Kapitel 66: Michaels Angebot
Valerie war im Grunde nicht überrascht, Michaels Angebot zu hören, denn Erica hatte ihr diesbezüglich schon seit einiger Zeit Andeutungen gemacht, dass sein Büro dringend jemand bräuchte für das Frankreichgeschäft. Trotzdem kam seine Frage zum jetzigen Zeitpunkt für sie unerwartet und überraschend, und deshalb fiel ihr, so aus dem Stand, auch nicht gleich die richtige Antwort ein. Zumal auch noch Kolleginnen aus der Abteilung mit am Tisch saßen. Besonders Alice mußte das jetzt ja nicht gleich alles mitkriegen. Valerie antwortete also hinhaltend.
"oh.... ahhhmmmm... na also... ich weiß nicht so recht was ich da jetzt dazu sagen soll..."
Aber dann nach einer kleinen Pause wurde sie aber gleich wieder frecher und etwas spitzig, wie es manchmal so ihre Art war. So, wie sie eigentlich immer reagierte, wenn man sie auf dem falschen Fuß erwischte, oder wenn sie sich ein wenig in die Ecke gedrängt fühlte, dann wurde sie nämlich gleich ein klein wenig spitz, um nicht zu sagen, etwas aggressiver in der Tonart:
"Das kommt ganz drauf an, was du mir bezahlen würdest für den Job"
sagte sie ganz cool und schaute ihm ins Gesicht. Michael war Geschäftsmann und Profi genug, um ihre Rückfrage nicht direkt und sofort zu beantworten, sondern grinste nur breit und antwortete dann ebenfalls hinhaltend, offenbar versuchte er die Situation zu entspannen. Ja klar, logo, man würde das alles bei nächster Gelegenheit im Detail besprechen, aber er, Michael könne ihr heute schon zusichern, sie würde mit seinem Angebot hundertprozentig zufrieden sein. Er würde ihr ein Angebot machen, das sie sozusagen nicht mehr ablehnen könne. Valerie war erst mal zufrieden mit der Antwort, lehnte sich in ihrem Sofa zurück und schwieg fürs erste. Das Gespräch der Vier verlief sich dann weiter im Allgemeinen, man sprach über Ferienhäuser in Frankreich, Michael erzählte, dass die Nachfrage wohl zur Zeit sehr stark sei und er dächte wohl daran, vielleicht mit einem Partner dort unten im Süden ein weiteres Büro aufzumachen. Valerie spitzte die Ohren, sagte aber nichts mehr dazu. Sie war in Gedanken. Sie würde nochmals mit Michael sprechen müssen, aber sie allein mit ihm. Und dann würde sie natürlich versuchen müssen, einen Termin bei ihrem Chef Dr. Schmidt zu bekommen. Neue Gedanken, neue Möglichkeiten gingen ihr durch den Kopf. Und was würde erst Gunnar zu der Sache sagen?
Als Michael kurz in der Küche verschwand, um nochmals Espresso zu machen, folgte sie ihm kurz entschlossen. Das was sie ihn fragen wollte, mussten Erica und Alice jetzt nicht unbedingt hören. Sie zog also die Küchentür hinter sich zu.
"Sag mal, und das meinst du wirklich ernst, was du vorher zu mir gesagt hast?"
"Absolut ernst, sonst hätte ich es dir nicht gesagt" antwortete er und griff sich in die Brusttasche seines Jacketts, zog eine kleine Visitenkarte hervor.
"Ruf mich an unter dieser Nummer in der nächsten Woche, wenn du willst, dann besprechen wir alles Details. Aber jetzt lass uns wieder rausgehen zu den anderen, sonst kommen die noch auf falsche Gedanken"
Den Rest des Nachmittags sprach sie nicht mehr viel. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Valerie war schon immer ein Freund schneller Entschlüsse gewesen, und auch jetzt war sie fast schon wieder überzeugt davon, auf die richtige Entscheidung zuzusteuern. Ja, sie würde es versuchen mit einem neuen Job in Michaels Agentur, ein neues Büro in der Stuttgarter Königstraße würde auf sie warten, hin und wieder einige Reisen in die schönsten Urlaubsgebiete nach Frankreich, und was könnte es eigentlich Schöneres geben als irgendwelchen reichen Leuten ein Ferienhaus am Mittelmeer zu verkaufen? Dort wo immer die Sonne scheint? An der Cote d'Azur oder in der Provence oder im Languedoc? Sie kam ins Träumen. Natürlich würde sie alles noch mit Gunnar besprechen müssen.
Ohh je ... der Gunnar. Wie passte das jetzt zusammen. Konnte sie ihm das zumuten, einen neuen Job mit viel Abwesenheit wegen Auslandsreisen? Hatte Gunnar nicht kürzlich so etwas angedeutet, dass man vielleicht zusammenziehen könnte, wenn er irgendwann mit dem Studium durch sei ? Er wäre dann Deutschlehrer an einer Stuttgarter Schule... So viele Veränderungen, so viele Fragen und Unsicherheiten.
Für heute machen wir erst mal Schluß. Antworten gibt es möglicherweise in einer Woche.
Bis dann mit lieben Grüßen, Eure Valerie.
