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Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 10. Feb 2024, 09:06
von Juliane
Liebe Kerstin,

ja, diese Erinnerungen :D . Ich kann mich ganz schwach an etwas ähnliches erinnern.
Da mag ich so 10-12 gewesen sein und probierte, bei den seltenen passenden Gelegenheiten, schon einmal Mutters
Sachen an.
Beim Besuch meiner Tante, so erinnere ich mich dunkel, war im Gang zu Bad und Toilette, ein Schuhregal mit einem
Vorhang davor. Dort standen die Damenschuhe meiner Sehnsüchte aufgereiht. Die hohen Pumps meiner Tante, die
sie damals Mitte der 60iger, zur Arbeit als Sekretärin, wohl täglich trug.

Und etwas ziemlich gegensätzliches habe ich in -Julianes Weg, Post 75- geschildert. Dort, wo meine Nichte und die
Großnichten ihre "Tante Juliane" fragten, was für Strümpfe ich trug und wo sie solche kaufen könnten.

Liebe Grüße, Juliane

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 10. Feb 2024, 11:07
von Magdalena
Liebe Kerstin,

auch ich erkenne mich in diesen Zeilen wieder. Im Flur hinter einem Vorhang das Schuhregal. Da standen sie, die Schuhe meiner Träume, Pumps mit hohen Absätzen, elegante Sandalen.
Und dann die magische Anziehungskraft des Kleiderschrankes meiner Mutter. Bei diesen Zeilen werden Erinnerungen an vergangene Tage wach.


Viele liebe Grüße von Magdalena

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 10. Feb 2024, 13:56
von Franziska
Liebe Kerstin,

wie ich schon einmal geschrieben hatte, kam bei mir das "Frau sein" spät zum Vorschein und schließlich war es meine verstorbene Frau, die das beim Zusammensetzen vieler Mosaiksteine bei mir entdeckte und zum Vorschein brachte. Einer davon war auch der gemeinsame Schuheinkauf und wenn mein Blick in der Damenabteilung verstohlen wanderte und die Sehnsucht aufkam, Pumps oder auch Heels einmal tragen zu dürfen.

Und heute trage ich diese Schuhe und es ist einfach ein schönes Gefühl, diese auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Dazu als Frau noch dezent geschminkt, dies hätte ich mir früher kaum vorstellen können. Es sind dann die Glücksmomente, die das Leben einem gibt.

Liebe Grüße
Franziska

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Fr 16. Feb 2024, 23:37
von Kerstin1958
Liebe Mitmenschen,

uns alle hat heute die betroffen machende Meldung über den Tod Alexej Nawalnys erreicht.

Sehr schwierig gestaltet sich es für mich, einen halbwegs angemessenen Text zu wählen.
Hier nun ein Versuch:


er faltete seine hände
&
rot leuchteten die lackierten nägel

die hände gefaltet
flehte er

:

oh

GOTT


-© by Kerstin5858



Kerstin

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 17. Feb 2024, 20:02
von Magdalena
Liebe Kerstin,

lackierte Nägel wird Nawalny nicht gehabt haben. Sicher aber wird er seine Hände gefaltet haben.

Doch oft sagte ich auch "Oh Gott". Meist nach erfolgreich überstanden Situationen, welchen ich nicht gewachsen schien. Es machte sich Erleichterung breit. Dem "Oh Gott!" folgte meist, "es war knapp" hinterher.


Viele liebe Grüße von Magdalena

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Fr 23. Feb 2024, 20:31
von Kerstin1958
Liebe Mitmenschen,

nach einem Ausflug in die Abgründe der Welt, die sich um uns herum auftun, möchte ich heute einmal wieder einen Blick auf das eigene Ich (mehr oder weniger das eigene jedenfalls) wagen.
Kritisch trotzdem auch, ein wenig, aber das bin wohl ich?...

für wen denn wirklich?

die stilettos
den kurzen rock
den push-up
das blau-grün-schwarz der augen

für dich?

oder für sie?
oder für die?

oder etwa
das bild von von denen von dir
in dir
?
-© by Kerstin5858


In diesem Sinne, stay tuned...
Kerstin

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Fr 23. Feb 2024, 21:32
von Magdalena
Liebe Kerstin,
für wen denn wirklich?
Um diese Frage für mich zu beantworten. Es ist für mich, hauptsächlich für mich. Der Rock, die Stilettos und alles andere ist nur Beiwerk. Geht's doch darum sich wohl in seiner Hülle wohl zu fühlen. Weniger wie es andere Menschen sehen. Am Ende steigt das eigene Selbstwertgefühl. Dies strahle ich als Frau aus. Was gibt's für mich besseres.

Viele liebe Grüße von Magdalena

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Fr 23. Feb 2024, 22:09
von Juliane
Liebe Kerstin,

ja, da haben wir wohl alle, so ein paar Zerrbilder von uns, oder über uns gespeichert.
Für mich als Teilzeitfrau, die dieses Jahr 70 wird, haben sich die Prioritäten längst verschoben.

Kurze Röcke waren noch nie mein Fall und inzwischen sind die Beine knubbelig geworden, so
dürfen die Strümpfe gern ein wenig dicker, in der den Stärke, ausfallen. Und auch die Stilettos
haben ein bißchen bequemeren Pumps Platz gemacht. Doch hübsche Schuhe müssen nach wie
vor sein, auch wenn die Absätze ein bißchen niedriger ausfallen. Aber schlank müssen sie sein!
Dicke Klötze unter den Fersen mag ich überhaupt nicht.

Ja, und Makeup muss für Juliane sein, sonst schaut die Männerhaut durch. Da reicht jedoch auch
weniger Farbe und mehr Sorgfalt beim Schminken.
Und das alles eigentlich nur für mich, denn ich muss und will mich gut fühlen, auch als Teilzeitfrau.

Als angenehmer Nebeneffekt ergibt sich dann gelegentlich ein Kompliment hier, ein Lächeln meines
Gegenübers dort. Und das zeigt mir, dass viel häufig zuviel ist, oder zumindest früher war.

Liebe Grüße, Juliane

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 24. Feb 2024, 09:03
von Franziska
Liebe Kerstin,

als ich für mich das "Frau sein" mit Unterstützung meiner Frau entdeckte, kam bei mir eigentlich nie der Gedanke auf besonders aufreizend oder erotisch zu wirken. In erster Linie wollte ich in die Rolle der Frau "schlüpfen", dezent geschminkt, altersgemäß gekleidet. Natürlich kommt auch schon mal ein etwas ausgefallenes Teil dazu. Aber entscheidend für mich: Ich will und muss mich darin wohlfühlen. Und darum kann ich dies heute auch mehr und mehr selbstbewusst ausleben.

Das ganz große "aufbrezeln", um aufzufallen und damit anderen vielleicht zu imponieren, war und ist nicht mein Ding.

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 2. Mär 2024, 22:10
von Kerstin1958
Liebe Mitmenschen,

mächtig in Verzug bin ich mit meinem freitäglichen Text für euch hier im Forum.
Aber der Besuch ging spät und heute rief der Garten...

Doch nun ein paar neue Gedanken:

zum beispiel...

der abend fortgeschritten
das glas mit rotem wein
nur noch halb voll

die nacht sagt schon guten morgen
über den bildschirm flackern alte videos

meine jugend? --- meine jugend!
& dann springt sie aus dem fernseher
& dann entspringt sie der vergangenheit

& plötzlich ist da wieder dieser wunsch
so unendlich gerne einmal
mit ihr tanzen zu gehen

oder — eigentlich viel lieber
so unendlich gerne
sie sein

mit haut und haaren einfach nur...
sie sein: Kim Wilde


Jaja, da sahen damals manche Mädels durchaus begehrenswert aus, in 'mancherlei Hinsicht'.

In diesem Sinne...
Kerstin

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: So 3. Mär 2024, 09:12
von Juliane
(moin) liebe Kerstin,

ja jaa, die Erinnerungen. Davon haben wir ja alle welche. Die einen mehr, die anderen weniger.

Denn schließlich sind wir ja auch alle verschieden lange auf dieser Welt. Und haben häufig unterschiedlich
früh, oder spät, unsere Weiblichkeit entdeckt. Und die Vorbilder, denen wir manchmal ein Leben lang
nachhängen, können je nach Anzahl der Kerzen auf der Torte, auch völlig unterschiedlich sein.

Ein Beispiel? Ich sah letztens, so ähnlich wie du, eine tolle Frau auf dem Bildschirm meines PC. Noch
in scharz-weiß :o . Mit sparsamen Bewegungen vor dem Microfon stehend, ...... mit großzügiger Frisur,
Pettycoatkleid, Nylonstrümpfen und Stöckelschuhen. Caterina Valente, wohl zu Anfang der 60er Jahre.

Und da war es wieder dieses Gefühl, das ich bereits damals irgendwo tief in mir spürte. Einmal so
gekleidet sein, einmal so auszusehen. Einfach feminin, weiblich, und toll gekleidet zu sein.

Na jaaa, inzwischen mache ich das seit über 25 Jahren. Und ich tue es immer wieder sehr gerne und
mit großer seelischer Befriedigung.
Mit einem Pettycoat unterm Kleid, zwar nur noch zu besonderen Anlässen. Aber sehr oft Im Kleid, oder
Rock und Bluse, mit Stöckelschuhen, Nylonstrümpfen, Makeup und schicker Frisur.

Irgendwie ist es doch zumindest ein klein wenig war geworden, so als Frau unterwegs zu sein. Auch
wenn es, zumindest in meinem Fall, nicht Kim Wilde gewesen ist :wink: .

Liebe Grüße, Juliane

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: So 3. Mär 2024, 17:19
von Franziska
Liebe Kerstin,

wenn ich an meine jüngeren Jahre und die Erinnerungen zurückblicke, dann habe ich damals (leider) meine Gefühle immer unterdrückt und nie wirklich nach außen kommen zu lassen. Frei nach dem Motto: "Das macht man doch nicht. Was sollen die Leute sagen!" Hindernisse lagen aber auch bei meiner ersten Frau, dem Beruf, aber auch später als Person der Öffentlichkeit. Die Gedanken konnte ich aber nie vollständig unterdrücken, sie blieben dann mein Geheimnis.

Die Bilder einer Frau, die ich dann vor Augen hatte, war allerdings nicht Kim Wilde, es war dann eher schon Linda Ronstadt. Den älteren von Euch wird der Name vielleicht noch etwas sagen. Ich besitze eine umfängliche Plattensammlung von ihr und bin nach wie vor großer Fan ihrer Musik.

Mein (kleines) Geheimnis hat dann meine zweite Frau zum Vorschein gebracht. Sie hatte verschiedene Mosaiksteine zusammengesetzt und in vielen positiven Gesprächen haben wir dann mein
"Frau sein" Stück für Stück entwickelt. Aber aufgrund ihrer schweren und unheilbaren Erkrankung habe ich dann nach rund zwei Jahren alles wieder "auf Null" setzen müssen.

Ein Jahr nach ihrem Tod habe ich dann die verschiedenen Sachen wieder hervorgeholt, regelmäßig wieder angezogen und auch Stück für Stück erweitert. Zuerst nur in der Wohnung, nach anfänglicher Scheu auch außerhalb. Und heute gehe ich ohne große Hemmungen auch in die Öffentlichkeit. Insofern sind bei mir die Erinnerungen auf rund 8 Jahre beschränkt, vor allem aber die letzten zwei Jahre. Frei nach dem Motto: "Es ist nie zu spät, seine Träume zu erfüllen," und damit auch den anderen Teil seines Lebens zu genießen. Manche halten mich vielleicht für verrückt, aber ich stehe inzwischen dazu.

Liebe Grüße
Franziska

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Fr 8. Mär 2024, 11:59
von Kerstin1958
Liebe Mitmenschen,


wieder einmal habe ich gekramt in meinen 'alten' Texten.
Fündig geworden bin ich im Jahr 1993... meine Göttin! ... eine Ewigkeit ist das ja schon her!
Aber natürlich kann ich mich an vieles erinnern, was damals wichtig war, natürlich weiß ich auch noch so manches, was ich damals fühlte.
Und heute, ja, heute kann ich über so manches, was ich 'veranstaltet ' habe, doch milde Lächeln.

Ein mildes Lächeln um die Lippen und ein 'gut so, wie es jetzt ist' im Gefühl, was will frau mehr???



noch nicht schlafen gehen
- wollen
gegen die müdigkeit ankämpfen
- müssen

ein wenig noch:
musik
ein wenig noch:
rote nägel, make-up und rock
ein wenig noch:
ich


-© by Kerstin5858

In diesem Sinne wünsche ich auch möglichst vielen anderen ein 'mildes Lächeln' und ein gleichzeitiges 'gut so'...
Kerstin

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 9. Mär 2024, 09:48
von Juliane
Liebe Kerstin,

ja, mit dem nötigen zeitlichen Abstand und der sittlichen Reife :mrgreen: betrachtet, kann auch ich darüber lächeln.

Damals aber, damals war das anders. Da wurden die wenigen Momente, wo es möglich war sich einmal weiblich
zu kleiden, so lange wie möglich ausgenutzt, ja ausgekostet.

Und heute? Heute, wo Juliane als Teilzeitfrau leben kann, da sind solche Momente oft möglich. Praktisch immer
wann mir danach ist, kann ich die weibliche Seite in mir ausleben.
Das muss dann zwar nicht immer mit einer optisch kompletten Verwandlung passieren, aber auch ein paar Stücke
weiblicher Wäsche, Kleidung, oder Garderobe sind fast immer möglich.

Und an besonderen Tagen dann, der zumindest optisch komplette Wechsel. Die Lady, die Dame, aus dem Kleiderschrank
lassen und als solche etwas unternehmen. Und sei es nur eine Besorgung erledigen, oder den wöchentlichen Großeinkauf
im Supermarkt machen.
So vieles geht, was noch vor Jahren undenkbar erschien.

Liebe Grüße, Juliane

Re: Kerstins literarische Ecke

Verfasst: Sa 9. Mär 2024, 10:46
von Magdalena
Liebe Kerstin,

wie es Juliane schon schreibt, mit reichlich Abstand betrachtet, kann auf die von Dir beschriebene Zeit zurückblicken.

Wie war es damals? Heimlichkeit! Irgendwo in der hintersten Ecke des Schrankes waren die Schätze versteckt. Und wenn alle schliefen, wurden die Schätze hervorgeholt. Rock, Bluse oder Kleid. Mit dem Schminken hielt ich mich noch zurück. Nur keine verräterischen Spuren hinterlassen.

Und doch waren es Momente der Glückseligkeit. Doch gleichzeitig auch kamen Fragen auf. Was ist nur mit mir los?
Warum fühlte ich mich einerseits wohl. Anderseits war da eine Scham. Noch wusste ich nichts von Transgendern. Geschweige zählte ich mich dazu. Internet und Informationen hatte ich damals nicht.

Erinnerungen an die Anfänge, es ist schon eine Weile her. Heute gehe ich ganz selbstbewusst als Frau durchs Leben.


Viele liebe Grüße von Magdalena