so zwischen den Jahren habe ich endlich wieder Zeit gefunden, um in meinem Thema wieder etwas zu schreiben. Schließlich bedarf es für einen längeren Text auch ein wenig mehr Zeit, denn es soll auch nicht in einem dünnen Geschreibsel enden und möglichst keine Fehler enthalten. Als Anlass habe ich mir mal wieder ein kleines Resumee vorgenommen, also ein kleiner Rückblick auf meine bisherige kurze "Karriere" als Crossdresser und Teilzeitfrau. Außerdem möchte ich für mich den Status quo klären, um einen Fahrplan für die Zukunft zu entwickeln, gewissermaßen auch im Ansatz therapeutisch.
So bin ich seit März sowohl aktiv im Forum, als auch ganz real als Teilzeitfrau unterwegs. In der Zeit davor gab es hin und wieder ein Aufploppen meiner inneren Leidenschaft für feminine Kleidung, aber alles schön im Geheimen und nur für einen (zu) kurzen Zeitraum. So etwas nagt auch an der Seele, was mich vor ziemlich genau einem Jahr dazu bewegt hat, mich umzutun, ob andere auch solche "Probleme" mit sich herumtragen. Und tatsächlich, da bin ich auf ein Internetforum gestoßen, in dem sich mittlerweile lieb gewonnene Menschen exakt über dieses Thema austauschen. Volltreffer. Alicia begann sich zu entwickeln, wenn auch zunächst namenlos, aber immerhin.
So kam immer mehr Euphorie auf, die sich wahnsinnig gesteigert hat, seit ich meinem Schatz meine inneren Nöte offenbart habe. Es gab ja soooo viel nachzuholen. Als bisherige Höhepunkte kann ich zwei Urlaube aufführen, in denen ich Alicia voll zur Geltung bringen konnte. Meine Liebste unterstützt mich als beste Freundin wo sie kann, egal ob es beim Einkaufen von Klamotten ist oder dann bei der Zusammenstellung der Outfits. Mittlerweile bin ich relativ sattelfest in meiner Auswahl, doch sie bewahrte mich vor manchem Fehlkauf oder Vogelscheuchenauftritt.
Im Laufe der Zeit hat sich eine gewisse Konsolidierung der Alicia-Aktivitäten eingestellt. Wo zu Beginn der Aufwand nicht groß genug sein konnte, versuche ich nun, mit moderatem Einsatz die maximale Erfüllung zu bekommen. Hier im Forum war auch schon von der 20-80-Regel die Rede, deren ersten Teil ich versuche, täglich zu leben. (20% Zeitaufwand für 80% Perfektheit und anschließend umgekehrt)
Zu Beginn meiner femininen Lebensweise waren Hosen absolut tabu, denn die hatte ich schon fast 60 Jahre ausschließlich getragen. Doch mit der Zeit habe ich auch den Chic und die Zweckdienlichkeit dieser Kleidungsstücke aus dem Mädelsregal erkannt. Zum wöchentlichen Einkauf oder bei Ausflügen zu zweit in der Heimatstadt zieren sie ausnahmslos meine Beine.
Aber wann fühle ich mich rundrum zufrieden? Wann fühle ich mich feminin genug, um mit meinen Vorstellungen vom Frau-sein im Einklang zu sein? Will ich wirklich perfekt aussehen, um dann doch von anderen Personen als Mann erkannt und als solcher angesprochen zu werden? Bin ich andererseits schon genügend Frau, wenn ich ein schönes Kleid oder einen Rock anhabe, mit oder ohne Oberweite? Brauche ich auch immer die passenden Schuhe? Draußen natürlich, aber daheim? Wie sieht es aus mit Schminke? Reicht mir ein Lippenstift oder soll es mehr sein? Augenmakeup habe ich mir mehr oder wenig im wahrsten Wortsinn abgeschminkt, da ich häufig tränende Augen habe, und das nicht nur zur Heuschnupfenzeit. Bin ich schon weiblich, weil ich nah am Wasser gebaut bin? Meine Liebste ist der Meinung, ich sollte auf Foundation verzichten, da mein Gesicht das nicht bräuchte. Mit Bartschatten habe ich auch nicht so große Probleme, da sich das Ausmaß der Körperbehaarung bei mir eh in Grenzen hält. Leider auch am Kopf, derzeit meine größte Achillesferse. Aber dauernd mit Perücke? Verleugne ich mich damit nicht selbst ohne Not?
Vielleicht habt ihr schon bemerkt, dass ich auf den Bildern immer mit Mütze oder Hut zu sehen bin, was den schütteren Haarwuchs vertuschen soll. Hinten wächst das Gestrüpp ganz munter und als Ziel habe ich mir mindestens schulterlange Haare gesteckt.
Da ich daheim keinerlei männliche Kleidung mehr bemühe und eher leger herumlaufe, ist natürlich eine Extraportion Aufwand angesagt, wenn es en femme nach draußen geht. Auch hier die Frage: wieviel Aufwand? Der eigene Fundus an Accessiores wird immer größer, obwohl immer das Angebot steht, mich bei meinem Schatz bedienen zu dürfen. Zusätzlich sorgt meine Liebste ständig für einen Nachschub an neuen, selbstgestrickten Mützen in verschiedenen Varianten und Farben. Frauen bräuchten halt Auswahl, so ihre Worte.
Über das gesteigerte Körperpflegebewusstsein habe ich mich in einem früheren Beitrag schon ausgelassen.
Mal ein Blick auf die andere Seite der Macht: Wann oder überhaupt bin ich eigentlich ein Mann? Platt formuliert erfülle ich keines der gängigen Klischees wirklich: Ich mag keine dicken und aufgemotzten Autos, rede ungern über PS und Hubraum, laufe nicht gröhlend ins Fußballstadion, mag kein Fleisch essen und reiße keine Machosprüche. Beim Mädels Aufreißen war ich auch nie vorne dabei. Vielleicht liegt es auch an meiner eher introvertierter Art, so dass ich mich im Sommer liebend gerne in meinen Segelflieger setze und für viele Stunden alleine bin mit der Natur. Da spielt die geschlechtliche Orientierung nur eine sehr untergeordnete Rolle, eigentlich gar keine.
Beim Flurfunk in der Arbeit oder im Verein bin ich immer der letzte, der Neuerungen im zwischenmenschlichen Bereich der Kollegen und Freunde erfasst und kapiert. Eher männertypisch. Da ändern auch die schönsten Kleider, die man/frau trägt auch nichts. Warum sollte ich bei mir selbst auf einmal der erste sein, der Änderungen realisiert? Mir fehlt einfach dieser 7. Sinn, den man cis Frauen nachsagt.
Also hänge ich irgendwo zwischen den Geschlechterrollen. Weder das eine noch das andere passt richtig. In bestimmten Situationen muss ich das äußerlich angeborene Geschlecht repräsentieren. Außerhalb dieser Zeiten darf ich sein, wie ich mich fühle, und das ist gemessen an vielen anderen hier Mitlesenden dankenswerter Weise ziemlich oft.
Fazit des aktuellen Beitrags: Euch sind bestimmt die vieeeelen Fragezeichen aufgefallen. Alles Fragen, die noch beantwortet werden wollen. Ich habe sie, wie oben erwähnt, hier zusammengetragen, um mir selbst ein Bild von meinem Dasein zu machen.
Gemäß dem Motto, dass Rom auch nicht an einem Tag erbaut wurde und die Erde nicht in 5000 Jahren, möchte ich in aller Ruhe die Antworten finden. Gut, die Zeit dazu ist begrenzt. Erklärtes Ziel ist sicher das 1000%-ige Wohlfühlen. Aber wo bleiben denn die Perspektiven, wenn jetzt schon 800% erreicht wären.
Also werde ich mich daran machen, die Knoten in meinen Gedanken und Hirnwindungen schön der Reihe nach zu entwirren. Funfact am Rande: Ein gelöster Knoten brachte mich mit meinem Schatz zusammen. Wenn das keine Aussichten sind.
All diese Fragestellungen an mich selbst, geschweigedenn deren Beantwortung sind ohne dieses Forum nicht denkbar, wie oben schon mal angeklungen ist. Der Austausch hier ist unbezahlbar und bildet eine Art Lebenselexier. Die Sorgen und Erfahrungen der anderen - negative wie positive - an mir selbst zu spiegeln ist für mich sehr wichtig für die persönliche Entwicklung. Der kurzzeitige Shutdown vor einigen Wochen hat mich übel ins Grübeln gebracht. Einen Plan B konnte ich kurzfristig nicht ausmachen. Wenn es das Forum nicht gäbe, wäre es dringend an der Zeit es zu erfinden. Dem Internet und Anne-Mette sein an dieser Stelle Dank.
@Anne-Mette: Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Durchhaltewille zur Modertion und Führung des Forums. Daneben wünsche ich mir, dass zum gegebenen Zeitpunkt in der Zukunft eine geordnete Weitergabe des Zepters erfolgen wird. Soweit ich das mitbekommen habe, hängt das Wohlbefinden vieler Individuen an diesem Forum. Schöne neue digitale Welt.
Liebe Grüße, euere trans Azubine, Alicia.