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Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 13:15
von Vivian Cologne
"Zeit online" hat den Artikel ja immerhin in der Facebook-Gruppe geteilt, für das normale "Zeit"-Portal fanden sie zu viele Aspekte uninteressant für den normalen "Zeit"-Leser.

Aber bei FB gab es entsprechende Resonanz, sehr positiv, deshalb vermelde ich dies hier gerne. Zwei "Ekelhaft"-Kommentare gab es auch, die von den Moderatoren aber wieder gelöscht wurden, weil unsachlich :lol: . Ich hab mir mal deren Profile beguckt. Der eine ist ein Nazi, der stolz über seine Teilnahme bei der Wunsiedel-Gedenkveranstaltung am Samstag berichtete (für Volk und Vaterland, klar). Der andere hatte eine Menge Verweise auf IS-Heldentaten und angebliche Lügen der westlichen Medien gesammelt.

Wie wir hier im Rheinland sagen: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Und schließlich vereint Nazis und Islamisten schon immer der Hass auf den gemeinsamen Gegner, den sie gerne aus dieser Welt ausradieren würden.

Dass Transmenschen auch nicht in deren Gehirn passen, ist uns allen klar. Und wir sollten diese Bedrohung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Schließlich ist übermorgen Transgender Day of Remembrance, an dem wir allen Opfern von transphober Gewalt gedenken. Dass diese beiden Hirnlosen bei Facebook mich ekelhaft finden, macht mir allerdings fast schon wieder Spaß (ich weiß, der Spaß würde aufhören, wenn ich denen auf der Straße begegnete).

Sehr passend auch dieser Eintrag eines selbsternannten Deutschlehrers aus Kairo:
Bildschirmfoto 2014-11-18 um 12.57.05.png
Vivian

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 13:34
von Bianca D.
Moin Vivian,

nun,die Dummen werden leider nicht alle... entweder religiös verblendet,oder sonst welchen falschen Idealen aufgesessen. Die Reaktionen im Web zeigen aber auch ganz deutlich,wie sehr du dich mit deinem Outing in die Schußlinie bringst. Deshalb nochmal:
Externes Bild, es gelten die Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen der ausgewählten Seite.Quelle: http://www.smileygarden.de/smilie/Schilder/00000681.gif
für deinen Mut!

LG Bianca

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 13:47
von Anne-Mette
Moin,

erst einmal dazu:
Zeit online" hat den Artikel ja immerhin in der Facebook-Gruppe geteilt, für das normale "Zeit"-Portal fanden sie zu viele Aspekte uninteressant für den normalen "Zeit"-Leser
Ich bin auch immer wieder erstaunt, dass es an anderen Stellen, z.B. im BRIGITTE-FORUM so wenig Resonanz auf "uns" erklingt. Da gibt es zwar eine "Regenbogenecke", die auf meinen Vorschlag hin noch um "Intersexualität" erweitert wurde, aber ich kann fast schreiben was ich will - die Resonanz ist dünn.
Mehr Erfolg hätte ich mit einer Überschrift: "... ich (verheiratet mit einem ganz liben Mann) habe mich in meine Arbeitskollegin verliebt; aber ich bin doch nicht lesbisch. Was soll ich tun?".

"Was tun?" ist auch bei uns die Frage...
Selbst gut geschriebene Artikel fordern Menschen, die nicht mit der Thematik befasst sind, kaum zu einer Reaktion heraus.
Das macht mich manchmal traurig.

Gruß
Anne-Mette

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 14:02
von Lukretia
Zu den Anmerkungen des "Deutsch Lehrers": Irgendwo - war es hier im Forum? - habe ich gelesen, dass die Islamische Republik Iran Menschen, die ihr Geschlecht angleichen wollen, unterstützt und ihnen bei diesem Prozess hilft. Dort misst man offenbar Transsexuelle mit anderen Maßstäben als Homosexuelle. Bei diesen, Männern, die es mit Männern "treiben", versteht man im Iran bekanntlich keinen Spaß.

Lukretia

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 14:12
von Vivian Cologne
Tja, der Iran!

Thematisiert wird das zum Beispiel hier:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014 ... ielerinnen

Die Gelehrten sehen dort TS als heilbare Krankheit an, der man mit einer OP habhaft werden kann. Das ist nicht mein Verständnis von Transsexualität. Für schwule Männer im Iran ist dies offenbar ein Ausweg, um schwersten Strafen oder dem Tod zu entgehen. Auch nicht nachahmenswert ...

Zur Erklärung: "Zeit online" war der kirchenpolitische Aspekt sicher suspekt, von wegen "Was kümmert unsere Leser der Umgang der katholischen Kirche mit TS?". Oder sie fürchteten um die Deutungshoheit der "Zeit"-Redaktion, aber das kann ich nur vermuten, dazu kenne ich zu wenige Interna.

Vivian

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 14:26
von Anke
Hallo Vivian,

was für ein bewegender und einfühlsamer Beitrag. Das gehört mit zum besten, was ich bisher zum Thema gelesen habe.

Neben vielem anderen ist mir deine Aussage zu Toleranz und Akzeptanz aufgefallen. Mir geht es da wie Dir, ich möchte akzeptiert und nicht toleriert werden. Aber vielleicht hat sich das sprachliche Verständnis bereits so gewandelt, das mit letzterem ersteres gemeint ist. Trotzdem zucke ich immer zusammen, wenn von Toleranz die Rede ist.

Das einzige was mich bei dem Artikel ein wenig gestört hat, ist die Bemerkung am Anfang zu deinem Lippenstift. Erstens finde ich ihn genau richtig und zweitens weiß ich nicht, wer entscheiden soll, was zu viel ist. Aber das ist nur ein Nebenaspekt und fügt dem Artikel keinen Schaden zu.

Vor allem auch deshalb, weil der Autor sich immer wieder selbst beleuchtet und in Frage stellt. Weil er immer wieder sein eigenes Handeln und Denken hinterfragt und auf den Prüfstand stellt. Denn damit ist er am eigentlichen Kern des Problems angekommen. Nicht wir sind das Problem, sondern der Umgang der anderen mit uns. Und der Autor ist mutig genug, seine eigenen Schwierigkeiten zuzugeben und sich ihnen zu stellen. Davon wünsche ich mir mehr.

Liebe Grüße

Anke

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 15:49
von Lukretia
Vivian schrieb:
"Zeit online" war der kirchenpolitische Aspekt sicher suspekt,
Das ist mir in dem Artikel auch schon aufgefallen. Er ist teils etwas "kirchenlastig", indem kirchenpolitische Aspekte mit Fragen der Transsexualität vermischt werden, was aber im Kontext des christlichen Rheinischen Merkurs (Beilage) verständlich und nachzuvollziehen ist.
Als nicht so ganz ideal empfand ich, dass der alte und der neue Papst gegeneinander ausgespielt werden. Man sollte gegen den alten (Benedikt) nicht nachtreten, da er die Größe besessen hat, als erster Papst seiner Altersschwäche Tribut zu zollen, zurückzutreten und sich ins Schweigen zurückzuziehen. Natürlich hat er, als er noch in Amt und Würden war, Dinge gesagt und geschrieben, die für Schwule und Transsexuelle schwer erträglich waren...

Lukretia

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Di 18. Nov 2014, 16:44
von Franziska
Hallo Vivian,

ich habe den Beitrag aus dem RM leider erst heute gelesen und der ist wirklich klasse.
Sehr einfühlsam geschrieben und hat mich tief beeindruckt.
Die große Zahl an Antworten zeigt auch, das viele dies ebenso sehen.

Alles Gute für Dich
und ganz besonders lG
Franziska

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 08:32
von Viktoria-TV
Man sollte gegen den alten (Benedikt) nicht nachtreten, da er die Größe besessen hat, als erster Papst seiner Altersschwäche Tribut zu zollen, zurückzutreten und sich ins Schweigen zurückzuziehen. Natürlich hat er, als er noch in Amt und Würden war, Dinge gesagt und geschrieben, die für Schwule und Transsexuelle schwer erträglich waren...
Was hat das mit Nachtreten zu tun? Es wird lediglich der Unterschied und der neue im Wind in Rom festgestellt. Also ich find diese Passage sehr sachlich. Nachtreten kann ich nicht erkennen.

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 15:26
von Vivian Cologne
Also ich würde in meinem Schreiben und Sprechen niemals Rücksicht auf einen altersschwachen Papst nehmen. Da nehme ich kein Blatt vor den Mund. Diese älteren Herren nehmen für sich das Dogma der Unfehlbarkeit in Anspruch. Das bedeutet aber auch, dass sie sich zeitlebens und darüber hinaus an dem messen lassen müssen, was sie mal von sich gegeben haben.

Sorry, da bin ich uneinsichtig. Das gilt aber nur für mich, nicht für den Autor der Reportage. Der ist gnädiger.

Vivian

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 19:50
von Magdalena
Hallo in die Runde,

ich komme ja aus dem Osten des Landes. Wir haben lange auf die Meinungsfreiheit warten müssen, ehe sie sich durch die Proteste vor 25 Jahren ihren Weg erkämpft hat. So sehe ich inden Äußerungen gegen den Papst kein Nachtreten. Wenn ich nicht der gleichen Ansicht bin, ist es mein Recht dieses mitzuteilen, solange ich niemanden in seiner Person verletze. Und einige Entscheidungen aus Rom kann aus ich nicht immer positiv sehen. Aber ich wiil nicht die Kirche und den Glauben als solches in Frage stellen.

LG Magdalena

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 20:29
von conny
@magdalena,

auch in der ddr gab es in bezug auf papstkritik (und auf vieles anderes) absolute meinungsfreiheit.
(aber wir wollen nicht vom eigentlichen thema abweichen)

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 21:20
von Magdalena
Hallo Conny,

Papskritik und DDR will ich mal ausklammern. Mir ging es vor allem in der Äußerung kein Nachtreten zu sehen. Sondern die Meinung andere zu respektieren.

Lg Magdalena

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Mi 19. Nov 2014, 21:55
von Vivian Cologne
Absolute Meinungsfreiheit in der DDR? Das ist jetzt aber die ganz feine Ironie.

Ich gebe zu, das ist OT.

Vivian

Re: Mein Kollege und ich

Verfasst: Do 20. Nov 2014, 00:49
von Lukretia
Tut mir leid, aber ich halte meine Behauptung, dass gegen Benedikt nachgetreten wird, aufrecht. Der Artikel polemisiert gegen den zurückgetretenen Papst und spielt den alten und neuen Papst gegen einander aus.
Selbst als Papst blieb Ratzinger Gelehrter. Statt sich der Natur des Menschen auszusetzen wie sein Nachfolger Franziskus, versuchte er sie in seinem Studierzimmer zu ergründen. Dort wurde er möglicherweise ein Opfer dessen, was der US-Schriftsteller David Foster Wallace in einer Rede über den Wert wahrer Bildung mal die persönliche "Standardeinstellung" nannte, "jene im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehende Ichbezogenheit, derentwegen wir alles durch die Linse des Selbst sehen und interpretieren" und uns so das Leben leicht machen. Eine ausschließlich auf Büchern und Fußnoten beruhende Bildung sei gefährlich, so Wallace...Die einfachsten Wahrheiten sind eben am schwersten zu erkennen — gerade in der Studierstube...
Oder er stellt sich, wie Ratzinger, die Wahrheit als freudlosen Salat vor: Man pickt die labbrigen Blätter heraus und ist verärgert, wenn nichts Genießbares mehr übrig bleibt.
Zum Schluss wird Benedikt als "Privatmann" tituliert, "der in den vatikanischen Gärten die Blumen wässert": Das ist typisch unsensible journalistische Herablassung und sachlich falsch. So sollte man über einen alten Mann, der von körperlichem und geistigem Verfall gezeichnet ist (ein Kardinal berichtete, Benedikt habe ihn bei einem Besuch nicht mehr erkannt, was auf beginnende Demenz hindeutet, also war der Rücktritt zwingend) nicht reden. Diesen Schlenker hätte sich der Autor besser erspart. Dabei bleibe ich.

Lukretia