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Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mi 12. Apr 2023, 16:56
von ExuserIn-2023-06-22
conny hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 16:32 Weil hier mit einer fragwürdigenden Ideologie versucht wird, eine Sprachregelung gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen. Ich bin der Meinung, dass mit einer ausufernden Genderdiskussion der Emanzipation letzlich ein Bärendienst erwiesen wird.
Fragwürdige Ideologie - ist es schlecht sich auszudrücken ohne jemanden zu diskriminieren? Der Eingangsartikel klingt für mich doch vernünftig. Von welcher Emanzipation sprichst du denn? Wo stehen wir Frauen denn heute? Wertet schon allein der Ausdruck fragwürdige Ideologie ( Gender-Ideologie) nicht schon die Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit ab? Wird die Welt untergehen wenn eine neutrale Ausdrucksweise benutzt wird, oder verlieren Männer dadurch ein Stück ihrer Macht?

Mich stören auch vielfach die falschen Infos in der Presse zu den angeblichen Zielen des Genderns. Das Problem ist doch das gleiche wie beim Selbstbestimmungsgesetz. Wie werde ich in zehn Jahren über diese Diskussion denken?

Menalee

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mi 12. Apr 2023, 17:10
von Annette
conny hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 16:32Ich bin der Meinung, dass mit einer ausufernden Genderdiskussion der Emanzipation letzlich ein Bärendienst erwiesen wird.
Genau das befürchte ich auch!
Danke Conny!

Liebe Grüsse,
Annette

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mi 12. Apr 2023, 17:26
von Anne-Mette
Moin,
conny hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 16:32Bärendienst
Deshalb haben Verantwortliche für in BerlinLebende (d/m/w) in weiser Voraussicht einige Erinnerungebären aufgestellt (smili)

berlin-bunt-baer.png

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mi 12. Apr 2023, 17:30
von Jaddy
conny hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 16:32
Jasmine hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 11:14 Vielmehr denke ich das eine Sprache nicht in Stein gemeißelt sein sollte, sondern vielmehr sich im Wandel der Zeit auch mal verändert..
Richtig, aber der Wandel kommt i.d.R. "von unten" und erfolgt keiner Vorgabe.
Jasmine hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 11:14 Also warum nun der Aufschrei?
Weil hier mit einer fragwürdigenden Ideologie versucht wird, eine Sprachregelung gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen. Ich bin der Meinung, dass mit einer ausufernden Genderdiskussion der Emanzipation letzlich ein Bärendienst erwiesen wird.
Der "Wandel" kommt genau "von unten", nämlich von den betroffenen Personen. Er wird aufgegriffen von anderen, die Inklusivität und Solidarität wichtig finden. Es werden Erlaubnisräume geschaffen, in denen bessere Formen aktiv gelebt werden. Tatsächliche Sprachregelungen, also Verbote hingegen sehe ich aktuell nur von Seiten derer, die auf den alten Zuständen beharren wollen.

Mal ganz konkret, Conny: Was genau bezeichnest du als Ideologie? Was daran ist deiner Ansicht nach fragwürdig? Welche Sprachregelungen sollen deines Wissens konkret durchgesetzt werden, d.h wer, wo und was? Welche Diskussion ufert deiner Meinung nach aus und wodurch ist Ausuferung für dich definiert? Wer konkret befeuert die Diskussionen und in welche Richtung? Was genau bedeutet Emanzipation denn nach deinem Verständnis, also zum Beispiel emanzipieren wovon? Und wie sollte denn das menschliche und juristische Recht auf Gleichstellung anders erreicht werden, als durch aktives darauf hinweisen, vorleben und zeigen? Als durch öffentlichen Fingerzeig auf Ungerechtigkeit, falsche Behauptungen und Diskriminierungen?

Kennst du irgendeine Diskriminierung jemals, die spontan durch die diskriminierende Gruppe beseitigt wurde? Oder geschah das nicht vielmehr jedes einzelne Mal durch Aufbegehren gegen das Beharrungsvermögen des Althergebrachten und seine Proponent*innen?

Also was, Conny, wäre dein Alternativvorschlag und wie und warum sollte der erfolgreicher sein? Erfolgreicher. Nicht bequemer für die Beharrungskräfte.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mi 12. Apr 2023, 17:41
von Nico
conny hat geschrieben: Mi 12. Apr 2023, 16:32 Weil hier mit einer fragwürdigenden Ideologie versucht wird, eine Sprachregelung gegen den Willen der Mehrheit durchzusetzen.
Ich wüsste gerne, was du mir "fragwürdiger Ideologie" meinst. Das ist ein Wort aus dem Wortschatz von Personen, die durchgehend gegen queere Menschen Hetzen und teilweise ihnen deren Existenz absprechen.
Die einzigen die bisher per Gesetz anderen Vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen und zu schreiben haben, sind bisher Gendergegner. Beispiel: Hamburg erlaubt das Gendern in der Verwaltung. Für einige stellt es so ein Problem dar, sodass sie eine Initiative gründen, die es verbieten will. Wer schreibt wem etwas vor?

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 07:05
von sbsr
Jaddy hat geschrieben: Di 11. Apr 2023, 21:18 Es brauchte nicht einmal Lehnworte. Fussweg, Gehweg, Gehsteig. [...]

Aber es geht nicht um schöne Sprache. Es geht um Patriarchat, Macht und Verlustängste.
Es geht sehr wohl um Sprache, denn mit Deinem Vorschlag implizierst Du, Wörter zu verbieten, die nicht ausreichend gegendert oder in seltsame, grammatikalisch sowie teilweise sachlich falsche Verlaufsformen umgebogen werden können. Also landen praktisch sämtliche verbundenen Substantive auf der roten "Patriarchat" Liste, bei denen das erste Wort ein generisches Maskulinum hat.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 09:19
von Jaddy
sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 07:05
Jaddy hat geschrieben: Di 11. Apr 2023, 21:18 Es brauchte nicht einmal Lehnworte. Fussweg, Gehweg, Gehsteig. [...]

Aber es geht nicht um schöne Sprache. Es geht um Patriarchat, Macht und Verlustängste.
Es geht sehr wohl um Sprache, denn mit Deinem Vorschlag implizierst Du, Wörter zu verbieten, die nicht ausreichend gegendert oder in seltsame, grammatikalisch sowie teilweise sachlich falsche Verlaufsformen umgebogen werden können. Also landen praktisch sämtliche verbundenen Substantive auf der roten "Patriarchat" Liste, bei denen das erste Wort ein generisches Maskulinum hat.
Ah, dann hab ich das nicht gut erklärt. Ich probiere es anders: Wenn es jenen, die sich über Sternchen und angebliche Sprachverbote(*) aufregen, um die Schönheit der Sprache ginge, vielleicht noch um Grammatik oder Linguistik, könnten sie meiner Ansicht nach recht einfach Synonyme und Neuformulierungen verwenden - und befürworten. {*) Angebliche Verbote, denn mir wäre nicht bekannt, dass irgendwo generisches Maskulin tatsächlich verboten worden wäre.

Sie könnten Bezeichnungen, die traditionell und vielfach heute noch als Herabsetzung und Beleidigung verwendet werden und die Betroffenen verletzen, durch positive und elegante andere Wörter ersetzen und so ihre Sprachkompetenz demonstrieren. Bisherige rein maskuline oder zwei-gendernde Formulierungen könnten sie linguistisch schön austauschen.

Ich behaupte aber, dass das Argument "Schönheit der Sprache" eine Vernebelung ist. In Wirklichkeit sollen die alten Wörter und Formen beibehalten werden, gerade weil sie bestimmte Sichtweisen und Strukturen repräsentieren. Patriarchale, koloniale, usw.

In vielen Fällen mag nicht mal böser Wille im Spiel sein, sondern zum Beispiel ein ungutes Gefühl von Schuldzuweisung. Natürlich steckt hinter der bewussten Vermeidung des generischen Maskulin, des "Damen und Herren", usw auch immer der Hinweis, dass diese gewohnte Sprache und Weltsicht irgendwie "nicht okay" war. Dass wir in der Vergangenheit zumindest in dem Bereich nicht "die Guten" waren.

Implizit fühlen sie abgewertet, was früher gelernt und für gut befunden wurde. Kein Mensch mag bezichtigt werden, jahrzehntelang falsch und verletzend gehandelt zu haben. Das gilt für Sprache und Sicht auf Geschlecht ebenso, wie für Beziehungmanagement, Auto fahren, Urlaubsvarianten oder Energiepolitik.

Es ist auch naheliegend, dass eine Sprache mit mehr Rücksicht auf bisher ausgegrenzte Gruppen einen Verlust eigener Dominanz bedeuten könnte. Männlicher Dominanz und den ganzen anderen Labeln, wie hetero, cis, binär, weiss, abled, usw. Da kommen welche und stellen Ansprüche, auf die ich auch noch achten soll. Die wollen Mitsprache - im wörtlichen Sinne. Erst die Sprache und dann meine Lebensweise. Die wollen ein Stück von meinem Kuchen!

Kann ich alles verstehen. Unter anderem, weil ich es selber auch erlebt habe. Ich bin völlig unbedarft in die Enby-Bubble gekommen und ein paar Mal tüchtig gegen die Wand gelaufen. Ich bin noch lange nicht durch damit, all die Dinge zu lernen, die ich Jahrzehnte lang völlig unbedacht gemacht habe.

Die Frage ist aber, wie wir auf dieses ungute Gefühl reagieren. Verleugnen, abwehren oder in Zukunft besser machen? Ich denke, dass wir nichts verlieren, indem wir mehr aufeinander acht geben. Wir verlieren auch keine Worte, wir brauchen sie nicht zu verbieten - was ja auch keinein will - sondern könnten nach besseren, achtsameren suchen.

Ich denke aber auch, dass die Diskussion über Sprache genau aufzeigt, wer an bestimmten Dominanz-Strukturen festhalten will. Wie gesagt: Es geht nicht um Wörter oder Sternchen, sondern um Macht.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 11:19
von sbsr
Jaddy hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 09:19 Wenn es jenen, die sich über Sternchen und angebliche Sprachverbote(*) aufregen, um die Schönheit der Sprache ginge, vielleicht noch um Grammatik oder Linguistik, könnten sie meiner Ansicht nach recht einfach Synonyme und Neuformulierungen verwenden - und befürworten. {*) Angebliche Verbote, denn mir wäre nicht bekannt, dass irgendwo generisches Maskulin tatsächlich verboten worden wäre.
Fassen wir zusammen: Du forderst für Dich bzw. im Umgang mit Dir, dass gender gerecht geschrieben und gesprochen wird, kritisierst Ausdrücke wie Bürger*innensteig als Zynismus und bietest Synonyme als Alternative. Was passiert folglich mit dem Wort Bürgersteig? Es kann in Deiner Gegenwart nicht mehr verwendet werden.

Da Du diese Erwartung auf alle ausweitest, die sich (aufgrund maskulinen Genus) als Bürger nicht angesprochen fühlen, und man immer und überall damit rechnen muss jemanden dieser Gruppierung anzutreffen, verschwindet das Wort Bürgersteig aus dem Sprachgebrauch. Natürlich ist es rein rechtlich nicht verboten, de facto aber nicht mehr nutzbar.

Tausche nun Bürger gegen andere generisch maskuline Wörter. Vom Kundenparkplatz bis zur Maurerkelle und dem Doktortitel, der Anwaltsrobe, dem Fahrersitz und dem Friseurhandwerk. Nichts davon wäre verboten, stünde aber stets unter dem Vorzeichen anti-querer, diskriminierender oder patriarchalischer Ausdrucksweise.

Jaddy hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 09:19 Ich behaupte aber, dass das Argument "Schönheit der Sprache" eine Vernebelung ist. In Wirklichkeit sollen die alten Wörter und Formen beibehalten werden, gerade weil sie bestimmte Sichtweisen und Strukturen repräsentieren. Patriarchale, koloniale, usw.
[...]
Wie gesagt: Es geht nicht um Wörter oder Sternchen, sondern um Macht.
Dieser These stelle ich entgegen, dass zahlreiche Frauen im meinem Umfeld noch mehr genervt von der Genderei sind, als die Männer. Ich gehe nicht davon aus, dass die sich alle ein Patriarchat zurück wünschen oder ihre Macht gegenüber wem auch immer demonstrieren wollen, indem sie selbst in Schrift und Sprache konsequent generische Maskulina verwenden.

Außerdem gibt es Sprachen, die kein grammatikalisches Genus kennen oder wild und ohne erkennbaren Zusammenhang männlich, weiblich und neutral mischen, und trotzdem haben Frauen und quere Menschen dort ein weit härteres Leben als in Deutschland.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 12:12
von ExUserIn-2026-04-08
Jaddy hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 09:19 Angebliche Verbote, denn mir wäre nicht bekannt, dass irgendwo generisches Maskulin tatsächlich verboten worden wäre.
Dann kann ich Dich auf den aktuellen Stand bringen. Aus einem Rundschreiben des BMSFJ:
Eine wesentliche Änderung des BGleiG betrifft die verbindlichen Vorgaben für Bundesbehörden zur Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache:
"Die Rechts- und Verwaltungsvorschriften des Bundes, die Dienstvereinbarungen der Dienststellen sowie die Satzungen, Verträge und Vertragsformulare der Körperschaften, Anstalten und Stiftungen sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den Schriftverkehr." (-§ 4 Absatz 3 BGleiG)
Darauf aufbauend heißt es in meiner Behörde:
Frauen sind nicht als Männer anzusprechen und die Texte sollen auch im Übrigen die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern sprachlich ausdrücken.

Weiterhin heißt es auch:
Rechtschreibung: Der Bund hat die Regeln der deutschen Grammatik und Rechtschreibung zu beachten. Nach der vom Deutschen Rechtschreibrat am 26. März 2021 veröffentlichten Auffassung, die für den Bund verbindlich ist, sind Sonderzeichen als Wortbestandteile in der offiziellen Kommunikation nicht zu verwenden: Asterisk ("Gendersternchen"), Binnendoppelpunkt, Binnenunterstrich ("Gender-Gap") sowie andere Kurzschreibungen wie Schrägstriche oder ein großes Binnen-I, die zwei Wörter zu einem Wort verbinden.
sowie
Vermeidung des generischen Maskulinums: Die Gleichstellung von Frauen und Männern wird nicht zum Ausdruck gebracht, wenn Frauen mit einem Substantiv (Hauptwort) in der männlichen Form ("Kunde") bezeichnet werden, obwohl zu diesem Wort auch eine weibliche Form ("Kundin") existiert.
Ausnahmen:
"¢ Regelmäßig nicht betroffen von der Regel sind männliche Pronomina wie "jemand" oder "wer", für die es keine weibliche Form gibt. Die Verwendung (z. B. "jemand, der" oder "wer ("¦), der") kann überprüft werden, ist aber weiterhin sprachlich korrekt, selbst wenn sich die Aussage nach dem Kontext ausschließlich auf eine Frau beziehen kann.
"¢ Geschlechtergerechte Sprache drückt die Gleichstellung zwischen Menschen aus, weshalb die Bezeichnung juristischer oder abstrakter Personen ("der Arbeitgeber") grundsätzlich nicht von der Regel betroffen ist. Die Wirkung solcher Begriffe kann im Einzelfall überprüft werden.
"¢ Bei Komposita gilt das Bestimmungswort grundsätzlich als neutral ("Ministerpräsidentenkonferenz"), weil es das Grundwort (-konferenz) nur näher bestimmt.
Eine glasklare Vorgabe der Dienststelle.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 12:18
von Annette
sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 11:19 ...dass zahlreiche Frauen im meinem Umfeld noch mehr genervt von der Genderei sind, als die Männer. Ich gehe nicht davon aus, dass die sich alle ein Patriarchat zurück wünschen oder ihre Macht gegenüber wem auch immer demonstrieren wollen, indem sie selbst in Schrift und Sprache konsequent generische Maskulina verwenden.

Außerdem gibt es Sprachen, die kein grammatikalisches Genus kennen oder wild und ohne erkennbaren Zusammenhang männlich, weiblich und neutral mischen, und trotzdem haben Frauen und quere Menschen dort ein weit härteres Leben als in Deutschland.
Dem kann ich nur beipflichten, denn nahezu alle Cis- Frauen, wie auch ALLE trans Frauen, die ich persönlich kenne, würden nur ungläubig den Kopf schütteln bei dem Schmarrn, der hier in so manchem Beitrag zu tage gefördert wird.

Bürgersteig, Bürgerinnensteig, Gehsteig, Trottoir,... geht's noch? Dies und unzählige andere Beispiele, sowie die Hartnäckigkeit der Sprachaposteln und Weltverbesserer lassen Emanzipation und Gleichstellung endgültig ins Lächerliche abdriften. So werden allenfalls neue Feinde herangezüchtet, und das nicht nur auf sprachlicher Ebene!

Sorry für meine nicht so ganz feine Ausdrucksweise...

Annette

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 13:30
von Jaddy
sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 11:19 Fassen wir zusammen: Du forderst für Dich bzw. im Umgang mit Dir, dass gender gerecht geschrieben und gesprochen wird, kritisierst Ausdrücke wie Bürger*innensteig als Zynismus und bietest Synonyme als Alternative. Was passiert folglich mit dem Wort Bürgersteig? Es kann in Deiner Gegenwart nicht mehr verwendet werden.

Da Du diese Erwartung auf alle ausweitest, die sich (aufgrund maskulinen Genus) als Bürger nicht angesprochen fühlen, und man immer und überall damit rechnen muss jemanden dieser Gruppierung anzutreffen, verschwindet das Wort Bürgersteig aus dem Sprachgebrauch. Natürlich ist es rein rechtlich nicht verboten, de facto aber nicht mehr nutzbar.

Tausche nun Bürger gegen andere generisch maskuline Wörter. Vom Kundenparkplatz bis zur Maurerkelle und dem Doktortitel, der Anwaltsrobe, dem Fahrersitz und dem Friseurhandwerk. Nichts davon wäre verboten, stünde aber stets unter dem Vorzeichen anti-querer, diskriminierender oder patriarchalischer Ausdrucksweise.
Je nu, wir haben ähnliche Diskussionen im Bereich Rassismus, Ableismus, Klassismus. Paprikaschnitzel, Schokokuss, usw. Du kannst und darfst alles sagen, aber inzwischen nicht mehr ohne Widerspruch und nicht ohne dass dein Sprachgebrauch als Hinweis auf deine Einstellung zu den betroffenen Menschen interpretiert wird. Das ist jetzt nicht so ungewöhnlich, denn wenn du eine Person ohne deren Zustimmung dauernd als "A********" [Wow! das Forum hat einen aktiven Wortfilter ;) ] anreden würdest, hätte das vermutlich auch Konsequenzen.

Spätestens wenn eine Person explizit mitteilt, sich bei bestimmten Wörtern verletzt oder ausgegrenzt zu empfinden, muss die andere Person eine Wahl treffen: Ablehnen, abbügeln, invalidieren oder besser machen. Also Stellung beziehen und Verantwortung für ihre Sprache übernehmen. Sie kann sich nicht mehr auf Unkenntnis berufen.

Wenn ich also anmerke, dass ich bei "Bürgersteig" nicht dabei bin, dass "Damen und Herren" mich nicht einschliesst und damit Ausdruck und Teil der generellen Problematik ist, die nichtbinäre Menschen andauernd und alltäglich ausblendet und ihnen Stress verursacht, wie kann ich dann wohl interpretieren, wenn das aktiv abgetan wird?

Die freundlichste Version wäre noch "du/ihr bist/seid mir egal", oder?
sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 11:19 Dieser These stelle ich entgegen, dass zahlreiche Frauen im meinem Umfeld noch mehr genervt von der Genderei sind, als die Männer. Ich gehe nicht davon aus, dass die sich alle ein Patriarchat zurück wünschen oder ihre Macht gegenüber wem auch immer demonstrieren wollen, indem sie selbst in Schrift und Sprache konsequent generische Maskulina verwenden.
Nicht alle Fische bemerken das Wasser in dem sie schwimmen. Einige haben sich eingerichtet. Manchen ist es den Aufwand nicht wert. Andere möchten keine Welle machen, sind vielleicht konfliktscheu oder fürchten schlimmeres. Das ist alles kein Argument durch Mehrheit. Fakt ist: Menschen empfinden sich als in vielen Bereichen diskriminiert, Sprache ist ein sichtbarer Teil davon, also bitte mal Stellung beziehen.
sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 11:19 Außerdem gibt es Sprachen, die kein grammatikalisches Genus kennen oder wild und ohne erkennbaren Zusammenhang männlich, weiblich und neutral mischen, und trotzdem haben Frauen und quere Menschen dort ein weit härteres Leben als in Deutschland.
Letzteres trifft nicht generell zu, im Englischen zum Beispiel, aber darum geht es auch nicht.

Im Deutschen ist die Sprache aufgrund ihrer Historie ein Lackmustest. Es steht dir frei, welche Wörter du verwendest. Aber jede Wortwahl beinhaltet auch einen Ausdruck zu bestimmten Gruppen. Du kannst dich nicht nicht-verhalten, bzw diesen Kontext nicht nicht-kommunizieren. Vor allem nicht zum Thema Gender, denn im Deutschen lässt sich nun mal nicht nicht-gendern (maximal neutral).

Mag sein, dass du genervt bist. Bin ich auch. Jedes Mal wenn ich vor einer öffentlichen Toilette stehe. Jedes Mal wenn ich ohne binäre Anredeauswahl nicht weiterkomme. Jedes Mal wenn mir gesagt wird, dies oder das sei aber "für Damen" oder "für Herren". Von Getuschel und anderen Bemerkungen mal ganz abgesehen. Ich bin sogar sehr genervt. Auch wenn ich den Leuten freundlich Flyer gebe und erkläre. Das sind nämlich jene Menschen, die Sanitärräume und Umkleiden planen, Anreden in Briefen schreiben, Formulare entwerfen oder im Verkauf auf mich treffen. Wenn dieser ganze andere Kram geklärt ist und Menschen unabhängig vom gedeuteten Geschlecht gleichwertig behandelt werden; wenn körperliche Features und Präsentation unerheblich für den Respekt einander gegenüber sind und alle Menschen alle Einrichtungen unbehelligt nutzen können, dann können wir gerne noch mal über vereinfachten Genus reden.

Bis dahin komme ich sprachlich nun mal nur im Sternchen vor.

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 15:21
von Lavendellöwin
Hey...


ich spüre hier so viel Verweigerung, das es wirklich schon grenzwertig traurig ist.

Wer zum Henker, gibt einer Person das Recht, wenn sich eine andere erklärt hat,
mit so ner, ich sags ganz deutlich, MISTAUSSAGE rauszunehmen es würden alle so machen?
Das ist so dermassen arm..richtig noobmässig.
(ja genau fühl dich gerne angesprochen, ich meine das so...)

Warum rege ich mich so auf wenn es mich nicht deutlich trifft?

Ganz einfach:
Jetzt stell dir vor du kommst mit einem Anliegen weil du Unterstützung brauchst irgendwo
hin. Die Person ist zwar freundlich, nimmt dein Anliegen auf , ist aber nicht interessiert,
gibt dir einen Link um noch ein Feedback zu dem Thema zu hinterlassen.
Am Ende nachdem du deinen Text geschrieben hast und auf den Button senden klickst, kommt von dem
System die Ansage danke dir, aber haben wir keine Lust drauf.

Wie fühlst du dich? Ja, genau, nicht ernst genommen und ziemlich alleine gelassen.
Muss das wirklich sein? Nein, es geht auch anders...und Ignoranz ist nicht entschuldbar, bei niemand
egal ob cis, trans, mit und ohne Sternchen oder mit Zucker oben drauf.

Manchmal fehlt mir hier wirklich der dissatisfied button..

Alles Liebe Marie (flo)

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Do 13. Apr 2023, 15:58
von Susi T
Ich bin sicherlich nicht in der Lage alles umzusetzen um aufeinmal alles toll und für alle richtig und angemessen zu sprechen. Meine Hirnschäden im Bereich Sprache, meine Wortfindungsstörungen sind dafür einfach zu groß. Aber darum geht es nicht, es geht nicht um Revolution wie von den Gegnern immer ins Feld geführt. Sondern es geht um Entwicklung, um ein Miteinander, um Respekt. Was bitte ist daran so schlimm frag ich mich? Wenn doch der Gehsteig besser für einige ist, ohne schlechter für andere zu sein, warum unbedingt an Ausgrenzenden Formulierungen dauerhaft festhalten? Es geht nicht darum, das es wirklich schlimm ist, wenn doch das Wort Bürgersteig mal verwendet wird, aber es ist einfach nett ein passenderes Wort zu verwenden.
Tut es wirklich so weh Nett zu sein?

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Mo 17. Apr 2023, 18:43
von Jaddy
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 12:12
Jaddy hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 09:19Angebliche Verbote, denn mir wäre nicht bekannt, dass irgendwo generisches Maskulin tatsächlich verboten worden wäre.
Dann kann ich Dich auf den aktuellen Stand bringen.
Ah danke :) I stand corrected (hs)

Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Verfasst: Di 25. Apr 2023, 17:55
von Malvine
Ich würde hier gerne noch einmal die auf das Thema zurück kommen, nachdem ich diesen Beitrag hier gelesen habe:
viewtopic.php?p=369311#p369311

und zwar beziehe ich mich auf dieses Zitat im oben genannten Beitrag - da es dort um etwas anderes geht, fand ich meinen Beitrag hier besser aufgehoben.
Gendersensible Sprache ist mein Fachgebiet und der Stern ist das Sonderzeichen, das ich, sparsam eingesetzt, bevorzuge.

Ich erlaube mir, bei allen Wortarten die gleiche Regel zu verwenden wie bei den Nomen: Wortstamm*längere Endung (jed*er). Dadurch wird die Regel einheitlich und der Stern sprechbar. Wenn das Nomen bereits durch den Stern als geschlechterübergreifend markiert ist, bleiben die Adjektive oder Artikel im femininum.

Eine Sternenflut würde nur den Lesefluss stören, ohne zusätzliche Informationen zu liefern. Bisher fehlen in der deutschen Sprache genderneutrale Pronomen und Artikel. Andere Sprachen sind weiter. Im Englischen gibt es das Singular-they als neutrales Pronomen, im Schwedischen hen als Ergänzung zu han/hon. Im Französischen und Spanischen bilden sich ebenfalls neutrale Pronomen heraus: iel/yel und ele/elle. In beiden Fällen werden sie aus den Pronomen für sie und er gebildet. Ich verwende für dieses Buch ein analoges Konzept, wenn ich genderneutrale Pronomen benötige: sier als Personalpronomen, sihr als Possessivpronomen und dier als Relativpronomen.

Es ist einer der Vorschläge aus der Queer-Community. Ich habe mich für diese Form entschieden, weil sie deklinierbar ist und sich auch sonst flüssig in deutsche Texte integrieren lässt. Anstatt ewig über das Ob zu diskutieren, möchte ich das Wie probieren. Wo, wenn nicht in einem solchen Buch, soll ich kreative Lösungen für schöne und gendersensible Sprache ausprobieren?
Wie lange hat die Einführunge von genderneutralen Pronomen und Artikeln in den jeweiligen Ländern gedauert? Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier durch eine Bewegung die Öffentlichkeit zur Veränderung ihres Sprachgebrauchs aufgefordert hatte. In den genannten Länder wird diese Art der Sprache sich über mehrere Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte entwickelt haben.
Und jetzt kommt das Problem, dass der Bevölkerung keine Zeit für die Entwicklung gegeben wird. Derzeit wird unser Leben durch viele Aspekte von Außen auf die Probe gestellt und wir werdern auch durch die Regierung mit einer Vielzahl von Veränderungen herausgefordert, wie Mobilität oder Gebäudeenergie - es geht an die Subtanz.

"...und dann kommen da ein paar Verückte daher und wollen uns auch noch die Sprache verbieten oder uns umerziehen..."

Meine Befürchtung ist, dass wir hier die breite Masse der Bevölkerug für unser Ziel (Akzeptanz auf ganzer Lebensbreite) verprellen und uns daher eher zum Feindbild machen - "immer drauf auf die Schwachen"

Von der Politik fordern wir, dass sie die Bevölkerung bei ihren Entscheidungen mitnehmen - nur hier habe ich das Gefühl, dass genau das Gegenteil passiert.

Malvine