Hallo!
Da ich auch schon wieder mit dem ganzen Für und Wider mit mir kämpfe, muß ich leider auch mal meinen Senf dazu geben...
Natürlich kann und ist das Tragen einer FSH sicherlich keine Sünde - für mich als Atheistin schon gleich doppelt nicht. Doch was klar sein muß ist, daß die FSH ja nur *ein* Teil ist. Denn seien wir mal ehrlich - hört es bei der FSH auf? Bei den meisten hier sicherlich nicht, und da beginnen sie, unsere Probleme.
Die FSH ist, wie jedes andere Kleidungsstück, für das wir einen solchen Faible haben, "nur" ein Stückchen Stoff. Reduziert auf die sachlich faktische Ebene ist es also ein Kleidungsstück, wie jedes andere auch. Kleidung kann funktioniell oder dekorativ sein. Bei der FSH würde ich mal sagen, sie kann beides sein. Jetzt gibt es funktionelle Kleidungsstücke, die recht eindeutig für eines der vorherrschenden beiden Geschlechter speziell gemacht sind, als prominentestes Beispiel wäre wohl der BH zu nennen, der an einem Mann nur geringe bis gar keine Funktion erfüllt.
Jetzt ist es nur so, daß wir solche Dinge nicht nur rational über ihre Sinnhaftigkeit bewerten. Es gibt da noch so komplizierte Dinge wie "Geschmack", also "gefällt mir das?". Nun, auch das ist ersteinmal komplett geschlechtsneutral. Das *kann* grundsätzlich jedem und jeder gefallen - zu sehen, zu fühlen oder eben auch selbst zu tragen.
Bis hierher würde ich also sagen, was soll's, mach doch jede(r) was, wie und wo sie/er will!
Doch so einfach ist es leider nicht.
Denn da haben wir noch unser Umfeld und die Gesellschaft im Allgemeinen.
Zum einen sind wir alle innerhalb eines bestimmten Umfeldes sozialisiert worden und aufgewachsen. Ob es uns gefällt oder nicht, wir sind nicht die Alleinherrscher unserer Empfindungen. Unser gesamtes Wertegefüge ist ein Produkt aus einem mehrere Dekaden andauernden Lernprozeß. Dummerweise gibt es dazu keinen Wertekanon, den man irgendwo nachlesen oder überprüfen könnte. Es gibt keine "10 Gebote der gesellschaftlichen Akzeptanz" oder ein "101 of the biggest Dos and Don'ts". Alles was wir über unser soziales Umfeld, dessen Funktion und das Wertesystems wissen, ist tradiertes Wissen, was in uns nur als "Gefühl" schlummert. Wir haben ein eher unbewußtes Wissen darüber, was "man" tut und was eben nicht. Dieses Wissen ist zu einem großen Teil auch selbst fabriziert, aus Erfahrung. Das Ableiten allgemeiner Regeln aus der Erfahrung ist zudem etwas sehr Gefährliches! Denn nur weil wir es so vorgelebt bekamen, bedeutet es keinesfalls, daß es wirklich richtig ist! Millionen Fliegen können sich nicht irren... Aber so funktioniert es nunmal, also müssen wir uns darüber im Klaren sein. Was ich hier meine ist, daß ersten wir selbst, die wir "anders" sind uns selbst darüber klar sein müssen, daß userer "Andersartigkeit" nur als "anders" von uns empfunden wird, weil wir es so gelernt haben. Und Gleiches müssen wir auch unserer Umgebung zugestehen, sie kennen es nicht anders.
Dinge die wir zum ersten mal sehen oder erleben, kommen uns immer zunächst erstaunlich vor, auch fremd und teils begegnen wir aus Unwissen Neuem mit schierer Ablehnung. Was aber keinesfalls bedeutet, daß es wirklich falsch wäre. Wir kennen es einfach nicht und unser tradiertes Wertegerüst zeigt auf einmal ein Loch, eine Lücke, in die wir fallen und wir wissen nicht, wie wir mit dieser Situation nun umgehen sollen.
Zurück zum Thema...
Die FSH ist ein an sich geschlechtsneutrales, funktionales und teils auch sehr schmückendes Kleindungsstück. Grundsätzlich ist gegen das Tragen von FSH durch beiderlei Geschlecht also nichts einzuwenden.
Es muß allerdings klar sein, daß wir damit an unserem tradierten Wertegerüst wackeln. Es fängt ja schon mit uns selbst an - es wackelt so gewaltig, daß immer wieder an vielerlei Orten die Frage immer und immer wieder aufkommt "Darf ich als Mann FSH tragen?". Die ist weniger eine Frage des "Dürfens" - natürlich *darf* jeder. Die Frage ist eher, ist es gesellschaftlich akzeptierbar, wenn Mann FSH sichtbar trägt? Und da wird es dann doch deutlich schwieriger.
Denn auch noch so große rationale Erklärungen über Sinnhaftigkeit und Geschlechtsneutralität können dem Großteil der Gesellschaft nicht über ihr Wertegerüst hinweg helfen. Es ist und bleibt ein Kampf und Mann muß mit Widerstand, Mißmut, Konflikt und Widerworten rechnen. Und diese sind keinesfalls negativ zu bewerten! Die, die diese aussprechen, wissen und kennen es nicht anders! Sie müssen dieses Fremdartige in Frage stellen, ihr Wertegerüst neu justieren, die Lücke schließen.
Denken wir zurück an die "unglaublichen" Entwicklungen der Frauenmode, als Frauen es sich erdreisteten, Hosen zu tragen! Oder der Mini-Rock, der Bikini etc. Bei allen diesen Entwicklungen hätte die gleiche Frage gestellt werden können "Kann denn eine Hose Sünde sein?". Natürlich nicht! Die Frauen haben es seinerzeit dennoch getan und wurden mit Erfolg belohnt. Doch der Kampf war keinesfalls leicht.
Was bedeutet das für uns?
Nun, ich denke wir sind in einer reichlich blöden Situation, solch eine Mode-Revolution vom Zaun zu brechen, aus mehrerlei Gründen.
Beginnen wir mit dem Vergleich zur Damenmode - den Hosen, Mini-Rock, Bikini etc.
Die Zeit als Frauen begannen Hosen zu tragen, war auch die Zeit der ersten aufkommenden Emanzipationsbewegungen, z.B. der "Suffragetten". Frauen die auf einmal ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollten, einen eigenen Willen haben und diesen auch zum Ausdruck bringen - z.B. durch das Tragen von Hosen statt aufwändiger Kleider. Ich denke also, daß das Tragen männlicher Kleidung für Frauen im Kielwasser dieser "Befreiung" stattfand. Weniger, weil diese Art von Kleidung einen signifikanten Vorteil in sich selbst gehabt hätte, jedenfalls nicht zu dieser Zeit, sonder eher als Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses. Dem kam noch verstärkend hinzu, daß die männliche Seite mit Stärke und Macht in Verbindung gebracht werden kann, also durchaus positiv konnotierte Eigenschaften. Die weiteren modischen "Revolutionen" hatten ähnliche Hintergründe - Befreiung vom Modediktat der Männer, Ausdruck von Unabhängigkeit etc. Frauen haben es geschafft, einen modischen Ausdruck von Emanzipation, Stärke und Übernahme von Macht darstellen zu können, ohne aber ihre gefühlvolle, sinnliche und eher "schwache" Seite dafür negieren oder abschaffen zu müssen. Heute können Frauen, je nach Gusto und Wohlbefinden, das zarte verletzliche Mädchen oder die starke Frau darstellen.
Jetzt haben die Männer nur ein Problem... alles was wir gerne erreichen wollten, ist gesellschaftlich nicht sonderlich hoch bewertet - Zartheit, Verletzlichkeit, Schönheit - alles Dinge die, wenn überhaupt, eher Frauen zugesprochen werden und zudem noch allgemein als nicht sonderlich erstrebenswert angesehen werden - im Gegensatz zu den Zielen der ersten Emanzipationsbewegungen der Frauen: Unabhängigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung!
Wir haben also hier schonmal alleine eine ungünstige Startposition.
Und dann kommt da noch gerade bei Männern eine Komponente hinzu, die man glaube ich, nicht außer Acht lassen darf - Sexualität. So sehr wir uns mit Argumenten bemühen, leider steuern ein paar Hormone den männlichen Körper, deren Wirkung wir uns leider nicht entziehen können; jedenfalls nicht ohne drastische Hilfsmittel. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund "Denken mit dem Schw*nz.". Es ist diese unheilige Verquickung von erotischer Anziehung mit dem verzweifelten Versuch, den Wunsch irgendwie rational zu begründen. Ich denke Mann sollte sich auch einmal schlicht eingestehen, daß Mann es sexy findet - fertig. Was ist daran so falsch? Es allerdings mit rationalisiertem Gleichberechtigungsgeschwurbel zu umgarnen, ist oft unehrlich und nur wenig hilfreich.
An dieser Stelle würde mich wirklich einmal interessieren, was eine Bio-Frau dabei empfindet, wenn sie sich mit kürzerem Rock, schwarzer FSH und höheren Pumps zeigt? Ist das nicht auch eine gehörige Portion Erotik und Narzismus dabei?
Und da kommen wir dann auch schon zum nächsten Punkt...
...die Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft.
Er ist eher das unscheinbare Arbeitstier, eher gefühlslos, wenn Gefühle, dann eher Aggression, "schön" darf er höchstens ein Auto finden und auch dann nur auf einer eher sachlichen Ebene etc. Seine Selbst-Ausdrucksmöglichkeiten in jeglicher Hinsicht sind sehr *eingeschränkt*. Und wenn ich so darüber nachdenke sind alle Neuerungen der letzten Jahre allesamt eher "Macho-haft", also da ist nichts dabei, was eher in die weichere oder weiblichere Richtung ginge - grau in graue Kleidersäcke. Funktional, schlicht, nicht von der Sache ablenkend, praktisch (wobei "praktisch" relativ ist - ich trage Damen-Größe 40-38, versucht damit mal einen Herrn-Anzug oder Hemden von der Stange zu finden! Ich bin schon froh, daß es endlich öfter mal Slim-line Hemden und Jeans in 29-30 Inch Weite und 34er Länge gibt).
Dies alles bildet nicht nur unseres, sondern auch das Wertgerüst unserer Mitmenschen.
Es ist also alles andere als verwunderlich, daß das Tragen einer FSH oder noch anderer bisher als typisch weiblich angesehener Garderobe für Unbehagen, Diskussionen und Verwirrung sorgt.
Nur um dies an dieser Stelle klarzustellen: Ich bin sicherlich die Letzte, die etwas dagegen einzuwenden hätte! Ich schreibe dies nur mal auf, da diese Art von Gedanken natürlich schon lange in mir und vermutlich auch in vielen anderen kreisen.
Oder auch ganz kurz: Los Leute! Tut es! Rüttelt an den Gerüsten! Reißt ein, was Euch gefangen hält!
Aber seit Euch im Klaren, daß dies nicht einfach wird. Es *ist* ein Kampf, mit vielen Tränen, großen Verlusten und für lange Zeit voraussichtlich nur wenigen Siegen.
Und noch ein Wermutstropfen bleibt. Warum empfinden "nur" wir so? Warum sind es nicht mehr? Oder sind es mehr, nur sie sagen es nicht? Oder müssen es überhaupt "noch mehr" sein? Reicht es nicht, wenn wir es wollen? Es sollte reichen...
Doch es hört ja bei der FSH nicht auf, oder?
Die FSH, Röcke und ein paar andere Accessoirs kann man ja noch argumentieren. Was mich nur die ganze Zeit in Selbstzweifel stürzt, warum will ich noch "mehr"? Dinge, die nun wirklich beim besten Willen nicht mehr "praktisch" begründbar sind - wie bspw. farbiger Nagellack? Oder Lidschatten? Oder warum empfinde ich das Tragen eines gefütterten BHs als angenehm, ja fast wie einen Schutzpanzer? Oder Schuhe mit höheren Absätzen? Die sind sicherlich weder praktisch noch in den meisten Fällen angenehm?
Nein liebe Leute, bei allem guten Willen, das hat nicht nur etwas mit Gleichberechtigung in der Kleidung zu tun. Da steckt noch mehr dahinter, und das nicht nur bei mir. Ich denke hier bei vielen Forumsteilnehmerinnen ein ähnliches Schema erkennen zu können.
Und da hört es dann bei mir auf, Sinn zu ergeben und ich zweifle wieder hin und her.
Gleichberechtigung hin oder her, es macht keinen Sinn für mich BH zu tragen. Also ist es dann doch keine Frage der Gleichberechtigung, sondern doch eher Mimikri einer Frau? Und wenn, warum? Was soll das? Ist es doch der heimliche Wunsch, wirklich als Frau leben zu wollen? Oder doch nur verwirrter "Trieb"? Oder gibt es doch einen Weg, beides in Einklang zu bringen, den ich nur noch nicht gefunden habe?
Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor...
Hach ja... bla bla, mußte mal raus. Tut mir leid, Euch mit dem verworrenen Zeug gequält zu haben...
Viele Grüße
nicole