Teil 2 Kapitel 5: Neue Wege gehen.
Zwei Monate waren vergangen seit Valeries erstem Kontakt mit der Böblinger Schönheitsklinik. Die Freundinnen redeten ihr allesamt gut zu, besonders Erica, ihre treueste und älteste Freundin. Unterstützung ist immer gut, aber in diesem Fall war sie eigentlich unnötig, denn insgeheim war Valerie bereits nach dem ersten Besuch in der Klinik fest entschlossen, die Sache machen zu lassen. "Die Sache", das waren zwei tropfenförmige Silikon-Kissen von je etwa 450 Gramm, die ihr der Dr. Hornbacher unter den Brustmuskel implantieren wollte, und damit erfüllte er ihr einen lange gehegten Wunsch, sie würde endlich eigene Brüste haben.
Bald darauf hatte die Sache auch einen Namen. Bei sich selbst und unter engsten Freundinnen, sprich Erica und Alice, nannte man es nämlich bald "ihr T-Projekt". (Tittenprojekt, für diejenigen, die es nicht sofort begriffen haben)
Nachdem sie bei der Klinikverwaltung durchblicken ließ, daß sie Selbstzahler sei (Spende von Dr. Schmidt), war es auch plötzlich ganz leicht, einen kurzfristigen OP-Termin zu kriegen. Lediglich die zeitliche Koordination ihres T-Projekts innerhalb ihrem Terminkalender, also die terminliche Abstimmung des Klinikaufenthalts und der darauffolgenden Rehabilitationszeit mit all den anderen Dingen, die im Moment sonst noch anstanden, erwies sich als nicht so einfach. Ja, sie würde ein paar Wochen kürzer treten müssen, wenn die Dinger erst mal drin waren, ausruhen, sich pflegen, kaum Sport, immer brav den Stütz-BH tragen, solche Sachen...
Was stand sonst noch an?
Eine ganze Menge. Erst mal war da ihr Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren. Sie hatte eine neue kleine Wohnung in Waiblingen gefunden, einer der östlichen Vororte der Stuttgarter Region, Hochhauswohnung ziemlich weit oben, mit schöner Fernsicht, für 800.- Monatsmiete, also nicht gerade billig, aber die Wohnung war hell, modern möbliert und mit allem technischen Schnickschnack ausgestattet, den sie beruflich brauchte, also sie hatte da sogar ein ziemlich geräumiges Arbeitszimmer bzw. Büro für Kundengespräche mit Besprechungstisch, Internet, großem Flachbildfernseher und allem was man sonst noch braucht als selbständige Immobilienhändlerin.
Die Wohnung war ruhig, nichts zu hören von den Nachbarn, und was das allerbeste war: Sie hatte eine sehr gute Lage, es gab nur ganz kurze Weg zur Innenstadt, und rüber zur S-Bahnstation hatte man nur einen Straße zu überqueren. Neuerdings fuhren diese S-Bahnen im Viertelstunden-Takt in die City, und damit würde sie Michaels Büro in der Stuttgarter Königstrasse, also gewissermaßen das Hauptquartier der Immo-Firma, in kürzester Zeit erreichen können, wenn sie sich mal persönlich sehen mussten, um Dinge zu bereden. Bald, in der näheren Zukunft, würde sie also kaum mehr das Auto brauchen. Was bedeutet: Der Peugeot musste verkauft werden, das war auch noch zu tun... Und dann wollte sie den neuen Arbeitsvertrag noch einmal ganz genau durchlesen, und, und, und...
Nach einigen intensiven Gesprächen mit Michael hatte man sich auf ein selbständiges Partnerschaftsverhältnis geeinigt, natürlich nach einer Einarbeitungszeit. Sie würde also Partner werden. Die Details ihrer Aufgabe und auch ihre Vergütung, d.h. die Höhe ihrer Provision waren in diesem Vertrag festgelegt. Nach einer Einarbeitungszeit würde sie dann als Freelancer für seine Firma arbeiten. Freelancer heißt, sie hätte nur Kunden anzubringen und wäre im Übrigen völlig frei in ihrer Zeiteinteilung und auch in ihrer Arbeitsmethode, nur das Ergebnis zählte, d.h. die Zahl ihrer Abschlüsse. Arbeiten würde sie von zuhause aus, in ihrem eigenen Home Office. Im wesentlichen wäre es ihre Aufgabe, Kunden zu finden, die sich für eine Immobilie in Frankreich interessierten, diese Kunden anzusprechen und zu betreuen, und schließlich bis zum Abschluss zu begleiten. Hauptsächlich würden das zunächst mal Ferienwohnungen sein, die sie zu vermieten hatte, später würden dann die größeren Geschäfte anstehen, d.h. solche Kunden betreuen, die eine Immobilie in Frankreich kaufen wollten, z.B. als Altersruhesitz.
"Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen heute solche Alterssitze im Süden suchen", sagte Michael, und er kannte sich wirklich aus auf diesem Markt. Er selbst hatte schon mehrere solcher Abschlüsse mit deutschen Kunden gemacht, bis hin zur Unterschrift unter den Kaufvertrag, also bis vor den Schreibtisch des Notars in Frankreich. Besonders hier sollte ihm Valerie helfen, denn Französisch war ja ihre zweite Muttersprache, und die juristischen Spezialkenntnisse und Finessen würde sie sich schnell anlesen, da war sie unerschrocken. Also verbrachte sie die nächsten Wochen mit Aktenstudium, wälzte, dicke Ordner voller Papier, arbeitete einige von Micheals Altfällen von der ersten bis zur letzten Seite durch, und es ergaben sich daraus einige wichtige Gespräche mit ihrem Chef, der bald auch ihr Geschäftspartner sein würde. Sie mochte die Art und Weise, wie er seine Arbeit abwickelte, er hatte ein gutes Gespür für seine Kundschaft und sie hatte bald den Eindruck, dass ihre Entscheidung, in diese Branche zu wechseln, richtig gewesen war.
Was ist inzwischen aus den anderen Freunden geworden?
Was macht eigentlich der Gunnar?
Ihr könnt nichts mit dem Namen Gunnar anfangen? In diesem Fall ist Zurückblättern angesagt, bis zur Mitte des ersten Teils der Geschichte etwa, dort lernt sie Gunnar kennen, der dort abends stundenweise als Aushilfs- Diskjockey in einem Cannstatter Tanzlokal arbeitet. In Wirklichkeit ist Gunnar Student, Germanistik und Geschichte, er studiert aufs Lehramt hin, will Deutschlehrer werden. Aber das Bemerkenswerteste an diesem Gunnar ist sein Aussehen: Er sieht tatsächlich fast so aus wie ein Filmschauspieler, groß, schlank, sportlicher Typ, und er hat ein Lächeln wie der junge Harrison Ford (man denke an die ganz frühen Filme, noch bevor er den Indiana Jones machte).
Zwischen den beiden, Valerie und Gunnar, ist erst mal Sympathie und viel Emotion, dann aber bald mehr, sie mögen sich richtig, man kommt sich sehr, sehr nahe, aber ob es eine dauerhafte Liebe sein wird, weiß im Moment noch keiner der beiden, also mit dem Zusammenziehen in eine gemeinsame Wohnung ist es erst mal nichts, diesen Gedanken schieben sich noch von sich weg, die beiden.
Gunnar hat also im Augenblick viel zu tun mit seinen Abschlussprüfungen, ein paar davon hat er schon bestanden mit Glanz, wer hätte eigentlich etwas anderes erwartet? Jetzt steht die Referendarzeit an, und diese soll er an einem Gymnasium in Tübingen ableisten, er wird also erst mal umziehen nach Tübingen und dort seine Referendarzeit ableisten. Ein Referendar im Schulwesen ist so etwas wie ein Lehrer auf Probe, oder eine Art Hilfslehrer, der zwar voll arbeitet, aber kaum Gehalt bezieht, und er kann auch ganz schnell mal entlassen werden, falls irgendetwas schief läuft. Keine ganz einfache Zeit für ihn.
Von ihrer neuen Wohnung aus ruft sie ihn an, es ist früher Nachmittag. Tübingen und Waiblingen liegen nicht weit voneinander entfernt, nur etwa 40 Kilometer zu fahren, das ist keine allzu große Sache, zum Beispiel mit der Bahn. Sie hat das alles im Blick, als sie seine Nummer wählt.
"Du, grüß dich. Hättest du Lust, heute Abend herzukommen? Ich wollte dich mal wieder sehen... Ich zeig dir meine neue Wohnung, die kennst du ja noch nicht, liegt in diesem Hochhaus direkt bei der S-Bahn, ich könnte dich an der Bahn abholen, und dann kochen wir uns was bei mir?"
Sie hört es am Klang seiner Stimme, wie sehr er sich freut über ihre Einladung. Ja, er kommt gerne, ja, aber was er eigentlich mitbringen soll.
"Garnichts mitbringen, nur du, so wie du bist"
Sie fügt nicht hinzu, dass er natürlich auch über Nacht bleiben kann, da wird er schon von selbst draufkommen, denkt sie. Im Hinterkopf hat sie natürlich all die neuen Nachrichten, die sie ihm unbedingt erzählen muss, die Sache mit dem neuen Arbeitsvertrag nämlich, und dann vor allem die Sache mit dem T-Projekt, das bei ihr ansteht...
Soviel für heute, und bitte denkt daran, eure Kommentare und Tips sind gerne willkommen unten auf dieser Seite.
Lieben Gruß, Valerie
