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Re: Trans* und Alter

Verfasst: Di 24. Jul 2018, 14:58
von Exuser-2019-01-04
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 23. Jul 2018, 08:45 ...
Gestern höre ich in einem Beitrag im DLF über 2001, Odyssee im Weltraum einen interessanten Satz. Sinngemäß heißt es dort, dass im Rätselhaften der Sinn des Lebens liege. Was hätten wir davon, wenn wir alles wüssten ?

Ich merke immer mehr, dass die Beschäftigung mit der Wissenschaft zwar sehr interessant ist, aber sie ist erstens sehr träge und zweitens verbraucht sie soviel Aufmerksamkeit, dass viele Wahrnehmungen auf der Strecke bleiben. Ich beobachte das bei vielen Menschen in meiner Umgebung, die stark fixiert sind auf das "Erklärliche". Alles muss Erklärbar sein und was nicht erklärbar ist, geht in Richtung Hokuspokus, Einbildung etc. Ich denke, unser "Geist" ist zu ganz anderen Dingen fähig. Es wird nur häufig beiseite geschoben oder ignoriert.

Du sprichst mir voll aus der Seele, ich sehe diese Dinge ganz genauso! Danke für Deine Gedanken!

VG Sasha

Re: Trans* und Alter

Verfasst: Fr 14. Sep 2018, 19:46
von Whoopy Highfly
Hallo Leute

Ich möchte mal was allgemeines loswerden.
Das biologische Alter hat nichts mit dem geistigen Alter oder mit den Kerzen auf der Geburtstagstorte zu tun. Manche sehen mit 60Jahren aus wie 30, andere mit 40 wie 70.
Deswegen ist es für mich egal, wieviele Jahre ich auf der Erde bin. Wichtig ist für mich, wie ich "eingeschätzt" werde.

Übrigens, die Frau von der Farbberatung hat mich aufgrund meiner "gräulichen" Haare auf Anfang 50 geschätzt. Als ich ihr sagte, das ich 57 bin, wollte sie es mir nicht glauben. Ich werde im allgemeinen jünger geschätzt.

Namasté

Re: Trans* und Alter

Verfasst: Fr 14. Sep 2018, 21:58
von Wally
Liebe Vicky,

Wenn ich von meinem Wunschleben als Frau träume, dann habe ich natürlich immer die JUNGE Frau vor Augen: in der vollen Blüte ihrer Attraktivität, das ganze Leben noch vor sich, alle Wege noch offen - "Mir gehört die Welt!". Das, was mir als Junge und Mann versagt geblieben ist, fing ja nicht erst mit 50 an... Und auch wenn's irreal ist: wenigstens im Traum bleibt da unendlich viel NACHZUHOLEN. Es ist ja auch im Alter keineswegs so, dass die jüngeren Zeiten einfach in der Vergangenheit verschwinden. Je älter man wird, um so mehr lebt man gerade auch AUS der Vergangenheit, zehrt von den Erinnerungen. Die Träume meiner eher männlichen Seite, die ich in früheren Jahren verwirklichen konnte, geben mir auch heute noch viel, sie machen mein Leben in der Rückschau reich und rund: dass ich z. B. Gleitschirmfliegen gelernt habe, oder dass ich mal quer über den Himalaya gewandert bin. "Was man erlebt hat, kann einem niemand mehr nehmen". Auf der spezifisch weiblichen Seite fehlen mir solche Highlights, da bleibt ein Vakuum. Aber wenigstens träumen darf ich dann schon noch... :-)

Bei TS-Treffen sind mir immer wieder die großen, alten Frauen und die kleinen, jungen Männer aufgefallen. Wer von der männlichen in die weibliche Rolle wechselt, wirkt en femme - wenn glaubhaft - um etliche Jahre älter. Unsere doch etwas herberen, kantigeren Gesichtszüge werden dann einfach als höheres Alter uminterpretiert; so werden uns gerade die für Frauen so besonders wertvollen, jungen Jahre einfach gestohlen. Umgekehrt bei Frau-zu-Mann: die weicheren Gesichtszüge werden in der männliche Rolle als Jugendlichkeit gedeutet, die gewinnen subjektiv etliche Jahre dazu - und zwar i.d.R. zu einem Zeitpunkt, zu dem sie ihre besten Jahre noch vor sich haben... Ich fand das schon immer ein bißchen ungerecht - aber das Leben ist nun mal nicht gerecht.

Mit dem Alter gleichen sich die Geschlechter ein bißchen an, der Unterschied wird geringer: die meisten Frauen bekommen allmählich etwas härtere Gesichtszüge, die vieler Männer werden wieder etwas weicher. Ein glaubhaftes Passing als Frau wird dadurch im Alter deutlich leichter, man muß nicht mehr so brutal viel Aufwand dafür treiben. Aber das ganze Thema verliert im Alter auch an Relevanz; es ist einfach nicht mehr so wichtig wie in jüngeren Jahren, ob man nun in einer konkreten Situation als Mann oder als Frau gesehen wird. Es steht dabei nicht mehr so viel auf dem Spiel, und die Kollateralschäden im Fall eines Scheiterns (beruflich, sozial) sind auch viel geringer. Und nicht zuletzt wird man als alter Mensch freier: dieselben Verhaltensweisen, die mit 50 noch einen handfesten Skandal mit desaströsen Folgen heraufbeschwören können, werden einem 70-Jährigen oft milde als "Schrullen" nachgesehen. Das Korsett gesellschaftlicher Konventionen lockert sich für alte Menschen. Ich kann das ganze TS-Thema heute viel entspannter betrachten als noch vor 10 Jahren, das geht heute mehr ins Spielerische, die existenzielle Schwere ist weggefallen. Natürlich liegt das auch daran, dass unsere Gesellschaft toleranter geworden ist. Aber da wurde der große Fortschritt ja bereits in den 80er und 90er Jahren erzielt; seit der Jahrtausendwende hat sich das nicht mehr sooo gravierend geändert.

Ein bißchen Angst habe ich davor, als alter, transsexueller Mensch irgendwann auf Pflege angewiesen zu sein. Inwieweit wir da noch in unserer Individualität respektiert werden (können), anstatt einfach brutal 0815 wieder in eine der beiden Schubladen gesteckt zu werden, muß sich noch erweisen. Aber vielleicht habe ich ja wie die meisten Menschen in unserer Familie auch das Glück, irgendwann aus guter Gesundheit heraus ziemlich schnell zuhause zu sterben. Statistisch sind's für mich nur noch wenige Jahre bis dahin - und wie schnell sind die in unserem Alter vorbei...

Herzliche Grüße
Wally