Hallo Chrissie,
lass mich dir vorab sagen, dass ich deine Beiträge bisher immer als sehr angenehm und durchdacht wahrgenommen habe, und in der Vergangenheit mit dir weitgehend konform war. Um so mehr überrascht und verwundert mich deine Reaktion in diesem Thread.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Man sollte sich vielleicht mal schlau machen:
Diesen Satz als Einleitung finde ich sehr unglücklich, zumal du im weiteren Verlauf den Eindruck erweckst, nicht zu wissen, dass es hier ums Selbstbestimmungsgesetz geht, nicht aber um medizinische Maßnahmen.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Es gibt diverse Störungen im psychlogischen Bereich. Eine Gruppe kennzeichnet sich dadurch, dass Menschen einen unlösbaren Konflikt so lösen, indem sie sich ihre eigene "Wahrheit" massschneidern. Z.B. Vergewaltigungsopfer. Es gibt welche, die entwickeln dadurch eine "multiple Personlichkeitsstörung" , also ständig die Verkörperte Person wechseln, dass kann durchaus auch zweistellige Identitätsanzahlen beinhalten. Andere reden sich ein, sie
würden zukünftig nicht mehr vergewaltigt, wenn sie ihr Geschlecht wechseln. Dieses gibt es in allen Lebensbereichen, so reden sich homophob erzogene Schwule ein, Trans zu sein und somit ja in Wirklichkeit Hetero.
Natürlich gibt es diverse psychische Störungen. Und natürlich mag es im Einzelfall auch vorkommen, dass sich eine vergewaltigte Frau in die Transidentität "flüchtet", oder sich ein homophober Schwuler einredet, dass eine Transition die Lösung seiner Probleme sei. Aber du solltest auch darauf achten, keine Formulierungen zu verwenden, die pauschalisieren und generalisieren.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Alle solche Probleme müssen im Vorfeld gelöst werden.
Ja .. im Vorfeld
NICHT reversibler Maßnahmen.
ABER: Die Personenstandsänderung nach dem Selbstbestimmungsgesetz IST reversibel. Sie soll lediglich sicherstellen, dass Menschen angemessen behandelt werden, und sind nicht ständig erklären und damit zwangsouten müssen.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
sonst wird man das Leid der Trans*Menschen dann nur auf andere Gruppen verschieben. Das darf nicht sein.
Vorsicht mit derart populistischen Statements. Was du hier versuchst, ist unterschiedliche Gruppen gegeneinander auszuspielen. Natürlich will niemand Leid auf andere Gruppen verschieben. Nur rechtfertigt ein Gefühl, dass das womöglich passieren könnte, nicht, dass man einer Gruppe weiterhin das Leben so schwer wie möglich macht, nur weil sich einzelne Personen darunter verbergen könnten, die in eine andere Gruppe gehören.
Außerdem ist zu klären, ob psychische Probleme nicht eher die Folge der Transidentität und den damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen und traumatisierenden Erlebnissen (wie Mobbing, Gewalterfahrungen) sind. Und ebenso ist abzuwägen, ob die wohl oft als Bedingung für den Beginn der Transition gestellte erfolgreiche Therapierung dieser Begleiterscheinungen und traumatisierenden Erlebnisse nicht eine weitere Traumatisierung verursacht, weil damit die Behandlung der Transidentität auf unbestimmte Zeit aufgeschoben wird.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Es gibt Gruppenzwänge, denen man ungefragt folgt und dann Dinge macht, die man nicht möchte. Gerade in der Jugend beliebt sind solche Dinge, die sich in Mutproben und ähnlichen Dingen äussern , nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch das kann Trans-Symptome hervorrufen.
Ich frage mich, wie man auf solch eine Idee kommt. Ich verstehe diese merkwürdige Aussage nicht. Vielleicht kannst du mir mal verraten, welches der beiden folgenden Beispiele deine Aussage besser beschreibt:
Meinst du, dass beispielsweise ich deswegen Trans-Symptome habe, weil ich es in meiner Jugend trotz äußerem Druck und Anwendung körperlicher Gewalt abgelehnt habe, wie alle anderen mit dem Rauchen anzufangen?
Oder meinst du, dass Jugendliche die Transition selbst als Mutprobe ansehen könnten?
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Ich hatte ein junges Mädchen in der Beratung. Diese hatte nach eigenen Aussagen nie Probleme oder überhaupt nur Gedanken mit bzw an Trans gehabt. Sie fühlte sich immer als Mädchen und drückte das auch aus, bis zu dem Zeitpunk, an dem sie einen Transmann in der Schule kennen lernte, der dort etwas im Rampenlicht stand. Seit dem Zeitpunkt (3 Monate vor unserem Gespräch) will sie so schnell wie möglich Testosterone. Vor den drei Monaten hatte sie nach eigenen Angaben nie auch nur den Verdacht im falschen Körper zu sein.
Okay .. aber das ist zum Einen ein Einzelfall, der zudem noch zeigt, dass (anders als behauptet) das System der Beratung funktioniert, anstatt jeden automatisch direkt in die Transition zu schicken, wie es Schwarzer & Co. den Trans-Beratungsstellen unterstellen. Zum Anderen hat es wiederum nichts mit dem Selbstbestimmungsgesetz zu tun.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Selbst erlebt habe ich eine Gruppe aus 7 Transfrauen. 5 mit Gaop, zwei zu dem Zeitpunkt ohne (eine davon ich). Alle mit Op haben mehrfach in den Gesprächen bestätigt, dass alle Probleme seit der Gaop vorbei seien, sie würden nur noch mit einem "Dauergrinsen" rum laufen, weil sie sich so wohl fühlen. Ergebnis: Ich hätte fast eine Gaop beantragt zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch gar nicht soweit war und wohl meine Ehe aufs Spiel gesetzt. Die zweite Person hat sich von der Familie gelöst, die Op beantragt und sich dann umgebracht, weil sie den Konflikt Familie/Gaop nicht lösen könnte.
Wieder geht es nicht um das Selbstbestimmungsgesetz.
Und abgesehen davon zeigt sich auch hier, dass es kein Problem ist, dass das "System" zu durchlässig wäre, wie gerne behauptet wird. Du hast auf deine Empfindungen geachtet, und für dich richtig entschieden, die andere nicht. Sehr wahrscheinlich konnte aber auch kein Therapeut erkennen, dass sie sich falsch entschieden haben wird.
Ich gehe sogar so weit mit meinen Überlegungen, dass ein restriktives System eher dazu führt, dass Menschen, die sich in Richtung einer möglichen Transition bewegen, Gefahr laufen, sich zu sehr mit der Überwindung der Widerstände und Hürden zu beschäftigen, und dabei aus dem Blick verlieren, was sie wirklich brauchen und was ihnen gut tut. Diese Gedanken hatte ich auch schon in der Vergangenheit, wenn ich mitbekam, wie Fragen gestellt und Infos gegeben wurden, was man bei der Befragung sagen soll, um das Okay der Therapeuten zu bekommen. Und wir kennen dieses Verhalten (völlig unabhängig von trans) auch nur zu gut von Kindern und Teenagern, die einfach ihren Kopf durchsetzen wollen, und dabei um so energischer vorgehen, um so mehr Widerstand sie erleben.
Ich sehe es so:
Man sollte keinen Widerstand erleben, sondern eine vertrauensvolle Begleitung auf dem Weg zu nicht reversiblen Maßnahmen, wobei immer wieder auch verdeutlicht wird, dass man die Entscheidung letztlich voll eigenverantwortlich treffen muss, und welche Probleme eine körperliche Transition auf keinen Fall lösen wird. Allein durch Offenheit beim Thema Transidentität wird man erreichen, dass Menschen nicht Gefahr laufen, mit selbst-gemachten falschen Hoffnungen in ihr Unglück rennen. Ganz und gar verhindern wird man es natürlich nicht können, denn eine 100%ige Sicherheit .. eine Garantie für irgendwas .. gibt es nirgendwo im Leben.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Daher muss zwingend vor jeder nich reversiblen Maßnahme eine Abklärung durch einen Gendertherapeuten erfolgen.
Ganz genau. Das ist aber nicht das Problem und Thema beim Selbstbestimmungsgesetz.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Was passiert wenn man Ops einfach machen kann zeigt ein Fall in England. Ein Transmann hat mit 25 detransitioniert und die Klinik wegen mangelhafter Auf- und Abklärung vor der Op auf Schmerzenzgeld verklagt und recht bekommen. Seit dem ist es dort wieder etwas schwieriger geworden eine Op zu bekommen. Manche Klinik überlegt gar keine Op in der Art mehr anzubieten.
Es ist für uns von außen gar nicht zu beurteilen, ob die OP seitens der behandelnden Ärzte tatsächlich leichtfertig ausgeführt wurde. Das Urteil mag zwar zum aktuellen, transfeindlicher werdenden Stimmungsbild passen, muss aber deswegen noch lange nicht richtig sein. Man kann Recht bekommen, ohne es zu haben, und umgekehrt. In der Rechtsprechung arbeiten auch nur Menschen, die eigene Meinungen haben und nicht fehlerfrei sind.
Auf jeden Fall wird das Urteil dafür sorgen, dass die Möglichkeiten für die Betroffenen zunehmend schlechter werden. Und wer dies als Sieg für den Feminismus, den Rechtsstaat oder was auch immer sieht, und wer glaubt, damit Leid zu verhindern, nur weil im Einzelfall Leid ideologisch ausgeschlachtet wurde, der verkennt ganz und gar, wie viel mehr unsichtbares Leid damit zusätzlich erzeugt wird, weil Betroffene unnötigen Zwängen ausgesetzt sind, und von der Gesellschaft beargwöhnt und verachtet werden.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Weiterhin gibt es ein Gesetz, wonach Kassen nur med. Maßnahmen zur Prophylaxe oder Heilung von Krankheiten zahlen dürfen. Daraus folgt: Keine Indikation des Leidensdruckes durch einTherapeuten, keine Maßnahme. Öffnet man dieses wird unser Systeme nicht überleben, da dann auch alle SchönheitsopË‹s auf Kosten der Allgemeinheit durchgeführt werden müssten.
Bitte was soll das?! Niemand will, dass Schönheits-OPs nach Lust und Laune auf Kassenleistung gemacht werden. Es ist jetzt schon so, und es wird wohl auch in Zukunft nicht anders werden, dass zuvor eine Prüfung des Bedarfs erfolgt. Und schon immer werden auch kosmetische OPs auf Kassenleistung ausgeführt, wenn eine entsprechende Indikation vorliegt, etwa der Brustaufbau nach einer Amputation.
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Genauso gibt es tatsächlich Fälle in England und den USA, wo sich Sexualstraftäter zur Frau erklärten und ins Frauengefängnis verlegt werden wollten.
Erkläre mir doch bitte:
Warum suchst du bei der Gewährung einer GAOP die Schuld ausschließlich im Bereich der Mediziner und Psychologen, aber in diesem Falle ziehst du noch nicht mal die Möglichkeit in Betracht, dass Fehler in der Rechtspflege und im Strafvollzug passiert sein können?
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Das sind nur Einzelfälle, aber man muss so etwas im Auge behalten und solche Bedenken nicht als transphop antuen.
Wenn aber auf Grund von Einzelfällen ein Generalverdacht konstruiert wird, und genau das passiert leider immer öfter, dann werde ich das genau so benennen, wie es ist: Transphob!
Chrissie hat geschrieben: Mo 18. Apr 2022, 21:04
Also: bitte zum einen mal schlau machen und über den Tellerand schauen und nicht alles als transphop abtuen, was nicht der eigenen Meinung entspricht. Man sollte sachlich darüber diskutieren und ein Konsens findenden, dass möglichst alle zufrieden stellt, auch wenn jeder dann etwas zurück nehmen muss von seinen Forderungen. Nur so hat es Bestand.
Das gilt ganz besonders auch für diejenigen Personen, die derartige Empfehlungen (Blick über den Tellerrand) aussprechen.
Und was den Punkt Konsens-Findung angeht:
Da müssten wir zum Einen erst einmal dahin kommen, dass die anderen nicht immer nur über die Betroffenen reden, und zum Anderen definieren, das ein "weiter so wie bisher" oder gar der Wunsch nach weiteren Verschärfung der Bedingungen nur Blockade und Rückschritt und damit nicht konsensfähig sind.
Ergänzend möchte ich anmerken, dass Menschen, die den Prozess bereits durchlaufen haben, im Sinne des Selbstbestimmungsgesetzes keine Betroffenen mehr sind, weil die möglichen Gesetzesänderungen keine Auswirkung auf ihren Status haben. Was die Motivation von Menschen wie z.B. Amelung ist, warum sie sich zu Erfüllungsgehilfen von Personen und Gruppierungen mit restriktiven Positionen machen, darüber kann man nur den Kopf schütteln. Ich hatte u.a. die Gelegenheit, mich mit einer solchen Person persönlich auszutauschen, hatte sogar ein längeres und ausführliches Telefonat mit ihr. Wenn auch in viele Worte verpackt, bleibt am Ende von ihren Aussagen doch kaum mehr als das Gefühl übrig, dass sie denkt, dass die eigenen Anstrengungen und Entbehrungen nichts mehr wert sind, wenn es andere künftig leichter haben, und noch der Gedanke, dadurch künftig in seiner/ihrer Entscheidung zur Transition und in der gelebten Rolle nicht mehr ernst genommen zu werden o.ä.
Wenn derartig gegen die Selbstbestimmung von transidenten Menschen argumentiert wird, dass man diese nicht erlauben könne, weil dadurch die Gesellschaft Schaden nehmen könne, und sich Nicht-Betroffene in ihrem Sein gestört/eingeschränkt fühlen könnten, dann hätten wir auch die Sklaverei nicht abschaffen dürfen, ebenso die sogenannte Rassentrennung oder das Verbot von Homosexualität. Denn immer waren Nicht-Betroffene dagegen, weil sie sich durch eine solche Veränderung angeblich eingeschränkt fühlten.
Beste Grüße
Michi