Hallo Kati,
da hat Anja eine sehr schöne Vorlage geliefert. Ich schreib ja nicht so häufig hier, aber irgendwie juckt es bei diesem Thema in den Fingern. Vielleicht hilft das eine oder andere und wird in abgewandelter Form ein Mosaiksteinchen in deinem eigenen Puzzle:
Meine Eltern
Hier hatte ich es super einfach, weil es kein Outing gab. Da meine Eltern ganz im Gegensatz zu mir ahnten, dass in mir eine Frau bzw. früher ein Mädchen schlummerte, das sie schonungslos unter Androhung drastischer Maßnahmen unterdrückten, bis ich es aus Angst verdrängte, würden sie heute vermutlich nur achselzuckend meinen "Hast ja lange gebraucht."
Die Trennung verlief damals unter dermaßen intriganten und perfiden Umständen, dass ich jahrzehntelang dran zu knabbern hatte. Erst nachdem ich meine Identität wiederfand, ergab die damalige Heftigkeit einen Sinn.
Meine Schwiegereltern
Die standen inklusive der übrigen Verwandtschaft meiner Frau ziemlich weit hinten in der Reihe. Erst nachdem wir zu dritt (Frau + Kind + ich) ein halbes Jahr als Regenbogen-Familie gelebt hatten, war meine Frau dazu bereit, mich quasi bei den Herrschaften einzuführen. Da ich zu diesem Zeitpunkt seit Monaten als äußere Frau lebte, brauchte ich keine Bilder zu zeigen, denn es gab mich nur noch "so" und nicht anders.
Ich wurde zurückhaltend, aber auch vereinzelt herzlich aufgenommen. Leider war alles "Verständnis" nur vorgetäuscht und ich bekam eine hübsche "Weihnachtsbescherung", bei der mir sehr deutlich gezeigt wurde, was sie von Menschen wie mir halten. Da sich mein Kind überproportional oft bei ihnen aufhält, hat es sich leider inzwischen komplett von mir abgewendet und will mit mir nichts mehr zu schaffen haben. Die Regenbogenfamilie ist zerstört.
Meine Kollegen - Teil 1
Nachdem ich von einer Sekunde zur anderen meine Identität wiedergefunden hatte - was in Wirklichkeit ein langer psychischer Prozess war, das aus Angst Verdrängte ins Bewusstsein zurück zu holen - kippte mein Hormonhaushalt um. Zwar befanden sich die Werte noch innerhalb der männertypischen Grenzen, aber eben in vertauschter Priorität. Das Testo fuhr auf den Minimalwert runter und das Östrogen zum Maximalwert hoch. Auf einmal verstand ich meine Verhaltensmuster und meinen Körper, der mir mangels ausreichender Männlichkeit immer Minderwertigkeitskomplexe bereitet hatte. Weil ich mir so sehr wünschte, auch äußerlich noch viiiiel weiblicher zu werden, dachte ich anfangs, ich würde mir meine Veränderungen nur einbilden.
Doch als sich meine Kolleg_innen zunehmend merkwürdiger, beobachtender verhielten und mir beim Paketabholen wegen eines "falschen Ausweises" die Sendung nicht ausgehändigt wurde, war mir klar, dass die äußeren Veränderungen binnen Monaten immens waren.
Ich hab mich mit allen auf Arbeit immer sehr gut verstanden und am liebsten hätte ich die Wahrheit rausgeschrien, aber ganz logisch hatte ich dieselben Ängste und Befürchtungen, die alle in meiner Situation haben. Die Monate, in denen ich in androgynen Sachen rumlief und ab und an auf der Straße von Fremden als "Schwuchtel" beschimpft wurde (was mir übrigens als äußere Frau noch nie passiert ist), waren eine Zeit höchster psychischer Anspannung.
Die Führungsebene
Zu meiner direkten Vorgesetzten hab ich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis. Dass auch sie etwas merkte, war mir klar. Sie wunderte sich deshalb nicht, als ich ihr eine private Mail schickte und sie bat, sich mit mir nach Feierabend in einem Café zu treffen, um etwas "Privat-Dienstliches" zu klären. Ich hatte Urlaub und fuhr extra hin - in Rock und Bluse versteht sich. Als meine Chefin dort ankam, erkannte sie mich nicht. Erst nachdem sie zum dritten Mal alle Gäste eingehend gemustert hatte, kam sie schmunzelnd auf mich zu. Ich muss dazu schreiben, dass ich weder Polster noch Perücke trug. Ich hatte mein Haar einfach nur anders frisiert und mich dezent geschminkt. In der Freizeit war ich ja schon kaum noch anders unterwegs.
Jetzt erfuhr ich, was alles auf Arbeit im Gange war: Meine Kolleg_innen machten sich riesige Sorgen. Die Gerüchteküche brodelte. Wie kann man sich nur derart verändern? Nimmt er etwa Medikamente? Ist er irgendwie "krank", aber im positiven Sinne, weil krank sieht er ja nicht aus - nur eben total anders. Dazu kam meine Ausgeglichenheit und gute Laune, die niemand bislang kannte. Das lustigste Gerücht war, dass ich in einer Art "Jungbrunnen-Sekte" sei und dort wäre es eben Pflicht, "schön" zu sein.
Doch leider zeigte meine Chefin erhebliche Vorbehalte gegen meine Fraulichkeit. Innerhalb eines langen Satzes verbot sie mir Röcke, Blusen, Absatzschuhe (gemeint sind alle mit mehr als einem Zentimeter) und kündigte an, mich in die Telearbeits-Verbannung zu schicken. Außerdem bestand das Risiko, dass ich im schlimmsten Fall vom obersten Chef in die Frühpension abgeschoben werden könnte. Ich meinte, dass es doch keine Lösung sein könne, mich zu verstecken. Die Weichen wären gestellt. Der äußere Mann befand sich längst in Auflösung, was keinem verborgen blieb.
Sie wusste keinen Rat und ich ließ es fürs Erste darauf beruhen.
Wenigstens in ihr hatte ich mich als Mensch nicht geirrt. Mit großer Erleichterung merkte ich, wie sie von ihrem harten Kurs der Ablehnung und des Totschweigens stetig weiter abrückte. Sie brauchte einfach einige Wochen Zeit, suchte oft das Gespräch mit mir und überlegte, wie wir die Sache offiziell machen könnten. Den Auslöser brachte eine Kollegin, die urlaubs- und krankheitsbedingt 8 Wochen lang nicht da war. Sie erkannte mich fast nicht mehr wieder, lief völlig aufgelöst zur Chefin und weinte dort. Danach meinte meine Vorgesetzte, nun müssen die Karten auf den Tisch. Sie bekäme inzwischen täglich Anfragen aus allen Ecken, was mit mir los sei. Es fielen bereits die Worte "weiblich" und "weichere Züge" usw., sodass früher oder später ohnehin alles herauskäme.
"Dann kann ich also morgen endlich mit Damenfrisur und Damenjeans auf Arbeit kommen?"
"Mach doch - ist ja sowieso keine große Veränderung, ob die Haare nun so oder anders sind. Und die Jeans kann eh keiner unterscheiden."
Ich denke, sie glaubte selbst nicht an das, was sie sagte. Denn am 15.9.2017 war der Knoten geplatzt. Jetzt wussten alle, was dahintersteckte. Dazu brauchte es kein Kleid und keine High Heels.
Meine Kollegen - Teil 2
Meine Chefin berief am Tag des Coming Outs gleich zu Dienstbeginn eine Teamsitzung ein. Das Thema war ich. Die Emotionen waren enorm - auf beiden Seiten. Es gab eine ungeheure Erleichterung - und auch Tränen, von Menschen, die mir offenbar näher standen, als ich es je geahnt hätte. Ich bedauerte, dass ich alle monatelang im Unklaren lassen musste. Trotzdem ging alles in einem hohen Tempo, denn zwischen der Selbsterkenntnis und der Vollzeitfrau, die ich nun endlich war, lagen gerade mal 8,5 Monate. Ich erzählte, dass ich voraussichtlich im November die HET beginnen und die Veränderungen dadurch weitergehen würden. Außerdem wäre ich dann obendrein pubertär, was zu allerlei Witzeleien führte.
Das war der Auftakt zu einem wahren Outing-Marathon bis zum Jahresende. Bei knapp 300 Leuten kein Wunder. Im Gegensatz zu früher zeigte ich nun überall Präsenz, ob bei betrieblich organisierten Freizeitveranstaltungen, Feiern oder Versammlungen. Den psychischen Stress hielt ich nur durch, weil ich vermutlich tonnenweise Glückshormone ausschüttete. Als ob es damit nicht genug wäre, bekam ich die Leitung eines großen IT-Projekts übertragen und stand als frischgebackene Frau im Fokus von Behördenvertretern und externen Firmen, hielt Vorträge und rief Sitzungen ein. Meine Chefin fuhr nun den umgekehrten Kurs: Anstatt mich zu verstecken, stellte sie mich ins Rampenlicht. Und da musste und muss ich durch ...
Die Sache mit der Toilette regelte sich entspannt. Es war vollkommen klar, dass ich die Damentoilette besuchte. Auch im Interesse der schreckhaften Herren, die in den vorigen Monaten oft zusammenzuckten, wenn sie mir auf dem Klo begegneten ... Bei ev. Problemen hätte ich auch auf eine der Behinderten-Unisex-Toiletten ausweichen können, doch zum Glück gab es keine Probleme.
Was mich bei meinen Kolleg_innen am meisten wundert: Viele kannten mich seit Jahrzehnten als deprimierten, pessimistischen Mann und haben mich trotzdem binnen einiger Monate als Frau integriert. Der neue Name wurde sehr schnell angenommen, nur mit dem Pronomen in dritter Person hakt es manchmal noch aus alter Gewohnheit. Es gibt wenige, die entweder länger Zeit brauchen oder mich ablehnen - was ich mangels Gespräch nicht weiß - und viele, zu denen ich erstmals Kontakt habe.
Wenn sie manchmal zurück denken (so lange ist es ja eigentlich nicht her), finden sie es gut, dass die Sache quasi von unten nach oben aufgerollt wurde. Die Verfahrensweise, die oftmals im Internet empfohlen wird, zuerst nur die obersten Chefs, Personalrat und Frauenvertretung zu informieren, dann eine Mail zu schreiben "Ab morgen komme ich als Frau", findet keinen Anklang und ich bin froh, einen anderen Weg gegangen zu sein. Wenn heute gesagt wird, dass man sich eigentlich gar nicht mehr recht erinnere, wie ich "früher" war, dann hab ich wirklich das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben.
Die Chefetage
Mit meiner direkten Vorgesetzten nahm ich beim obersten Chef einen Termin wahr. Urlaubsbedingt ging das erst nach meinem Coming Out auf Arbeit. Immerhin war er nicht eingeschnappt deswegen und fühlte sich übergangen. Die Gerüchte hatte er selbstverständlich auch mitbekommen und war in erster Linie froh, dass nun endlich Ruhe einkehrte. Er stellte es meiner Chefin und mir frei, wie schnell wir die Namensänderung in Mails und gegenüber externen Behörden und Firmen vorantreiben würden.
"Es wäre ja gelacht, wenn unter meinem Dach nicht jeder seinen Namen verwenden dürfte!"
Allerdings war es erst sein Nachfolger, der das konsequent ermöglichte. Doch das ist eine andere Geschichte ...
Danach folgten Termine beim Personalrat und der Frauenvertretung.
Ich lebe, wie ich bin - auch ohne VÄ/PÄ + Zwangsgutachten, bislang auch ohne GAOP (dazu hab ich die Jahre psychologische Begleitung noch längst nicht zusammen).
Bereut habe ich nichts. Es gab schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt kein Zurück mehr. Der Mann von damals war irgendwann weg - die Frau hatte gewonnen. Das ewige Abwägen und Überlegen hatten sich erledigt. Der 15.09.2017 war dann der Tag, an dem auch die letzte Männerklamotte im Müllsack verschwand.
Dass mich meine Familie - nachdem wir paradoxerweise zunächst eine schöne Zeit zusammen hatten - als Ehemann und Vater radikal abschafft, beweist mir eigentlich nur, dass ich ihnen als Mensch absolut nichts bedeutet habe. Das ist schlimm und wird mich ungeachtet allen Glücks sicher bis ans Ende meiner Tage beschäftigen.
LG
Semele
