Hallo,
nachdem mein Auftritt in der Corso Bar einen Monat her ist, bin ich wieder mittendrin in der Entwicklung von zwei neuen Acts. Im Augenblick ist davon für Außenstehende noch nichts zu sehen, denn derzeit findet das meiste in meinem Kopf statt.
Ich dachte, dass ich euch mal einen kleinen Einblick gebe, wie so ein Act bei mir entsteht.
Bei mir beginnt es in der Regel mit einem oder zwei Songs. Da ich vor allem Sängerin bin, ist das für mich auch der wichtigste und stärkste Part, alles andere baue ich sozusagen drumherum. Andere von uns, die andere Schwerpunkte, bzw. Stärken haben, beginnen mit einer Bewegungsfolge oder mit einer Kostümidee.
Für den ersten der beiden neuen Acts habe ich mir zwei Songs ausgesucht. Einmal wieder etwas von Caro Emerald, der Song heißt "Absolutely Me"
https://www.youtube.com/watch?v=HpIhfMUqQII
Der zweite stammt ursprünglich von Tom Waits und heißt "Temptation". Allerdings stütze ich mich auf die Version von Diana Krall:
https://www.youtube.com/watch?v=-J9bwNLRiJU
Von dem ersten Song werde ich nur einen Teil verwenden, beide Songs transponiere ich um ungefähr einen Ton nach unten, das ist für mich angenehmer zu Singen.
Für den zweiten Act benötige ich nur einen Song: "Master And Servant" von Depeche Mode.
https://www.youtube.com/watch?v=IsvfofcIE1Q
Nachdem die Musik feststeht, fange ich an die Texte zu lernen und mich mit deren Inhalten zu beschäftigen. Zum einen lasse ich dabei Bilder in meinem Kopf entstehen, die mir später bei der Ausgestaltung und der Choreographie des Acts helfen. Dabei entsteht zuerst eine grobe Idee.
Für den ersten Act stelle ich mir eine extravagante Diva vor, die, sobald sie einen Raum betritt, sämtliche Aufmerksamkeit einfordert und auch bekommt. Mit dem ersten Song stelle ich die Figur vor. Im zweiten Song zeige ich dann, was hinter der Fassade steckt. Eine Frau voller Sehnsüchte und Versuchungen, die nur darauf wartet, dass der richtige in ihr Leben tritt, dem sie sich voll und ganz hingibt.
Beim zweiten Act ist der Songtitel schon Programm. Hier geht es um eine Herrin und ihren Sklaven.
Diese beiden groben Ideen werden jetzt weiter detailliert. Das ist der Punkt, an dem ich gerade arbeite. Wichtig ist dabei, ein Kostüm für die jeweilige Figur zu entwerfen. Neben der Musik prägt das Kostüm sehr stark den Act. Zum einen entsteht damit ein bestimmtes Bild und die Zuschauer sollen schnell verstehen, um was für eine Figur es sich handelt. Zum anderen ziehe ich ja das meiste aus und es ist eben ein ziemlicher Unterschied, ob Handschuhe, Strümpfe, ein Mantel oder ein Kleid ausgezogen werden. Das muss gut zur Musik passen und ein sinnvolles ganzes ergeben.
Eine Herausforderung ist dabei, die Sachen die ich mir vorgestellt habe, auch zu vertretbaren Kosten zu bekommen, bzw. mit vertretbarem Aufwand herzustellen. Ein Beispiel: Für den ersten Act stelle ich mir einen Hut mit einer übergroßen Krempe vor. Das günstigste was ich bisher gesehen habe, bekomme ich für rund 250,- €. Diesen Hut werde ich im Act vermutlich gerade mal 1,5 Minuten tragen. Also suche ich noch wenig, ob ich nicht etwas günstigeres finde.
Parallel zum Kostüm entstehen erste Abläufe in meinem Kopf. Das ist erstmal eine wilde Sammlung von Ideen, mit der ich dann die ersten praktischen Versuche starte. In der Regel überleben die meisten Ideen diese ersten Versuche nicht, doch daraus entwickelt sich dann das, was es am Ende in den Act schafft. Manchmal kommen auch ganz spät neue Ideen dazu, die dem Act genau den besonderen Touch geben. Bei meinem Liquid Lunch Act kam ich erst recht spät auf die Idee mit dem Eisbeutel und je öfter ich den Act durchgespielt habe, desto wichtiger wurde er.
Nach einiger Zeit entsteht so ein erster Gesamtablauf, den ich dann erst meinem beiden befreundeten Performern zeige. Meist bekomme ich da sehr viel gutes Feedback, das sogar dazu führen kann, dass ich einen Großteil umbaue. Der nächste Schritt ist dann, die so verbesserte Nummer einer von meinen Lehrerinnen zu zeigen. Hier hole ich mir vor allem Anregungen im Detail ab, die den Acts den letzten Schliff und oft den entscheidenden Kick geben.
Wenn das alles geschafft ist, dann geht es darum, die nötige Sicherheit mit sehr vielen Durchläufen zu erarbeiten. In der Bühnensituation ist das Adrenalin natürlich sehr hoch und erfahrungsgemäß geht meist irgendein Detail schief oder es passiert etwas Unvorhergesehenes. Durch die vielen Widerholungen ist dann so viel Sicherheit da, dass ich das locker überspielen oder kompensieren kann. Der normale Zuschauer bekommen das dann überhaupt nicht mit, andere Performer schon. Von letzteren gibt es dann meistens ein Lob dafür, die Situation so gut gemeistert zu haben.
Wie ihr seht, entsteht so ein Act aus einer Mischung aus Ideen, systematischer Arbeit und Anregungen von außen. Wichtig ist dabei auf der einen Seite offen zu bleiben, ohne sich auf der anderen Seite zu sehr zu verzetteln. Das Ganze ist auch für mich sehr spannend, denn wenn ich anfange habe ich meist eine ziemlich unkonkrete Vorstellung, wie es am Ende aussehen soll.
Diese Woche wird die Arbeit an den Acts allerdings ruhen. Denn diese Woche bin ich ab Donnerstag im Norden (als Zuschauerin) beim Hamburg Burlesque Festival. Darauf freue ich mich schon sehr und werde mit Sicherheit sehr viel Inspiration und Ideen mitbringen. Und auf jeden Fall werde ich berichten, wie es war.
Liebe Grüße
Anke