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Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 29. Okt 2018, 18:01
von Valerie Bellegarde
Teil 2 Kap. 15: Gefühle beim Joggen

Die folgende Woche in Narbonne verging ereignislos, was ihr Liebesleben anging, und ihre Tage waren ausgefüllt mit Arbeit. Sie hielt sich täglich acht Stunden im Narbonner Büro von Alain und Delphine auf. Valerie hängte sich richtig rein in ihre aktuellen Projekte, vergrub sich völlig darin, und das wohl auch um den Kopf freizukriegen von diesen "falschen Gedanken" an diesen neuen Mann, mit dem eigentlich nichts anderes gewesen war als ein paar Tänze, ein gemeinsames Essen und ein wenig Geplauder an diesem Abend. Keine Affäre, nur ein paar Berührungen, seine Blicke, ein paar Andeutungen. Hatte sie ihn überhaupt richtig verstanden? Vielleicht waren das, was ihr gerade durch den Kopf ging, auch nur Träume, Wünsche und Projektionen, oder vielleicht auch nur ihre Sehnsüchte. Valerie war ja groß in solchen Sachen, in dieses Träumereien.

Träume sind aber Schäume, sogar der Volksmund weiß das ziemlich genau. Denn: Volkes Mund tut Wahrheit kund.

Der Notar und Maitre Thierry Elouard hat sie in dieser Woche dann auch nicht wiedergesehen und auch nichts mehr von ihm gehört. Was aber nicht heißt, dass sie abends, wenn sie allein Im Hotel war, nicht an ihn dachte.

Nein, die Stille ihres Hotelzimmers, ihre Einsamkeit im Plüschsessel der Hotellobby, wenn sie dort ganz allein den Abend verbrachte, vor sich ein Glas Weißwein und mit ein paar alten und zerlesenen französischen Illustrierten vor sich auf dem Couchtisch (Paris Match und so), in der Ecke des Raumes hinter seinem Tresen vielleicht noch ein verschlafener Nachtportier (aber auch der hatte um 22.00 Uhr Dienstschluss und war auch sonst meistens schweigsam) all dieses Alleinsein machte sie traurig und nachdenklich und die Situation wirkte wie ein Trigger, um die Bilder dieses Tangoabends in ihr Gedächtnis zurückzuholen, fast wie Fotografien.

Sie in seinen Armen, beim Tango. Thierrys Gesicht ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Seltsame, wirre Gedanken oder Gefühle waren das. Irgendetwas meinte sie gespürt zu haben, eine Kraft oder ein Begehren, das von ihm ausging, aber sie war sich überhaupt nicht sicher darüber. Es hatte etwas mit der Art und Weise zu tun, wie dieser Mann mit ihr getanzt hatte, wie er sie gehalten und umfasst hatte, zwei oder drei Tänze hatten ausgereicht um sie in Fahrt zu bringen und sie meinte gespürt zu haben, der Mann wollte etwas von ihr, er begehrte sie, so meinte sie jedenfalls. Und es war ihr nicht unrecht gewesen.

Lag Valerie richtig mit ihren Gefühlen? Mit ihren seltsamen Gedanken?

Der aufmerksame Leser wird sich fragen, was eigentlich mit Gunnar geschehen ist in dieser Zeit. Es kann ja wohl nicht sein, dass Gunnar so mir nichts, dir nichts verschwindet aus ihrem Kopf, ihrem Gedächtnis, bloß weil sie sich mal ein paar Wochen im Ausland aufhält? Oder? Bloß weil sie mal mit einem anderen Kerl tanzt?
Nun ja, ein Kerl war er ja eigentlich nicht, der maitre, so dachte sie bei sich, nein, der Ausdruck passt nicht. Also was? Ein Herr? Nein, ein Herr wäre älter.
Ein Mann?.... Ja ein richtiger Mann, das würde passen. Ihre Gedanken bewegten sich wieder mal im Kreis, wir kennen das bei ihr.

Es gibt im deutschen Volksmund dieses nüchtern-lakonische Sprichwort:

"Aus den Augen... Aus dem Sinn"

Was ihren augenblicklichen Gemütszustand in Bezug auf Gunnar recht genau beschreibt. Wenn man sie jetzt fragte, wie sie eigentlich zu ihrem Partner steht (denn Gunnar ist ja ihr Partner) so fiele ihr die Antwort nicht leicht. Eigentlich, so würde sie wahrscheinlich sagen, gibt es nichts Aufregendes zu berichten über Gunnar. Gut, da waren seine gelegentlichen Anrufe, so alle paar Tage, alles lief rund in seiner Schule. Er berichtete eigentlich nichts, das ihr wesentlich schien. Oder was sie länger beschäftigt hätte. Aber vielleicht war es gerade das, was die aktuelle Beziehung der beiden prägte: Gewohnheit, Langeweile, alles beim Alten...

Sie war ein wenig verwirrt. Ertappte sich bei dem Gedanken, ob da vielleicht schon so etwas Hässliches entstanden sei wie eine gewisse Distanz zu ihrem Partner. Was war eigentlich geworden aus ihrer Beziehung zu Gunnar? Abends lag sie oft eine Weile im Hotelbett, die Augen offen, starrte sie an die Decke und versuchte ihre Gedanken zu ordnen, erfolglos.

Nächster Tag, ein Wochenende: Sie musste den Kopf frei kriegen. Draußen schien die Sonne. Also raus, eine Stunde laufen joggen an der frischen Luft, unter den Platanenreihen am Kanal entlang, das würde ihr guttun. Gesagt, getan. Sie suchte schnell ein älteres T Shirt aus dem Kleiderschrank und zog es über, dann band sie mit einem Haargummi ihr inzwischen schon recht langes Haar zu einem Pferdeschwanz, schlüpfte in ihren Trainingsanzug, holte ihre pinkfarbenen Rennschuhe aus dem Schrank und schnürte sie zu. Sie würde das Handy mitnehmen und versuchen, Gunnar anzurufen, heute früh, samstags, war ja wohl unterrichtsfrei.

Wenig später sehen wir sie im gemächlichen Joggingtempo am Uferweg des Canal du Midi entlanglaufen, der Pferdeschwanz wippt lustig im Rhythmus ihrer Laufschritte, sie hat Kopfhörer in den Ohren und hört Pink Floyd. Dann schaltet sie die Musik aus und versucht, Gunnar in Deutschland anzurufen.

Tuut... tuut... Das Rufzeichen im deutschen Festnetz ist zu hören, dann ist er dran.

"Hey Gunnar... ich bin's "

"Hey Val ! Wie geht es dir? Was machst du? Wie läuft dein Projekt in Frankreich?" Seine Stimme verrät Freude.

"Ich bin gerade am Joggen am Kanalufer entlang... Und ja es geht mir gut..."

Sie läuft langsamer, bis sie in einem Lauftempo ist, bei dem sie noch genug Atem zum Sprechen hat. Er erzählt von seiner Schule, von seinem Unterricht, sie hört hauptsächlich zu und wirft von zeit zu Zeit einen kurzen Satz ein, eine Frage, eine Bemerkung, Sie plaudern eine ganze Weile, lauter unverfängliches Zeug, Smalltalk,
'sweet little lies" sozusagen. Denn es ist nicht das, was sie sagen wollte. Oder fragen wollte. Ob er sie noch liebe. Fragt man so etwas überhaupt? Stellt man jemand so eine Frage?

Tell me lies tell me sweet little lies...

Aber dann bemerkt sie, es wird ihr unvermittelt klar, sie kann sich ihm nicht offenbaren, nicht jetzt, nicht am Telefon. Sie wird es ihm nicht sagen können, dass sie einen anderen getroffen hat, dass ihr da jemand über den Weg lief, dass ihr ein anderer Mann gerade den Kopf verdreht, also verschweigt sie es und beschließt, es auch weiterhin bei sich zu behalten. Wenigstens im Moment wird sie nichts sagen, aber was soll's, eigentlich gibt es auch nichts richtiges zu berichten.

Wo nichts war, muss auch nichts gebeichtet werden. Oder etwa doch? Die Gedanken sind frei, so suggeriert sie sich selbst. Versucht, sich zu beruhigen. Es sind ihre Gedanken, und die gehen niemanden etwas an. Ein klassischer Verdrängungsmechanismus.

Sie beenden das Gespräch auch bald darauf, und nach ein wenig weiterem Smalltalk legt sie auf. Schließlich ist sie ganz froh, dass sie Gunnar nichts von dem anderen Mann gesagt hat. War das jetzt eine Lüge oder keine? Sie weiß die Antwort nicht, aber sie spürt: Die Wahrheit war es nicht. Sie beschleunigt ihr Lauftempo und rennt jetzt richtig schnell, fünf, acht Minuten in hohem Tempo, bis sie richtig außer Puste ist, danach fällt sie wieder in lockeren Trab und kehrt um, joggt zurück zum Hotel.

Auf dem Rückweg bemerkt sie eine leichte Reizung ihrer Brüste, genauer der Brustwarzen. Sie hat unter dem T Shirt immer noch den BH von heute morgen an, der kein elastischer und eng sitzender Sport-BH ist, sondern ein normaler BH mit Bügeln und vorgeformten Halbschalen. Man sollte diese Alltags-BHs nicht beim Joggen tragen, denn der Busen wird nicht fest gehalten, nein er springt und reibt, er bewegt sich auf und ab in den Körbchen. Was natürlich dummerweise oft den Nebeneffekt hat, dass die Brüste oder besser gesagt die Brustwarzen der Trägerin, die ja beim Joggen permanent in Bewegung sind, dass diese Brüste sich röten, gereizt werden, und oft sich die Warzen auch aufstellen. Heute jedoch bemerkt sie, diese Reizung, dieses Gefühl an den Brüsten ist ihr eigentlich gar nicht mal unangenehm, nein, sie mag es, es ist ein gutes Gefühl, man könnte es fast für eine Art Vorspiel für Sex halten. So ist sie nach einiger Zeit sogar ein wenig erregt und beginnt, wieder an den neuen fremden Mann zu denken. Valerie und ihre Fantasien.

Ist sie nicht ein richtiges Luder, unsere kleine Protagonistin? Kaum richtig angekommen in Frankreich und schon einen fremden Mann im Kopf.

Wir werden das weiter beobachten und sehen vielleicht bald, ob und wie es weitergeht. Sagen wir mal, so etwa in einer Woche?

Liebe Grüße,

Valerie :()b :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 29. Okt 2018, 18:17
von Valerie Bellegarde
hallo,

ich vergaß noch zu sagen: im nächsten Kapitel (16) geht es am kommenden WE wieder um Schuhe und Klamotten. Es heißt: "Sie hat nichts zum Anziehen"

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 30. Okt 2018, 14:46
von Valerie Bellegarde
Liebe Leserinnen und Leser,
Wir stehen kurz vor November. Heute schon möchte ich ankündigen, dass ich ab Mitte November bis Mitte Januar zwei Monate in Asien und Australien sein werde, dann werde ich voraussichtlich nicht an der Story weiterschreiben können, es wird also eine kurze Pause geben. Bis zu meiner Abreise wird es voraussichtlich noch zwei oder drei neue Episoden in Valeries Welt geben, erst mal geht es um das, was Mädels in erster Linie interessiert, nämlich um hohe Schuhe und Klamotten. Dann denke ich, steht noch ein Besuch von Gunnar bei ihr in Narbonne an, sie sind dann gemeinsam im Hotel (!) und besuchen für ein gemeinsames weekend die Stadt Carcassonne. Wahrscheinlich wird sie ihm dann aber immer noch nichts von der Sache mit Thierry Elouard erzählen.

Mit Valerie und Thierry geht es danach im Januar/Februar weiter. Gunnar ist dann wieder in Tübingen, Valerie bleibt jedoch im Languedoc in Südfrankreich und lernt ihren neuen Lover besser kennen, aber auch ein paar Aspekte einer neuen Welt, die für sie bisher fremd war, die Welt Südfrankreichs, Stichworte sind romantische alte Dörfer mit Boule-Spielern im Schatten großer alter Platanen, mächtige Herrenhäuser hinter hohem Mauern, Olivenbäume, Oleander und Zypressen, flirrende Hitze und Zikadengesang im Juli, Häfen am Mittelmeer voller Hochseeyachten, romantische Bootsfahrten auf dem Canal du Midi, und es gibt in Thierrys Familie auch einen eigenen Weinberg, der zu bewirtschaften ist. Es ist zwar nicht ganz die Welt der Filmstars, der Schönen und Reichen, denn man ist nicht an der Cote d'Azur, aber das Leben ist leicht, man ist im Süden, im Herzen der südfranzösischen Provinz.

Lieben Gruß,

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 30. Okt 2018, 23:13
von Svenja80
Die arme, muss sie sich zwischen zwei Kerlen entscheiden. Ich hoffe doch, dass sie mit ihrem Gunnar noch im Bett landet ;)

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mi 31. Okt 2018, 12:20
von Valerie Bellegarde
Der eine ist jung und schön, der andere ist erfahren und hat Geld und Einfluss. Charmant sind beide. Sie ist mal wieder unentschieden. Aber das ist ja schon so was wie ihr Lieblingsplatz, da ist sie öfters, so zwischen den Stühlen.

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mi 31. Okt 2018, 17:50
von Valerie Bellegarde
Teil 2 Kap. 16: Sie hat nichts zum Anziehen

Um ihren damaligen Gemütszustand besser zu verstehen, muss man sich eines klar machen: Sie war allein und neu in einer fremden Stadt, in einem fremden Land. Das heißt: Eine Masse an ungewohnten Eindrücken stürzte auf Valerie ein. Nicht nur fremd war die Stadt, sonders in vieler Hinsicht auch anders, südlicher war sie, so kann man es vielleicht am besten ausdrücken, südlicher im Sinn von leichtlebiger schien sie zu sein als ihre Heimatstadt Stuttgart. Südlicher heißt aber auch konkret: Andere Häuser, eine andere Natur, eine andere Vegetation in den Parks und Gärten, ein anderer Menschentyp auf den Straßen. Der Begriff Menschentyp will sagen: Menschen nicht nur mit einem anderen Aussehen, sondern auch mit einer anderen Mentalität. Und noch etwas war ganz anders als zuhause: Das Klima, das war nämlich deutlich wärmer als zuhause im kalten Norden. Vor allem gegen Abend war das zu bemerken, wenn die Hitze des Tages einer angenehmen Wärme gewichen war, die Straßencafés waren dann noch voll und es war Leben in der Stadt.

Da kam bei ihr schon mal die Frage auf: Was ziehe ich an, wenn ich abends nochmal rausgehen will und ein wenig mir die Beine vertreten? Vielleicht kurz mal rein ins Städtchen? Es war nicht weit vom Hotel ins Zentrum, nur ein paar Minuten, ein angenehmer Spaziergang, vorausgesetzt sie hatte keine hohen Schuhe an.

Also was anziehen? Mit dem Business Outfit (Rock und High Heels) rausgehen am Abend? Nein das geht wohl nicht. Also flache Schuhe und Hosen zusammen mit einem Top oder ähnlich? Schon besser. Aber: Sie hatte außer Jeans eigentlich keine vernünftigen Freizeithosen dabei. Sie lebte ja quasi aus dem Koffer. Also logo, lass uns kurz mal Einkaufen gehen. Neue Freizeithosen mussten her.

Sie ist kurz entschlossen: Sie würde bei Delphine zuhause anrufen, vielleicht kommt sie ja mit:

"Hättest du Lust, heute Abend ein wenig mitzukommen zum shoppen? Ich brauche eine neue Hose. Eine Freizeithose."

Delphine brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden.

"Ja klar, ich bin dabei. Hatte sowieso nicht Gescheites vor heute Abend"

"Prima, Sehen wir uns in einer halben Stunde bei mir?"

"Klar, ich hole dich ab. Fahren wir zum Croix Sud?"

"Prima, ciao, machen wir. Croix Sud ist gut. Also bis bald, à bientot"

Es gab da dieses Einkaufszentrum im Süden der Stade Narbonne mit dem Namen Croix Sud (Südkreuz), wo alles konzentriert auf einem Fleck zu finden war, all diese großflächigen Konsumtempel, Kaufhäuser wie Carrefour, Intermarché, C&A, GEMO. Dann all diese Schuhgeschäfte für SB und dazwischen eine Menge dieser kleinen Modeboutiquen. Dazu jede Menge an Restaurants, Burger King, Mc Donalds (die Franzosen sagten "Magge Donalde" dazu), Steakhäuser, so etwas in der Art, man kennt das ja.

Delphine fuhr zunächst in eine Tankstelle rein, sie musste noch kurz tanken. Ringsum alles voller Konsumtempel, Autohäuser, Elektromärkte, Möbelhäuser mit riesenhafter Neonreklame, Bricomarché, Autowaschstraßen, Baumärkte, dann bogen sie auf den Parkplatz von Carrefour ein, der um diese abendliche Stunde schon weitestgehend leer war. Es begann schon dunkel zu werden, aber die Läden haben hier im Süden bis 21.00 Uhr auf, also würden die Zwei schon noch etwas Zeit haben für ihr Shopping. Sie steuerten auf GEMO zu, der hatte unglaublich viele Schuhe und Textilien aber kaum Verkäufer, diese riesigen Selbstbedienungshallen gibt es hier in der Region überall. Personal findet man nur vorne an der Kasse, am Ausgang. Valerie blieb wieder gleich mal bei den Schuhen hängen, aber Delphine war das recht, auch sie hatte gleich ein Paar neue Treter an den Füßen. Reinschlüpfen und wohlfühlen, so sollte es sein.

Nein, der nicht, der drückt da vorne, kuck mal, ich habe einen etwas breiteren Fuß als du, der ist doch viel zu spitz, zu schmal. Nimm doch den da, oder vielleicht den offenen? Ach sind die alle schön... Hunderte von Schuhen waren da auf ihren Kartons präsentiert. Valerie suchte zielgerichtet nach Größe 40 oder 41. Bei geschlossenen Schuhen sollte es in der Regel schon eine 41er Größe sein, aber bei offenen Sandaletten begann sie immer bei 40, der kleineren Größe, die passte meistens besser. Und je nachdem, ob ihr ein Schuh vom Aussehen gefiel oder nicht, schlüpfte sie kurz rein und wusste sofort: Der ist es, oder der ist es nicht.

Reinschlüpfen und wohlfühlen, das war das Kriterium, nachdem alles andere sich zu richten hatte. Aber Priorität eins war natürlich immer: Wie sieht der aus? Auf diese Weise probierten die beiden praktisch das halbe Angebot durch. Was nicht ungewöhnlich ist, denn praktisch alle Frauen machen das dort so, in diesen SB-Schuhläden. Also sieht man dort die Frauen immer entweder mit Strümpfen herumgehen, die Handtasche umgehängt und in der linken Hand einen neuen Schuh, rechts einen anderen Schuh oder einen Schuhkarton. Und die eigenen Schuhe, mit denen man hereingekommen ist, stehen irgendwo im Eck herum. Oder Frau trägt links einen High Heel mit 10 cm Absatz, rechts ist sie gerade barfuß, das sieht dann so aus als hinke sie leicht.

Bald war vergessen, weshalb man hergekommen war, dass Valerie ja eigentlich eine Freizeithose kaufen wollte. Zu verführerisch waren all diese wunderschönen Schuhe, wirklich eine riesige und auch optisch schön präsentierte Auswahl. Oft waren die beiden Kolleginnen im Zwiespalt ob sie den praktischen Alltagsschuh anprobieren sollten oder diese todschicken und attraktiven High Heels, die so verlockend dort auf dem Regal präsentiert waren. So schön, so geil, so sündig, Zehn Zentimeter, zwölf Zentimeter Absatz, oft noch eine Plateausohle.

"Mon dieu... sind die schön. Aber wir sind doch keine 18 Jahre mehr"

"Ja, wie recht du hast" antwortete Valerie der Freundin und fügte insgeheim dazu:

"Und 55 Kilo wiegen wir auch nicht mehr"

Was für beide Frauen stimmte, den Valerie war mit ihren 33 Jahren und 1,73m Größe nicht eben klein, und genau wie Delphine waren für sie diese Modelmaße etwas, von dem sie vielleicht gedanklich noch manchmal träumte, aber in der Realität war an Modelmaße und Kleidergröße 36 natürlich nicht mehr zu denken.

Schuhe mit 12 cm Absätzen oder höher? Ja, vielleicht zum Sitzen. Und Konfektionsgröße Euro 36 oder 38? Gut, die 38er ginge vielleicht gerade noch am Po, aber obenherum hatte sie bei Gott inzwischen die 40er Größe erreicht also wäre 38 eindeutig zu eng. Vielleicht noch bei weiten Schnitten oder bei diesen elastischen Textilien, o.k. Aber was soll's. Valerie seufzte und schaute Delphine fragend an. Aber Delphine ging es genauso. Sie stellten die High Heels zurück ins Regal.

"Désolée mesdames mais on fermera dans cinq minutes"

rauschte eine Angestellte des Geschäfts an ihnen vorbei und verkündete damit, es sei bald Ladenschluss. Also wurde die Frage, ob es wohl besser schöne oder doch lieber tragbare Schuhe werden sollten, erst mal wieder zurückgestellt. Leider gehen beide Eigenschaften selten zusammen, gerade bei Schuhen. Träume müssen der Realität weichen, leider ist das so.



Soviel für heute.

Schöne Träume und liebe Grüße wünscht

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 1. Nov 2018, 00:07
von Karla
Ich fang grad an zu träumen: mit 30 Jahren hat mir Größe 42 noch gepaßt - wär das schön, wenn das immer noch so wäre!
LG Elly

Re: Valeries Welt

Verfasst: Do 1. Nov 2018, 09:45
von Valerie Bellegarde
ach Elly, Größe 40, oder 42, was soll's ? Das ist doch nur ein ewiger Kampf, also bleiben wir eben, wie wir sind... heute haben wir dafür mehr Erfahrung und Durchblick in vielen Dingen, oder?? Und es bleiben uns doch unsere Träumereien, und dafür schreibe ich euch diese Geschichte (he)

L.G. Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Di 6. Nov 2018, 19:55
von Valerie Bellegarde
Hallo ihr Lieben,
ich wollte nur kurz ankündigen, dass ich an einer neuen Episode dran bin. Ist aber noch unfertig, und braucht danach bestimmt noch ein bisschen Politur, aber ich denke, so in zwei, drei Tagen gehe ich wieder auf Sendung mit Kap. 17 von VALERIES WELT.

L.G. Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 9. Nov 2018, 15:13
von Valerie Bellegarde
Teil 2 Kapitel 17: Tage am Meer

Fragte man heute eine zufällig ausgewählte Stichprobe von Menschen in Deutschland, welches der fünf Weltmeere wohl das wildeste und gefährlichste sei, dann käme vielleicht der Nordatlantik oder das nördliche Eismeer als besonders ungemütlich und stürmisch heraus, aber sicherlich nicht das Mittelmeer. Im allgemeinen Verständnis gilt das mittelländische Meer eher als romantisch und ungefährlich, und der Name dieses Meers wird eigentlich hauptsächlich mit so netten Begriffen verbunden wie Sommer, Sonne, Strand, Wärme und easy living, oder, wie die Franzosen sagen würden: "la vie en rose".

Die Wahrheit kann aber auch anders sein. Das Mittelmeer kann dann ganz anders aussehen als in den Katalogen der Reisebüros. Man darf nämlich den Wind nicht vergessen, der hier unten auch mal ganz gewaltig blasen kann, man glaubt es kaum. Zum Beispiel gibt es in Südfrankreich oder im Languedoc, wo Valerie sich jetzt schon einige Wochen aufhielt, so viele und so starke Winde, dass die Einheimischen ihnen schon eigene Namen gegeben haben: Im Rhone-Tal bläst von Norden her der bekannte Mistral, und im Tal der Aude kennt man den kalten Tramontane ("...der über die Berge bläst"). Es gibt alte Leute, die erzählen, der Tramontane habe früher so stark geweht, dass es den Eseln fast die Ohren abgerissen habe.

Valerie hatte sich ein paar Tage Ferien genommen. Als Freelancer fiel ihr das leicht, sie brauchte dafür keinen Urlaubsantrag auszufüllen und auch keine Genehmigung vom Chef, es genügte ein kurzer Anruf im Stuttgarter Hauptbüro, damit die dort Bescheid wussten, wo sie sich aufhielt. Das Ferienhotel, in dem sie seit gestern logierte, war klein und unbedeutend, kein Mensch hätte es je im Internet gefunden, so unscheinbar war dieses Cabanes de Fleury, so nannte sich der winzige Fischerort, dort wo die Aude ins Mittelmeer mündet. Was sie dort hinzog? Eben die Einsamkeit war es was sie suchte, sie brauchte Ruhe. Der Ort bot überhaupt nichts was erwähnenswert war, nur ein paar Häuser, die um einen kleinen Fischerhafen herum gruppiert waren, dazu ein großer Campingplatz, der war jetzt aber auch leer und verlassen, und dazu eben dieses ärmliche Hotel mit kleinem Restaurant, aber auch diese Herberge war jetzt bis auf wenige Gäste fast leer.

Das Wetter am Meer war entsprechend trist und passte zur ungemütlichen Szenerie: Der Himmel grau und bedeckt und leicht regnerisch. Das Meer war stürmisch, denn von Osten her wehte ein kräftiger Wind, die Wellen brachen sich an der großen Hafenmole, und die Brandung war so laut, dass sie noch durch die geschlossenen Hotelfenster zu hören war. Die Einheimischen nennen diesen Ostwind "Marin", und auch er kann ungemütlich sein, allerdings ist der Marin selten so stark wie der Tramontane, der von der anderen Seite her weht von Westen, vom Atlantik her.

Sie war allein ans Meer gefahren, weil sie den Kopf freikriegen wollte. Ein paar Tage lang nicht an die Arbeit denken, und auch nicht an die Männer. Bloß lange Spaziergänge machen am Strand entlang, oder den Fischern bei der Arbeit zuschauen, das war ihr Plan. Obwohl... eigentlich hatte sie überhaupt keinen Plan. War das wieder einmal eine dieser "kleinen Fluchten von der Welt"? War ihr nicht unbekannt, diese kleinen Fluchten.

Sei es wie es sei, jedenfalls hatte sie erst mal nur für drei Tage eingecheckt in diesem einfachen Ferienhotel in Cabanes de Fleury, das jetzt bis auf ein paar wenige Gäste ziemlich leer war, nur drei oder vier Zimmer waren belegt. Die erste Nacht schlief sie fest und traumlos wie ein Murmeltier, früh am nächsten Morgen weckte sie die Meeresbrandung. Ein Blick aus dem Fenster verschaffte schnell Klarheit: Immer noch grauer Himmel, mit anderen Worten: Draußen war Pullover-Wetter.

Noch vor der Abreise hatte sie sich in Narbonne im Kaufhaus einen hübschen himmelblauen Pulli aus Kaschmirwolle gekauft, der so himmlisch weich war, dass sie ihn direkt auf der Haut tragen konnte. Sie mochte dieses Gefühl, das zarte Streicheln der weichen Kaschmirwolle auf der Haut. Nach dem Frühstück unten in der Gaststube ging sie nochmals auf ihr Zimmer und verwendete dann eine volle Stunde darauf, sich die Fuß- und Fingernägel in Form zu schneiden und knallig karmesinrot zu lackieren, auf Lippenstift verzichtete sie dann allerdings. Wozu eigentlich sich die Lippen malen? So dachte sie bei sich. Das Dorf war winzig klein, Menschen gab es kaum, also...

Später am Vormittag sehen wir sie, in kurzen Stiefeln mit flachen Absätzen, darüber eine enge blaue Jeanshose und ein olivgrüner Anorak, die Hafenmole hinaus spazieren. Sie schaut einem Fischerboot zu, das in Richtung offenes Meer fährt. Das inzwischen schon ziemlich lange und naturgewellte Haar trägt sie offen, aber zum Schutz gegen den frischen Ostwind hat sie ihr Hoodie über den Kopf gezogen.

"Elle est bien agitée la mer aujourd'hui, hein?"

so spricht sie ein Spaziergänger von der Seite an, der sie in flottem Schritt überholt hat. Sie nickt, ja, das Meer ist recht aufgewühlt heute früh. Sie hat das Näherkommen des Mannes nicht gehört, denn die Brandungswellen, die der stramme Ostwind mit Kraft vor sich hertreibt, knallen mit einem derartigen Lärm auf die Wellenbrecher und Felsbrocken, die man zum Schutz der Mole aufgeschichtet hat, dass man kaum etwas anderes hört als den Brandungslärm und kaum etwas anderes spürt als die Urgewalt des Meeres. Ab und zu kriegt man sogar noch ein paar Salzwasser-Spritzer ab.

"Lassen Sie uns lieber umkehren, oder? was denken Sie?"

sagt der Fremde zu ihr und lacht.

Und er hat Recht, denn erstens ist die Hafenmole hier sowieso bald zu Ende, und zweitens weht der Sturm hier draußen dermaßen ungemütlich, dass sein Vorschlag im Grund "alternativlos" ist, wenn man es recht bedenkt.

Sie erinnert sich, den Mann gestern Abend im Hotelrestaurant gesehen zu haben. Also wechselt man ein paar Worte, dann kehrt man um und unterhält sich auf dem Rückweg ein wenig über dieses und jenes, ob man auch im gleichen Hotel abgestiegen sei, ob man Urlaub mache oder was, solche Belanglosigkeiten eben, die man gemeinhin austauscht, wenn es sich nicht vermeiden lässt, dass man mit einem Fremden ein paar Meter zusammen zu Fuß gehen muss.

Zurück in der Hotellobby hat man sich dann aber bereits mit dem Namen bekannt gemacht, und sie erfährt dann auch, dass der Mann ebenfalls gestern erst eingecheckt hat und beruflich hier ist, für irgendwelche Computer-Installationen an der Hafenmeisterei, ein Techniker also, ein Computermensch, und nur für kurz hier gelandet am Ende der Welt sozusagen. Er wird voraussichtlich morgen schon wieder abreisen. Vielleicht sieht man sich aber zum Abendessen im Restaurant ? Die Frage kommt von ihm.

"Wäre doch nett" setzt er hinzu.

Sie denkt, er hat ein offenes Gesicht, und er wirkt nicht unsympathisch.

Trotzdem zuckt sie die Schultern und lässt ihn erst mal im Ungewissen. Eigentlich will sie keine Gesellschaft, aber dann graut ihr doch vor dem Gedanken, den ganzen Abend allein vor ihrem Teller zu sitzen, und sie sagt doch zu. Also gut, einverstanden, man sieht sich später zum Essen... so gegen sieben Uhr heute Abend?


Wie es weitergeht, erfahrt ihr bald.

Lieben Gruß,

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Fr 9. Nov 2018, 17:14
von Valerie Bellegarde
Schönen Dank, Marianne, hat es dir gefallen?

Kennst du auch diese "kleinen Fluchten"? Ich denke wir brauchen das alle, so ab und an.

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 10. Nov 2018, 10:34
von Valerie Bellegarde
Dankeschön, liebe Svenja !

L.G. Valerie

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 10. Nov 2018, 13:22
von Valerie Bellegarde
Bisous, Elly

V.B. (ki)

Re: Valeries Welt

Verfasst: Sa 10. Nov 2018, 19:39
von Valerie Bellegarde
Hallo Susi,
du bist doch seit langem eine meiner treuesten Leserinnen, und es wird dir sicherlich aufgefallen sein, dass sich bei Valerie bald mal wieder etwas "anbahnt"... richtig?

Falls ja: Mit der Vermutung liegst du nicht falsch.

viele Liebe Grüße

Valerie :()b

Re: Valeries Welt

Verfasst: Mo 12. Nov 2018, 15:09
von Valerie Bellegarde
Teil 2 Kap. 18: Espadon à la marinière (Schwertfisch Müllerin Art)

In der letzten Episode habt ihr erfahren, dass sie sich eine kleine Auszeit genommen hatte, drei Tage in diesem kleinen Ferienhotel am Meer. Vielleicht eine dieser kleinen Fluchten aus der Realität, die sie ab und zu wirklich nötig brauchte und sich dann auch selbst genehmigte, denn als Freelancer war Valerie ja Herrin ihrer Zeit, sie musste niemanden um Erlaubnis fragen.

Für heute Abend war sie in Cabanes de Fleury mit Jean-Claude, einem anderen einsamen Hotelgast, zum Essen verabredet. Sie hatte diesen Jean-Claude, einen EDV-Techniker auf der Durchreise, am gleichen Morgen beim Spazierengehen kurz kennengelernt, und diese Verabredung zum Essen mit einem Mann, von dem sie nicht viel mehr kannte als den Vornamen, war eigentlich eher dem Gefühl der Einsamkeit geschuldet, das sich bei ihr einzuschleichen begann, oder vielleicht auch als eine bewusste Aktion gegen die aufkommende Langeweile zu verstehen, denn das Hotel war fast leer, typische Nebensaison, leere Zimmer und wenig Atmophäre im Haus, beinahe meinte man die Tristesse des Herbstes zu spüren.

Die beiden, Valerie und dieser Fremde mit Namen Jean-Claude, schienen dann auch gegen sieben Uhr die einzigen Restaurantgäste zu sein, und auch später am Abend blieb die Gaststube fast leer, entsprechend war die Stimmung im Raum anfänglich gedämpft. Was allerdings kaum auf Valerie persönlich zutraf, denn sie war sogar ein wenig gespannt darauf, wie sich dieser Abend mit ihrer Zufallsbekanntschaft noch entwickeln würde, man könnte fast sagen, sie war ein wenig aufgeregt, fast hippelig, wie sie manchmal so ist.

Was war los mit ihr? Nun, wir kennen sie gut genug und wissen, sie hatte die Idee für diesen Kurzurlaub am Meer nur deshalb verfolgt und in die Tat umgesetzt, um gedanklich zur Ruhe zu kommen und vor allem Klarheit über die bestehenden Verhältnisse zu bekommen, ich meine ihre permanenten Männergeschichten, die alte und eingefahrene Beziehung zu Gunnar in Deutschland und dann diese neue Beziehung hier in Frankreich, die sich da anzubahnen schien zu diesem geheimnisvollen Maitre Elouard, diesem begüterten und einflussreichen Makler und Notar, der sie sozusagen überall angefasst hatte beim Tango und dann auch eingeladen, ihn beim Vornamen zu nennen, der gutaussehende Thierry.

Ja und was war nun passiert?

Sie saß dort am Restaurant-Tisch mit einem dritten Mann, der sich als Jean-Claude vorgestellt hatte, EDV-Techniker auf Durchreise, er wirkte sympathisch auf sie, beide waren sie allein, und morgen würde er womöglich schon wieder abreisen und sie würde ihn nie wiedersehen. "Two lonely strangers in the night", um hier mal Frankieboy zu zitieren...

Wer jetzt sagt: "Typisch Valerie", der hat wahrscheinlich nicht ganz unrecht.

Sie hatte wirklich eine ausgeprägte Fähigkeit, ihre Beziehungskisten zu Männern, die per se schon nicht immer einfach waren für sie als Transe, weiter zu komplizieren. Verschlungene Fäden, die sie kaum versucht hatte zu entwirren, verschlangen sich weiter zu unentwirrbaren woolings. Und die lagen dann im Wege rum...

Ein typisches Beispiel für ein derartiges emotionales wooling ist die Art und Weise, wie sie mit dieser eigentlich untragbaren Situation umging (ich meine, dass sie gleichzeitig (obwohl halbherzig) versuchte, ehrliche und geregelte Beziehungen zu zwei Männern aufzubauen, nämlich Gunnar und Thierry), aber dann gleich wieder damit begann, sich einen Dritten an Land zu ziehen, anstatt das erste wooling zu lösen. Ob sie sich darüber bewusst war, dass es jetzt noch schwieriger wird für alle Beteiligten? Oder ob diese Sache mit dem Dritten eher unbewusst geschah, sozusagen instinktiv? War ihre Handlungsweise doch vielleicht eine Art Fluchtreaktion auf die unübersichtliche Lage?

Das mögen Psychologen beantworten, die etwas davon verstehen, wie man solche komplexen Beziehungskisten entwirrt. Wir bleiben in der Story hier bei den simplen Facts, nämlich dabei, das zu beschreiben, was wirklich geschah.

Vielleicht war es aber auch ganz anders, Vielleicht wollte Valerie an diesem Abend gar keine neue Beziehung aufbauen, vielleicht wollte sie nur Sex. Einfachen, kurzen, geilen Sex, eine Weile rumvögeln ohne viele Emotionen. Ohne große Beteuerungen, wie sehr man sich liebe, nur ein wenig rammeln, das rein-raus Spiel, sich vögeln lassen, einfach sich guttun einen Abend lang, und das war es dann auch... Aus ihren früheren Beziehungen wurde eines schon sehr klar: Valerie hat sich immer geholt, was sie brauchte, ob das jetzt Sex von einem Mann war oder Sex in welcher Form auch immer, sie hat sich genommen, was sie wollte.

Zunächst jedoch nahmen die beiden Protagonisten erst einmal das Diner gemeinsam ein, schließlich war man ja in Frankreich, und hier legt man gerade beim Essen sehr viel Wert auf Form und Stil. Das Restaurant hatte hauptsächlich Fisch auf der Karte (ist klar, man war ja in einem Fischerort). Und so begannen sie beide mit jeweils sechs Austern als Vorspeise und danach bestellte sich Valerie eine Scheibe vom Schwertfisch aus der Pfanne, sehr lecker riechend und ganz locker im Biss, hübsch hellrot gebraten war dieser "espadon à la marinière", und er schmeckte ihr auch ganz herrlich. Schwertfisch ist ähnlich im Geschmack wie Kalbfleisch.

Die Flasche Weißwein, die sie sich zum Essen teilten, war bald leergetrunken und trug dazu bei, die Stimmung am Tisch weiter zu lockern, und schließlich kam man sich schnell näher und nach ein paar Berührungen und tiefen Blicken in die Augen (Jean-Claude hatte braune Augen) war er es schließlich, der die Initiative ergriff und vorschlug, aufs Zimmer zu gehen und eventuell den Nachtisch und Café dort einzunehmen. Sie war nicht abgeneigt, warum auch, sie war ungebunden, sie war niemandem verpflichtet außer sich selbst und wie wir auch wissen, war sie stets neugierig auf Sex, gerade diese weibliche, passive und eher hinnehmende Form von Sex war es, die sie kennenlernen und auskosten wollte. Allzu groß waren ihre diesbezüglichen Erfahrungen damals ja noch nicht. Und weil der Mann, der ihr gegenübersaß, ihr vom Äußerlichen her gefiel und von seiner Art her sehr sympathisch schien, willigte sie dann in einen "one night stand" ein, denn mehr sollte es ja nicht werden.

Bloß eine einzige wichtige Sache war vorher noch abzuklären. Valerie holte tief Luft.

"Tu sais,que je suis speciale. Ca veut dire je suis ni homme ni femme, alors, je suis entre les deux sexes, tu comprends bien?"

Damit war sie heraus, diese Frage aller Fragen, die Frage nach der Identität, sie hatte sich ihm geoutet. Und die Antwort gleich mit dazu. Wer oder was sie nun eigentlich sei, Frau, Mann, oder genau dazwischen, diese Ortsbestimmung, in welche Schublade sie nun eigentlich reingehörte. All das kam ihr inzwischen sehr leicht über die Lippen.

Ja, eben. Sie liege genau dazwischen, zwischen Mann und Frau. und sie setzte noch dazu:

"Et ni pute aussi, crois-moi. Non je ne suis pas une pute"

(und 'ne Nutte bin ich auch nicht, kannste mir glauben)

Er schien so etwas in der Art bereits geahnt oder vermutet zu haben, jedenfalls reagierte er ganz locker, lächelte breit, stand auf, kam um den Tisch herum, nahm sie an der Hand und zog sie zu sich her, um sie in den Arm zu nehmen. Sie ließ es geschehen, es gefiel ihr, seine Wärme zu spüren.



Soviel für heute. Und bitte nicht ungeduldig werden. Fortsetzung demnächst, hier in diesem Theater.

Liebe Grüße,

Valerie :()b