Hallo Ihr Lieben,
nach längerer Abstinenz vom Forum (mea culpa!) muss ich doch gerade zu diesem Thread mal etwas, hoffentlich Konstruktives, beitragen.
Umpf... tut mir leid, jetzt wird's mal wieder etwas länglich...
Einer der Gründe, warum es gerade von meiner Seite aus etwas stiller wurde ist, dass ich gerade in aktivistischer Arbeit zu ertrinken drohe - aber im positiven Sinne, es ist eher wie Ersaufen in einem Fass Champagner
Die Idee einer Interessenvertretung ist völlig richtig! Aber nicht neu. Auch ich hatte das hier im Forum schon mehr als einmal angesprochen und auch recht ausführlich beschrieben, wie ich es mir vorstellen könnte. Kurz darauf kam ich, wie es auch schon von Vivian und Anke erwähnt wurde, mit Trans*Aktiv in Kontakt. Seit August 2014 bin ich aktiv daran beteiligt. In diesem und anderen Kontexten, von dgti bis Trans-NRW[1] habe ich immer mehr Einblick in die aktuelle Situation bekommen und viele aktive Menschen kennenlernen dürfen. Es sind *viele* aktiv, nur ist das Wissen um diese Aktivitäten leider nicht sehr weit verbreitet. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen und einer davon ist ganz sicher, dass es an einer Dachstruktur fehlt - wie auch immer diese aussehen mag. Es gibt Dutzende von Gruppen! Nur leider wissen die meisten nichts voneinander. Es gibt unglaublich großartige Aktionen! Nur bekommen das viel zu wenige Menschen mit. Und es gibt den festen Willen der Politik im Bund und den Ländern, unsere Belange zu stärken! Nur wissen sie nicht, wen sie dafür ansprechen können oder sollen.
Wir sind selbst Schuld an dieser Situation. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, bevor wir laut nach Veränderungen rufen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine gemeinsame Basis gibt, die ein solches Dach tragen kann. Ich bin davon überzeugt, dass _jetzt_ der richtige Zeitpunkt dafür ist, diese Konstruktion zu schaffen. Ich bin allerdings auch davon überzeugt, dass es eine neue Konstruktion sein muss und das wir nicht damit einen bestehenden Verein, wie ATME, dgti oder welchen auch immer, beauftragen können. An anderer Stelle hatte ich es bereits einmal geschrieben, ich halte es für extrem wichtig, dass ein solches Dach nach allen Seiten offen ist und von seinen Mitgliedern getragen werden muss - auch thematisch. Das Dach selbst gibt nur das formale Gerüst, mit Inhalten wird es von den Mitgliedern gefüllt. Vereine wie ATME oder dgti haben eine eigene Agenda - die sicherlich berechtigt ist, aber nicht als Vertretung einer möglichst großen Gruppe verwendet werden kann. Sie sind Themengeber unter diesem Dach. Für ein solches Dach denke zumindest ich eher an soetwas wie den Paritätischen, ein großes Dach für viele Kleine. In einem Plenum, bestehend aus den Mitgliedern bzw. ihren Vertreter_innen, werden dann zu aktuellen Themen konsensuale Stellungsnahmen und/oder Aktionen beschlossen, die dann von dem Verband nach außen vertreten und intern organisiert werden können.
In der anderen Richtung dient das Dach, der Verband, dann als Multiplikator von Informationen. Informationen, die an den Verband gerichtet werden, können dann an alle Mitglieder verteilt werden. Damit sollte dann hoffentlich endlich die nicht-Information aufhören und eine bundesweite Vernetzung etabliert werden können. Ich würde mir wünschen, dass Vereine, Gruppen und auch aktive Einzelmitglieder von der Nord-/Ostsee bis zum Bodensee die gleichen Informationen zur Hand haben und nicht immer und immer wieder das gleiche Rad neu erfunden werden muss.
Nur zusammen und gemeinsam können wir stark sein! Wir müssen endlich das unsägliche Klein Klein von bspw. Begriffsdiskussionen hinter uns lassen. Bestes Beispiel ist die EU-Ratsresolution 2048 - sie spricht, auf Englisch, nur von "transgender" und "self determination", also freier Selbstbestimmung. Es ist doch wirklich völlig unerheblich, ob sich ein Mensch als "trans" in der einen oder anderen Ausprägung definiert? Es gibt eine ganze Reihe von Problemen und Missständen, die alle gleichermaßen betreffen. Alleine diese anzugehen ist es wert, die Gräben zu überwinden und endlich nach den Gemeinsamkeiten zu suchen, statt in kleinlichen aber unendlichen Diskussionen neue Gräben auszuheben. Wenn ein Mensch in meine Beratung kommt und wegen seiner Geschlechtsidentität ein Problem hat, ist es mir völlig egal, ob sich dieser Mensch als transsexuell, transgender oder sonst irgendwie definiert. Das ist seine ganz persönliche Sache. Trans* sind sie dennoch und teilen mit allen anderen trans*-Menschen eine individuelle Schnittmenge von Problemen.
Last but not least, jedes Engagement kostet Geld. Wir werden Geld brauchen, um dieses Dach zu decken und die Arbeit zu stärken. Die Politik ist Willens, dies zu leisten! Nur kann sie es zur Zeit nicht, denn sie können nicht jeden einzelnen kleinen Verein einzeln ansprechen. Ein Dachverband könnte dies leisten, die Mittel verwalten und an die Mitglieder für Projekte verteilen.
Nun zur Bestandsaufnahme.
Die bekanntesten Vereine wurden bereits genannt, wie ATME, Trans-Ident [6] oder die dgti. In diesem Zusammenhang sollte man auf jeden Fall auch auf TrIQ [2] in Berlin hinweisen, die in vielen Bereichen einfach großartige Arbeit leisten. Für einen Teil der östlichen Bundesländer hat sich Anfang diesen Jahres der Verein "Trans-Inter-Aktiv in Mitteldeutschland" [3] gegründet, der genau eine solche Dachverbandsorgansisation für diese Region sein möchte. Super! In Niedersachsen gibt es seit 2014 den LtSN [4], der eine Verbandsstruktur für die Gruppen, Vereine und Einzelmitglieder in Niedersachsen etabliert. Der LtSN wurde praktisch von Tag-1 an vom Land Niedersachsen finanziell gefördert. Eine der ersten Aktionen des LtSN ist die Trans* Beratungsqualifizierung im Waldschlösschen seit Dezember 2014, bei der Trans*-Berater_innen in fünf Modulen qualifiziert werden sollen. Ziel ist es, eine qualifizierte Beratung flächendeckend anbieten zu können. Dieses Projekt wurde explizit vom Land Niedersachsen gewünscht und finanziell gefördert. Die Bundesländer Rheinland-Pfalz und NRW beteiligen sich daran, d.h. sie finanzieren die Teilnahme ihrer Landeskinder. In NRW gibt es seit 2012 den Aktionsplan zur Stärkung von LSBTTI, in dessen Rahmen auch Trans-NRW [1] und andere Aktionen gefördert wurden. Das unausgesprochene Ziel war eigentlich auch die Begründung eines Verbandes in NRW, doch das ist leider an der Uneinigkeit der Gruppen bisher gescheitert. Das Land NRW hat daher, wieder einmal, keinen Ansprechpartner, um Förderungen zu vergeben. Vereinzelte Projekte werden über den LSVD [5] realisiert, doch das ist eine eher unglückliche Lösung, denn Trans* ist nicht L,S oder B, Trans* ist Trans*. Nur gibt es gerade keine Alternativen.
Das Bewusstsein darüber ist bei den Gruppen in NRW inzwischen gewachsen und so gibt es gerade einen zweiten Anlauf, doch noch ein engeres Netzwerk zu knüpfen und vielleicht einen Landesverband zu schaffen. Wer aus NRW daran Interesse hat, melde sich bitte bei mir! Auf Bundesebene gibt es seit 2013, ebenfalls bereits angesprochen, Trans*Aktiv. Bei dem letzten Treffen 2014 waren über 60 Vertreter_innen von Gruppen und Vereinen sowie individuelle Teilnehmer_innen aus dem gesamten Bundesgebiet dabei! Seit diesem Treffen arbeiten einige vom Plenum eingesetzte AGs an den Grundlagen, z.B. einem Satzunsentwurf, Zielfindung, Namensfindung, Formulierung einer Präambel, Sondierung von Mitteln etc. Das nächste Trans*Aktiv Treffen im August diesen Jahres findet wieder im Waldschlösschen bei Göttingen statt- wir haben wieder etwas mehr als 60 Plätze zur Verfügung, die Anmeldung ist noch offen [7]! Nur um das auch mal in Perspektive zu setzen, jeder Platz wird alleine mit über 100€ bezuschusst, d.h. dafür gehen bereits über 6.000€ drauf, nicht zu reden von der Unmenge an Arbeitszeit aller ehrenamtlich tätigen sowie den Kosten für zusätzliches Personal (Moderator_in etc.). Das ganze wird über Fördergelder des Bundes finanziert. Auch hier das ausdrückliche Angebot, wer Interesse an Trans*Aktiv hat, kann mich sehr gerne jederzeit ansprechen.
Dies sind nur die Dinge, die gerade stattfinden und von denen *ich* weiß. Das ist sicherlich nur ein kleiner Teil dessen, was gesamt abläuft. Was sich aber daraus vielleicht deutlich ergibt ist, dass es, denke ich, nicht nötig ist, noch eine Gruppe zu gründen. Vielmehr würde ich sehr darum bitten, dass sich jede_r informiert und sich einer bestehenden oder gerade in Entstehung befindlichen Gruppe anschließt. Wir haben akut das Problem, dass wir viel zu fragmentiert, zu zersplittert sind, um wirklich etwas bewegen zu können.
Doch bewegen müssen wir ganz viel!
Ich bin davon überzeugt, dass wir gerade eine epochale Wende im Trans* Bereich erleben. Die EU Ratsresolution 2048 ist eines der deutlichsten Zeichen davon, hinzu kommen die Initiativen auf Malta, in Portugal und Dänemark. In fast keinem anderen Land gibt es solche kleinlichen Streitereien, wie sie leider in Deutschland immer wieder aufflammen. Das hat sicherlich geschichtliche Gründe, doch es sorgt leider auch dafür, dass die Trans* Lobby in Deutschland bestimmt eine der schwächsten ist und das wir hier nach wie vor als ein Anhängsel von LSB betrachtet werden. Doch so wie Trans* in den 1970er Jahren von den aufkommenden Schwulen- und Lesbenbewegungen abgetrennt wurde, so müssen wir uns heute, denke ich, wieder aus der Vereinnahmung durch sie emanzipieren. LSB ist berechtigt, keine Frage, doch da geht es um sexuelle Orientierung, nicht um geschlechtliche Identität.
Es gibt genug Möglichkeiten, sich einzubringen.
Die Frage ist nicht, ob es bereits eine Gruppe gibt oder nicht, sondern eher, was ist jede_r wirklich bereit dafür zu tun?
Sowohl bei Trans-NRW als auch bei Trans*Aktiv mache ich gerade (leider) die Erfahrung, dass die Bereitschaft zu großen Worten und Diskussionen immens ist. Doch wenn es darum geht, wirklich etwas zu tun, verstummen auf einmal fast alle und es meldet sich nur eine Hand voll, nämlich die, die sich immer melden und auf deren Schultern immer wieder fast alles abgeladen wird, die aber hinterher dann wieder nur Gemecker und kaum Wertschätzung ihrer Arbeit erfahren. Ich finde fast, Kritik sollten nur noch die üben dürfen, die auch bereit gewesen wären, es selbst zu tun

In diesem Sinne, und das soll keinerlei Eigenlob sein, halte ich es eben auch. Ich sehe die Notwendigkeit für einen Bundesverband absolut gegeben. Die beste Chance hat Trans*Aktiv, also arbeite ich dort mit. NRW ist mein Bundesland, also versuche ich mitzuhelfen, Trans-NRW vorwärts zu bringen. Beratung ist mir wichtig, also habe ich mir einen Platz bei der Qualifizierung erkämpft.
Aktiv zu werden bedeutet auch, sichtbar zu werden - für einen selbst aber auch für das große Ganze. Wir müssen sichtbar werden. Stealth ist ein toller Zustand, für die die ihn erreichen. Doch auch ihr Weg wird von denen getragen, die einmal sichtbar waren und diesen Weg ebneten. Wenn wir nicht sichtbar werden und bleiben, werden diese Wege wieder verschüttet (oder wachsen zu). Wir sind es unseren Vorgänger_innen, den Vorkämpfer_innen und unserer Nachwelt schuldig, nicht einfach in der Bequemlichkeit der Unsichtbarkeit zu entschwinden. Entwicklungen, wie das wieder Erstarken von Homo- und auch Transphobie, sind nur möglich, solange sich nicht eine signifikante Gruppe aktiv dagegen stellt. Dafür müssen wir und alle möglicherweise ebenfalls Betroffene sichtbar werden, um unmissverständlich klar zu machen, dass diese Entwicklungen reale Menschen an oder sogar über den Rand ihrer Existenz bringen. Ich erinnere an dieser Stelle an den tragischen Freitod von Leelah Alcorn. Dieses Menschenleben wäre zu retten gewesen, wenn Trans* zu sein eine Normalität und kein Stigma wäre. Jedes Leben ist wertvoll! So viel wertvoller, als jede nutzlose Begriffsdebatte. Lasst uns bitte endlich anfangen, Gemeinsamkeiten statt Differenzen zu suchen. Lasst uns, wie es Leelah als ihr Erbe an uns hinterließ, endlich diese Gesellschaft in Ordnung bringen, "Fix society. Please.".
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Liebe Grüße
nicole
[1]
http://www.trans-nrw.de
[2]
http://www.transinterqueer.org/
[3]
http://www.trans-inter-aktiv.de/
[4]
http://trans-in-niedersachsen.de/
[5]
http://www.lsvd.de/
[6]
http://www.trans-ident.de/
[7]
http://www.ws.trans-ident.com/aktuelles ... aktiv-2015