Teil 2 Kap. 9: Freundinnen tratschen halt gerne über Männer
Valerie schaffte es pünktlich zur S-Bahn, obwohl sie natürlich mal wieder getrödelt hatte beim Anziehen und Sich-Zurechtmachen. All das brauchte jetzt mehr Zeit als früher, obwohl sie nicht mehr täglich diese deckende und dekorative Kosmetik benutzte wie Foundation oder Eyeliner, heute zum Beispiel hatte sie nur einen hellen Lippenstift aufgetragen, wenig auffällig. Aber bis die Hautcreme eingezogen und sie mit ihren Haaren wirklich zufrieden war, das dauerte eben jetzt mit dem Naturhaar alles etwas länger. Es ist schon irgendwie eigenartig, aber das Thema Körperpflege ist schon irgendwo zentral wichtig für ein weibliches Wesen, und das hatte sie inzwischen irgendwie verinnerlicht, es war quasi an sie rangeflogen, ohne dass irgendjemand es ihr gesagt oder gepredigt hätte. Es war einfach 'learning by seeing', also beobachten, wie machen andere Frauen das. Und dann eben 'learning by doing', also einfach Nachmachen.
Egal, woher sie es gelernt hatte, aber jedenfalls war das Ergebnis absolut positiv. Sie fühlte sich richtig gut dort auf dem Bahnsteig unter all den vielen Menschen, die dort auf die S-Bahn nach Stuttgart warteten. Sehr gutes Feeling, good vibrations könnte man fast sagen. Irgendwie schien heute Abend alles zu passen, ihr Äußeres und ihre innere Verfassung waren in Harmonie. Und ja, das war alles an der Alice festgemacht. Valerie freute sich richtig darauf, die alte Kollegin endlich mal wiederzusehen.
Der Zug erreichte schon einige Minuten später den Cannstatter Bahnhof. Dank ihrer flachen Schuhe hatte sie die paar hundert Meter über den verkehrsreichen Wilhelmsplatz und durch die hübsch beuleuchtete Altstadt hinüber zu Alis Tanzcafé in flottem Tempo zurückgelegt. Da niemand vor der Türe wartete, ging sie schon mal rein, und dort saß sie auch schon, die Alice, sie trug die Haare offen und war aber ganz allein, ihre Verena hatte sie nicht dabei. Valerie bemerkte es sofort und es war ihr eigentlich auch ganz recht so, im Augenblick wenigstens.
"Huhu Valerie!"
"Ja grüß dich, Alice!"
Bei beiden Mädels kam spontane Freude auf, Alice stand auf aus ihrem Plüschsessel. Es folgte eine gegenseitig Umarmung, ganz eng und intensiv, denn man hatte sich sozusagen "schon ewig" nicht mehr gesehen. Dann hielt Alice die Freundin aber kurz auf Armlänge von sich ab, um sie genauer anzuschauen, genauer, sie scannte ihre Figur ab.
"Mensch Mädel, sag bloß. Richtig gut siehst du aus, Lass dich mal wirklich betrachten, Nein echt toll!"
Ihr Blick blieb an Valeries neuer Oberweite hängen und damit wurde es sofort klar, was konkret sie mit dem "einfach toll" gemeint hatte. Ein wenig Stolz kam in Valerie auf, zumindest war sie nicht unzufrieden. Sie hatte heute Abend nicht einmal ihre kleinen Silikonkissen in den BH eingelegt, nein, heute Abend war alles an ihr quasi reine Natur. Wir wissen natürlich, reine Natur ist ein relativ dehnbarer Begriff. Darunter, unter ihrem Top trug sie nämlich einen kleinen weißen Halbschalen-BH, dessen gemoldete Unterschalen ihre neuen Brüste etwas anhoben, so dass ein hübscher kleiner push-up Effekt entstand. Man sieht, Valerie lernte sie sehr schnell, die kleinen Tricks der attraktiven Mädels, und sie hatte begriffen, wie man sich in Szene setzt. Und sie wollte es auch, heute Abend.
Man bestellte sich die altbekannten Hausdrinks, bei Alice war das ein Daiquiri oder so ähnlich, bei Valerie dufte es gerne etwas "mehr Natürliches" sein, also brachte ihr Ali einen kleinen Sekt mit viel Orangensaft.
Worüber man plauderte?
Natürlich zuerst über die Beziehungen. Bei Valerie waren diese in erster Linie männlich und konzentrierten sich im Moment hauptsächlich um das Thema "Gunnar". Dieses Thema war eigentlich schnell durch, nicht viel neues zu erzählen, und im Grunde schien ja auch alles in Butter. Danach aber kamen von Alice's Seite die wirklichen Neuigkeiten mit Kollegin Verena auf den Tisch. Ja, man sein zusammengezogen, man lebt jetzt in einem gemeinsamen Haushalt. Und ja, sie glaubte, es wäre schon etwas Richtiges, das mit der Verena.
"Verstehst du, was ich meine?"
Valerie machte zuerst große Augen, aber dann lächelte sie und strahlte der Freundin ins Gesicht. Alice hatte aus ihrer Neigung zu Frauen nie ein großes Geheimnis gemacht. Und Valerie wäre die letzte gewesen, die so etwas nicht sofort verstanden oder nicht akzeptiert hätte. Wie käme sie auch darauf, sich ein urteil darüber anzumaßen, mit wem ihre alte Kollegin zusammenleben sollte?
Nachdem ernsten Themen erst einmal geklärt schienen, ging das Gespräch dann schnell in die Regionen des lockeren Smalltalks über. Das hatten beide gut drauf, und schnell blödelten die beiden in gewohnter Manier über die früheren gemeinsamen Zeiten im Geschäft und dann natürlich auch über Valeries alten Chef, den Dr. Schmidt, der jetzt Alice's neuer Chef war, sie hatte ihn der Freundin ja quasi weitervererbt.
"Dem geht's blendend, dem Dr. Schmidt"
sagte Alice und setzte hinzu:
"Und weißt du, er spricht im Geschäft öfters mal von dir und lobt deine Arbeit früher in der Abteilung. Und überhaupt scheinst du ihn schon beeindruckt zu haben mit allem, was du letztes Jahr dort durchgezogen hast, und überhaupt deine ganze Geschichte..."
Valerie verstand sofort, was mit der "ganzen Geschichte" gemeint war, nämlich die Sache mit ihrer äußerlichen Wandlung vom Mann zur Frau. Jetzt einmal nur äußerlich gemeint, was Kleidung angeht. Und dass sie damals in Frankfurt als Messehostess eingesprungen war und damit Erica aus der Patsche geholfen hatte. Und Dr. Schmidt hatte die Sache mit dem Wandel hinterher spontan akzeptiert, auch als Valerie hinterher weiter im femme-Modus im Büro der Hauptverwaltung in Stuttgart erschienen war. Super tolerant, schon ein lieber Mensch, der Dr. Schmidt.
"Und weißt du, ich glaube ich habe ihm eigentlich ganz gut gefallen, so äußerlich als Frau"
setzte Valerie hinzu und hatte ein spitzbübisches Grinsen aufgesetzt. Sie dachte an den Altersunterschied zwischen ihr und Dr. Schmidt, er hätte leicht ihr Vater sein Können vom Alter her, aber er war im allerbesten Alter und bestimmt ein attraktiver Mann. Und sie dachte an die bleistiftengen Röcke und die taillierten Blusen, die sie damals im Vorzimmer ihres Chefs immer getragen hatte, weil sie wusste, wie sehr er das in ihr mochte.
"Sag bloß, hatte er ein Auge auf dich? Oder war da was zwischen euch beiden?"
"Nö, nö, nöö, quatsch, nein, niemals. Nein da war nichts zwischen uns, Garnichts.. Bisschen kucken, ja, aber niemals hat er mich angefasst, kannst du mir glauben"
sagte Valerie und es war die Wahrheit. Alice wechselte schnell das Thema.
"Und deine Brust-Transplantation verlief also ganz problemlos, sagtest du ?"
Eigentlich waren es ja Implantate, die ihr eingesetzt worden waren dort in der Böblinger Klinik. Aber Valerie korrigierte die Freundin nicht. ja, alles sei gut gelaufen, so ziemlich ohne Probleme, und wenn, dann waren die jetzt bereits weitgehend vergessen.
Ob Alice wohl wusste, dass Dr. Schmidt ihr den Aufenthalt und die OP in der Schönheitsklinik quasi erst ermöglich hatte durch seine großzügige Übergangsbeihilfe? Sie ließ das Thema mit dem alten Chef fallen. Obwohl der bestimmt Kulleraugen gekriegt hätte, würde er sie jetzt zu Gesicht bekommen. Männer halt, das zieht sich durch alle Altersgruppen.
"Weißt du, es fühlt sich wirklich toll an, jetzt diese neuen Brüste unter der Haut zu haben. Alles wird jetzte viel normaler für mich, und ich fühle mich einfach richtiger. Verstehst du was ich meine? Vollständiger halt."
Alice schien es nicht ganz mitzukriegen, was Valerie zum Ausdruck bringen wollte, man sah es ihrem Gesicht an.
"Es ist halt alles viel einfacher, der Alltag als Frau. Nicht mehr immer diese ständige Gefummel mit den Silikoneinlagen. Nicht mehr jeden Morgen die Frage, bin ich heute mit Kunden zusammen? Also welche Sili-Größe nehme ich dafür. Weißt du das nervte wirklich auf Dauer. Oder tagsüber im Büro muss ich nicht mehr ständig an den Trägern rumzupfen oder kucken, ob der Busen noch richtig sitzt. Kein BH-Träger rutscht jetzt mehr runter, nein, nein, ich fühle mich einfach kompletter als Frau."
Sie war jetzt mal in Fahrt und setze nach einer kurzen Pause noch einen drauf:
"Und ich sage dir noch was: beim Sex geht es bei mir jetzt auch viel lockerer ab als früher. Und ich glaube, dem Gunnar gefalle ich jetzt auch besser. Ich weiß es nicht, wir reden nicht täglich über meinen neuen Busen, aber irgendwie denke ich, es ist jetzt schon besser so, wie es jetzt ist".
Wieder so ein Thema, dachte Valerie bei sich. Ihre Außenwirkung auf Männer.
Alice nickte, mit ihr konnte man so etwas besprechen. In den Augen von Alice sah sie schon deutliches Verständnis, als sie erzählte, sie bewegte sich jetzt mit der neuen Oberweite einfach viel natürlicher und ungezwungener im Alltag und in der Öffentlichkeit und habe auch den deutlichen Eindruck, manche Männer würde das durchaus bemerken. Männer schauten ihr jetzt öfters mal nach, und das sei ihr eigentlich ganz angenehm, dieses Gefühl, für einen Mann interessant zu sein.
Alice schaute ihr tief in die Augen und nickte. Dann kam wieder so ein typischer Alice-Satz, sie konnte ein Thema wirklich auf den Punkt bringen, so mit einem einzigen Satz, einer einzigen Frage, die eigentlich gar keine war, denn die Antwort darauf war beiden bekannt. Aber wie Immer, wenn Alice so ein Ding ablässt, kam es und trocken und lakonisch, war einfach mal so kurz locker hingerotzt:
"Es gefällt dir, wenn du merkst, ein Mann begehrt dich?
Valerie nahm es zuerst fast die Luft weg, aber dann kriegte sie sich wieder ein und nickte.
Ja, genau so war es.
Soviel für heute, demnächst gerne mehr.
L.G. Valerie
