kendra hat geschrieben: Mi 5. Mai 2021, 14:37Die Quelle von Religion: eine Annahme oder Willkür!? Nein, das ist mir zu theoretisch.
OK, ich bin nicht ganz sicher, wie du das meinst, deshalb erläutere ich den Gedanken noch mal: Die zugrundeliegenden Erzählungen, wie ein heute sagt, sind bei Religionen stets Glaubenssätze, die weder bewiesen, noch falsifiziert werden können. Entweder ein glaubt sie mehr oder weniger, oder eben nicht. Statt willkürlich könnte ich auch sagen "frei erfunden", auch wenn d* jeweilige Prophety/Autory glaubt, die reine Wahrheit zu besitzen. Sei es göttliche EIngebung, Geistesblitz, Überlieferung aus längst vergangener Zeit, auf jeden Fall ohne eine faktische Basis und sich rationaler Diskussion bewusst entziehend.
Folgerungen, Schlüsse, Prognosen und vor allem moralische Regeln sind daher ebenso willkürlich und nicht per se gut oder sinnvoll. Ihre Zweckmässigkeit, Menschlichkeit und Lebbarkeit hängt weniger von den Glaubenssätzen ab, als von der persönlichen Einstellung der interpreterenden Person.
Sprich: Jede Person kann mit, ohne oder trotz der jeweiligen Glaubenssätze je nach Bewertung besser oder schlechter handeln. Es ist schön, wenn sie sich die menschenfreundlichen Aspekte heraussucht, aber dass sie das tut ist weniger Verdienst der Religion, sondern der Reife der Person selbst. Auch wenn religiöse Texte positiv motivieren können, ist hier das Henne/Ei Problem meines Erachtens gelöst. Genau so wie ein paar Textstellen aus anderen Kapiteln dem gleichen Buchs sauber für Radikalisierung, Hass und Massenmord genutzt werden können - und wurde/werden.
Deshalb finde ich Äusserungen wie
kendra hat geschrieben: Mi 5. Mai 2021, 14:37Letzte und entscheidende Instanz muss das persönliche Gewissen sein. Nicht nur Karl Barth forderte, dass politische Entscheidungen auf Basis des Evangelium zu treffen seien.
äusserst problematisch.
Damit kann nämlich auch jegliches anti-solidarische und menschenfeindliche Handeln entschuldigt werden, jegliche Diskriminierung, Ausgrenzung und Beschränkung. Ärztys, die Behandlungen verweigern, weil Patienty nicht ihrer Vorstellung nach lebt (homosexuelle und trans Personen). Politikys, die Menschen Rechte verweigern, die nicht ihren religiösen Dogmen folgen (Ehe für (fast) alle, Gleichstellung der Geschlechter). Firmen, die Mitarbeitys kündigen, weil sie sich scheiden lassen oder non-hetero leben oder einen Schwangerschaftsabbruch hatten (Kirchenrecht vor Arbeitsrecht und Grundgesetz).
Lässt sich alles wunderbar mit
cherry picking aus den Evangelien begründen, und genau das machen nicht nur die C-Parteien in Deutschland ausführlich. Im Fall von Homofeindlichkeit geht das allerdings meines Wissens nur mit dem AT, wobei das Verbot von Schalentieren etc gleich nebenan und die Rechfertigung für allerlei Greueltaten ein paar Kapitel davor und dahinter normalerweise sehr inkonsequent ausgespart werden.
Ach so: Sich nicht den Konventionen nach zu kleiden und zu leben, die mit dem anscheinenden körperlichen Geburtsgeschlecht verknüpft sind, wird durch verschiedene Stellen in der Bibel aufs schärfste verurteilt und mit Leibstrafen geahndet. Josef (Gen.37) hin oder her. Grundlage politischen Handelns? Crossdressing mit Prügel bestrafen?
Zu einer vertretbaren Religiosität gehört deshalb für mich eine darüber stehende Ethik der Zurückhaltung. Im Sinne von "du richtest dich nicht nach meinen Glaubenssätzen, aber trotzden steht es mir nicht zu, dir irgendwelche Rechte zu verwehren, obwohl ich die Macht dazu hätte". _Das_ würde ich auch als adäquates Gewissen akzeptieren.
Staat regelt das Zusammenleben aller; mit verschiedenen oder auch ganz ohne Religion, und muss deshalb so klar und objektiv rational und freiheitlich handeln, wie möglich. Er darf den Menschen nicht irgendetwas nur mit religiöser Begründung aufdrücken. Dem müssen sich persönliche Glaubenssätze unterordnen.
Zur Verdeutlichung nehme 1 mal an, dass das massgebliche religiöse Buch einer parlamentarischen Mehrheit nicht die Bibel sei, sondern ein beliebiges anderes einer der tausenden von Glaubensideologien bzw Religionen, und ob 1 selbst deren Regeln auch als per se geeignet als "Basis für politische Handlungen" empfinden würde.
Genau das gleiche erwarte ich auch im privaten Bereich und im täglichen Umgang: Dass Menschen freundlich und tolerant behandelt werden (Grenzfälle siehe Toleranzparadox), _obwohl_ die eigenen Glaubenssätze mit den Zähnen knirschen.