Liebe Vicky,
Auch ich habe mich soeben für Deinen ausführlichen Artikel bedankt: weil es immer wieder gut tut, hier den toleranten, menschenfreundlichen und undogmatischen Stil Deiner Artikel zu lesen.
Trotzdem bin ich anderer Meinung - und das sogar so grundlegend, dass es für mich in diesem Fall wenig Sinn macht, einzelne Zitate herauszugreifen und mich dazu zu äußern. Schon mein gesamter Zugang zu dem Thema ist ein anderer; ich denke da sozusagen entlang anderer Paradigmen. Es fällt mir von daher zum Teil schwer, Deine Gedankengänge überhaupt nachzuvollziehen - geschweige denn, mir ein Urteil darüber zu bilden oder gar eine klar definierte Gegenposition zu beziehen. Ich vermute, dass es Dir mit mir ähnlich ergehen wird.
Einen gemeinsamen Angelpunkt können wir vielleicht - als Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung - darin finden, dass es "den Mann" oder "die Frau" als komplette, festgefügte Person in uns vermutlich gar nicht gibt: das sind Zuschreibungen, Definitionen, in denen wir uns auch ganz gewaltig irren können. Mit solchen Zuschreibungen bewegen wir uns im Reich der Gedanken, und die sind bekanntlich frei. Wir können sie nahezu grenzenlos in nahezu beliebige Richtungen lenken, damit experimentieren, sie unserem freien Willen (sofern ein solcher überhaupt existiert - da wird's philosophisch) unterwerfen.
Aber was ist "ich"? Bestehe ich wirklich nur einerseits aus dem Körper, der mir nolens volens so gewachsen ist, wie er ist - und andererseits aus der kognitiven Welt meiner Gedanken (die ich lenken kann), Erinnerungen (die ich auch vor mir selber verleugnen oder gar nachträglich ins Gegenteil verfälschen kann - die Forensik weiß horrende Geschichten darüber zu erzählen) und bewußten Motivationen (die ich ebenfalls in weiten Grenzen bewußt steuern kann)? Wenn ich sage, dass es "den Mann" oder "die Frau" als komplette, festgefügte PERSON in mir nicht gibt, dann heißt das noch lange nicht, dass es nicht irgendwelche festgefügte, vorgeprägte, unabänderliche Formen von Männlichkeit und/oder Weiblichkeit in uns gibt.
"Ich" bin nicht nur mein Körper und auch nicht nur meine Ratio, sondern da sind in mir auch sehr spezifische Gefühle, Empfindungen und Verhaltenstendenzen, die ich mir NICHT frei aussuchen kann, die aber sehr wohl und sogar sehr zentral das mit prägen, was wir unter einer individuellen Persönlichkeit verstehen. Wenn ich länge Zeit nichts gegessen oder getrunken habe, kann ich mir nicht frei aussuchen, ob ich Hunger oder Durst FÜHLE: mein Körper drängt mir diese Gefühle zum Zweck des Selbsterhalts auf, und sobald das über gewisse Grenzen hinausgeht, kann ich kaum noch an was anderes denken... Wenn sich eine hübsche, sympathische, wohlgeformte, junge Frau vor mir auszieht, kann ich mir auch nicht aussuchen, was das mit mir macht: da werde selbst ich 70-jähriger Zausel immer noch unweigerlich geil, ich spüre das intensive Bedürfnis nach Anfassen, intimer Zärtlichkeit und Weiterem... Ich muß deshalb nicht gleich konkret über sie herfallen, da kann ich mich schon bremsen

aber den GEFÜHLEN, die sie in mir auslöst, bin ich hilflos ausgeliefert; da kann ich bloß warten, bis der Anfall vorüber ist... Umgekehrt kann ein Mann noch so gutaussehend und sympathisch sein, da regen sich bei mir KEINE derartigen Gefühle - selbst dann nicht, wenn ich es mir aus irgendwelchen rationalen Gründen sehnlichst wünschen würde. Solche Empfindungen sind eben schicksalhaft da oder nicht da, sie lassen sich weder herbeizwingen noch unterdrücken. Ob's schon angeboren ist oder vielleicht erst in der Kindheit irgendwie geprägt wurde, ist im Prinzip egal: in meinem gesamten, bewußten Erwachsenenleben jedenfalls habe ich diese Art von Gefühlen als schicksalhaft festgefügt und unabänderlich erlebt, daran ändert mein bewußter Wille GARNICHTS.
Da wir uns über Gefühle nur sehr indirekt und entsprechend ungenau verbal verständigen können, haben wir dazu nur einen sehr begrenzten Wortschatz entwickelt - und der gaukelt unserer Ratio wiederum vor, unser Gefühlsleben selber sei so "primitiv" und undifferenziert wie die zwei, drei Dutzend Worte, auf die wir uns für ein paar fundamentale Grundempfindungen geeinigt haben. Ein gigantischer Irrtum: wie vielfältig, individuell und differenziert unsere (trotzdem weitgehend schicksalhaft festgefügte!) Gefühlswelt tatsächlich ist, können wir ahnen, wenn wir Musik, Belletristik und bildende Künste auf uns wirken lassen, die ja weitaus vorwiegend eben diese Gefühle ansprechen: das geht nicht nur über unsere Grundtriebe himmelweit hinaus, sondern unterscheidet sich auch individuell sehr stark, jeder empfindet es ein Stück weit anders. Aber gewisse, archetypische Muster gibt es darin durchaus, es ist auch nicht einfach bloß Chaos: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" heißt es dazu z. B. im Volksmund, und viele Kunstwerke sprechen erwiesenermaßen Frauen weit mehr an als Männer - oder umgekehrt.
Es stimmt schon, dass ich - gerade auch als transsexueller Mensch - zunächst mal nicht "Mann" oder "Frau" bin, sondern einfach "ich" - die Summe meiner körperlichen und seelischen Eigenschaften, meiner Gedanken, Erinnerungen und Assoziazionen. Bei jedem einzelnen Detail daraus kann man sich trefflich darüber streiten, ob man das nun als "männlich" oder "weiblich" oder "indifferent" einordnen könnte. Nicht darüber streiten kann man, dass die einzelnen Details nun mal da sind und je nach betrachteter Ebene zu einem mehr oder weniger großen Teil auch schicksalhaft festgefügt sind. Einen großen Teil der Details, die mein aktuelles "Ich" ausmachen, kann ich NICHT ändern; ich kann nur DAMIT leben - oder gar nicht mehr leben. Letzteres muß noch nicht mal aktiven Selbstmord bedeuten: man kann auch abgestumpft dahinvegetieren und das Leben ungelebt an sich vorbeiziehen lassen, man kann bis zur totalen Erschöpfung von einer Ersatzbefriedigung in die nächste hetzen oder sich in stoffliche Süchte verkrümeln; es gibt viele Möglichkeiten, sich dem einen, wirklichen Leben - "MEINEM" Leben - zu verweigern.
Was aber ist "mein Leben"? Wie finde ich das? Woran erkenne ich, dass ich es gefunden habe? Da wird's jetzt echt schwierig, ich kann kein Patentrezept nennen. Ich selber habe bedauerlicherweise erst ziemlich spät einen Punkt erreicht, an dem ich mir wenigstens halbwegs sicher sein konnte, "mein" Leben gefunden zu haben (da war ich so um die 50); ich habe dazu jahrelang hoch kompetente, professionelle Hilfe gebraucht und zum Glück auch gefunden. Eine 12-Schritte-Gruppe hat mir später auch noch sehr dabei geholfen. Es ging darum, meinen "inneren Kompass" zu finden und zu erkennen: den festgefügten Kern meiner ureigenen Empfindungen und Motivationen freizulegen, unter dem ganzen, verinnerlichten Müll gesellschaftlicher Introjekte, die mir mein halbes Erwachsenenleben lang von außen vorzuschreiben versuchten, wie ich gefälligst zu leben hätte. Schwer war dieser Weg gar nicht mal, eher schwierig: eine endlos lange, halbblinde Suche, bis ich endlich jenen schmalen Pfad gefunden hatte, der sich gerade dadurch als der meinige auszeichnete, dass er für mich erstaunlich leicht und lustvoll zu gehen war und plötzlich ganz unversehens zu jahrzehntelang ersehnten, fast schon aufgegebenen Zielen führte.
Dieses spezifische "Ich", in dem wir Transgender uns auch sehr spezifisch von "Normalos" unterscheiden (aber eben nicht stereotyp - jeder von uns unterscheidet sich auch wieder von allen anderen), gilt es individuell zu finden. Um es zu finden und ihm seinen Platz in unserem Leben zuzuweisen, müssen wir erst mal anerkennen, dass es einen solchen, schicksalhaft festgefügten, unveränderlichen Kern überhaupt gibt. Solange wir das abstreiten und glauben, irgendwie beliebig im (Geschlechter-)Raum schweben zu können, so lange schwimmen wir nur halt- und orientierungslos herum. Ich denke, da liegt der Kern unserer unterschiedlichen Sichtweise.
Ganz wichtig ist auch, zu verstehen, dass unsere ureigene Natur nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch (und ganz wesentlich!) in der Beziehung zu unserer Umwelt. Wir Menschen sind soziale Wesen; ohne die uns jeweils angemessenen, sozialen Kontakte und Beziehungen verlieren wir nicht bloß unsere sachliche Lebensgrundlage: wir gehen dann auch emotional ein wie die Primeln. Unser Crossdressing (jedenfalls erlebe ich das an mir so) ist kein isolierter Selbstzweck, sondern ein Symbol und Signal: ich wünschte mir immer sehnlichst, darin auch von anderen Menschen (vor allem von potenziellen Partnerinnen) gesehen und bestätigt zu werden; und es war gleichzeitig mit enormen Ängsten verbunden, weil ich nichts mehr fürchtete, als gerade darin von den mir wichtigen Menschen abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. Erst seit ich das Glück habe, intim mit einer Frau zusammen zu leben, die mich gerade auch mit dieser Seite liebt und selbstverständlich akzeptiert und täglich bestätigt, kann ich weiter draußen ohne transsexuellen Leidensdruck aus rein praktischen Gründen den Mann spielen, der ich nun mal NICHT bin: das geht mir im direkten Wortsinn nicht mehr so nahe.
Bin ich nun Mann oder Frau? Am Ende spielt das dann doch keine Rolle mehr. Wichtig sind die kleinen, beiläufigen Zärtlichkeiten im Umgang miteinander, das gemeinsame Besprechen aller Dinge, die uns gerade bewegen, das Streiten um Meinungsverschiedenheiten im felsenfesten Respekt für die andere Meinung, das trotzdem selbstverständliche Zueinanderhalten bei Problemen jeglicher Art, das gemeinsame Einschlafen in engstmöglichem Körperkontakt - und die beiderseitige Sehnsucht nach diesem anderen "Ich", sobald wir auch nur einen einzigen Tag getrennt sind. Ein Leben, von dem ich mir sicher bin, dass ich es genau so und kein bißchen anders möchte, wie es mir jetzt im Moment geschenkt ist. Das ist Glück.
Aber um dieses Glück zu finden, mußte ich mich erst mal selber finden. Auch das Glück findet man nicht im Partner (mit diesem Anspruch schlägt man den Partner in die Flucht, weil man ihn damit hoffnungslos überfordert); man muß es schon in sich selber tragen, dann kann man es mit einem Partner teilen und so verdoppeln.
Herzliche Grüße
Wally