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16.5.2015
Heute griff ich auf ein zwar neues, aber bereits erprobtes Outfit zurück: grün-weiß-schwarz gemustertes knielanges Kleid, hautfarbene Strumpfhose schwarze Sandaletten und draußen meinen schwarzen Blazer darüber. Das hatte ich wenige Tage zuvor bei einem Straßenfest in meiner Heimatstadt schon einmal getragen.
Nach der üblichen Schminkprozedur ging ich zum Frühstück und musste erneut feststellen, dass außer mir keine Frau sich für die klassische Damenbekleidung entschieden hatte. Heute blieb wenigstens noch etwas Zeit für einen kleinen Einkaufsbummel.
Das größte Einkaufszentrum in der Nähe dürften die Schönhauser Allee Arcaden sein. Dort suchte ich nach einem langen Sommerkleid. Mit kurzem Arm sollte es sein, denn ärmellose Teile hatte ich bisher vermieden, weil damit meine Schultern mir zu breit erschienen. Das Angebot dazu ging allerdings gegen Null. Bevor ich die Suche enttäuscht abbrach, probierte ich wenigsten ein Kleid: knöchellang, blau-weiß gemustert, oben mit V-Ausschnitt und breiten Trägern, die nach oben schmaler wurden. Diese Konfiguration sorgte wohl dafür, dass die Schultern mir plötzlich nicht mehr so breit erschienen. Ich war begeistert und kaufte das Kleid. So hatte sich dieser Einkauf doch noch gelohnt.
Ich schaffte es gerade noch, schnell etwas zu essen, denn das Programm im Sonntagsclub bot am Nachmittag dazu keine Gelegenheit mehr. Es begann mit einem Workshop für eine weibliche Stimme. Eine angehende Logopädin, selbst Transfrau, erklärte uns, was eine weibliche Stimme ausmacht und konnte das meiste davon auch praktisch demonstrieren. Einige praktische Übungen für alle folgten. Diese sorgten einerseits für eine gewisse Erheiterung, da manches doch etwas albern klang, zeigten andererseits aber auch, dass es viel Übung bedarf, um einmal akustisch eindeutig als Frau erkannt zu werden.
Ich selbst sehe mich diesbezüglich in einer nicht allzu schlechten Ausgangsposition, da ich bei meinen Ausflügen als Andrea selten Irritationen wegen meiner Stimme beobachte. Trotzdem bereiteten die Übungen mir große Schwierigkeiten und bis ich auch mal am Telefon als Frau angesprochen werde, ist es noch ein weiter Weg.
Ariane war so freundlich und machte anschließend ein Foto von mir:
Sonntagsclub(1).jpg
Inzwischen war auch ein Schminkworkshop in vollem Gange. Zwei Kosmetikerinnen gaben nützliche Tipps für ein vorteilhaftes Makeup. Wer es wollte, konnte sich auch fachgerecht schminken lassen. Ich habe es hier beim Zuschauen belassen und die Veranstaltung auch vorzeitig verlassen. Als leidenschaftliche Opernliebhaberin konnte ich es mir nicht verkneifen, wieder eine interessante Aufführung zu besuchen.
Zurück im Hotel machte ich mich für den kulturellen Höhepunkt des Tages zurecht. Ich zog mein dunkelgrünes knielanges Kleid an, dazu hautfarbene Strumpfhosen weiße Pumps und für draußen eine weiße Jacke darüber. Natürlich hatte ich auch mein Makeup einer Auffrischung unterzogen.
Nachdem ich in den Jahren zuvor bereits die Staatsoper (z.Z. im Schillertheater) und die Komische Oper besucht hatte, ging es diesmal in die Deutsche Oper. Im Vorverkauf gingen nur etwa 80% der Karten weg. Da sah ich kein Problem, an der Abendkasse noch reichliche Auswahl zu haben. Umso mehr erschrak ich über die riesige Schlange, die sich durchs gesamte Foyer erstreckte. Fast 20 Minuten musste ich noch bangen, bis ich wohl eine der letzten Karten in der Hand hielt.
Ich gab meine Jacke an der Garderobe ab und sah mich ein wenig im Haus um. Mein erster Eindruck: Das größte, was ich bisher sah! Später las ich, dass hier etwa 2000 Besucher Platz finden. Angenehm überrascht war ich auch vom Kleidungsstil der anderen Besucher(innen). Ganz ohne "Ausrutscher" ging es zwar auch hier nicht, aber diejenigen, die durch besonders festlich elegante Kleidung aus der Masse herausstachen, waren eindeutig in der Überzahl.
Die meisten unpassend gekleideten Besucher saßen übrigens genau eine Reihe vor mir als männliche Mitglieder einer Gruppe Jugendlicher. Den jungen Damen dieser Gruppe muss ich dagegen mein Lob für deren wunderschöne Kleider aussprechen. Aber mal ehrlich: Hatten die Männer (außer mit Crossdressing) überhaupt eine Chance, da mitzuhalten?
Auf dem Spielplan stand "Carmen" von Georges Bizet, eins der berühmtesten und meistgespielten Werke der Opernliteratur. Die Handlung dürfte allgemein bekannt sein:
http://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_%28Oper%29
Inszeniert wurde die Oper ganz klassisch ohne jegliche Schnörkel. Bereits seit 1979 wird diese mit nur geringfügigen Änderungen hier so aufgeführt. Manch einer mag darin mangelnden Einfallsreichtum der Beteiligten sehen, aber es spricht für die Qualität der Inszenierung, wenn damit immer noch ausverkaufte Aufführungen erzielt werden. Bei "Carmen" spricht allerdings allein die Musik schon für sich.
Aufgefallen ist mir noch eine Eigenart des Publikums hier: Es hatte es sehr eilig mit dem Beifall. Oft setzte dieser ein, bevor die letzten Takte verklungen waren.
Nach diesem alles in allem doch großartigen Opernabend fuhr ich mit der U-Bahn wieder zum Hotel zurück, aber nicht ohne vorher noch einmal im Sonntagsclub vorbeizuschauen. Einige von "uns" waren noch da und fragten mich, wie es gewesen sei. Sie hätten ja einfach mitkommen können, aber das Programm im Sonntagsclub soll auch nicht zu verachten gewesen sein.
Da der Abend sich auch hier dem Ende zu neigte, verabschiedete ich mich und zog mich ins Hotel zurück.