Marielle hat geschrieben: Mo 18. Feb 2019, 21:50
ich kann das auch nicht gut lesen. Ohne Brille nicht und mit Brille schon gar nicht.
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Danke, so konnte ich das jetzt nachvollziehen (@Jenina: Nö, ich kann beim besten Willen nicht alle laufenden Bundestagsdrucksachen lesen, auch nicht bloß die der AfD. Das können und tun selbst Bundestagsabgeordnete nicht, deren Job das ja immerhin ist).
Zur Sache dann erst nochmal den Quote, um den es da wohl hauptsächlich geht:
"Demgegenüber muss aus Sicht der AfD-Fraktion an der natürlichen Geschlechterdualität festgehalten werden. Die Behauptung, es gäbe nicht nur zwei, sondern viele, mög-licherweise sogar unbegrenzt viele Geschlechter, hat mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun und ist auch seriös-wissenschaftlich abwegig. Sog. Abweichungen der Geschlechtsentwicklung bewegen sich zwischen den Polen der natürlich vorkommenden Geschlechter."
Man beachte da, bitte, den zuletzt mit gequoteten (von Marielle allerdings nicht markierten) Satz! Die AfD leugnet die Existenz von Transgendern keineswegs ab oder verurteilt uns als Spinner oder sowas; sie ordnet uns lediglich in ein Kontinuum zwischen den zwei Geschlechtern "männlich" und "weiblich" ein und leugnet die Existenz irgendwelcher, beliebiger Zusatzgeschlechter ("eselig" oder "grün" oder "weiß der Kuckuck"

) ab.
Ich als TS kann damit gut leben. Ich habe nun mal von Geburt an einen (leider) männlichen Körper, und das, was mich von einem Mann unterscheidet und zum TS macht, läßt sich wiederum mit der zweiten Kategorie "weiblich" auch sehr gut umschreiben. Ich brauche keine dritte, vierte, fünfte Kategorie; die "Abweichungen der Geschlechtsentwicklung zwischen den Polen der natürlich vorkommenden Geschlechter" genügen vollauf, um zu beschreiben, was ich als TS bin. Zudem gibt es ja in der Realität auch gar nicht den prototypischen TS oder TV oder Transgender, der ein eigenständiges Grundgeschlecht neben "männlich" und "weiblich" prägen könnte; das sind alles höchst heterogene Gruppen, deren einzelne Mitglieder an jeweils entgegengesetzten Enden mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen. Während es im Alltag hunderttausend Episoden gibt, zu denen ich mir mal belustigt, mal empört, mal resignierend "typisch Mann" oder "typisch Frau" denke, drängte sich mir bisher nur äußerst selten der Gedanke "typisch TS" oder "typisch TV" auf. Wir Transgender sind nun mal ein buntes Völkchen, da ist jeder anders; Stereotypen - oder auch "Vorbilder", neudeutsch "Ikonen" - gibt's da so gut wie nicht.
Man sollte sich bezüglich der Geschlechter immer bewußt sein, auf welcher Ebene man gerade diskutiert. Geht es um das genetische Geschlecht als evolutionäres Grundkonzept der Fortpflanzung, dann gibt es tatsächlich nur "männlich" und "weiblich" - und sonst gar nix, auch nichts "dazwischen". Biologisch können auch TS - je nach phänotypischem Geschlecht - nur jeweils Vater ODER Mutter eines Kindes werden. Entweder/Oder - auf dieser Ebene herrscht nun mal strikte Dualität. Ein Naturgesetz - keine Erfindung der AfD
Betrachten wir dagegen sekundäre Geschlechtsmerkmale, deren Entwicklung hormonell vermittelt wird, dann ändert sich das Bild: Hormone wirken quantitativ als Regulatoren, nicht bloß qualitativ als Schalter. Da gibt's Abstufungen, Zwischenstufen - ein ganzes Kontinuum zwischen den beiden Polen "männlich" und "weiblich", in dem sich dann eben auch Transgender und Intersexuelle finden. Trotzdem kann man auch hier noch jeden einzelnen Ist-Zustand als spezifische Mischung aus ZWEI Geschlechtern beschreiben. Ich wüßte jedenfalls nicht, dass bisher auch nur ein einziger TS oder TV zwingend eine von den Kategorien "männlich" und "weiblich" gänzlich unabhängige, dritte Kategorie benötigt hätte, um darzustellen, was er geschlechtlich tatsächlich ist. Auch "TS" oder "TV" sind ja im Grunde keine eigenständigen Kategorien, sondern bloß Abkürzungen von Beschreibungen, die sich letztlich auf die zwei dualen Geschlechter beziehen und zurückführen lassen.
Daran, daß wir heute überhaupt von Geschlechtern jenseits der Dualität sprechen, habe übrigens ausgerechnet ich persönlich einen nicht unerheblichen Anteil

Ich habe mich nämlich in den späten 80er und frühen 90er Jahren intensiv in der Szene engagiert und dabei - gerade was unser heutiges Selbstbild angeht - einiges an Pionierarbeit geleistet. Die Dualität der Geschlechter war damals noch felsenfest in den Köpfen der Leute verankert, gerade auch bei uns TS selber, und natürlich auch bei den Gutachtern. Es gab nach damaliger Auffassung einfach nur Männer, Frauen - und sonst nichts. Alles, was da irgendwo dazwischen war, galt nicht als individuell gleichwertig, sondern wurde als "krank", "pervers" oder "missgebildet" pathologisiert und/oder moralisch verurteilt - auch von uns TS selber! Als TS MUSSTE man komplett und endgültig mit allem Drum und (Nicht-mehr-)Dran ins Gegengeschlecht wechseln. Tat man das nicht, dann galt man gerade auch in der Szene gar nicht erst als TS, sondern als TV - und die waren sexuell PERVERS, pfui! An den armen Intersexuellen wurde routinemäßig schon im Kleinkindalter geschlechtsnormierend herumgeschnippelt, weil das ja keine Eigenschaft, sondern angeblich eine "Missbildung" des armen Wurms war. Dass ich mit dem Ansinnen zu den Gutachtern kam, mir die Brust aufbauen zu lassen, den Pimmel aber dran zu lassen und mit Brüsten UND Pimmel öffentlich weiter in der männlichen Rolle zu bleiben, das war damals UNERHÖRT und gegen alle Regeln der Kunst und Ethik! Dass ich das dann doch schon zu einem relativ frühen Zeitpunkt tatsächlich durchkriegte, lag teilweise daran, dass ich selber Mediziner bin und mich deshalb mit den medizinischen Gutachtern auf einer anderen Ebene verständigen konnte als die meisten Betroffenen. Vor allem aber lag es wohl daran, dass ich damals als einer der Ersten viele Jahre lang intensiv für eine Abkehr von dem starren, geschlechtlichen Dualitätsdenken und für mehr individuelle Selbstbestimmung geworben habe. Grundgedanke: "Transgender" (den Begriff gab's damals noch gar nicht) sind eben NICHT krank oder mißgebildet, sondern gehören zur Bandbreite menschlicher NORMALITÄT zwischen den beiden Geschlechtern. Sie sind den herkömmlichen zwei Geschlechtern gleichwertig und können insofern - auf dieser Bewertungsebene (!) - sogar als eigenes, drittes Geschlecht verstanden werden.
Dieser Gedanke hat sich dann allmählich zuerst in der TS-Szene, bei den damit befaßten Gutachtern und in der einschlägigen Fachliteratur durchgesetzt. Erst deutlich später wurde er vom Feminismus - vor allem in der Lesbenszene - aufgegriffen und zum heutigen, breiten, gesellschaftlichen Konsens erweitert. Wir TS strebten damals aber eigentlich nur unsere Entpathologisierung und Individualisierung an - und das mit durchschlagendem Erfolg! Wenn wir damals - lange vor den Feministinnen - ein drittes Geschlecht für uns reklamierten, hatten wir weder ein Weltbild noch eine Evolutionstheorie im Hinterkopf, sondern lediglich unsere gesellschaftliche Anerkennung als von den bisher geltenden Normen abweichende, aber trotzdem gleichWERTIGE Menschen. Diese Anerkennung haben wir inzwischen auf breitester Basis erreicht, auch in allen politischen Parteien (inklusive AfD!) ist das heute unbestrittener Konsens. Gewisse Probleme gibt's damit allenfalls noch in Teilen der katholischen Kirche.
Für uns TS war damals der Gedanke eines dritten Geschlechts eigentlich nur eine Art Wortvehikel, mit dem wir einfacher gestrickten Geistern unsere Stellung im Kontinuum zwischen den beiden Geschlechtern anschaulich machen wollten. Erst der Feminismus hat das dann später mit seinen Dogmata verwoben und daraus einen unversöhnlichen, ideologischen Gegensatz zum herkömmlichen, dualen Geschlechtsbegriff konstruiert. Mit diesem ideologischen Gegensatz geht die AfD jetzt auf Kollisionskurs, wenn sie sich in auf das wissenschaftlich basierte, im Ursprung duale Geschlechterbild stützt. Uns Transgender betrifft das gar nicht, wir finden unseren Platz problemlos und höchst individuell auch im Kontinuum zwischen ZWEI Geschlechtern, und diesen Platz macht uns auch in der AfD niemand streitig. Die Zeiten, in denen wir pathologisiert oder als "pervers" moralisch verurteilt wurden, sind zum Glück schon lange vorbei.
Ein Wort noch zu der in einem anderen Beitrag angesprochenen, grünen Bildungspolitik (Stichwort "Frühsexualisierung"): da wendet sich die AfD m. E. sehr zu Recht gegen gewisse, krasse Übertreibungen einer "Erziehung zur Toleranz", mit der Kinder bereits im Kindergarten- und Grundschulalter traktiert werden. Das ist nicht altersgerecht und vermittelt den Kindern ein unrealistisches, ideologisch gefärbtes Weltbild. Als LGBTQI o.ä. sind und bleiben wir nun mal die Ausnahme von der Regel. Als solche können und müssen wir Toleranz und Anerkennung für uns einfordern; aber wir sind nicht der gesellschaftlich normgebende Nabel der Welt. Im Übrigen möchte ich gerade auch als TS nicht in einer so genderpolitisch plattgewalzten Welt leben müssen, wie sie da schon in die Köpfe kleiner Kinder gehämmert werden soll. Die geschlechtlichen Unterschiede in all ihren Schattierungen und Verästelungen machen das Leben als geschlechtlicher Mensch doch überhaupt erst spannend und lebenswert. Was soll denn überhaupt das Gerede von drei, fünf oder 92 Geschlechtern, wenn der Feminismus dann gleichzeitig sämtliche Unterschiede zwischen diesen Geschlechtern für null und nichtig erklärt? Vive la difference!
Herzlichen Gruß
Wally