Joe95 hat geschrieben: Mi 6. Mär 2019, 07:42
Laila-Sarah hat geschrieben: Mi 6. Mär 2019, 00:34
Nach außen: Wie vermittele ich es meiner Umwelt. Wie sorge ich dafür, dass ich so wahrgenommen werde wie ich mich fühle.
Muss ich das denn?
Objektiv 'müssen' sicher nicht, aber wenn der eigene Anspruch so ist, dann reicht auch das subjektive 'müssen'.
Gerade die anfangs große Diskrepanz zwischen der inneren und äußeren Weiblichkeit hat mir zu Beginn der Transition gehörig Leidensdruck verschafft. Trotzdem bin ich ziemlich 'unfertig' in mein Leben als Vollzeitfrau gestartet, weil ich es nicht mehr aushalten konnte, noch länger äußerlich in der falschen männlichen Identität herumzulaufen. Wenn ich mir jetzt Bilder anschaue, die gerade mal ein, anderthalb Jahre alt sind, bekomme ich einen Schrecken und wundere mich, dass ich nie ernsthafte Probleme bekommen hatte. Das mag zum einen daran liegen, dass das Aussehen nicht alles ist, sondern ein selbstbewusstes authentisches Auftreten mindestens genauso viel ausmacht, zum anderen sind meine Ansprüche an mich selbst inzwischen dermaßen hochgeschraubt, dass ich den heutigen Maßstab an früher anlege - und da falle ich optisch glatt durch.
Joe95 hat geschrieben: Mi 6. Mär 2019, 07:42
Okay, wenn jemand etwas mitteilen möchte gerne. Auch wenn jemand einfach nur unauffällig sein möchte ist das völlig Ok. Hat zwar mehr von verstecken als von kommunizieren, aber egal, Hauptsache man erreicht das Gewünschte.
Aber was ist mit Menschen, denen es wie mir geht? Ich vermute einfach mal ich stehe nicht alleine mit dem Problem.
Ach, mit dem Unauffälligsein kann ich mich nicht anfreunden. Darum ging es mir nie. Auffällig sein als erkennbar trans wollte ich nie, aber auffällig sein als Frau - warum denn nicht? Das ist im grauen Zeitalter der Einheitsjeans, ausgelatschten Turnschuhe und Fall-aus-dem-Bett-Frisuren ziemlich einfach. Ich brauch mich nur morgens in der Bahn umzuschauen. Da bin ich die Einzige, die geschminkt und frisiert in ausgesuchten Businessklamotten unterwegs ist und falle zwangsläufig auf. Aber sollte ich deshalb meine Ansprüche herabsetzen, nur um nicht aufzufallen? Ich denk nicht dran. Im Gegenteil, durch meine Vorliebe für Vintage-Sachen, die meist etwas dekadent wirken, setz ich noch einen drauf. Trotzdem bin ich weder Papagei noch Drag-Queen, sondern einfach nur stylish, weil ich es für mich brauche und so will. Ich würde nie ungeschminkt, ohne Nagellack passend zum Lipstick oder nicht zu den Schuhen passender Handtasche aus dem Hause gehen.
Irgendein kluger Modemensch meinte mal sinngemäß, man könne zwar
overdressed, aber keinesfalls
over-stylt sein. Daran denke ich täglich - und Recht hatte der Herr!
Joe95 hat geschrieben: Mi 6. Mär 2019, 07:42
Laila-Sarah hat geschrieben: Mi 6. Mär 2019, 00:34
"Ich bin eine Frau" und möchte so behandelt werden.
Das trifft nämlich auch auf mich zu. Unauffällig wie irgendeine cis-Frau zu leben wäre ein Traum für mich. Es wäre allerdings nur mit extremsten Aufwand zu erreichen, der mir garnicht möglich ist. Da bleibt mir nur möglichst authentisch durchs Leben zu gehen. Damit werde ich von der Gesellschaft deutlich besser akzeptiert als mit einem misslungenen Passing.
Zum Glück kann ich so leben.
Wahnsinn! Du hast eine Stärke, dein Leben zu meistern, vor der ich mich nur verneigen kann. Wobei ich mir bei dem sympathischen Profilbild nicht vorstellen könnte, wodurch du überhaupt auffallen oder weniger akzeptiert werden könntest.
Diese Einstellung ist für mich jedoch undenkbar und nicht realistisch. Ich MUSS das Äußere dem Inneren anpassen, von der ersten Minute an, ansonsten gehe ich komplett kaputt. Ich hab diese Kraft nicht, mit weniger zufrieden zu sein. Einerseits erzeugt das ungeheuren Druck, andererseits enorme Kraft, wenn es gelingt. Es gibt Tage, da hält mich nur aufrecht, dass ich mich 'schön' fühle, sonst würde ich unter der sonstigen Last zusammenbrechen.
Abschließend will ich noch ein paar Erfahrungen zu den Stichworten des Threads loswerden:
Make-up
Make-up ist für mich ein Werkzeug, mit dem ich etwas Bestimmtes erreichen will. Es gibt ja tatsächlich Parallelen zum Handwerk (malern, lackieren, Putzarbeiten usw.), bei dem alles zu einem bestimmten Zweck gemacht wird. Am Anfang kämpfte ich in erster Linie gegen den - wenn auch minimalen - Bartschatten. Das war dann auch der einzige Grund, weshalb ich noch nicht mal alleine daheim ungeschminkt herumlief, weil es mich ganz persönlich störte und den Ausdruck meiner Weiblichkeit auf gemeinste Art sabotierte.
Nach einem Jahr Vollzeitfrau und HET hatte sich das Problem offenbar wegen radikal gesunkener Testowerte erledigt. Zuhause brauche ich deshalb kein Make-up mehr, weil nichts mehr da ist, was mich ärgert. Aber im Alltag, insbesondere auf Arbeit, habe ich bedingt durch meinen Job einen Hang zum Perfektionismus entwickelt, den ich ausleben will, um mich wohl zu fühlen. Mein Motto ist, mich keinesfalls unter meinen Scheffel zu stellen. Wenn ich mit Make-up einen derart überragenden Effekt erreichen kann, dann zieh ich das durch. Hauptziele sind inzwischen optisch vergrößerte Augen und ein makelloser Teint.
Ich hab für mich hohe Maßstäbe gesetzt, die mir die gewünschten Reflexionen und Reaktionen meiner Umwelt bescheren. Das schafft Druck, aber auch Zufriedenheit, Sicherheit. Wenn der Blick in den Spiegel befriedigt, dann schöpfe ich daraus so viel Kraft und Selbstbewusstsein, um an den Herausforderungen und Demütigungen des Tages nicht zu zerbrechen - Contenance um jeden Preis.
Kleider
Im Laufe des ersten Jahres Vollzeitfrau kam ich bald dahinter, dass ich wesentlich positiver als Frau gelesen und aufgenommen wurde, je weiblicher die Kleidung war. Das führte dazu, dass ich irgendwann aufhörte, Hosen zu tragen. Doch auch Röcke als einzige Wahl wurden bald langweilig und ich nutzte meine Entwicklungsfortschritte, um endlich Kleider in den Alltag zu integrieren. Das stellte für mich einen riesigen Fortschritt dar, denn noch im letzten heißen Frühjahr schämte ich mich, im Top herumzulaufen, weil die Schultern erkennbar breiter waren. Inzwischen hab ich nochmals knapp zehn Kilo abgenommen - 30 Kilo seit Beginn der Transition in 2017 - bin von Größe 50 auf 42/44 runter und auch der Knochenbau hat sich dank HET sichtlich verändert.
Damit war ich sozusagen 'reif', um auch vor versammelter Chefetage Projektsitzungen im Kleid zu leiten, ohne jeglichen Anstoß zu erregen.
Letztlich ist alles einer ständigen Entwicklung unterworfen und muss von Zeit zu Zeit revolutioniert werden, wenn sich die Umstände oder die innere Einstellung ändern. Ich empfinde das auch als ständigen Lernprozess, meine Bedürfnisse neu zu definieren und diese dann möglichst 'perfekt' umzusetzen.
- Diva