Teil 2 Kapitel 3: Neue Dinge zeichnen sich ab.
In Hermann Hesses Gedicht "Stufen" beschreibt der Dichter eine Situation, die wir alle kennen und die auch den Augenblick genau beschreibt, als Valerie damals die alte Firma verließ und einen neuen Abschnitt in ihrem beruflichen Leben begann.
"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..."
Ihr Auszug aus der alten Firma verlief undramatisch und war relativ kurz und schmerzlos. Es gab nur ein paar kleine, aber nicht unwichtige Formalitäten zu erledigen, zum Beispiel hatte sie oben in der Personalabteilung ein Papier zu unterschreiben mit dem sie sich verpflichtete, keinerlei innerbetrieblichen Interna nach außen zu tragen, und insbesondere gegenüber direkten Wettbewerbern sollte sie Stillschweigen bewahren. Nun war Valerie ja nicht besonders in Firmengeheimnisse eingewiht gewesen, trotzdem hatte sie in ihrem Arbeitsbereich der Marketingdirektion doch allerhand gehört, gesehen und in Erfahrung gebracht, worüber sie draußen nichts ausplaudern durfte. Valerie fühlte sich plötzlich wichtig.
Nachdem sie alle nötigen Formalitäten hinter sich hatte, sammelte sie ihre persönlichen Siebensachen aus ihrem Schreibtisch zusammen, verstaute die Sachen in einem kleinen Pappkarton, klemmte diesen unter den Arm, machte dann noch einen kleiner Rundgang durch diverse Nachbarbüros, um sich von einigen Kollegen zu verabschieden, und stand eine halbe Stunde später draußen vor dem Firmenhochhaus, auf dessen Dach sich der große Mercedesstern wie seit Jahrzehnten ungerührt und in gemächlichem Tempo im Kreise drehte. Niemand schaute nach ihr, niemand und nichts schien Anteil zu nehmen an ihrem Abschied.
Sie verscheuchte ein paar trübe Gedanken. Es war doch eine schöne, eine positive zeit gewesen beim XXXXler. Immerhin hatte sie dort in diesem Hochhaus und unter diesem Mercedesstern ein paar Jahre ihres beruflichen Lebens zugebracht, hatte viel gelernt von den Chefs und durfte mit vielen "supernetten" Kollegen zusammenarbeiten. Sie dachte an ihre Assistentenzeit bei Dr. Schmidt, dann auch an Erica, ihre Kollegin und Busenfreundin, zu der sie in den vergangenen Jahren einen enge Freundschaft entwickelt hatte. Sie würde mehr zu tun bekommen mit Erica in der Zukunft, denn deren Mann, Michael, war ja jetzt Valeries neuer Chef in dieser Immobilienfirma, wo sie neu antreten würde.
Sie dachte an Alice, ihre coole blonde Kollegin und Nachfolgerin. Charly ging ihr durch den Kopf, mit dem sie In Frankfurt getanzt hatte, und die anderen Kollegen im Arbeitskreis "Taxi-Verkaufsförderung" fielen ihr dann noch ein. Ein wenig wehmütig dachte sie auch an die früheren Abenteuer in Frankfurt bei der Automobilmesse, und natürlich auch an Karl-Heinz, der damals der erste Mann gewesen war in ihrem neuen Leben als Frau, das in Frankfurt eigentlich erst richtig begonnen hatte. Es war ihre eigene persönliche Entscheidung gewesen, diesen Weg zu gehen, reingegangen in die Firma war sie als Mann im grauen Businessanzug, und jetzt, fast fünf Jahre danach kam sie wieder aus dem Haupttor heraus in Nylons und im engen Rock. Ein wenig reicher an Erfahrungen, aber auch ein wenig ärmer an Illusionen.
Sie erreichte das Firmenparkhaus, stieg in ihren kleinen weißen Peugeot du fuhr langsam nachhause. Es war warm draußen und die Fenster ihres Wagens blieben deshalb offen, sie ließ ihr Haar im Fahrtwind wehen, das inzwischen eine ordentliche mittlere Länge erreicht hatte, sie trug seit einigen Monaten keine Perücke mehr, höchstens noch zu besonderen Anlässen. Sie würde sich eine neue Frisur machen lassen, soviel stand fest. Ihre Gedanken liefen im Kreis. Soviel musste geschehen, soviel musste geändert werden. Vielleicht eine neue Wohnung, vielleicht ein anderes Auto, mit dem sie auch lange Autobahnstrecken würde fahren können. Und dann war da natürlich Gunnar, dessen Abschlussprüfungen zum Lehramt bald anstanden. Was würde danach aus ihrer Beziehung werden? Wohin würde er versetzt werden als Lehrer?
Der gute Dr. Schmidt. Ihr wurde ganz warm ums Herz als sie an ihren alten Chef dachte. hatte der es doch tatsächlich durchgesetzt, dass ihr zusätzlich zum letzten Monatsgehalt noch einmal fünftausend Euro als Übergangsbeihilfe aufs Konto überwiesen wurden! Sie konnte es kaum glauben, als sie ihre Kontoauszüge durchging und die Summe sah. Sie musste nicht lange überlegen, was mit dem Geld anzustellen war. Schon lange dachte sie an eine Brustimplantation, und sie war fest entschlossen, diese Sache jetzt anzugehen und wollte das Geld dafür verwenden. Sie hatte zu dem Thema gegoogelt und in Böblingen, einer der kleinen Satellitenstädte, die das Stuttgarter Zentrum umstehen, hatte sie eine privat geführte Schönheitsklinik gefunden, die wohl solche Operationen durchführten und zwar zu einem Preis, der jetzt für sie bezahlbar schien, nach der großherzigen und unerwarteten Spende ihres alten Chefs.
Ja also, sie würde eigene Brüste haben! Und auf Einlagen und Silis würde sie dann ganz verzichten können! Valeries Stimmung wurde ganz euphorisch, als sie daran dachte. So vieles würde sich ändern in Zukunft. Ein neuer Beruf als Immobilienverkäuferin stand an, du dann würde sie vielleicht bald ein neues Leben beginnen mit einem Mann zusammen! Und dann noch einen richtigen eigenen Busen, das war doch wirklich eine tolle Sache. Seit sie mit Gunnar zusammen war, hatte sie die Silikoneinlage, die sie seit Jahren trug, immer häufiger auch mal als störend empfunden. Nicht im Büro, nein, am Schreibtisch und im Beruf waren Silis völlig unproblematisch, im Gegenteil fand sie es sogar attraktiv, zum Beispiel am Abend beim Ausgehen oder wenn Kino oder Theaterbesuch anstand, auch mal eine größere Größe zu tragen als im Alltag, so war ihr Dekolleté einfach zu variieren und sie konnte etwas vorzeigen, was sie in Wirklichkeit gar nicht hatte.
Nur, es gibt aber auch noch ein Freizeit-Leben, es gibt das Jogging, das Sportstudio, und da zeigten sich die Silis, auch die kleinen, manchmal doch etwas sehr störend. Immer, wenn ihr jemand Hilfestellung am Gerät gab, der Gedanke: Hat der/ die jetzt etwas gemerkt oder nicht?
Und dann natürlich das Thema eins: Sex mit Männern. Seit sie mit Gunnar zusammen war, hatte sie zwar nur noch mit diesen Mann Sex, und gar nicht so selten. Die beiden waren bald gut eingespielt, hatten ihre Routinen beim Sex entwickelt, und der Sex mit Gunnar tat ihr wirklich gut. Aber immer noch gab es da diesen kleinen störenden Gedanken, der da rumschwirrte, ein lästiger Zweifel, aber er war immer da. Wenn Gunnar bei ihr war und sie sich entkleidete und ihr dann die beiden Silikonkissen entgegenpurzelten beim Ablegen ihres BHs: Immer diese Frage: Hat er es gesehen? Was denkt er wirklich darüber? Tut er nur so, als ob es ihn nicht störte? Immer diese Selbstzweifel. Bin ich Frau genug für Gunnar? Diese Fragen waren eigentlich immer vorhanden.
Nun das würde sich jetzt bald ändern. Für Valerie war es überhaupt keine Frage: Sie würde sich dort in dieser Klinik zwei hübsche Silikonimplantate operativ unter der Haut, genauer unter dem Brustmuskel einsetzen lassen, und damit hoffte sie einen weiteren Schritt in Richtung auf ihr "wirkliches" Frauenleben gegangen zu sein. Soweit ihre Gedanken und Ideen, vielleicht waren sie naiv, aber sie kamen aus ihrem tiefsten Inneren. Sie wollte diese OP wirklich machen lassen.
Soviel für heute. Über das Beratungsgespräch beim Doktor und wie es weitergeht, erfahren wir demnächst mehr.
Liebe Grüße
Valerie
