Lina hat geschrieben: Do 4. Aug 2022, 00:42
Warum sollte ich mit jemandem zusammen leben, die nur die Hälfte von mir akzeptiert?
Gute Frage. Ich glaube, das kann man nicht pauschal so radikal abhandeln. Konsequent betrachtet, lautet die Haltung, die dahinter steht, dass der/die Partner/in so zu sein hat, wie ich mir das vorstelle. Der Punkt ist für mich aber ein anderer: Wie gehe ich damit um, wenn mein Partner nicht so ist, wie ich mir das wünsche ? Hier fängt die Beziehungs"arbeit" von beiden an. Für die jeweiligen Partner stellen sich andere Fragen: Was macht das mit mir ? Warum bin ich so, dass ich ablehnend reagiere ? Erst meine Auseinandersetzung mit den eigenen Problempunkten führt doch zu einer eigenen persönlichen Entwicklung. Der/die Partner/in ist dabei doch "nur" der Anstoß.
Das eigentliche Problem entsteht, wenn man die Ursache des eigenen Missbehagens beim Anderen sucht. Ich kann und darf nicht vom Anderen erwarten, dass ich akzeptiert werde, wie ich bin. Ich darf erwarten, dass er/sie sich damit auseinandersetzt. Wir müssen akzeptieren, dass es unterschiedliche Sichtweisen auch innerhalb einer Beziehung gibt. David Schnarch hat das sehr gut beschrieben, was durch Ulrich Clement als Sexualtherapeut übernommen hat. Die Frage, die sich mir stellt ist also, will und kann ich damit leben, dass meine Partnerin eine andere Sichtweise auf mich und mein Verhalten hat.
Oder anders gesagt: die Verantwortung für das Zusammenleben liegt bei mir. Will ich in der Beziehung weiter leben oder nicht ? Mit der Sichtweise, dass die/der Partner/in mich nicht akzeptiert, und sie/er implizit "schuld" ist, dass die Beziehung nicht tragfähig sei, verlagere ich die Verantwortung auf die/den Partner/in.
Da ist scheinbar nur ein sehr kleiner Unterschied. Aber er ist entscheidend, ob ich genügend Respekt für die Perspektive des Anderen aufbringen kann. Fordere ich die Akzeptanz durch den Anderen, fordert er/sie sie auch von mir. Bin ich denn bereit zu akzeptieren, dass man mich wie ich bin nicht akzeptieren
muss ? Das führt zwangsläufig zu einem Auseinanderdriften der Beteiligten. Aber wenn es zu Fragen führt, die jede/r sich selber stellt wie: Warum erzeugt das Verhalten des jeweils Anderen zu negativen Gefühlen meinerseits, gibt es tiefere Gründe und kann/will ich mich ändern ? Dieses in sich gehen, kann sich zu einer Veränderung des eigenen Verhaltens und der eigenen Sichtweise entwickeln.
Die Erwartung, dass der/die Andere sich mir anpasst, ist ein infantiles und unreifes Verhalten. Ich muss mich verändern, wenn ich ein reiferer Mensch werden will. Der/die Andere ist der Anstoß dafür.
Übrigens: Menschen, die sich immer und überall durchsetzen, zeigen häufig ein infantiles Verhalten. Erst durch die Niederlagen und Rückschläge reifen sie dahingehend, dass es im Leben auf noch viel mehr ankommt. In der Liebesbeziehung ist das nicht anders. Sich der Liebe stellen, bedeutet sich selber stellen. Ich empfehle wieder einmal das Gedicht von Khalil Gibran "Von der Liebe" (
https://www.zgedichte.de/gedichte/khali ... liebe.html). Sehr poetisch ausgedrückt, bringt er es auf den Punkt.