Liebe CF-Community,
die Differenzierung von Transsexualität und Transgender bedeutet nicht eine Hierarchisierung. Es sind zunächst einmal unterschiedliche Begriffe aus verschiedenen Traditionen, die auch eine zu differenzierende Bedeutung zu unterschiedlich lebenden Menschen haben. Leider findet in Deutschland in diesem Kontext kaum Aufklärung statt, auch nicht in Berlin und schon gar nicht von Seiten dieser netten Waldschlösschenbewegung. Vielmehr werden Betroffene unsichtbar gemacht. Das kritisiere ich.
Berlin ist mitunter leider keine offene und tolerante Stadt für explizit transsexuelle oder intersexuelle Menschen, sondern genauso gut oder schlecht wie andere Kommunen. Hier findet aber eine einseitige queertheoretische Deutung statt. In meinem Artikel geht es wenn ich von Queer spreche nicht um das popkulturelle oder soziale Queer sondern nur um die Theorie von Queer als politische Idee.
Das unkritische unreflektierte Queer kritisiere ich auch. Aber nicht, weil ich grundsätzlich queer ablehne, sondern weil Menschen komplexer sind als die Ideen von Queer. Nicht wenige Schwulen und Lesben teilen meine Kritik. Das machen auch andere und ein ähnlicher Artikel wäre beinah in einem ganz anderen Zusammenhang auch in einem linkspolitischen Kontext publiziert worden. Erst vor wenigen Monaten habe ich mich sehr darüber geärgert, als ich ein Anschreiben an den Berliner Senat von einer transsexuellen Aktivistin gelesen habe und ihr Ersuchen um einfachste Partizipation abgelehnt wurde mit dem Hinweis hier in Berlin ist alles toll, weil wir hier eben diese queeren Trans*-Konzepte habe. Und hier liegt leider m. E. der Hase im Pfeffer.
Im Kontext von Queerkritik gibt es auch zahlreiche andere sehr deutliche Quellen, z. B. Antke Engel, Viviane Namaste, Trish Salah, Franziska Rauchut. Leider sind ansonsten die meisten kritischen Auseianndersetzungen mit diesen Themen englisch und die wenigsten Deutschen können dieses Fachenglisch verstehen. Ein wichtiges Buch ist: "The Erasure of Transsexual and Transgendered People" von V. Namaste.
Mein Artikel, der sich in der Tat an ein konservatives Publikum (auch nur Menschen^^) richtete, das ebenso ein Grundrecht auf Information und Meinungsfreiheit hat, war eine Erwiderung zu einem Interview in der BN mit einem schwulen Politiker in der AFD. Ebendieser wurde gefragt ob es denn überhaupt so viele transsexuelle oder homosexuelle Menschen in seiner Partei gibt. Er hat nämlich eine eigene politische Gruppe für ebendiese gegründet. Das war der Impuls. Nicht mehr. Und manchmal kann ein anderer Raum für ein Thema gut sein. Das dürfen andere natürlich ganz anders sehen und auch ablehnen. Ich kann aber auch für mich selbst sprechen und bin nicht Teil einer Gruppe sondern vielmehr Beobachterin.
Beatrix v. Storch äußert sich nicht homophob oder transphob. Sie ist gender-kritisch. Das ist etwas anderes. Für transsexuelle und intersexuelle Menschen kann es manchmal auch sinnvoll sein gender- bzw. queerkritische Sichtweisen anzunehmen, weil dieses kleine nette "Gender" von "wahren" biologistischen Geschlechterbildern ausgeht. Spätestens seit Horst-Jörg Haupt wissen auch viele im deutschsprachigen Raum, dass Geschlecht in seiner biologischen Dimension komplexer ist. Und das bedeutet nicht, dass transsexuelle Frauen etwas anderes als Frauen sind. Spätestens rechtlich müssen sie gleichgestellt sein. Das sind sie aber leider nicht. Noch nicht einmal das Bundesfrauenministerium kennt transsexuelle Frauen. Sie wurden stattdessen als trans* erfolgreich gequeert und sind Teil eines Ressorts im Familienminsiterium. dabei gibt es transsexuelle Frauen in Deutschland seit 1981.
Ferner ist nicht nur mir aufgefallen, dass die Quellen von Judith Butler problematisch in Bezug auf transsexuelle Menschen sind. Judith Butler kennt nämlich keine Transexuellen nur Transgender in ihrer Theorie. Und nicht nur einmal bin ich darüber gestolpert, dass mir queere Vertreter erzählen wollten, dass es z. B. transsexuelle Menschen "in Wahrheit" gar nicht gibt, dass es wenn überhaupt das selbe wie Transgender sei und der Begriff abgelehnt werden solle. Auch in Berlin wird dann gerne davon gesprochen, dass das nur eine alte medizinsiche Diagnose sei, die verworfen werden sollte. Leider findet dann auch hier keine Aufklärung statt, Quellen und Begriffsgeschichten sind Betroffenen und Deutern oftmals unklar. Stattdessen werden sie hysterisch wenn man sie damit konfrontiert.
Sheila Jeffreys wird neben Judith Butler auch gerne in diesem Kontext von Queerkritik erwähnt. Beide Frauen kennen nicht transsexuelle Menschen in ihren Gedankenwelten, sie gehen nur von bestimmten Männern aus, die als Transgender in Frauenräume eindringen würden. Mehr zu dem Thema erläutere ich in einem Interview an anderer Stelle. Insbesondere LGBTQ-Bewegungen spielen hier eine durchaus sehr aktive Rolle im Beibehalten von wahren Geschlechtern auf Kosten von transsexuellen Emanzipationsprozessen. Hier werden dann gerne Bilder aus der Geschichte der Pathologisierung von Homosexuellen aufgebrüht, die schon damals für schwule Männer falsch waren und für transsexuelle Frauen sind Bilder von "falschen Körpern" auch falsch; vgl. Florian Mildenberger, Der Diskurs über männliche Homosexualität in der deutschen Medizin von 1880 bis heute, in: Groß, Müller, Steinmetzer 2008.
In den komenden Tagen werden wieder viele CSD-Paraden die Städte bunter machen. Manche kritisieren, dass die Idee von Freiheit und Emanzipation in der Schwulen- und Lesbenbewegung schon lange in Vergessenheit geraten ist. Und heute ist der Tag gegen Homophopbie und Transphobie. Es ist kein Geheimnis, das gerade auch homosexuelle Menschen sehr oft ausgesprochen transphob sind. Erst neulich hat mir ein intersexueller Aktivist erzählt, er wäre in einem queeren Raum, wo er sich engagieren wollte immer als Transgender exkludiert und sei nur benutzt worden damit LGBTQ-Politiken nach Außen etwas bunter aussehen. Die wenigsten Schwulen und Lesben haben ein wirkliches Interesse sich mit anderen Minderheiten im Kontext von LGBTTIQ ernsthaft auseinanderzusetzen. Das verurteile ich auch, weil sie nämlich die Reaiitäten in diesem Kontext trotzdem herstellen. Genauso wie die Medien, die transsexuelle Menschen bis heute nicht ernst nimmt; vgl hierzu Hans Krah, Bilder von Transsexuellen, in: Capurro et al., Menschenbilder in den Medien - ethische Vorbilder 2002. Die Tagesschau heute war wiedermal ein trauriges Beispiel in der Außen- und Fremddarstellung des Themas Transphobie. Die Problemlinien von explizit transsexuellen Frauen in unserer Gesellschaft als Frauen bleiben nämlich unbekannt und unbenannt. Das ist leider ein sehr explizistes Problem.
Ich bitte doch sehr darum etwas vorsichtiger mit Vorwürfen umzugehen. Der kleinste gemeinsame Nenner sollte immer sein, dass man unterschiedliche Meinungen akzeptiert.
Für das Interesse an meinem Artikel bedanke ich mich und die lebhafte Diskussion hat mich auch gefreut.
Ich wünsche Euch allen alles Liebe und Gute und hoffe, dass Ihr bei Eurem Forentreffen schöne Tage in Berlin hattet
Trischa