterplatz und hing meinen Gedanken nach. "Die Fahrkarten bitte", ich erschrak, obwohl ich dieses Mal keinen Grund dazu hatte. Er steckte die Karte in seine Zange — und ich erhielt sie nach einen "Knips" mit der typischen Markierung und gelocht zurück.
Meine Schwester holte mich vom Bahnhof ab. Schon im Auto fragte sie mich, was das mit dem Brief an Brigitte auf sich hätte. Mit wenigen Worten versuchte ich ihr zu beschreiben, wie es dazu gekommen war. "Du machst Sachen", meinte sie dazu.
Meine Mutter freute sich über die Blumen, entfernte jedoch die Medikamentenflaschen und Verpackungen. "Nun ist es ein schöner Strauß", sagte sie zu mir, "komische Idee von Deinen Kollegen, aber trotzdem irgendwie nett!"
Nach einem Willkommenskaffee fuhren meine Schwester und ich zu Brigitte. Ich achtete darauf, dass uns keiner folgte. Die Begrüßung war herzlich. Sie händigte mir den Brief aus.
Ich hielt die Negativstreifen an das Licht. Viel war nicht darauf zu erkennen. Das Format war einfach zu klein.
Meiner Schwester fiel ein, dass einer ihrer Funker-Kameraden von der CB-Funk-Runde immer erzählte, er würde Fotos selbst entwickeln, weil es ihm bei "seinen Fotos" zu peinlich wäre, diese beim Fotografen abzugeben.
"Den könnte ich mal anfunken". Ich hielt die Idee meiner Schwester aber nicht für besonders gut; denn es hörten immer viele Leute mit, was gefunkt wurde. "Lieber über Draht" sagte ich ihr aus diesem Grund.
Der Kumpel von ihr wunderte sich, dass sie das Telefon nahm, um mit ihm in Kontakt zu kommen, schließlich wäre er doch die ganze Zeit "am Rohr" (was immer das auch heißen sollte).
Sie verabredete mit ihm, dass er uns für eine halbe Stunde sein Labor zur Verfügung stellte.
Wir fuhren gleich hin, den Umschlag mit den Negativen in der Tasche meiner Schwester.
Es war nicht weit. Gerne wäre der Funker bei unserer Aktion dabeigewesen, aber meine Schwester wimmelte ihn ab und meinte nur, es wären sehr persönliche Aufnahmen, die ich von meiner Freundin gemacht hätte. Das "persönlich" wiederholte sie extra noch einmal deutlich.
"Wenn sie so persönlich sind, dann kann Dein Bruder die Abzüge auch allein machen", meinte er, "und wir trinken in der Zeit ein Bier!"
"Gut", sie war damit einverstanden.
Entwickler, Stop-Bad und Fixierer standen schon in großen Schalen bereit.
Er erklärte mir kurz den Gebrauch der Schaltuhr und des Krokus-Vergrößerungsgerätes. Dann schaltete er die helle Beleuchtung aus und die Dunkelkammerlampe an. Er verabschiedete sich: "bis gleich!"
Ich musste meine Schwester noch einmal rufen, die die Negative noch in ihrer Tasche hatte.
Die winzigen Negativstreifen konnte ich kaum hineinfummeln in die Negativaufnahme des Vergrößerungsgerätes. "Schrecklich, diese kleinen Dinger", schimpfte ich.
Das Lampengehäuse fuhr ich ganz nach oben und schaltete das Dauerlicht ein. Unten auf der Grundplatte zeigte sich ein kleines Bild, nicht richtig zu erkennen. Ich stellte richtig scharf, war aber immer noch nicht überzeugt, damit etwas anfangen zu können.
"Vergrößerer mit Rundsäule lassen sich schwenken, sodass man das Bild auf den Fußboden projizieren kann und sie dadurch schön groß werden", dachte ich, "schade, dass dieser ein Dreibein hat".
Dann entdeckte ich, dass es an der Grundplatte, am Fuß der Säulenhalterung , eine massive Rändel-Schraube gab, die man leicht lösen konnte, um danach den Schwenkvorgang auszuführen.
Auf die Grundplatte stellte ich einen schweren Kanister; sonst hätte der Vergrößerer keinen festen Stand auf dem Tisch gehabt — und wäre im ungünstigsten Fall über die Kante hinweg auf den Boden gefallen.
Da der Boden relativ hell war, konnte ich gleich sehen, dass ich nun eine akzeptable Größe erreichen konnte, stellte scharf und schaltete das Dauerlicht wieder aus.
Da ich das Papier nicht einfach auf den Boden legen wollte, nahm ich den Papierhalter, den ich im Regal gesehen hatte. Ich stellte noch einmal scharf.
Aus der Verpackung nahm ich ein Fotopapier und befestigte es im Halter auf dem Boden.
Ich startete die Schaltuhr durch Drücken auf den roten Knopf. Tack tack, tack — das Tick fehlte bei dieser Uhr.
Erwartungsvoll zählte ich innerlich die Sekunden; aber die Uhr konnte das natürlich viel präziser.
"Klack" machte das Relais der Schaltuhr — und die Belichtung des Papieres war beendet.
Ich schubste das Foto in den Entwickler und drückte es mit der Entwicklerzange "unter Wasser". Viel war nicht zu sehen; ich hatte noch nicht die richtige Belichtungszeit. Ich erhöhte diese und verstellte auch die Blende. Der nächste Versuch war schon besser — und im dritten Anlauf erhielt ich ein Ergebnis, das ich als "geht so" beurteilte.
Immerhin — von diesen kleinen farbigen Negativstreifen ein aussagekräftiges Schwarzweißfoto zu machen war nicht so einfach. Ich tastete mich an ein von mir selbst gesetztes Optimum heran. Die Fotos, die ich verwenden konnte und wollte, kamen ins Stop-Bad, das nach Essig roch - und danach in den Fixierer.
Ich ärgerte mich darüber, dass sich das Agfa-Papier wellte und fast in sich eindrehte. Das war ich von meiner Arbeit mit Ilford-Papieren nicht gewohnt.
Ich hatte fast eine Stunde gearbeitet. Nun waren alle Fotos vergrößert und konnte sie einer näheren Betrachtung unterziehen. "Mist, DAS FOTO ist nicht dabei", dachte ich. Ich hatte wohl nicht alle Negative erwischt — und gerade DAS FOTO wollte ich haben.
Es war nur das Foto mit der jungen Frau und mir dabei, auf dem sie "freundlicher guckte" nach der Aufforderung ihrer Freundin.
Ich wollte die Fotos enttäuscht beiseitelegen, da sah ich sie noch einmal durch.
Eines der beiden Mädchen war auf fast jedem Bild dabei — und immer wurden "verfängliche Situationen" gezeigt.
Einen Mann, der auf den Bildern zu sehen war, kannte ich sogar aus dem Fernsehen. Ich staunte nicht schlecht: den hatte ich schon mal in der "Aktuellen Kamera" gesehen. Auch als Westberliner schaute ich manchmal "Ostfernsehen", war allerdings nicht auf die aktuelle Kamera aus, sondern auf neue Folgen von der Olsenbande und erwischte manchmal einen Rest der Nachrichtensendung, die mich einmal sehr blamieren sollte.
Das kam so: der Präsident der Vereinigten Staaten, Richard Nixon, steckte tief in der Watergate-Affäre. Seit Tagen gab es nur eine Frage in der Stadt: "wann tritt er endlich zurück?"
Da kam ich mit der Meldung der "Aktuellen Kamera" in die Klasse: "Nixon ist zurückgetreten!"
Leider war das eine Falschmeldung; der Rücktritt erfolgte erst später.

Auf einem Foto war die junge Frau mit einem Mann zugange, der oft als Senats-Sprecher in der Abendschau des SFB aufgetreten war — und auf einem Foto war Braun zu sehen.
""¦ und mit der hast Du auch"¦" ich fasste mir in den Schritt, als wollte ich etwas abwischen.

Mit Toilettenpapier trocknete ich die Fotos gleichmäßig ab und legte sie dann auf einem Tuch aus, damit sie noch weiter trockenen konnten. Die Trockenpresse wollte ich nicht extra anheizen.
Ich stellte den Vergrößerer in seine Ausgangsstellung zurück und den Kanister ins Regal, wo er vorher gestanden hatte. Ich räumte etwas auf.
Meine Schwester kam an die Tür. Ich verstand erst nicht, was sie gesagt hatte. "Willst Du auch ein Bier?" rief sie lauter.
"Ja, gern", antwortete ich, "dann können die Bilder noch etwas trocknen. Ich bin soweit fertig".
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile mit dem Funker-Freund und er erzählte mir etwas über Reichweiten und über Touristen, mit denen er manchmal durch gezielte "Falschmeldungen" seinen Spaß hatte.
Die Fotos waren trocken, als wir aufbrachen. Fast hätte ich die Negative vergessen, aber im letzten Moment fielen sie mir wieder ein. "Meine Versicherung", dachte ich.
Für das Material legte ich zwanzig Mark auf den Tisch und sagte: "damit Du mal anständiges Fotopapier kaufen kannst!"
"Auch noch meckern" rief er gespielt entrüstet. Beim Hinausgehen erzählte er mir, dass die Versorgungslage mit solchen Materialien auf der Insel nicht besonders gut war, "alles musst Du auf dem Festland bestellen, da habt ihr es in der Stadt besser!"
Ich versprach, ihm einen Katalog von einem Versender zu besorgen, der ein umfangreiches Angebot hatte.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Do 10. Mär 2016, 15:12
von Anne-Mette
Nun musste ich noch eine sichere Unterbringung für die Negative finden.
Das Tonband gab"™s ja auch noch. Mir fiel ein, dass ein Kumpel aus der Schulzeit eine kleines Amateur-Studio hatte; denn er spielte in einer Gruppe, die aus der Schulband hervorgegangen war.
Ich rief ihn an. "Kein Problem, komm vorbei!" war seine kurze und knappe Antwort. Er war privat sehr zurückhaltend, fast wortkarg, wurde aber auf der Bühne immer zu einer völlig anderen Person.
Für mein Problem war mir aber die kurze und knappe Antwort ganz recht.
Ich fuhr gleich vorbei. Den Inhalt des Tonbands kopierte er auf ein Ampex-Band, das er auf einer großen Spule vorrätig hatte. Danach legte er eine leere 15er Spule ein und im Nu hatte er das Band dort aufgespult. An der richtigen Stelle schnitt er es mit einer Schere ab. "Kann ich Dir sonst noch einen Gefallen tun?"
Mir fiel nichts ein. "Ein Bier vielleicht?"
"Gut, aber nur eins!"
"In der Zeit kann ich Dir auch noch eine Kopie auf eine Cassette spielen", meinte er und "hast Du schon unsere neueste Demo?"
Nein, die hatte ich nicht.
Er verschwand kurz und kam mit zwei Flaschen Bier wieder. Wir prosteten uns zu.
"Und, wie geht"™s in Berlin?"
"Gut, und hier?"
"Ja, auch".
"Erzähl mal!"
Ich erzählte von meiner Ausbildung an der Schule und von meinem Praktikum. Für die Schilderung wählte ich eine ziemlich verkürzte Version.
Er erzählte von einem Band-Projekt. Er und seine Mitmusikanten wollten sich auf einen Wettbewerb vorbereiten und probten oft. Ich erzählte von den vielen Musik-Kneipen in Berlin, wo man durchaus für drei Mark einen ganzen Abend Livemusik hören konnte. "Ohne Getränke, die kommen extra", fügte ich hinzu.
"Nach Berlin will ich auch mal, dann komme ich vorbei!"
"Ok, dann machen wir uns einen musikalischen Abend", schlug ich ihm vor: "Quasimodo, Quartier Latin, Eierschale, Tarantel, Alte TU-Mensa"¦".
"Quartier Latäng - klingt eher nach Paris", meinte er darauf.
"Nein, das ist ein Laden in der Potsdamer Straße, eine ziemlich wilde Gegend", erzählte ich ihm, "aber da hat sogar schon Alvin Lee gespielt!"
"Going home?"
"Ja, sicher, auch das, Going home spielt er immer! Habe ich Dir eigentlich erzählt, dass Gallagher im Metropol gespielt hat?"
"Nein, Galle mit seiner Stratocaster?!"
"Nicht nur — er hatte auch so eine Waldklampfe für die Blues-Stücke!"
"Wäre ich auch gern dabeigewesen!"
Die Flaschen hatten wir geleert. Er brachte sie nach draußen und kam mit zwei Cassetten zurück.
Ich fragte ihn, was er dafür bekäme — und für das Band.
"Ist schon ok", meinte er, "gibst Du in Berlin einen aus?"
"Ja, klar!"
Ich fuhr wieder zu meinen Eltern. Die wollte ich eigentlich nicht mit der Aufbewahrung der Negative und des Original-Bandes in Schwierigkeiten bringen. Schließlich war nicht einzuschätzen, ob Braun und seine Leute auf der Suche nach den für sie wertvollen Negativen an meine Eltern herantreten würden.
"Herantreten" — das hört sich so neutral an. Im Nachhinein denke ich, dass sie bestimmt "Zwangsmittel" eingesetzt hätten.
Meine Schwester hatte mal wieder eine gute Idee — und wusste ihre guten Verbindungen auf der Insel zu nutzen. Eine ehemalige Mitschülerin von ihr war Reno-Gehilfin und die hatte schon mehrfach davon berichtet, dass ihr Chef nicht nur als Rechtsanwalt und Notar tätig war, sondern auch in seinem großen Keller-Tresor für Personen, die ein Interesse daran hatten, Unterlagen oder Gegenstände aufbewahrte.
"Das wird teuer sein". Ich war zunächst nicht von der Idee überzeugt. Mir fiel ein, ich könnte die Negativ im Haus meiner Eltern so gut verstecken, dass sie niemand finden würde.
Dann dachte ich auch noch an einen Bunker in Westerland, der hinter dem Kurt-Pohle-Heim seinen Eingang hatte und den wir manchmal aufgesucht hatten, wenn wir die Schule schwänzten und dort rauchten.
Aber sicherlich wäre das doch kein geeigneter Ort gewesen, weil sich dort noch viele Jahre Jugendliche hineinschlichen und das Abenteuer suchten.
"Du musst einen Platz finden, zu dem nur Du Zutritt hast, oder ein Bevollmächtigter", sagte mir meine Schwester - und keinesfalls dürfen die Negative durch Erpressung oder Bedrohung in die Hände Deiner Widersacher gelangen".
"Meine Wohnung ist mir zu unsicher", gab ich ihr zur Antwort, "außerdem weiß ich nicht, ob ich schon unterwegs gefilzt werde".
"Na, dann zum beim Notar", meinte sie darauf, "es wird schon nicht so teuer werden".
Am nächsten Tag fuhr sie mit mir in sein Büro, obwohl wir keinen Termin, aber mit der dort arbeitenden Freundin gesprochen hatten. Wir mussten ein paar Minuten warten.
Im Wartezimmer studierte ich die Bilder alter Walfänger.
Schon wurden wir hineingebeten.
Ich erklärte, um was es ging. Die Kosten waren, wie meine Schwester schon gesagt hatte, nicht sehr hoch, gingen allerdings nach Volumen. "Das Tonband ist nicht so wichtig", dachte ich mir, "das kann ich auch an anderer Stelle aufheben!"
Der Notar steckte die Negative in einen kleinen Umschlag und versiegelte diesen. Dann setzte er ein Schriftstück auf, das die Abholung der Negative nur durch mich persönlich beschrieb.
Ich bekam eine Kopie des Schreibens, auf dem er auch die fünfzig Mark Jahresgebühr quittierte, die ich gleich bezahlte.
Ich war froh, dass ich die Negative erst einmal losgeworden war.
Das Tonband wollte meine Schwester für mich verwahren. Sie hatte auch schon eine Idee für eine geeignete Unterbringung.
Ich wurde wesentlich ruhiger, als alles geregelt war.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Do 10. Mär 2016, 17:20
von Anni
Hallo Anne-Mette )))(:

Danke für die kurzfristigen Fortsetzungen (moin)

Ist doch sooo ... wenn eine Fortsetzungsgeschichte gut ist , dann sind die Fortsetzungen immer zu kurz geraten ! :lol:
Aber immer noch besser , als wochenlang drauf warten zu müssen :wink:

Zumal Du ja so ziemlich alle Genres abdeckst ... erinnert mich doch sehr an die Romane von Johannes Mario Simmel ... die ich in den 70er Jahren
verschlungen habe :D Die waren bei uns im Osten verboten ! :mrgreen:

LG von frecher Anni

die schon wieder krank ist ( der Grippe gefällt es bei uns ) ... und die nun viiieeell Zeit zu lesen hat :P

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Do 10. Mär 2016, 21:19
von Anne-Mette
@Anni
Gute Besserung.
Die beste Krankheit taugt nichts )))(:

mondwatt.jpg
MEIN altes Zimmer stand mir zur Verfügung, ein Blick wie im Traum: das Mondlicht spiegelte sich erst im ganz ruhig daliegenden Watt und später auf der silbrig glänzenden Wasseroberfläche. Nichts störte das Bild. Selten war es so ruhig, dass die Insel nur von einem ganz leisen Windhauch gestreichelt wurde. Wie oft tobte der Westwind schon um die Ecken, sodass das Haus erzitterte.
Ich holte das alte Fernglas, das früher immer auf dem Boot seinen Dienst tat, bis es von einem neuen Glas abgelöst wurde. Es roch nach Meer und Salz.
Ich richtete es auf den Mond und stellte scharf. Bei 7x50 ist die Vergrößerung nicht so stark, dass auf so eine Entfernung viel mehr gesehen werden kann, aber immerhin: der Mond wirkte näher.
Ich stellte mir die Frage, wie viele Leute zu dem Zeitpunkt wohl auch gerade den Mond ansehen würden. Ich dachte an Benni, dachte an Antje, dachte an einige Leute in meiner Klasse, ja, ich dachte sogar an Elli.
Ich dachte auch an mich und an die Beweggründe meines Handelns. War es so, dass ich den Ereignissen, die mich immer wieder in ihren Bann zogen, hinterherlief? War es vielleicht sogar so, dass ich vieles, was ich erlebt hatte, provozierte?
Ich war damals, vor ein paar Jahren von der Insel fast "geflüchtet", ja, ich war abgehauen, um in Berlin eine Ausbildung anzufangen, erschienen mir doch nur dort die Perspektiven aussichtsreich. Trotzdem hatte ich manchmal Heimweh, fühlte mich weniger als Eroberer neuer Werte, sondern als Immigrant. So fragte ich mich nun nach meinen "wahren Zielen" und nach meinen Wünschen. Hatte ich überhaupt gelernt, Wünsche zu formulieren und mich damit auseinanderzusetzen? Ich hatte gelernt, dass Wünsche realistisch zu sein hatten — und vernünftig. Aber waren es dann noch richtige Wünsche?
Wer kommt schon auf die Idee, wenn eine Fee ankündigt, man hätte drei Wünsche frei, dass man sich ein Hemd aus dem Sonderangebot wünscht!
Ich hatte gelernt, dass es gut war, nicht aufzufallen und keine Probleme zu machen, aber ich konnte es nicht umsetzen. Probleme liefen mir hinterher — oder sie waren schon dort, wo ich hinwollte. Ich fiel über sie, ich hatte einen Magneten in der Tasche, der sie magisch anzog.
Wie kam das? Konnte ich nicht so vernünftig sein wie meine Schwestern?
Wie lebt es sich, wenn man gut und vernünftig ist, wenn einem nichts passiert?
Warum war ich schon immer anders?
"Das ist nun wie es ist", sagte ich zu mir selbst, "Du bist Du und hast Deinen Weg gewählt — und morgen oder übermorgen fährst Du wieder nach Berlin. Das ist schon alles ganz richtig so!"
Ich sagte mir selbst, es würden Freunde auf mich warten. Die Ausbildung würde ich beenden. Eine interessante Arbeitsstelle würde ich mir suchen — und alles würde gut werden.
Die Angelegenheit mit Braun würde sich irgendwie regeln lassen.
Doch dann schlichen sich wieder Zweifel ein.
Mir fiel die Psychologin ein und das da noch eine Auswertung der Befragung kommen sollte, "das Urteil" sagte ich zu mir selbst. Vielleicht hatte sie schon anhand meiner Antworten den Eindruck gewonnen, ich sei "nicht richtig", vielleicht sogar verrückt. Das hatte sie trotz der mündlich zugesagten Verschwiegenheit vielleicht schon an meine Schule gemeldet?
Ich kannte niemanden in der näheren Umgebung, der Überlegungen anstellte, ob er Frau oder Mann oder vielleicht beides — oder keines wäre. Ich kannte auch niemanden, der schon häufiger merkwürdige Begegnungen gehabt hatte. Wer kannte schon Menschen wie Elli — oder Braun?
Ich kannte auch wirklich niemanden, dem so viel "passierte" wie mir.
Das romantische Bild des sich spiegelnden Mondlichtes auf dem Wasser zersprang, ja, es verzerrte sich. Vielleicht war doch Wind aufgekommen, vielleicht brachte aber der einsetzende Strom das Wasser in Bewegung, sodass es sich kräuselte. War der Wind jetzt nicht zu hören? Zog es nicht kalt durch die nicht ganz fest schließenden Fenster?
Ich lachte kurz. Das Schild "NICHT HINAUSLEHNEN", das ich vor Jahren in der Bahn abgeschraubt hatte, war immer noch an derselben Stelle.
Ich legte mich ins Bett und zog die Decke bis über die Ohren. Trotzdem wurde mir nicht wärmer.
An den Winter musste ich denken, an viele Winter, die ich frierend in diesem Zimmer verbracht hatte.
Stundenlang dachte ich an früher, heute, morgen. Ich malte mir Szenarien aus, die völlig unbegründet waren. Doch dabei wünschte ich mir Klarheit.
Ich dachte an meine Mutter. Wir durften in ihrer Küche alles ausprobieren, alles machen. "Aber danach wird die Küche aufgeräumt", sagte sie, "ich muss das Gefühl haben, abends ist Klarschiff und ich bin fertig mit meiner Arbeit".
"Aber es ist doch nicht Deine Arbeit, wenn wir die Küche benutzen", sagten wir ihr oft.
Sie blieb aber dabei: "ich möchte abends fertig sein!"
So ein "Fertigsein" wünschte ich mir auch: einmal das Leben aufgeräumt haben, einmal sagen können: "ich habe keine Baustellen, keine offene Posten, keine Probleme, die auf mich warten, ich bin fertig".
Ich drehte mich auf die andere Seite und fand das, was ich mir gerade noch gewünscht hatte, kaum erreichbar — für niemanden. "Wenn Du alt bist", sagte ich mir selbst, "dann könntest Du mal fertig sein, das hat noch Zeit!"
Realistische Ziele hatte ich schon — und die würde ich sicherlich erreichen. Die Ausbildung würde ich sicherlich schaffen und eine Arbeit würde ich auch finden.
Da blieben dann nur noch"¦
Ja, es blieben viele Fragen offen.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Do 10. Mär 2016, 21:58
von Bianca D.
Anni hat geschrieben:die schon wieder krank ist ( der Grippe gefällt es bei uns ) ...
Mensch Anni,

watt machste denn immer? Gute Genesung und das du zu Ostern wieder uff de Beene bist.

LG Bianca

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Fr 11. Mär 2016, 17:17
von Anne-Mette
Ich schlief erst am Morgen ein — und als ich aufwachte, war es zu spät; der durchgehende Zug nach Berlin war schon abgefahren. "Du kannst mein Auto haben", meinte meine Schwester, aber ich wollte es nicht mit in die Stadt nehmen. Außerdem dachte ich daran, dass es vielleicht unterwegs oder an der Grenze Probleme geben könnte.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was Braun mit "im Blick haben" gemeint hatte, aber irgendetwas würde er im Schilde führen. Vielleicht stand ich schon im Fahndungsbuch?
"Dann bleibst Du eben noch einen Tag", meine Mutter freute sich darauf, mich noch einen Tag um sich zu haben.
"Gut, aber dann mache ich mich nützlich und mähe den Rasen, der hat es nötig!" Nach einem kurzen Frühstück warf ich den Knatterheinrich an und machte mich an die Arbeit.
Später saß ich mit meiner Schwester zusammen. Sie war wieder mit dem Funkgerät zugange.
"Heute habe ich wieder frisches Obst und Gemüse mitgebracht, wer mag kann vorbeikommen!"
Wem die Stimme gehörte, die aus dem Funkgerät schnarrte, war mir gleich klar, aber "was für Obst und Gemüse?" fragte ich meine Schwester.
"Sein Sohn fährt zur See und bringt manchmal aus dem Ausland ganz interessante Sachen mit", erklärte sie mir, "so hat er manchmal Handgurken mit mehr Leistung und lauter anderes Zeug - komm, wir fahren mal hin und schauen!"
Als wir dort auftauchten, standen schon einige Käfer, Opel Kadett, aber auch Mopeds vor dem Haus. Fritz hatte sogar noch seine Quickly! Manches scheint sich nie zu verändern.
Es herrschte schon reges Treiben.
Drinnen standen einige Leute und unterhielten sich über "Wellenbereiche". Da ich sie von früher kannte, versuchte ich mit ihnen ins Gespräch zu kommen und erzählte ganz stolz von meinen Versuchen, wie ich die Wellenbereiche meines Radios für meine Zwecke etwas erweitert hatte und Polizei- und Taxifunk ebenso hören konnte wie Norddeich Radio.
Sie lachten höflich und erzählten mir von "Empfängern für alle Wellenbereiche", von Sendern und anderen interessanten Teilen.
Dann zeigten sie mir, was sie schon gekauft hatten. "Gar nicht mal teuer", sagten sie.
Ich sprach mit dem Gastgeber und fragte zuerst mehr höflich als konkret interessiert, was er denn noch so hätte.
"Es sind nur noch wenige Handfunken da, einen Allfrequenzempfänger könnte ich Dir anbieten — und einen kleinen Sender", sagte er zu mir.
Der Preis, den er nannte, war fast lächerlich, wenn ich daran dachte, wie teuer ein Grundig Satellit zu der Zeit war. "Mit dem Ding kannst Du sogar Wanzen aufspüren, falls Du mal in Verlegenheit bist", sagte er und lachte, "Du kannst sogar ungefähr die Richtung peilen, wo sie stecken!"
Ich lachte mit und dachte mir: "wenn der wüsste"¦".
Geld hatte ich genug dabei. Warum also nicht? Ich kaufte den Empfänger und einen dieser kleinen UKW-Sender. "Aber Du weißt, die Geräte haben keine FTZ-Nummer, also pass auf damit — und Garantie kann ich Dir auch nicht geben, aber wenn etwas ist, dann melde Dich; wir finden eine Lösung", bekam ich abschließend mit auf den Weg.
Meine Schwester kaufte eine Handgurke und ein Turner-Mike für ihre Station. Auch sie war mit dem Preis mehr als zufrieden.
Abends düsten wir noch einmal nach List, um ein Fischbrötchen zu essen. Es hatte wieder der gewohnte Verkäufer Dienst an der Fischbude, aber er erkannte mich nicht.
Danach probierten wir unsere Schätze aus. Ich war erstaunt, was ich mit dem Empfänger alles erreichen konnte.
In der Nacht schlief ich besser. So konnte ich am nächsten Morgen zeitig aufstehen und wurde von meiner Mutter zum Zug gebracht.
Gern hätte ich einen Blick in das Handbuch meiner Neu-Erwerbung geworfen, aber ich wollte die Neugierigkeit meiner Mitreisenden nicht steigern, die mich schon allerhand gefragt hatten.
So holte ich meine Zeitung hervor und fummelte aus meiner Tasche eine Zigarre heraus, die ich mir gleich anmachte.
Meine Sitznachbarin hustete leicht, aber ich paffte Ringe in die Luft und vertiefte mich in den Sport-Teil der Zeitung. "Kommst Du mit in den Speisewagen?" fragte sie ihren Mann oder Freund, der ihr gegenüber saß.
"Der Herr könnte ja auch mit dem Rauchen aufhören", antwortete er, aber ich zeigte nur auf das Schild oben über der Abteiltür.
"Frechheit", zischte die Frau.
Stimmt — ich war unfreundlich. Eigentlich war das nicht meine Art. Ich fragte mich selbst, was mit mir los war. Ich musste zugeben, ich hatte düstere Gedanken, wenn ich an die nächsten Tage und an die Zukunft dachte. Mein Blick fiel auf meinen Koffer und ich wusste, dass darin nicht nur die neu erworbenen Teile waren, sondern auch die Fotos.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Sa 12. Mär 2016, 18:11
von Anne-Mette
Die Zigarre schmeckte dumpf und pappig. Ich drückte sie aus, obwohl ich nur die Hälfte geraucht hatte. Missmutig klappte ich mit Schwung den schweren Alu-Deckel des Aschenbechers zu.
Es kam ein Mann vorbei, der von einem Wagen, den er hinter sich herzog, Kaffee, Süßigkeiten und allerlei Zeug verkaufte.
"Kaffee?"
"Nein, danke, aber haben Sie Bier?"
"Ja, eine Dose zu 2 Mark fünfzig".
"Na gut, zwei — aber das ist ganz schön teuer!"
"Ich mache die Preise nicht!"
Trotzdem wechselte das Fünfmarkstück den Besitzer und er drückte mir die Bierdosen in die Hand.
Der Gerstensaft machte mich müde; das Rattern des Zuges auch. Wie oft war ich diese Strecke schon gefahren? Was ließ ich jedes Mal auf der Insel zurück und was würde mich in der Stadt erwarten?
Das waren Kontraste, die ich immer wieder neu verarbeiten musste.
Schon als Kind war es mir so gegangen, wenn ich für mehrere Tage oder gar Wochen bei meinen Großeltern in Flensburg war. Nach der Rückkehr war ich für einige Zeit kaum zu gebrauchen, musste mich erst wieder eingewöhnen, heulte manchmal sogar. "Wenn es jedes Mal so ein Theater gibt, dann ist es nicht gut, wenn Du zu Deinen Großeltern fährst", sagte mein Vater dazu.
Lange her.
Ich döste ein. Die Fahrt verging ohne besondere Vorkommnisse, jedoch auch ohne Abwechslung.
Die Strecke kannte ich fast auswendig. Ich guckte zum Fenster hinaus und fragte mich, wie die Menschen dort wohl lebten. Ein Trabbi knatterte eine Dorfstraße entlang. Natürlich konnte ich das nicht hören, sondern nur sehen; bläuliche Wölkchen entwichen dem Auspuff. Ich musste an das Moped denken, das ich früher gehabt hatte, eine Zündapp. "Gemisch 1 zu 25" war das Futter, das ihr die Motivation gab, sich vorwärts zu bewegen, wenn nicht gerade die Zündkerze dicht war oder wegen eines anderen kleinen Defektes eine Pause eingelegt werden musste.
Es sah in den Dörfern nicht großartig anders aus als bei uns in ländlichen Gebieten, obwohl einzelne Gebäude einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck machten, als hätte sie nach dem Krieg keiner mehr angerührt.
Eine Kleingartenanlage huschte vorbei. Drei Männer saßen auf einer Gartenbank, jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Schaufeln und Harken hatten sie auf den Boden gelegt, "hoffentlich mit den Zinken nach unten und nicht nach oben", dachte ich noch, da war dieses Schlaglicht schon vorbei.
Wir fuhren etwas langsamer. Ein Bahnhof tauchte auf, aber wir hielten nicht, sondern fuhren langsam vorbei. Ein altes Mütterchen stand auf dem Bahnhof und winkte zum Zug nach.
Der Lokführer "legte ein paar Kohlen mehr drauf", der Zug fuhr wieder schneller. Ein langes Spruchband war auf dem Seitengebäude des Bahnhofs zu entdecken: "Wir danken der rumreichen Sowjetarmee". Gelbe Schrift auf rotem Banner. "Und wem danken wir?" stellte ich mir wieder die Frage.
Mit der Sonne im Rücken fuhren wir Berlin entgegen. Eine Mitreisende stieß ihre Sitznachbarin an, zeigte nach draußen und meinte: "so nah an Berlin und trotzdem so weit weg. Wenn ich da mal wieder einfach so hinfahren könnte, so wie ich jetzt in Hamburg gewesen bin!"
"Ich habe da auch noch Verwandtschaft", entgegnete diese, "ich glaube, ich würde meinen linken Arm dafür geben, wenn das alles wieder offen wäre und ich meine Verwandten besuchen könnte!"
Ihre Nachbarin nickte zustimmend, wartete eine ganze Weile und meinte dann scheu: "das wird wohl nichts werden, eher gibt es wieder Krieg und alles wird noch schlimmer!"
So einen Spruch über "den linken (oder rechten) Arm geben" hatte ich schon oft gehört. Welche Tragik, wenn es doch mal zu einer "Wiedervereinigung" oder zumindest zu "normalen Verhältnissen" kommen sollte. Würde dann ein fachkundiger Arzt überall herumreisen und die linken und rechten Arme abholen, die versprochen wurden? Überhaupt scheint Reisen etwas sehr Körperbetontes zu sein. Ich war als Tramper von Berlin nach Westdeutschland unterwegs.
In Lauenburg angekommen meinte der Fahrer: "So, nun kann ich mein eines Bein wieder abholen!"
Ich musterte ihn von der Hüfte abwärts. Nichts fiel mir auf. "Wenn man durch die Zone fährt, steht man immer mit einem Bein im Gefängnis!"
Er lachte schallend; mehr aus Höflichkeit tat sich so, als wäre das witzig und lächelte. Er wünschte sich, "man könnte hier mal so richtig durchdüsen und überall hinfahren — so wie bei uns. Immer diese Geschwindigkeitsbegrenzungen und das Festlegen auf die Transitstrecken, das ist doch lächerlich! Was haben die zu verbergen oder zu verlieren?".
Ich musste an Märchen denken, die mir von meiner Oma vorgelesen wurden. In denen hat oftmals ein "falscher Wunsch" einen Menschen zumindest vorübergehend in große Schwierigkeiten gebracht.
Wie war das doch mit dem Spieler, der gewinnen und dabei immer so viel Geld in der Börse haben wollte wie der reiche Nachbar? Das ging irgendwie schief; er gewann, hatte aber trotzdem immer weniger Geld in seinem Beutel, weil der Nachbar verlor, weil er gewann"¦
Ich konnte mich nicht so ganz genau an die Details erinnern, aber als ich als kleines Kind dieses Märchen gehört hatte, nahm ich mir vor, mit Wünschen vorsichtig zu sein.
Die Sonne im Rücken gab uns richtig Schwung. Der Zug schwankte wie das Bäderschiff nach Helgoland bei Windstärke sechs. Nur die Geräusche waren anders: "ratter, ratter", jeder Übergang von einem Schienenstück zum nächsten war zu spüren.
Am späten Nachmittag erreichten wir endlich den Bahnhof Zoo. Vorher stellten wir uns einem "Wettrennen" mit einem Porsche 911, der parallel zu uns auf der Avus unterwegs war. Er gewann.
Zum Einkaufen hatte ich keine Lust. Mir fiel ein, dass ich meinen Reiseproviant noch nicht gegessen hatte. Verhungern musste ich also nicht.
Mit der U-Bahn war ich schnell zuhause.
Mich empfing eine Wohnung, die nach den Wochen meiner Abwesenheit ein wenig abgestanden roch, aber ansonsten wohlbehalten war.
Gut, dass ich vor meinem Aufbruch jedenfalls oberflächlich aufgeräumt hatte.
Meinen Koffer stellte ich erst einmal beiseite. Die Post sah ich durch. Es waren keine wichtigen Schreiben dabei. Insgeheim hatte ich mit einer Nachricht von der Psychologin gerechnet, aber sie war wohl noch nicht so weit, dass sie mir ein Ergebnis schicken konnte.
Ich riss die Fenster auf. "Wie schrecklich", stöhnte ich auf, das soll Luft zum Atmen sein?"
Sie schien mir "gebraucht" zu sein. Vermutlich war sie schon in anderen Menschen gewesen — oder in den vielen Autos oder in den Öfen. Scheußliche Vorstellung!
Ich hatte Sehnsucht nach der Luft, die ich von ein paar Stunden noch geatmet hatte: die schmeckte nach Meer, nach Watt, nach Gras und Rosenduft, der aus Hecken kam. Das Rauschen der Wellen hatte ich noch im Ohr und das Rascheln der Blätter, wenn der Wind durch die schiefen Bäume fegte.
Hier rauschte der Verkehr vorbei, der sich nicht weit von "meiner" Schleiermacher- über die Gneisenaustraße nach Neukölln quälte.
Was machte ich hier? War das überhaupt meine Stadt? War das der Ort, an dem ich leben wollte?
"Ja, aber hier ist viel los!" sagte ich zu mir selbst, "und die Insel fällt nach jedem Sommer in den Winterschlaf".
Ich lief hinunter zum Kiosk und nahm mir ein Hobo-Heft. Schnell fand ich die Veranstaltungen für den Tag. "Haben Sie auch PENTHOUSE?" fragte ich den Verkäufer. Er sah nach und kam mit einem Heft. "Jut Englisch kannste?" fragte er, "is nich in Deutsch".
"Ick wees, macht nix", antwortete ich ihm, "dat lernt!"
"Fragt sich nur was", dachte ich für mich. Ich war auch mehr auf die Hochglanzfotos aus als auf die amerikanischen Texte. Was mich wunderte: während die Frauen in deutschen "Blättchen" im "magischen Dreieck" fast alle gleich aussahen, weil die Vorschriften das vermutlich verlangten, zeigten sich die Frauen im Penthouse "ganz offen" und befriedigten meinen postpubertären Voyeurismus.
Wie im Hobo stand, war für den Abend wieder Jacky mit seinen Strangers angesagt in der Tarantel. "Eigentlich sollte ich lieber mit mehreren Leuten hingehen", dachte ich, aber mir fiel spontan niemand ein, mit dem ich mich verabreden konnte.
Als ich die Reklame wegwerfen wollte, fiel eine Paket-Abholkarte heraus.
Die Lagerfrist war fast abgelaufen, aber am nächsten Tag sollte ich noch Gelegenheit haben, das Paket abzuholen. "Luckenwalder Straße", las ich auf dem Stempel. Also musste ich mit der U-Bahn zum Gleisdreieck fahren.
An diesem Abend ging es aber erst einmal zum Schlesischen Tor und dann die Köpenicker Straße entlang. Auf beiden Seiten standen recht verfallene Häuser; in einigen Höfen hatten sich kleine Werkstätten etabliert.
Etabliert war sicherlich ein falsches Wort; denn es war "so eine Gegend" in der die Mieten extrem günstig waren und die meisten Briefkästen mehr als vier Namenschilder hatten.
"Die armen Postboten", dachte ich immer, wenn ich so etwas sah.
Mit "Hinterhofwerkstatt" waren die Gewerbebetriebe richtiger beschrieben.
Hinter den Häusern auf der rechten Seite floss die Spree - und die Bewohner hatten einen Blick auf "den Osten". Oftmals patrouillierten Boote der NVA auf dem Fluss. Ich staunte nicht schlecht, wenn die Grenzer den Motoren mal so richtig "die Sporen gaben". Erst vermutete ich, es wären Coronet Boote, weil sie ein oder zwei Aquamatiks hatten; später hörte ich dann, dass sie in der DDR gebaut und aus GFK oder Alu gefertigt wurden.
In der Tarantel war nicht viel los. Jacky spielte Schach. Harry fummelte irgendetwas an seinen Trommeln, war aber noch nicht zufrieden. Bekannte waren nicht da.
Ich holte mir ein Bier. Ich hatte ziemlichen Durst an dem Abend. Darauf konnte ich nicht stolz sein, aber bald darauf stand ich schon wieder am Tresen, als wollte ich die Ereignisse der letzten Wochen fortspülen und Bier wäre das richtige Spülmittel dafür.
Als die Band später endlich mit "Hallo Josephine" den Musikabend eröffnete, hatte ich schon "ganz schön geladen".
Dann gab Jacky auch noch einen aus. Beim Toilettenbesuch musste ich mich schon abstützen, um das Gleichgewicht zu behalten.
Leider fand ich in meiner Parka-Tasche ein paar Mark und investierte die auch noch in Bier.
Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich bis zum Schluss blieb, wohl habe ich aber noch die Worte der Thekenkraft im Ohr, dass ich endlich gehen sollte.
Als ich zur U-Bahn wankte, sah ich auf der anderen Straßenseite einen Mann mit Hund, der in die gleiche Richtung ging.
Mir war schlecht — und ich bedauerte schon zu dem Zeitpunkt, so viel getrunken zu haben. Der Mann mit dem Hund kam mir merkwürdig vor.
War das schon jemand von den Leuten, die mich "im Blick" hatten?
Ich dachte an Braun und hoffte inständig, dass noch niemand in meiner Wohnung war, um sie zu durchsuchen.
Ich erreichte die vorletzte Bahn. Gut, dass es nicht so weit war.
Der Mann mit dem Hund war nicht mit eingestiegen, aber ein Mann, der mit schräg gegenüber saß, sah auch verdächtig aus.
Hallesches Tor — hier wollte ich aussteigen und den Rest des Weges laufen; so musste ich nicht umsteigen. Das hätte sich nicht gelohnt.
"Quatsch", sagte ich mir selbst, als ich auf dem Bahnsteig stand. Der Mann war in der U-Bahn geblieben.
"Zurückbleiben" - der Mann in dem kleinen Häuschen auf dem Bahnsteig machte den Eindruck, als würde er sich auf den Feierabend freuen. Er gähnte.
Schnellen Schrittes machte ich mich auf den Weg.
Die frische Luft tat mir gut; ich fühlte mich besser.

Re: Geschichte: ELLI

Verfasst: Sa 12. Mär 2016, 20:07
von Anni
Hallo Anne-Mette )))(:

Wieder eine sehr schöne Fortsetzung (ap)

Beim Lesen kommt bei mir halt auch die Eine oder Andere Erinnerung auf . (smili)

Was hatte ich doch für Probleme , bei meiner ausgeprägten Neugier und meiner Interessenvielfalt , gepaart mit ausgeprägter Faulheit in bestimmten Bereichen , unter dem ständigen Einfluss von "Wir danken der rumreichen Sowjetarmee" :wink: , heraus zu finden , was ich mit meinem Leben ( auch in den Augen meiner Elter ) Sinnvolles anfange .

Interessant ist doch immer wieder die Erkenntnis , das es bei uns " im Osten " noch bis in die Mitte der 70er Jahre viele Parallelen und Pendants - mit einer
gewissen Verzögerung :P , gab.

Aus Mangel an kommerziellen Unternehmen wurden bei uns die Fotos von Urlaub und Co auch selbst entwickelt und Abzüge gemacht - erst nur schwarz/weiß ,
später dann auch in Farbe - auf ORWO und DAS nur , um die Fotos vom Letzten noch vor dem nächsten Urlaub zu haben :D

Eine Funker-Szene gab es - via GST ( Gesellschaft für Sport und Technik ) bei uns , für ausgesuchte Mitglieder , unter strenger Überwachung , auch .

Allein für den Besitz eines Kurzwellenempfängers brauchte man eine Genehmigung - für den Besitz eines Senders sogar eine Lizenz :!:


Morgen ist ja nun arbeitsfreier Sonntag - da wird's wohl keine Fortsetzung geben ? :?

LG von frecher Anni