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Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 00:41
von dunkles_sternchen
Inga hat geschrieben: Mo 18. Jun 2018, 07:56 Bei allen Veränderungsbemühungen für ein gewünschtes körperliches optimales Bild sollte man bzw. frau vor Augen halten, dass viele Frauen mit ihrem Körper hadern und ihn nicht für optimal fraulich genug halten, trotz aller Tricks mit Kleidung und Kosmetik.
Solange Ergebnisse immer noch irgendwie im weiblichen Toleranzbereich liegen, ist das alles gut und annehmbar. Für mich liegt das aber weit außerhalb eines solche Bereiches. "Typisch männlich" hat für mich nichts mehr damit zu tun. Weiter weg von "optimal" geht eigentlich nicht.

Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 07:20
von Nicole Fritz
dunkles_sternchen hat geschrieben: Mo 18. Jun 2018, 01:00 Es gibt einfach Menschen, die extrem gut auf Östrogene ansprechen. Das ist vor alle genetisch bedingt. Und wenn man dann noch gute Voraussetzungen hat - sprich jung ist, kein sehr maskulines Gesicht hat, Körperbau usw. - sind da streckenweise einfach super Ergebnisse drin. Das findet man ja zu Hauf im Internet, weil die Masse ja auch groß ist. Die 80-90%, die irgendwie nur mittelmäßig abschneiden, sieht man selten.
Hallo Dunkles Sternchen,

von diesen 80-90% treffe ich regelmäßig einige in Selbsthilfegruppen. Viele wollen sich eben einfach nicht im Internet präsentieren. Einige berichten von Rückschlägen und Komplikationen, aber auch dann bereuen sie selten diesen Schritt getan zu haben - auch wenn beispielsweise die Brüste nach zwei Jahren HRT kleiner sind als bei mir ohne. Wie ich bereits schrieb, vermute ich eine große Dunkelziffer, die sich einfach nur enttäuscht zurück zieht, aber 80-90% sind das sicherlich nicht.

Wenn ich also darüber nachdenke was ich machen soll, orientiere ich mich nach meinen Eindrücken bei den Gruppentreffen und nicht nach irgendwelchen überzogenen Darstellungen im Internet. Das kennt man doch: in der Werbung sieht es phantastisch aus, und in Wirklichkeit ist es eine Mogelpackung. Und Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie verdienen gutes Geld mit der Transition, also gibt es auch Werbung.

LG Nicole

Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 10:08
von Anja
Moinsen,
Laila-Sarah hat geschrieben: Mo 18. Jun 2018, 17:05 Tatsächlich kann Laila zu diesem Zeitpunkt nichts richtig ausschließen.
Also so lange du von dir? selbst in der dritten Person sprichst, habe ich meine Zweifel, ob du schon so weit bist. Wenn du dich sprachlich von Laila trennst, gibt es sicherlich im Kopf noch irgendwo eine Barriere.

Wie hat Joe das mal so schön auf den Punkt gebracht?
"Wenn der Druck größer wird als die Angst"
So lange der Druck nicht groß genug ist, wird auch niemand das Risiko eingehen, das sein ganzes Leben auseinander fliegt. Erst wenn man dem Druck nicht mehr wiederstehen kann, bewegt man sich.
Jede von uns hat doch versucht, ihr altes Leben irgendwie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dem Partner zuliebe, den Kindern zu liebe, dem Arbeitsplatz zuliebe usw. Nur niemals sich selbst zuliebe.
Diese Einsicht kommt dann nämlich, wenn man gezwungen ist, sich selbst wichtiger zu nehmen. Der eine hält mehr Druck aus der andere weniger.
So lange die Angst überwiegt hast du diesen Punkt noch nicht erreicht.

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 10:48
von Laila-Sarah
Hallo Anja,

ich weiß nicht ob die Argumentation "Leidensdruck nicht so groß" zutrifft, wenn jemand zweifel an einer Lösung hat oder dessen gesundheitliche Konsequenzen. Ich versuch es mal mit einer Analogie außerhalb des Themas, weil dieses Thema viele von uns so berührt, dass wir weniger rationell und mehr emotional werden:

Ein Herr A hat Probleme Frauen anzusprechen und leidet darunter. Freund B sagt, trink ein wenig etwas dann fallen die Hemmungen. A sagt: "Ich weiß nicht ich habe Zweifel ob Alkohol mir Gesundheitlich langfristig nicht schadet. Es ist doch keine Lösung immer zu trinken." Damit ist es für B entschieden, dass A nicht genug unter seiner Schüchternheit leidet.

ca. 7/10 meiner Verwandten sind an Krebs gestorben!

VlG

Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 11:00
von Anja
Moinsen,

ich habe nicht geschrieben, das dein Leidensdruck nicht so groß ist, ich schrieb, das er nicht so groß wie die Angst ist. Das ist ein Unterschied.
Ich wollte (und habe) deinen Leidensdruck nicht kleingeredet.
Ich kann deine Ängste durchaus verstehen, vor knapp 3 Jahren war ich selbst an diesem Punkt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich durch mein Doppelleben schon starke gesundheitliche Probleme. Da stellte sich mir die Frage garnicht, was später eventuell mal sein könnte. Ich musste mich um das Hier und Jetzt kümmern. Nachdem sich diese Probleme bei mir verschlimmerten, gab es nur noch einen Ausweg... Der Druck war so groß geworden, das sämtliche Ängste dahinter zurückstanden.

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Di 19. Jun 2018, 19:42
von Aria
Anja hat geschrieben: Di 19. Jun 2018, 10:08 Jede von uns hat doch versucht, ihr altes Leben irgendwie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dem Partner zuliebe, den Kindern zu liebe, dem Arbeitsplatz zuliebe usw. Nur niemals sich selbst zuliebe.
EXAKT!!!

Denn damit sollte man anfangen, sich selbst zu lieben und wichtiger zu nehmen als alles andere. Alles andere macht keinen Sinn!

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 02:51
von dunkles_sternchen
Aria hat geschrieben: Di 19. Jun 2018, 19:42
Anja hat geschrieben: Di 19. Jun 2018, 10:08 Jede von uns hat doch versucht, ihr altes Leben irgendwie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dem Partner zuliebe, den Kindern zu liebe, dem Arbeitsplatz zuliebe usw. Nur niemals sich selbst zuliebe.
EXAKT!!!

Denn damit sollte man anfangen, sich selbst zu lieben und wichtiger zu nehmen als alles andere. Alles andere macht keinen Sinn!
Ich hatte nie Kinder, nie eine Beziehung. Wie sollte das gehen im falschen Körper?

Ich wollte natürlich eine Frau sein - mit allem "drum und dran" ... es war diese Sehnsucht nach mir selbst, nach meinem Ich und das ich leben kann. Ich muss zugeben, dass es die ersten 2 Jahre auch ganz gut klappte - nicht perfekt, aber irgendwie doch so, dass ich den Eindruck erhielt "hier geht doch was". Mir wird bis heute eine Rätsel bleiben, was die GaOP da nun wirklich für Auswirkungen hatte, aber danach ging nur noch alles den Bach runter. Das Aussehen, die Figur, die Gesundheit - einfach alles. Absatzschuhe waren z.B. plötzlich völlig obsolet, ging nicht mehr und auch alles andere. Es ging gar nichts mehr, kein Kleid, kein Rock ... nichts.

Wenn ich so im Mittel mal vergleiche, was mich zu damals unterscheidet, ist es irgendwie nicht viel ... Ich lebe mein Leben 1:1 wie damals. Null Änderung. Nach der OP musst ich die kleinen Gewinne wieder alle abgeben, die mich irgendwie wenigstens zu 1% zur Frau gemacht haben. Heute? Heute, habe ich davon nix mehr. Das alles war einfach völlig sinnlos irgendwie. So viele Schmerzen, das ganze Geld ... der Aufwand. Für echt nix.

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 10:54
von Anja
Moinsen,
dunkles_sternchen hat geschrieben: Do 21. Jun 2018, 02:51 Ich hatte nie Kinder, nie eine Beziehung. Wie sollte das gehen im falschen Körper?
Tja, da kann ich nur für mich sprechen. Ich glaube ich konnte mich immer ganz gut mit meinem Körper arrangieren.
In meine weiblichen Anwandlungen habe ich meine jeweiligen Partnerinnen immer zu Anfang eingeweiht. So konnten sie entscheiden, ob sie mich "so" wollten oder nicht.
Die eigentlich Entwicklung bis hin zur heutigen Frau hat komplett zusammen mit meiner Frau stattgefunden. Außerdem bin ich ein Familienmensch und ich konnte und kann mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen.
Mein Lebensplan ist aufgegangen. Ich habe eine Partnerin die mich als Mensch liebt und mit mir den Weg zu Frau gegangen ist. Wir haben zwei wundervolle Kinder bekommen. Und alles bevor ich die 40 überschritten habe.
Alles ist wie es sein soll.
Was mir eigentlich am meisten (an meinem Körper) gestört hat, waren die fehlenden Brüste. Das hat sich inzwischen durch die HT erledigt. Was ich zwischen den Beinen habe, stört mich eigentlich nicht besonders (und es interessiert auch niemanden).
Insofern lebe ich heute meinen Traum (he)

Also ich kann nur sagen, es geht!

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 11:59
von Anja
Hallo Kati,

ich kann mich noch halbwegs an die Übergangszeit erinnern. Es war eine sehr intensive Zeit. Für mich war es der Schritt hin zum richtigen Leben. Das anstrengende Hin und Her Wechseln fiel endlich weg, ich konnte einfach ich sein.
Bei jedem Outing kochte mein Blut, denn man konnte nie wissen, wie jemand reagiert. Ich kann nur sage, bei manchen lag ich sowas von daneben...
Vielleicht ist diese Zeit auch deswegen so intensiv, weil sie immer von Angst und Druck begleitet wird. Manchmal sind es 95% Druck und 5% Angst und manchmal ist es andersrum. Oder ist es deswegen so intensiv, wiel man es selbst nicht auseinanderhalten kann? Gefühlt sitzt man die ganze Zeit in der Achterbahn. Ich habe während meiner Outingszeit unglaublich viele, positive Erfahrungen erlebt.
Dazu muss ich aber auch sagen, das ich jedes Outing geplant habe und nicht einfach "Sö, hier bin ich!" gesagt habe. Das hat sicher mit zu einem positiven Gelingen beigetragen. Die Phase, vom "Ich muss das jetzt machen" bis zum "Leben als Frau" hat noch mal über ein halbes Jahr gedauert.
Mein erster Tag als Frau auf der Arbeit war ein Dienstag. Mein Chef war auf Geschäftsreise oder im Urlaub (weiß ich nicht mehr) und ich habe dann in der kommenden Woche Montags das Gespräch mit ihm geführt, das ich nun als Frau zu Arbeit kommen möchte. Ab besagtem Dienstag (das war der 22. März 2016) ging ich auch als Frau zur Arbeit und schloss so die Lücke zwischen einem privaten Leben als Frau und einem Geschäftsleben als Mann...
Mir hat es sehr geholfen, die Übergangszeit so "kontrolliert" wie möglich abzuwickeln.

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 13:08
von Nicole Fritz
Anja hat geschrieben: Do 21. Jun 2018, 10:54 Was mir eigentlich am meisten (an meinem Körper) gestört hat, waren die fehlenden Brüste. Das hat sich inzwischen durch die HT erledigt. Was ich zwischen den Beinen habe, stört mich eigentlich nicht besonders (und es interessiert auch niemanden).
Hallo allerseits,

ich habe Brüste - auch wenn sie klein sind und nicht die typisch weibliche Form haben. Da kann man aber mit einem BH gut nachhelfen. Und was das Ding zwischen den Beinen angeht sehe ich es wie Anja. Also werde ich meinen Weg auf absehbare Zeit ohne HT und OP weiter gehen. Ich vermute oder befürchte, dass ich nach einer OP ähnlich unzufrieden sein könnte wie unser dunkles Sternchen. Soll ich mich also auf dieses Risiko einlassen?

LG Nicole

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 15:04
von ab08
Anja hat geschrieben: Fr 15. Jun 2018, 16:19 ...
Also bei mir hat der Leidensdruck aufgehört, als ich begonnen habe als Frau zu leben. Unabhängig davon, was sich bei mir durch die HT verändert hat. Ich konnte einfach ich sein und braucht mich nicht mehr verstecken. Die optische Angleichung an eine Frau ist das Sahnehäubchen.
Die Anerkennung von außen ist nicht wichtig, man muss sich selbst im Spiegel ertragen können ;-)
Ob andere in mir eine Frau sehen, ist mir egal. Wichtig ist, das ich in mir die Person sehe die ich bin. ...
Hallo, meine Lieben,

viel Zeit habe ich nicht, daher nur eine kurze Stellungnahme.
Jeder Mensch ist verschieden, aber mir geht es im Prinzip wie Anja. - Der Leidensdruck ist heute weg.

Nun bin ich endlich ich. -> Nämlich einfach eine emanzipierte Frau, wohnhaft in Nürnberg, im Ruhestand, transsexuell, usw.
Entscheidend war für mich die GAOP. Seitdem kann ich in die Sauna gehen, mich im Spiegel sehen usw.
Dass ich transsexuell bin, ist allgemein bekannt und gehört zu meiner Person.

Wenn mich heute jemand falsch anspricht, oder sich anderweitig falsch verhält, weise ich die Person zurecht.
Aber im Grunde macht es mir nichts aus, denn das gehört halt dazu.
Gut, wenn sich so etwas häuft, dann nervt es, aber das war es auch schon.

Liebe Grüße
Andrea )))(:

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 15:35
von Anja
Hallo Kati,

das muss man natürlich ziemlich differenziert betrachten, denn jeder Mensch ist anders. Ich kann z.B. deine Eltern schlecht einschätzen, da ich sie nicht kenne. Deswegen ist es schwierig da Tipps zu geben.
Ich kann höchstens von mir ausgehen. Inwieweit das dann dir weiterhilft vermag ich nicht zu sagen.
Also, los gehts:

Meine Eltern
Her erwartete ich die größten Probleme, besonders wegen meinem Vater. Deswegen zog ich hier Abstand dem persönlichen Gespräch vor. Da ja Frauen im Allgemeinen weniger Probleme damit haben, begann ich mit meiner Mutter. Ich rief bei meinen Eltern an als ich sicher sein konnte, das meine Mutter alleine zu sprechen war. Per Telefon klärte ich sie dann über mein Empfinden und meinen zukünftigen Weg auf. Wir sprachen über eine Stunde miteinander. Bewußt verzichtete ich auch darauf, ihr ein Foto zu schicken, ich wollte sie nicht überfordern. Des weiteren bat ich sie, mit meinem Vater darüber zu sprechen, also quasi den unangenehmsten Teil (für mich) zu übernehmen.
Das mit dem Abstand war eine gute Idee, denn meine Eltern wohnen in einiger Entfernung, so oft sehen wir uns also nicht. Und mein Vater brauchte schon ein paar Monate um sich halbwegs mit dem Gedanken anzufreunden.

Meine Schwiegereltern
Hier verfuhr ich ähnlich. Allerdings schnappte ich mir meine Schwiegermutter persönlich und zeigte auch ein Foto. Da ja die Phantasie ziemlich abwegig sein kann, wenn man von nem Mann in Frauenkleidern hört. Auch sie bat ich im Anschluss an das Gespräch, meinen Schwiegervater entsprechend zu informieren.

Meine Kollegen
Hier führte ich Einzelgespräche, auch zeigte ich immer ein Foto dazu. Ich fing mit den Kolleginnen an, weil ich hier die geringeren Probleme erwartete. Hierbei klärte ich auch gleich die Toilettenbenutzung, oder ob da jemand von den Frauen ein Problem damit hätte... Dann folgten die Kollegen. Auch hier gab es keine Probleme. Obwohl ich bei dem einen oder anderen fest davon ausgegangen bin. Aber so kann man sich irren.

Die Führungsebene
Hier leistete mir WhatsApp gute Dienste. Einer der Kollegen kam nämlich zu mir und steckte mir, das jemandem mein Profilbild bei WA aufgefallen wäre (da hatte ich schon ein weibliches hinterlegt) und dieses auch den anderen Kollegen gezeigt hatte. So ersparte ich mir das Zeigen weiterer Bilder und wies in den Einzelgesprächen darauf hin, das das auf dem Foto, das sie gesehen haben, mein wahres ich zu sehen wäre und ich als Frau leben möchte. Ich war erst sauer auf den "Rumzeiger" aber so stellte sich das als Vorteil heraus.

Die Chefetage
Besonders der oberste Chef machte mir Sorgen. Der geht auf die 80 zu. Und alte Leute neigen ja dazu, unflexibel zu werden. Naja, jedenfalls war ich von ihm am meisten überrascht. Nachdem ich mich bei ihm geoutet hatte, erzählte er mir ein paar Geschichten aus seinem Leben. Das Gespräch endete damit, das er schließlich neben seinem Stuhl stand, die Faust gen Himmel streckte und Sachen sagte wie "Man muss sein Ding durchziehen" usw.
Ich war ziemlich beeindruckt.
Meinen direkten Chef (der auch zu der GF gehört) hob ich mir bis zum Schluss auf. Wenn der dann nämlich noch mit Argumenten kommen sollte, das andere Kollegen und Vorgesetze damit ein Problem haben könnten, hätte ich ihm dann zu entgegnen gehabt, das keiner ein Problem damit hat. Auch er vermutete ein Problem mit dem Obersten. Da ich mit diesem Gespräch aber schon durch war, konnte ich ihm diesbezüglich Entwarnung geben. Alle Kollegen in der Firma wüssten schon Bescheid und hätten kein Problem mit mir als Frau. So gab er dann auch sein ok und bereits einen Tag später kam ich so zur Arbeit, wie ich sonst nur meine Wochenenden verbrachte...

Per eMail informierte ich noch alle Kollegen, das sie mich ab Dienstag auch gerne als Anja bzw. Frau ansprechen können, was auch gut angenommen wurde (zu diesem Zeitpunkt hatte ich die VÄ-PÄ noch nicht).

Liest sich jetzt in ein paar Minuten, das Ganze hat sich aber über Monate hingezogen, bis ich alle durch hatte...

Inwieweit sich das auf deine Lebenssituation übertragen lässt, weiß ich nicht.

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 16:08
von Anja
Hallo Kati,

nichts zu danken und viel Erfolg!
Ich drücke dir die Daumen!

Grüße
die Anja

Re: Zweifel

Verfasst: Do 21. Jun 2018, 21:56
von ExuserIn-2018-07-15
Hallo Kati,

da hat Anja eine sehr schöne Vorlage geliefert. Ich schreib ja nicht so häufig hier, aber irgendwie juckt es bei diesem Thema in den Fingern. Vielleicht hilft das eine oder andere und wird in abgewandelter Form ein Mosaiksteinchen in deinem eigenen Puzzle:

Meine Eltern
Hier hatte ich es super einfach, weil es kein Outing gab. Da meine Eltern ganz im Gegensatz zu mir ahnten, dass in mir eine Frau bzw. früher ein Mädchen schlummerte, das sie schonungslos unter Androhung drastischer Maßnahmen unterdrückten, bis ich es aus Angst verdrängte, würden sie heute vermutlich nur achselzuckend meinen "Hast ja lange gebraucht."
Die Trennung verlief damals unter dermaßen intriganten und perfiden Umständen, dass ich jahrzehntelang dran zu knabbern hatte. Erst nachdem ich meine Identität wiederfand, ergab die damalige Heftigkeit einen Sinn.

Meine Schwiegereltern
Die standen inklusive der übrigen Verwandtschaft meiner Frau ziemlich weit hinten in der Reihe. Erst nachdem wir zu dritt (Frau + Kind + ich) ein halbes Jahr als Regenbogen-Familie gelebt hatten, war meine Frau dazu bereit, mich quasi bei den Herrschaften einzuführen. Da ich zu diesem Zeitpunkt seit Monaten als äußere Frau lebte, brauchte ich keine Bilder zu zeigen, denn es gab mich nur noch "so" und nicht anders.
Ich wurde zurückhaltend, aber auch vereinzelt herzlich aufgenommen. Leider war alles "Verständnis" nur vorgetäuscht und ich bekam eine hübsche "Weihnachtsbescherung", bei der mir sehr deutlich gezeigt wurde, was sie von Menschen wie mir halten. Da sich mein Kind überproportional oft bei ihnen aufhält, hat es sich leider inzwischen komplett von mir abgewendet und will mit mir nichts mehr zu schaffen haben. Die Regenbogenfamilie ist zerstört.

Meine Kollegen - Teil 1
Nachdem ich von einer Sekunde zur anderen meine Identität wiedergefunden hatte - was in Wirklichkeit ein langer psychischer Prozess war, das aus Angst Verdrängte ins Bewusstsein zurück zu holen - kippte mein Hormonhaushalt um. Zwar befanden sich die Werte noch innerhalb der männertypischen Grenzen, aber eben in vertauschter Priorität. Das Testo fuhr auf den Minimalwert runter und das Östrogen zum Maximalwert hoch. Auf einmal verstand ich meine Verhaltensmuster und meinen Körper, der mir mangels ausreichender Männlichkeit immer Minderwertigkeitskomplexe bereitet hatte. Weil ich mir so sehr wünschte, auch äußerlich noch viiiiel weiblicher zu werden, dachte ich anfangs, ich würde mir meine Veränderungen nur einbilden.
Doch als sich meine Kolleg_innen zunehmend merkwürdiger, beobachtender verhielten und mir beim Paketabholen wegen eines "falschen Ausweises" die Sendung nicht ausgehändigt wurde, war mir klar, dass die äußeren Veränderungen binnen Monaten immens waren.
Ich hab mich mit allen auf Arbeit immer sehr gut verstanden und am liebsten hätte ich die Wahrheit rausgeschrien, aber ganz logisch hatte ich dieselben Ängste und Befürchtungen, die alle in meiner Situation haben. Die Monate, in denen ich in androgynen Sachen rumlief und ab und an auf der Straße von Fremden als "Schwuchtel" beschimpft wurde (was mir übrigens als äußere Frau noch nie passiert ist), waren eine Zeit höchster psychischer Anspannung.

Die Führungsebene
Zu meiner direkten Vorgesetzten hab ich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis. Dass auch sie etwas merkte, war mir klar. Sie wunderte sich deshalb nicht, als ich ihr eine private Mail schickte und sie bat, sich mit mir nach Feierabend in einem Café zu treffen, um etwas "Privat-Dienstliches" zu klären. Ich hatte Urlaub und fuhr extra hin - in Rock und Bluse versteht sich. Als meine Chefin dort ankam, erkannte sie mich nicht. Erst nachdem sie zum dritten Mal alle Gäste eingehend gemustert hatte, kam sie schmunzelnd auf mich zu. Ich muss dazu schreiben, dass ich weder Polster noch Perücke trug. Ich hatte mein Haar einfach nur anders frisiert und mich dezent geschminkt. In der Freizeit war ich ja schon kaum noch anders unterwegs.

Jetzt erfuhr ich, was alles auf Arbeit im Gange war: Meine Kolleg_innen machten sich riesige Sorgen. Die Gerüchteküche brodelte. Wie kann man sich nur derart verändern? Nimmt er etwa Medikamente? Ist er irgendwie "krank", aber im positiven Sinne, weil krank sieht er ja nicht aus - nur eben total anders. Dazu kam meine Ausgeglichenheit und gute Laune, die niemand bislang kannte. Das lustigste Gerücht war, dass ich in einer Art "Jungbrunnen-Sekte" sei und dort wäre es eben Pflicht, "schön" zu sein.
Doch leider zeigte meine Chefin erhebliche Vorbehalte gegen meine Fraulichkeit. Innerhalb eines langen Satzes verbot sie mir Röcke, Blusen, Absatzschuhe (gemeint sind alle mit mehr als einem Zentimeter) und kündigte an, mich in die Telearbeits-Verbannung zu schicken. Außerdem bestand das Risiko, dass ich im schlimmsten Fall vom obersten Chef in die Frühpension abgeschoben werden könnte. Ich meinte, dass es doch keine Lösung sein könne, mich zu verstecken. Die Weichen wären gestellt. Der äußere Mann befand sich längst in Auflösung, was keinem verborgen blieb.
Sie wusste keinen Rat und ich ließ es fürs Erste darauf beruhen.

Wenigstens in ihr hatte ich mich als Mensch nicht geirrt. Mit großer Erleichterung merkte ich, wie sie von ihrem harten Kurs der Ablehnung und des Totschweigens stetig weiter abrückte. Sie brauchte einfach einige Wochen Zeit, suchte oft das Gespräch mit mir und überlegte, wie wir die Sache offiziell machen könnten. Den Auslöser brachte eine Kollegin, die urlaubs- und krankheitsbedingt 8 Wochen lang nicht da war. Sie erkannte mich fast nicht mehr wieder, lief völlig aufgelöst zur Chefin und weinte dort. Danach meinte meine Vorgesetzte, nun müssen die Karten auf den Tisch. Sie bekäme inzwischen täglich Anfragen aus allen Ecken, was mit mir los sei. Es fielen bereits die Worte "weiblich" und "weichere Züge" usw., sodass früher oder später ohnehin alles herauskäme.
"Dann kann ich also morgen endlich mit Damenfrisur und Damenjeans auf Arbeit kommen?"
"Mach doch - ist ja sowieso keine große Veränderung, ob die Haare nun so oder anders sind. Und die Jeans kann eh keiner unterscheiden."
Ich denke, sie glaubte selbst nicht an das, was sie sagte. Denn am 15.9.2017 war der Knoten geplatzt. Jetzt wussten alle, was dahintersteckte. Dazu brauchte es kein Kleid und keine High Heels.

Meine Kollegen - Teil 2
Meine Chefin berief am Tag des Coming Outs gleich zu Dienstbeginn eine Teamsitzung ein. Das Thema war ich. Die Emotionen waren enorm - auf beiden Seiten. Es gab eine ungeheure Erleichterung - und auch Tränen, von Menschen, die mir offenbar näher standen, als ich es je geahnt hätte. Ich bedauerte, dass ich alle monatelang im Unklaren lassen musste. Trotzdem ging alles in einem hohen Tempo, denn zwischen der Selbsterkenntnis und der Vollzeitfrau, die ich nun endlich war, lagen gerade mal 8,5 Monate. Ich erzählte, dass ich voraussichtlich im November die HET beginnen und die Veränderungen dadurch weitergehen würden. Außerdem wäre ich dann obendrein pubertär, was zu allerlei Witzeleien führte.
Das war der Auftakt zu einem wahren Outing-Marathon bis zum Jahresende. Bei knapp 300 Leuten kein Wunder. Im Gegensatz zu früher zeigte ich nun überall Präsenz, ob bei betrieblich organisierten Freizeitveranstaltungen, Feiern oder Versammlungen. Den psychischen Stress hielt ich nur durch, weil ich vermutlich tonnenweise Glückshormone ausschüttete. Als ob es damit nicht genug wäre, bekam ich die Leitung eines großen IT-Projekts übertragen und stand als frischgebackene Frau im Fokus von Behördenvertretern und externen Firmen, hielt Vorträge und rief Sitzungen ein. Meine Chefin fuhr nun den umgekehrten Kurs: Anstatt mich zu verstecken, stellte sie mich ins Rampenlicht. Und da musste und muss ich durch ...

Die Sache mit der Toilette regelte sich entspannt. Es war vollkommen klar, dass ich die Damentoilette besuchte. Auch im Interesse der schreckhaften Herren, die in den vorigen Monaten oft zusammenzuckten, wenn sie mir auf dem Klo begegneten ... Bei ev. Problemen hätte ich auch auf eine der Behinderten-Unisex-Toiletten ausweichen können, doch zum Glück gab es keine Probleme.

Was mich bei meinen Kolleg_innen am meisten wundert: Viele kannten mich seit Jahrzehnten als deprimierten, pessimistischen Mann und haben mich trotzdem binnen einiger Monate als Frau integriert. Der neue Name wurde sehr schnell angenommen, nur mit dem Pronomen in dritter Person hakt es manchmal noch aus alter Gewohnheit. Es gibt wenige, die entweder länger Zeit brauchen oder mich ablehnen - was ich mangels Gespräch nicht weiß - und viele, zu denen ich erstmals Kontakt habe.
Wenn sie manchmal zurück denken (so lange ist es ja eigentlich nicht her), finden sie es gut, dass die Sache quasi von unten nach oben aufgerollt wurde. Die Verfahrensweise, die oftmals im Internet empfohlen wird, zuerst nur die obersten Chefs, Personalrat und Frauenvertretung zu informieren, dann eine Mail zu schreiben "Ab morgen komme ich als Frau", findet keinen Anklang und ich bin froh, einen anderen Weg gegangen zu sein. Wenn heute gesagt wird, dass man sich eigentlich gar nicht mehr recht erinnere, wie ich "früher" war, dann hab ich wirklich das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben.

Die Chefetage
Mit meiner direkten Vorgesetzten nahm ich beim obersten Chef einen Termin wahr. Urlaubsbedingt ging das erst nach meinem Coming Out auf Arbeit. Immerhin war er nicht eingeschnappt deswegen und fühlte sich übergangen. Die Gerüchte hatte er selbstverständlich auch mitbekommen und war in erster Linie froh, dass nun endlich Ruhe einkehrte. Er stellte es meiner Chefin und mir frei, wie schnell wir die Namensänderung in Mails und gegenüber externen Behörden und Firmen vorantreiben würden.
"Es wäre ja gelacht, wenn unter meinem Dach nicht jeder seinen Namen verwenden dürfte!"
Allerdings war es erst sein Nachfolger, der das konsequent ermöglichte. Doch das ist eine andere Geschichte ...
Danach folgten Termine beim Personalrat und der Frauenvertretung.


Ich lebe, wie ich bin - auch ohne VÄ/PÄ + Zwangsgutachten, bislang auch ohne GAOP (dazu hab ich die Jahre psychologische Begleitung noch längst nicht zusammen).
Bereut habe ich nichts. Es gab schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt kein Zurück mehr. Der Mann von damals war irgendwann weg - die Frau hatte gewonnen. Das ewige Abwägen und Überlegen hatten sich erledigt. Der 15.09.2017 war dann der Tag, an dem auch die letzte Männerklamotte im Müllsack verschwand.
Dass mich meine Familie - nachdem wir paradoxerweise zunächst eine schöne Zeit zusammen hatten - als Ehemann und Vater radikal abschafft, beweist mir eigentlich nur, dass ich ihnen als Mensch absolut nichts bedeutet habe. Das ist schlimm und wird mich ungeachtet allen Glücks sicher bis ans Ende meiner Tage beschäftigen.

LG
Semele (so)

Re: Zweifel

Verfasst: Fr 22. Jun 2018, 02:24
von dunkles_sternchen
Sorry, wenn ich vielleicht hier bisschen die Stimmung runterziehen muss ...

Ich bin immer wieder verwundert, wie sehr doch die meisten TS alles am sozialen Umfeld fastmachen. Oft habe ich den Eindruck, dass der Körper nur reine Nebensache ist und es primär um solche Dinge wie Akzeptanz, Anrede, Ausweise usw. geht ... aber mal ehrlich - is das nicht das letztlich egal? Wenn man auf einer Insel wohnen würde, wäre das alles obsolet - außer der Körper nicht und die Empfindungen zu ihm.

Meine Transition war ganz klar auf das Körperliche ausgerichtet. Alles andere ist doch formbar und Frage des Formbaren. Der Körper ist aber so etwas aus einer Gussform und nun verändere das mal, wenn das ausgehärtet ist. Ich fühle mich da oft allein, weil wenige TS wirklich auch eine körperliche Transformation anstreben. Ich konnte das nie anders und kann es nicht. Und mein Anspruch war immer ein weiblicher Körper. Zumindest irgendwie. Das habe ich aber nicht erreicht. Und so geht doch der Kampf Tag für Tag weiter. Da nützen mir Ausweis und andere Dokumente, die im Schrank liegen auch nichts ...