Hallo zusammen,
für die zwischenzeitliche Funkstille möchte ich mich entschuldigen. Das war keine böse Absicht und auch kein Rückzug aus der Diskussion. Die halte ich für viel zu wichtig, um einfach abzutauchen. Ausserdem finde es es gut, dass sie läuft.
Anne-Mette schrieb:
"ich denke, wir unterliegen einem großen, nicht plausiblen Rechtfertigungsdruck anderen Menschen gegenüber, der teilweise durch die "Community" auch noch gefördert wird; denn anstatt Gemeinsames zu entwicklen und als starke Gemeinschaft aufzutreten, werden immer wieder Modelle entwickelt, warum einige Mitglieder der Community "besser" sind als andere oder "es richtig machen", während andere es angeblich "falsch" machen.
Ja, genauso ist es. Das ist der eine Aspekt dessen, was mich dazu gebracht hatte diesen Thread anzufangen. Die andere Seite kam in dem einen oder anderen Beitrag auch schon durch.
Für uns alle, als Menschen und damit als soziale Wesen, geht es im Kern um die Anerkennung des eigenen Seins. Ohne die Anerkennung seines Seins kann ein Mensch nicht menschenwürdig leben. Menschen brauchen ein soziales Umfeld, das ihnen diese Anerkennung gibt, das sie respektiert, um Mensch sein zu können. Diese Anerkennung wird nicht durch einzelne Gesetze geschaffen und schon gar nicht durch Normierungen, sondern durch die Schaffung von Möglichkeiten zur freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und durch die Beseitigung von Hemmnissen, die dem entgegenstehen.
Daenerys hat es so geschrieben:
"Wenn ich mir viele von uns anschaue, sehe ich vor allem Verzweiflung und Selbsthass. Vielleicht liegt darin auch ein Grund für den zunehmenden Rückzug in immer kleinere Gruppen und Mikrogruppen. Keine Ahnung. Aber ein sollten wir nicht vergessen: Es wird nicht plötzlich alles gut, bloß weil wir im Kleid rumlaufen (dürfen). Die Verzweiflung und der Selbsthass bleiben. Auch daran wird kein Gesetz der Welt etwas ändern.
Ich glaube, dass ihre Vermutung stimmt. Je enger und spezialisierter die Normierungen werden, desto kleiner werden zwangsläufig die Gruppen, die einzelnen Menschen eine Art von Anerkennung wegen (oder trotz) ihrer Individualität bieten (können). Es wird aber immer wieder deutlich, dass das häufig keine echte Anerkennung ist. Sie basiert auf Normen und deren Einhaltung, was oberflächlich betrachtet zwar zur Dazugehörigkeit führt, in Wahrheit aber nur eine Reaktion auf die Anpassung unter Konformitätsdruck ist; bedingte Anerkennung, die jederzeit wieder entzogen werden kann. Und selbst wenn es Gruppen gibt, die klein genug (oder frei genug) sind, um ihren Mitgliedern trotz deren Individualität Anerkennung gewähren zu können, schwebt auch über denen immer der große gesellschaftliche Aberkennungshammer.
Neben politischen Aufgaben, die eine Community ganz bestimmt auch hat, ist es m.E. deswegen die vornehmste Aufgabe einer Gemeinschaft, ihren Mitgliedern eine wirksame Anerkennung anzubieten
und dafür zu streiten, dass diese Mitglieder die Anerkennung auch anderen anbieten. Die Basis dafür sind nicht die Symptome gesellschaftlichen Zusammenlebens, also Gesetze und Verordnungen oder Sprachregelungen und Pronomen, sondern das Verständnis (vielleicht auch das Eingeständnis), dass das Benennen von 'Abweichungen' viel zu oft eher dem eigenen Streben nach Anerkennung dient, als das damit eine Struktur für andere gebaut werden soll, an der sie sich festhalten könnten. Wer Anerkennung hat kann fliegen und braucht kein Geländer.
Ehrliche Anerkennung kann ihrem Wesen nach nicht bedingt sein und verträgt daher auch keine Normen. Vielmehr darf sie gar keine Normen haben, an deren Einhaltung die Bewilligung von Anerkennung gekoppelt ist. Am Ende werden sonst nämlich nur diejenigen menschenwürdig am Leben bleiben, denen es gelingt, ihre Anerkennung aus anderen Bereichen ihres sozialen Umfeldes zu erhalten.
Daenerys hat dazu einen Aspekt eingebracht, auf den ich eigentlich noch am Donnerstag eingehen wollte. Sie schrieb:
"Das Problem ist, dass die Dekonstruktion von Normen gleichfalls die Schaffung neuer Normen bedingt, die der individuellen Freiheit entgegenstehen ......"
So lief es bisher meistens (fast immer); egal ob es dabei um Schweinefleisch in der Kantine, die Haarschnitte von Lesben, um Kopftücher oder die Absatzhöhe von trans-Leuten geht; raus aus der Norm, rein in die Norm. Ich möchte aber fragen, ob das so sein muss oder ob es nicht möglich ist, sich davon zu emanzipieren, sich davon frei zu machen? Zumindest wenn es um Normen geht, die vielleicht einen indiviuellen Nutzen*, aber keinen gesellschaftlichen Nutzen haben, sollte das gehen, denke ich. Auch wenn es weh tut.
Sie schrieb weiter:
"Individualität und Selbstbestimmung entstehen nicht im luftleeren Raum, genau so wenig wie Kultur, Religion, Brauchtum etc."
Ich glaube, dass wir uns bewusst machen sollten, dass durch den Entfall von Normen kein luftleerer Raum entsteht, in dem nichts gedeihen kann. Es gäbe auch (oder grade) dann Menschen, die auf ihre eigene Art 'sind'. Sie wären selbstbestimmt und frei von Normierungen. Diese Menschen wären die Projektions- oder auch Reibungsflächen für die Entwicklung der individuellen Selbstbestimmung von anderen Menschen; wie immer diese dann aussehen mag. Auch in solch einer Gesellschaft wären manche sich näher, andere sich ferner und es gäbe auch Gruppen von Menschen, die sich aus verbindenden Eigenschaften heraus zusammenfinden. Diese Eigenschaften, die die Individualität von Menschen ausmachen, hätten aber keine Wirkmacht mehr, die zum Entzug der Anerkennung führen kann und damit zur Dystopie, zu einer gedanklich ausweglosen Zukunft für den Einzelnen wird.
Die verbindenden Elemente der Menschen in der Community sind, dass sie wegen Nichterfüllung bestehender Normen negativ sanktioniert werden können und sich für ihr Sein rechtfertigen müssen. Und das ihnen und auch ihren Partner_innen, sogar ihren Freund_innen und Kolleg_innen aufgrund von bestehenden Normierungen die Anerkennung entzogen werden kann. Für diese Anerkennung sollten wir gemeinsam streiten**; nach aussen, nach innen und jede_r mit sich selbst.
Wie? Darüber müssen wir reden
Habt es gut
Marielle
*) Auch wenn eine Norm nicht nur einem einzelnen Menschen, sondern einer Gruppe dient, ist sie nicht automatisch auch für die Gesellschaft gut. Sie kann sehr wohl eine Norm bleiben, die Partikularinteressen bedient, sprich: egoistisch oder diskriminierend ist und deswegen abgeschafft gehört.
**) Und wenn es dazu erforderlich ist, die eigene Selbstbestimmung (neu) zu konstruieren, ist das aus meiner Sicht eine Leistung für die Gemeinschaft, die das Individuum erbringen kann, darf, soll oder sogar muss, damit die Gemeinschaft in der es lebt eine freie Gemeinschaft sein kann, die allen die Möglichkeit zur eigenen Entfaltung gibt.
PS: zu einigen Beiträgen möchte ich noch was schreiben.
Aber zurück zum Thema. Wie Ihr gemerkt hab, bin ich wieder hier. Weil ich gemerkt habe, das es andere Ziele gibt als immer nur das Beste für sich aus dem Salat zu klauben.
Ganz lieben Dank an Mina dafür.
... sich gegenüber der "Gesellschaft da draußen" aufzuwerten versuchen, in dem sie andere Teile der Community gezielt abwerten. Aber damit muss ich wohl leben lernen,...
Tu das bitte nicht Michi; streite dagegen.
Ich stand da mit offenem Mund. Hä? Weil - ich fühle mich nicht lesbisch. Wieso? Weil ich mich zu diesem einen Menschen, zu dieser einen Frau hingezogen fühle, jedoch nicht generell zu Frauen.
Jedoch wird es sehr viele Menschen geben, die meinen, ich sei dann lesbisch. Sie dürfen ihre Meinung gerne haben.
.... und für sich behalten.

Danke für das Beispiel normativer Irrwege an Drachenfrau.
Respekt - genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Das verdient keinen Respekt

Als das geplant wurde, wusste noch niemand wer Ulli Köppe ist und was er lostreten wird
