Re: Ostwind
Verfasst: So 17. Jul 2016, 11:11
Seine Kollegen fragen am nächsten Morgen: "na, eine lange Nacht gehabt?"
Ja, das stimmt — aber nicht so, wie sie denken.
Auch Magda ist erschöpft und kann Ulli nur halbe Aufmerksamkeit schenken.
Wie gut, dass es ein fröhliches und fast anspruchsloses Kind ist, "das passt sich nebenbei", hat Magda erst kürzlich einer Nachbarin erzählt, die wissen wollte, wie es "mit dem besonderen Kind" geht.
Hedwig ist draußen im Watt und leert die Ofenrohre und Reusen.
Sie ist froh, dass der Fang gut ist; denn sie brauchen dringend ein paar Einnahmen. Gerade in den Rohren haben sich große Exemplare verkrochen.
Sie nimmt sich vor, Otto zu überreden, den Räucherofen anzuheizen.
Insgeheim rechnet sie, was der Fang bringen müsste, aber dann denkt sie schnell an andere Angelegenheiten. Ihre Oma hat ihr immer gesagt: "erst mol hebben"¦", oder bei einer anderen Angelegenheit: "wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen!"
Wie auch immer, es wird sich lohnen. Hedwig ist sich sicher.
Immer öfter denkt sie an Ulli — und daran, dass sie nicht weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Manche Leute haben gesagt, das Kind wäre wohl verhext. Sie haben es sich noch nicht einmal angesehen. Selbst der Pastor hat das Thema "Taufe" nicht mehr angesprochen.
Aber Hedwig muss zugeben: sie war auch nicht mehr in der Kirche und hat auch nicht gerade seine Nähe gesucht.
Im nächsten Jahr soll ein neuer Pastor ins Dorf kommen.
Hedwig denkt manchmal darüber nach, wie es mit dem Fischerjungen war und wie er ausgesehen hat.
Nein, sie vermisst ihn nicht.
Oft hat sie sich beim Waschen selbst angesehen.
Ein verschwommenes Bild von dem Jungen hat sich noch im Gedächtnis, obwohl die Begegnung im Netzschuppen nur sehr kurz war.
Ulli hat von ihnen beiden etwas, sieht so aus, als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, ob das Kind der Mutter oder dem Vater gleichen soll.
Nun hat er von beiden Geschlechtern etwas, ist ihnen vielleicht sogar noch mehr verbunden, obwohl der Vater nicht mehr da und vermutlich sehr fern ist.
Sie hat sich bei den Wanderfischern erkundigt, die wieder im Hafen liegen; den Jungen hat niemand gesehen.
Mädchen oder Junge - Hedwig weiß es nicht; aber wen könnte sie fragen?
Die Hebamme hat gesagt: das kommt vor!
Aber die Kinder sind doch nicht alle verhext?
So ein Quatsch! Hedwig schimpft mit sich selbst und schreit es ganz laut gegen den Wind.
Dazu stapft sie mit dem Fuß auf, dass es nur so platscht und der Schlick nach allen Seiten spritzt.
Es ist ein wunderbares Kind. Ihr wird ganz warm ums Herz, als sie an Ulli denkt.
Zwei Reusen sind schon wieder beschädigt. Sie ärgert sich über die Krebse.
Gut, dass sie inzwischen gelernt hat, selbst die Netze zu flicken.
Sie muss sich ganz schön abschleppen mit den Fischen und den beschädigten Reusen.
Otto ist nicht gerade begeistert, aber stimmt letztendlich zu. Auch er wird davon profitieren, wenn er den Ofen anheizt. Das Geld ist überall knapp.
Die Tonrohre für das Abwasser sind bezahlt.
Wenn Hedwig nicht im Watt ist, dann arbeitet sie mit Willi und Karl am Graben, den sie legen müssen. Das ist eine anstrengende Arbeit. Sie haben schon zwei Spatenstiele abgebrochen, als sie die großen Steine beseitigen wollten, die feststeckten und ihnen den Weg versperrten.
Sogar eine Spitzhacke kommt zum Einsatz.
Willi hat eine Richtschnur gespannt, damit der Graben gerade wird.
"Warum muss er so tief werden?" fragt Karl.
"Wir müssen an den Winter denken", erklärt Willi, "das Abwasser soll nicht einfrieren; denn Frost sprengt die Rohre". Karl will es nicht recht glauben, aber Willi erklärt ihm die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers.
Was der alles weiß!
Hedwig hat sich die Haare wieder ganz kurz geschnitten. Lange genug hatte sie sich darüber geärgert, dass sie bei der Arbeit immer im Gesicht hingen.
Sie hat ordentlich Muskeln bekommen von der schweren Arbeit mit Spitzhacke und Spaten.
Manchmal fährt sie mit Willi über die Insel, um etwas zu transportieren.
Damit Hedwig auch etwas davon hat, fahren sie regelmäßig beim Schrotthändler vorbei, um dem ein paar Rohre oder anderes Material abzuschnacken, das sie brauchen können.
"Hast Du einen neuen Mitarbeiter?"
Der Mann an der Waage hat Hedwig tatsächlich nicht erkannt.
"Ja, das ist Hed, mein neuer Handlanger!"
"Hed? Was ist das für ein Name?"
"Kommt aus"™m Ausland". Willi will das nicht vertiefen, lacht aber innerlich.
Hedwig guckt grimmig; sie mag es nicht, wenn jemand ein Spaß auf ihre Kosten macht.
"Na, viel schnacken tut er noch nicht!" Der Mann an der Waage fragt noch, ob es Neues gibt, aber so richtig viel ist nicht passiert in den letzten Tagen.
Sie fahren los.
Karl will sich jetzt wieder regelmäßig bei ihnen einfinden. Er wirft bei der Arbeit am Graben immer wieder einen Blick ins Watt und hofft, dass er sich bald wieder an der Fischerei beteiligen kann. Auch er ist dringend auf "neues Geld" angewiesen.
Irgendwie ist er froh, dass Hedwig die Ereignisse des Winters "vergessen" hat.
Manchmal guckt er sie an, wenn nicht die Gefahr besteht, dass sie es sieht.
Lange Zeit war sein Blick sehnsuchtsvoll; inzwischen blickt er respektvoll zu ihr auf.
Das Mütterliche hat sie wohl nur noch für Ulli reserviert.
Mit Karl und Willi geht sie freundlich und respektvoll um, achtet darauf, dass es ein gerechtes Geben und Nehmen ist; aber an ihr Herz lässt sie niemanden heran.
Hein muss noch einmal zur Kundin, um eine Materialprobe abzugeben. Die gnädige Frau soll entscheiden, welche Fliesen es nun sein sollen, die bestellt werden müssen.
Mechthild freut sich, dass sie sich sehen und fragt ihn, ob sie sich am Sonntag wieder treffen.
Hein möchte jubeln, hat er doch die ganze Zeit an sie gedacht — trotz der Nacht mit seiner Schwester. Er will nicht gleich zeigen, wie sehr er sich freut und lässt es bei einem "ja, das müsste klappen" bewenden.
Seine Zurückhaltung nimmt sie kaum wahr. Nur ihr blütenweißer Schürzenvorleger und ihr Gefühl "ich bin im Dienst" halten sie davon ab, dem Handwerker um den Hals zu fallen.
Auch sie hat die ganze Zeit an ihn gedacht und den gemeinsamen Sonntag noch einmal Revue passieren lassen. Schön war es!
"Ich komme aber mit dem Rad", Hein will nicht wieder den Blitz ausleihen.
Sie ist keinesfalls enttäuscht, "fein, ich habe auch ein Rad hier — dann machen wir einen Ausflug zum Deich!"
Hein ist ihre Begeisterung ein wenig unangenehm.
Die gnädige Frau ist mit den Mustern nicht zufrieden, die er mitgebracht hat.
Nach all dem Kriegselend sollen die Fliesen freundlicher und optimistischer aussehen. Geschmacklich hat sie Hein einiges voraus; denn er hätte "Hauptsache neu, sauber und nicht zu teuer" entschieden.
Ihm kann es egal sein, er kommt gern noch einmal wieder.
Die gnädige Frau kann sich allerdings nicht verkneifen, ihm "wenn ihre Firma keine passenden Fliesen bekommt, kann ich auch zu Möller gehen" mit auf den Weg zu geben.
Sein Gedachtes "mook wat du wullt" behält er für sich und sagt, er kommt in den nächsten Tagen mit neuen Mustern wieder.
"Vielleicht kommt er auch ihretwegen so oft" sagt die gnädige Frau zu Mechthild, die errötet, "aber Möller soll auch nette Monteure haben".
Hein ärgert sich über die Frau, tut, als wäre sie etwas Besseres.
"Wie die wohl durch den Krieg gekommen ist?" denkt er, "reich geblieben oder reich geworden?"
Sonntag steht Hein pünktlich mit dem Rad vor der Tür.
Sie sind für den Nachmittag verabredet.
Hein hat die Hosenbeine unten mit Wäscheklammern so eng gemacht, dass sie nicht in die Kette geraten können. Richtig zünftig sieht er aus.
Sie radeln zum Deich.
Hein schaut gerne über die Wattwiesen.
Im Windschatten ist es richtig warm. Sie setzen sich auf seine Jacke.
"Man muss auch zusammen schweigen können", denkt Mechthild; denn Hein sagt nicht viel. Seine Gedanken gehen spazieren, können einfach nicht bei ihnen beiden bleiben, obwohl es dort gemütlich ist.
Es gelingt ihm nicht, sie festzuhalten, so sehr er es möchte.
Er hat schon den gleichen entsetzten Gesichtsausdruck wie eine Mutter, die sieht, dass wieder eines ihrer Kinder unaufhaltsam auf einen heranrasenden Zug zugeht.
Hinter dem Vorland des Deiches beginnt das Watt — und von dort gelangt man auf die Nordsee — und von dort überall hin.
"Viele sind noch weiter gekommen", denkt Hein, "weilen schon nicht mehr auf dieser Erde!"
Einige werden auch nie irgendwo angekommen sein, werden nie gefunden.
Mechthild scheint zu spüren, dass ihn etwas quält, hakt sich bei ihm ein, schmiegt sich an ihn.
Schließlich gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange und sagt: "ich habe sogar über Nacht Ausgang, muss erst morgen wieder zum Dienst kommen!"
Hein kneift sich heftig ins Bein; das hat er schon oft gemacht; denn das vertreibt meistens die Gespenster aus der Vergangenheit.
Erst einmal - aber nie lange. Es ist, als würden sie in ihm wohnen.
Seine blauen Flecken an Armen und Beinen sind kaum noch zu zählen.
Gut, dass Hein die Hütte aufgeräumt hat; sogar frisches Bettzeug liegt auf seinem Bett — und eine saubere Garnitur für das andere Bett ist auch noch vorhanden.
Ein wenig fühlt Hein sich überfordert; er muss sich anstrengen und ein paar "was wäre wenn" zu überlegen.
"Du guckst so böse, freust Du Dich nicht?"
Mechthild hat bemerkt, dass er noch ernster und nachdenklicher geworden ist.
Was ist, wenn spät am Abend oder in der Nacht Magda erscheint?
Schließlich steht dann kein Auto vor der Tür, um zu zeigen: "heute ist Besuch da!"
Ein Überraschungsbesuch mitten in der Nacht wäre sehr unpassend.
Er kann wohl kaum ein Schild an der Tür anbringen "Bitte nicht stören".
Nun muss er doch schmunzeln, was für ein Gedanke!
"Wir fahren am besten kurz bei meiner Schwester vorbei", sagt Hein endlich, "das liegt auf dem Weg — und sie hat bestimmt Kuchen gebacken!"
"Heute hat er wohl kein Geld für das Fährcafé", denkt Mechthild, aber sie ist auch so zufrieden. Da sie auf der Insel noch nicht so viele Leute kennt, freut sie sich über neue Bekanntschaften.
Ja, das stimmt — aber nicht so, wie sie denken.
Auch Magda ist erschöpft und kann Ulli nur halbe Aufmerksamkeit schenken.
Wie gut, dass es ein fröhliches und fast anspruchsloses Kind ist, "das passt sich nebenbei", hat Magda erst kürzlich einer Nachbarin erzählt, die wissen wollte, wie es "mit dem besonderen Kind" geht.
Hedwig ist draußen im Watt und leert die Ofenrohre und Reusen.
Sie ist froh, dass der Fang gut ist; denn sie brauchen dringend ein paar Einnahmen. Gerade in den Rohren haben sich große Exemplare verkrochen.
Sie nimmt sich vor, Otto zu überreden, den Räucherofen anzuheizen.
Insgeheim rechnet sie, was der Fang bringen müsste, aber dann denkt sie schnell an andere Angelegenheiten. Ihre Oma hat ihr immer gesagt: "erst mol hebben"¦", oder bei einer anderen Angelegenheit: "wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen!"
Wie auch immer, es wird sich lohnen. Hedwig ist sich sicher.
Immer öfter denkt sie an Ulli — und daran, dass sie nicht weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Manche Leute haben gesagt, das Kind wäre wohl verhext. Sie haben es sich noch nicht einmal angesehen. Selbst der Pastor hat das Thema "Taufe" nicht mehr angesprochen.
Aber Hedwig muss zugeben: sie war auch nicht mehr in der Kirche und hat auch nicht gerade seine Nähe gesucht.
Im nächsten Jahr soll ein neuer Pastor ins Dorf kommen.
Hedwig denkt manchmal darüber nach, wie es mit dem Fischerjungen war und wie er ausgesehen hat.
Nein, sie vermisst ihn nicht.
Oft hat sie sich beim Waschen selbst angesehen.
Ein verschwommenes Bild von dem Jungen hat sich noch im Gedächtnis, obwohl die Begegnung im Netzschuppen nur sehr kurz war.
Ulli hat von ihnen beiden etwas, sieht so aus, als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, ob das Kind der Mutter oder dem Vater gleichen soll.
Nun hat er von beiden Geschlechtern etwas, ist ihnen vielleicht sogar noch mehr verbunden, obwohl der Vater nicht mehr da und vermutlich sehr fern ist.
Sie hat sich bei den Wanderfischern erkundigt, die wieder im Hafen liegen; den Jungen hat niemand gesehen.
Mädchen oder Junge - Hedwig weiß es nicht; aber wen könnte sie fragen?
Die Hebamme hat gesagt: das kommt vor!
Aber die Kinder sind doch nicht alle verhext?
So ein Quatsch! Hedwig schimpft mit sich selbst und schreit es ganz laut gegen den Wind.
Dazu stapft sie mit dem Fuß auf, dass es nur so platscht und der Schlick nach allen Seiten spritzt.
Es ist ein wunderbares Kind. Ihr wird ganz warm ums Herz, als sie an Ulli denkt.
Zwei Reusen sind schon wieder beschädigt. Sie ärgert sich über die Krebse.
Gut, dass sie inzwischen gelernt hat, selbst die Netze zu flicken.
Sie muss sich ganz schön abschleppen mit den Fischen und den beschädigten Reusen.
Otto ist nicht gerade begeistert, aber stimmt letztendlich zu. Auch er wird davon profitieren, wenn er den Ofen anheizt. Das Geld ist überall knapp.
Die Tonrohre für das Abwasser sind bezahlt.
Wenn Hedwig nicht im Watt ist, dann arbeitet sie mit Willi und Karl am Graben, den sie legen müssen. Das ist eine anstrengende Arbeit. Sie haben schon zwei Spatenstiele abgebrochen, als sie die großen Steine beseitigen wollten, die feststeckten und ihnen den Weg versperrten.
Sogar eine Spitzhacke kommt zum Einsatz.
Willi hat eine Richtschnur gespannt, damit der Graben gerade wird.
"Warum muss er so tief werden?" fragt Karl.
"Wir müssen an den Winter denken", erklärt Willi, "das Abwasser soll nicht einfrieren; denn Frost sprengt die Rohre". Karl will es nicht recht glauben, aber Willi erklärt ihm die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers.
Was der alles weiß!
Hedwig hat sich die Haare wieder ganz kurz geschnitten. Lange genug hatte sie sich darüber geärgert, dass sie bei der Arbeit immer im Gesicht hingen.
Sie hat ordentlich Muskeln bekommen von der schweren Arbeit mit Spitzhacke und Spaten.
Manchmal fährt sie mit Willi über die Insel, um etwas zu transportieren.
Damit Hedwig auch etwas davon hat, fahren sie regelmäßig beim Schrotthändler vorbei, um dem ein paar Rohre oder anderes Material abzuschnacken, das sie brauchen können.
"Hast Du einen neuen Mitarbeiter?"
Der Mann an der Waage hat Hedwig tatsächlich nicht erkannt.
"Ja, das ist Hed, mein neuer Handlanger!"
"Hed? Was ist das für ein Name?"
"Kommt aus"™m Ausland". Willi will das nicht vertiefen, lacht aber innerlich.
Hedwig guckt grimmig; sie mag es nicht, wenn jemand ein Spaß auf ihre Kosten macht.
"Na, viel schnacken tut er noch nicht!" Der Mann an der Waage fragt noch, ob es Neues gibt, aber so richtig viel ist nicht passiert in den letzten Tagen.
Sie fahren los.
Karl will sich jetzt wieder regelmäßig bei ihnen einfinden. Er wirft bei der Arbeit am Graben immer wieder einen Blick ins Watt und hofft, dass er sich bald wieder an der Fischerei beteiligen kann. Auch er ist dringend auf "neues Geld" angewiesen.
Irgendwie ist er froh, dass Hedwig die Ereignisse des Winters "vergessen" hat.
Manchmal guckt er sie an, wenn nicht die Gefahr besteht, dass sie es sieht.
Lange Zeit war sein Blick sehnsuchtsvoll; inzwischen blickt er respektvoll zu ihr auf.
Das Mütterliche hat sie wohl nur noch für Ulli reserviert.
Mit Karl und Willi geht sie freundlich und respektvoll um, achtet darauf, dass es ein gerechtes Geben und Nehmen ist; aber an ihr Herz lässt sie niemanden heran.
Hein muss noch einmal zur Kundin, um eine Materialprobe abzugeben. Die gnädige Frau soll entscheiden, welche Fliesen es nun sein sollen, die bestellt werden müssen.
Mechthild freut sich, dass sie sich sehen und fragt ihn, ob sie sich am Sonntag wieder treffen.
Hein möchte jubeln, hat er doch die ganze Zeit an sie gedacht — trotz der Nacht mit seiner Schwester. Er will nicht gleich zeigen, wie sehr er sich freut und lässt es bei einem "ja, das müsste klappen" bewenden.
Seine Zurückhaltung nimmt sie kaum wahr. Nur ihr blütenweißer Schürzenvorleger und ihr Gefühl "ich bin im Dienst" halten sie davon ab, dem Handwerker um den Hals zu fallen.
Auch sie hat die ganze Zeit an ihn gedacht und den gemeinsamen Sonntag noch einmal Revue passieren lassen. Schön war es!
"Ich komme aber mit dem Rad", Hein will nicht wieder den Blitz ausleihen.
Sie ist keinesfalls enttäuscht, "fein, ich habe auch ein Rad hier — dann machen wir einen Ausflug zum Deich!"
Hein ist ihre Begeisterung ein wenig unangenehm.
Die gnädige Frau ist mit den Mustern nicht zufrieden, die er mitgebracht hat.
Nach all dem Kriegselend sollen die Fliesen freundlicher und optimistischer aussehen. Geschmacklich hat sie Hein einiges voraus; denn er hätte "Hauptsache neu, sauber und nicht zu teuer" entschieden.
Ihm kann es egal sein, er kommt gern noch einmal wieder.
Die gnädige Frau kann sich allerdings nicht verkneifen, ihm "wenn ihre Firma keine passenden Fliesen bekommt, kann ich auch zu Möller gehen" mit auf den Weg zu geben.
Sein Gedachtes "mook wat du wullt" behält er für sich und sagt, er kommt in den nächsten Tagen mit neuen Mustern wieder.
"Vielleicht kommt er auch ihretwegen so oft" sagt die gnädige Frau zu Mechthild, die errötet, "aber Möller soll auch nette Monteure haben".
Hein ärgert sich über die Frau, tut, als wäre sie etwas Besseres.
"Wie die wohl durch den Krieg gekommen ist?" denkt er, "reich geblieben oder reich geworden?"
Sonntag steht Hein pünktlich mit dem Rad vor der Tür.
Sie sind für den Nachmittag verabredet.
Hein hat die Hosenbeine unten mit Wäscheklammern so eng gemacht, dass sie nicht in die Kette geraten können. Richtig zünftig sieht er aus.
Sie radeln zum Deich.
Hein schaut gerne über die Wattwiesen.
Im Windschatten ist es richtig warm. Sie setzen sich auf seine Jacke.
"Man muss auch zusammen schweigen können", denkt Mechthild; denn Hein sagt nicht viel. Seine Gedanken gehen spazieren, können einfach nicht bei ihnen beiden bleiben, obwohl es dort gemütlich ist.
Es gelingt ihm nicht, sie festzuhalten, so sehr er es möchte.
Er hat schon den gleichen entsetzten Gesichtsausdruck wie eine Mutter, die sieht, dass wieder eines ihrer Kinder unaufhaltsam auf einen heranrasenden Zug zugeht.
Hinter dem Vorland des Deiches beginnt das Watt — und von dort gelangt man auf die Nordsee — und von dort überall hin.
"Viele sind noch weiter gekommen", denkt Hein, "weilen schon nicht mehr auf dieser Erde!"
Einige werden auch nie irgendwo angekommen sein, werden nie gefunden.
Mechthild scheint zu spüren, dass ihn etwas quält, hakt sich bei ihm ein, schmiegt sich an ihn.
Schließlich gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange und sagt: "ich habe sogar über Nacht Ausgang, muss erst morgen wieder zum Dienst kommen!"
Hein kneift sich heftig ins Bein; das hat er schon oft gemacht; denn das vertreibt meistens die Gespenster aus der Vergangenheit.
Erst einmal - aber nie lange. Es ist, als würden sie in ihm wohnen.
Seine blauen Flecken an Armen und Beinen sind kaum noch zu zählen.
Gut, dass Hein die Hütte aufgeräumt hat; sogar frisches Bettzeug liegt auf seinem Bett — und eine saubere Garnitur für das andere Bett ist auch noch vorhanden.
Ein wenig fühlt Hein sich überfordert; er muss sich anstrengen und ein paar "was wäre wenn" zu überlegen.
"Du guckst so böse, freust Du Dich nicht?"
Mechthild hat bemerkt, dass er noch ernster und nachdenklicher geworden ist.
Was ist, wenn spät am Abend oder in der Nacht Magda erscheint?
Schließlich steht dann kein Auto vor der Tür, um zu zeigen: "heute ist Besuch da!"
Ein Überraschungsbesuch mitten in der Nacht wäre sehr unpassend.
Er kann wohl kaum ein Schild an der Tür anbringen "Bitte nicht stören".
Nun muss er doch schmunzeln, was für ein Gedanke!
"Wir fahren am besten kurz bei meiner Schwester vorbei", sagt Hein endlich, "das liegt auf dem Weg — und sie hat bestimmt Kuchen gebacken!"
"Heute hat er wohl kein Geld für das Fährcafé", denkt Mechthild, aber sie ist auch so zufrieden. Da sie auf der Insel noch nicht so viele Leute kennt, freut sie sich über neue Bekanntschaften.