71. und letztes Kapitel.
Hoffentlich sind die treuen Leserinnen bei der Wahrnehmung der heutigen Überschrift nicht allzu sehr erschrocken. Aber doch, ja, ich habe mich entschlossen, mit der Geschichte, die. m.E. heute fast aus-erzählt ist, dann auch zu Ende zu kommen. Valerie ist ja, und das weiß sie auch, inzwischen doch an ihrem Ziel angelangt. Ihr erinnert euch, es war doch immer ihre erklärte Absicht, in Erfahrung zu bringen, was es im einzelnen bedeutet, als Mann sozusagen das Geschlecht zu wechseln (natürlich nur was die Kleidung betrifft) und über längere Zeit in die Rolle einer Frau zu schlüpfen und dort auch den Alltag als Frau zu verbringen, und zwar langer als nur ein paar Tage lang. Heute, nachdem sie etliche Zeit und viele Monate in ihrer neuen weiblichen Rolle zubrachte, hat sie nicht nur das Alltagsleben einer berufstätigen jungen Frau zur Genüge kennengelernt, und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Was aber noch viel wichtiger ist, sie glaubt inzwischen auch verstanden zu haben, wie es sich mit der Liebe zwischen Mann und Frau verhält. Dass Liebe mehr ist als Sex.
Zu große Worte? Ich denke schon, dass sie Recht hat mit ihrer Einschätzung. Liebe und die logische Folgerung daraus, nämlich das Zusammenleben als Frau und Mann ist auch für sie und Gunnar möglich. Was sie meint, verstanden zu haben, ist die Tatsache, dass sie einen Mann wie Gunnar lieben kann. Obwohl sie einst mit sogenannten "männlichen Geschlechtsmerkmalen" diese Welt betrat, kann sie trotzdem mit einem Mann zusammenleben, ohne dass sie jetzt immer daran denken müsste, sich irgendwann einmal einer geschlechtsangleichenden Operation zu unterziehen. Davor hat sie sich nämlich immer gefürchtet, und eine solche Konsequenz hätte sie niemals auf sich genommen. Umso glücklicher ist sie jetzt, in Gunnar einen Mann gefunden zu haben, der sie als Mensch akzeptiert und liebt, so wie sie ist, und dem es offenbar kein allzu großes Problem ist, dass sie biologisch keine Frau ist, und die beiden niemals eigene Kinder haben werden.
Überhaupt Kinder: Gunnar hat in seinem Beruf als Lehrer täglich mit Kindern zu tun, und deshalb hat sich Valerie auch schon mal Gedanken darüber gemacht, wie es wohl wäre, irgendwann mal ein Kind zu adoptieren.
Valerie als Mutter, ein seltsamer Gedanke auf den ersten Blick. Auch für sie selbst. Aber solche "weiblichen" Eigenschaften steckten schon in ihr drin, wenn sie nur tief genug schaute, und Weiblichkeit hat sicherlich wenig mit den entsprechenden Organen oder weiblicher Biologie zu tun, das war ihr schon klar. Vielleicht macht sie das einmal mit der Adoption, aber das wird sie noch mit Gunnar besprechen müssen.
Gut, man könnte es als "Kompensation ihrer nicht real vorhandenen biologisch weiblichen Eigenschaften" betrachten, dass sie sich immer sehr viel Mühe gab mit ihrem äußerlichen weiblichen Erscheinungsbild, dass sie immer auf ihre Kleidung und die Figur achtete, ihre Silis nie zu klein wählte sondern stets so, dass Männer ihr nachkuckten. Dass sie sich stets sorgfältig schminkte, und das mit dem Effekt, dass sie nach außen eigentlich niemals und niemandem als "verkleideter Mann" auffiel und sich im Gegenteil die Männer auf der Straße oft nach ihr umdrehten. Sie fand das eigentlich immer gut. Und immerhin, auch Gunnar hat es insgeheim gefallen, daß seine Valerie nach draußen hin "Schau machte", und nur er allein kannte ja ihr kleines Geheimnis (natürlich mit Ausnahme ihrer anderen Freunde).
Und das letzte Gespräch mit Erica hat ihr auch die Augen darüber geöffnet, was Liebe ist, und seither ist sie sich auch sicher, dass sie Gunnar fragen wird, ob er sich vorstellen könnte, dass die beiden einmal zusammenleben werden. Sie meint die Antwort heute schon zu kennen, will sich aber mit der Frage noch Zeit lassen.
Beruflich hat sie sie in der vergangenen Woche das Gespräch mit Michael, ihrem neuen Chef, bereits gesucht und inzwischen auch einen neuen Arbeitsvertrag in der Tasche, der sie materiell deutlich besser stellen wird als ihr gekündigter Job beim Daimler, den Namen, den ich aus juristischen Gründen bisher immer als XXXXler geschrieben habe, schreibe ich heute zum ersten mal im Klartext, weil die Story eh' zu Ende ist.
Valeries neues Büro liegt in der Stuttgarter Königstraße, einer der hipsten und angesagtesten Geschäftslagen in der Stuttgarter City. Ihr Auto parkt sie immer noch in einem innerstädtischen Parkhaus, aber sie wird sich bald einen kleinen Smart bestellen, und zwar einen E-Smart, den kleinen weißen Peugeot (einen Diesel) wird sie dann wohl verkaufen müssen.
Gunnar selbst wird ja dann auch wohl bald ein verbeamteter Lehrer sein und dann wird es für die beiden wohl die Zeit anbrechen, über ihre Zukunft nachzudenken, die wahrscheinlich eine gemeinsame sein wird. Zunächst, d.h. im nächsten Jahr oder in den nächsten zwei oder drei Jahren wird sie aber viel reisen müssen, ihr neuer Job verlangt das, sie wird dann viel in Südeuropa unterwegs sein, in dieser Zeit dann im Hotel wohnen und die Mahlzeiten im Restaurant einnehmen. Eigentlich ein guter Job für einen weiblichen Single wie Valerie. Ich denke es wird ihr gefallen und sie wird auch diese neuen Erfahrungen mitnehmen und ihren Horizont noch erweitern.
Mit ihren alten Freunden, das heißt mit Erica, ihrer Busen- und ältesten Freundin überhaupt, und mit Alice, ihrer alten Kollegin kommt sie noch gelegentlich zusammen, die Mädels reden dann (wie sollte es wohl anders ein) gerne über die Männer an sich und manchmal, wenn sie entsprechend viel Prosecco intus haben, auch über Valeries damalige Abenteuer als Messehostess in Frankfurt, und dann kann es schon mal vorkommen, dass sich Erica zu ihr herüberbeugt und ihr zuflüstert: "Erinnerst du dich noch an Karl-Heinz, deinen ersten Lover?" Sie kriegt dann von Valerie einen Knuff in die Seite, aber dann wird Valerie auch still und kriegt einen romantischen Gesichtsausdruck. Wie könnte sie ihren ersten Mann je vergessen?
ENDE
und liebe Grüße,
Valerie
