Hallo Aria,
Aria hat geschrieben: Fr 24. Sep 2021, 10:27
Dabei fällt mir gerade besonders auf, dass es an Armen und Beinen zwar weniger wird und der Eindruck ob männlich oder weiblich sich schon zu letzteren ändert aber etwas bleibt und das sind die Ansatzpunkte der Muskeln am Knochen, die durch die Fettreduktion sichtbarer geworden ist. Wenn ich das mit Cis-Freundinnen vergleiche, ist definitiv ein Unterschied zu erkennen. Und diesen kann ich niemals kompensieren, da ich XY Chromosomen habe, die meinen Körper so aufgebaut haben.
Und wenn du mit den Armen einer Leistungssportlerin a.D. vergleichst?
Eine Therapeutin meinte letztens zu mir, "normale" untrainierte Frauen meines Alters wären zweifelsfrei am "Winkfleisch" zu erkennen. Das war ihre derbe Bezeichnung des hinteren Oberarm-Ansatzes (Trizeps) ... Ich hab kein "Winkfleisch" und will auch keines haben, selbst wenn es mich optisch "verweiblichen" würde.
Du hast Recht, dass immer ein männlicher Rest verbleibt. Doch gibt es denn nicht auch muskulöse Frauen, große Frauen, Frauen mit Bassstimme usw.? Im letzten Sommer blieb mir nichts weiter übrig, bei über 30 Grad im Top unterwegs zu sein, ohne was drüber zu ziehen. Der Kommentar eines Mannes zu seiner Frau, die mich Fastfood-essend beobachteten, als ich vorüber ging (ohne Maulkorb): "Na, die Frau hat Muskeln!" Und ein paar spielende Mädchen hielten kurz inne, schauten mich an und kreischten: "Kuck mal, 'ne Lesbe!"
Ein Ehepaar, das bei der ersten und letzten Veranstaltung, die ich dieses Jahr besuch(t)e, am Nebentisch saß, tuschelte nach eingehender Beobachtung laut herum. Die Frau belehrte ihren Mann: "Wenn eine Frau hart arbeitet oder viel Sport macht, dann ist sie eben weiblich und trotzdem kräftig." Ich trug Rock, Sneakers und enges T-Shirt.
Aria hat geschrieben: Fr 24. Sep 2021, 10:27
Gleiches gilt für den Beckenbereich. Der Beckenknochen ist bei biologischen Frauen breiter gebaut, einfach weil da halt mal ein Babykopf durch passen sollte. Das ergibt dann auch ein anderes äußeres Erscheinungsbild in diesem Bereich. Da kann mein Körper Fett verteilen wie der will, ich werde keine Hüfte wie die einer Bio-Frau haben.
Nimm z.B. die Auserwählte des ersten "Bachelors" im TV (was hab ich damals geheult): Jenny begeisterte mich, denn sie hatte breitere Schultern als Hüften und widersprach damit dem "Stundenglas" - oder böse formuliert "Uhrenkasten"-Modell der Weiblichkeit.
Oder schau dir die Reporterin beim rbb Ulrike Finck an: Ich kenne kein Interview, bei dem sie einen männlichen Gesprächspartner nicht mindestens um einen Kopf überragt. Zudem ist sie kräftig und trainiert, paddelt ja auch kreuz und quer durch Berlin und Brandenburg. Oder die neue Nachrichtensprecherin mit dem extrem hohen Haaransatz. Als Transperson käme da schnell das Thema auf zu operieren oder das durch die Frisur zu kaschieren. Aber sie als Cis-Frau betont diese Eigenheit noch durch stets zurückgekämmtes Haar.
Ich halte es mit einem der ersten "Trans"-Models bei GNTM, die in einem Interview sehr schön beschreibt, wie sie angeflirtet und komplimentiert wird, bis endlich der alles entscheidende Satz kommt: "Übrigens, ich bin nicht als Frau geboren worden." Falls das Gegenüber nicht sofort aufspringt und fluchtartig die Szene verlässt, gibt es neben Beschimpfungen oft Bemerkungen wie: "Ja, hab ich mir gleich denken können, die tiefe Stimme, die großen Hände, die großen Füßen" usw. Nur komisch, dass es zuvor keinen Anlass zur Ablehnung gab. Alles Geschwätz, um das eigentliche Thema zu tarnen: Es geht nicht um Einzelheiten in der Erscheinung, sondern allein um die irrsinnige Angst der Männer und die Irritationen der Frauen, vermeintlich einer "Täuschung" aufgesessen zu sein. All die scheinbaren Ungereimtheiten - wenn sie nicht allzu offensichtlich sind - führen regelmäßig erst dann zum Misgendern und angeblicher zwangsweiser männlicher Wahrnehmung durch andere, wenn diese "wissen" oder zu wissen meinen (durch Tratsch z.B.), dass es sich nicht um eine Cis-Frau handelt.
Insoweit kann gegen jede männlich kategorisierte Optik angekämpft werden - die Umwelt wird stets das sehen, was sie meint, sehen zu MÜSSEN. Deshalb ist jeder Kampf um gutes Passing ein Spiel auf Zeit und im Zwischenmenschlichen von vornherein verloren.
Aria hat geschrieben: Sa 25. Sep 2021, 20:51
Ich finde es ehrlich gesagt immer etwas schade, wenn Weiblichkeit hier im Forum gerade hauptsächlich über BH, Bluse, Rock, FSH und High Heels ausgemacht wird.
Aber ich sage dir, ich kann das verstehen, da ich das auch mal so gemacht habe. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht alles sein konnte. Ich glaube ich sagte es dir schon mal. Ich habe mich gedresst und fühlte mich dennoch leer. Da gab es keine Zufriedenheit ausser der, dass ich mich schön anzusehen fand. Ruhe und Ausgeglichenheit war aber nicht vorhanden. Das wurd mit den Jahren immer schlimmer, bis ich irgendwann gedresst da saß und mich noch nicht mal mehr an mir erfreuen konnte. Das wa der Punkt, an dem ich begann mir Hilfe zu suchen. Warum erzähle ich dir das? Weil ich möchte, dass du verstehst, wo der Unterschied besteht, zwischen "sich weiblich fühlen" und "weiblich sein".
Jede empfindet das sicher anders, wieviel explizite Weiblichkeit in Kleidung, Makeup, Frisur investiert werden muss, um sich wohl zu fühlen. Insgesamt sollte wohl ein stimmiges Bild dabei herauskommen, das der eigenen Persönlichkeit entspricht und das strapazierte Ideal der "Authentizität" verwirklicht. Ich hab immer versucht, das Äußere meinem Inneren anzupassen. Das gelang anfangs mehr schlecht als recht und ich brauchte die sehr weibliche Kleidung, um meine Weiblichkeit auszudrücken. Dazu gehörten keine High Heels, aber ein kleiner Absatz sollte sein und Kleider waren auch oftmals meine Wahl. Es gibt ja auch dort erhebliche Unterschiede und sicher bin ich im Alltag eher sportlich als im Brautkleid unterwegs gewesen ...
Am Anfang war ich noch ziemlich breit (Gr. 50) und versuchte, durch Auswahl passender Kleidung diesen Makel zu kaschieren. Nach 2 Jahren war ich runter auf Gr. 44 oben und unten und musste weniger auf diese Sache achten. Genauso hatte ich einen enormen Concealer-Verbrauch. Nach ein paar Jahren HET brauchte ich keinen mehr. Da die eigene Entwicklung ständig andere Voraussetzungen schuf, passte ich den äußeren Aufwand stetig an, um die Balance zwischen "weiblich fühlen" und "weiblich sein" herzustellen. Ersteres stand von Anfang an außer Frage; Letzteres hängt - zumindest bei mir - viel von der äußeren Wahrnehmung ab. Ich gebe zu, so schwach zu sein, dass ich es nicht ertragen würde, von der Umgebung ständig als "verkleideter Mann" gelesen zu werden. Ich besitze nicht die Fähigkeit, alle positive Kraft allein aus mir selbst heraus zu schöpfen, sondern bin ein soziales Wesen, das in hohem Maße von Reaktionen der Umwelt abhängig ist. Trotz Trainierens spiritueller Bypässe (wie z.B. Meditation) hab ich weder Weisheit noch Gelassenheit eines weiblichen Mönchs erworben.
Aria hat geschrieben: Sa 25. Sep 2021, 20:51
Als ich begann zu mir zu finden, noch keine Therapie in Aussicht hatte aber wohl wusste wo die Reise hingehen würde, veränderte sich mein Verhältnis zu weiblicher Kleidung total. Sie war plötzlich nicht mehr nur die modische Darstellung meines Geschlecht, sondern Ausdruck meiner Seele. Und die bestand nicht nur darin, Bluse, Rock und hohe Schuhe an zu haben. Sondern darin, dass zu tragen was mir gefällt und meine Weiblichkeit am besten definiert.
Das sehe ich ebenso, nur dass mein Mittel zur Wahl eben doch in eher weiblich konnotierter Kleidung bestand. Vielleicht hatte ich es so sehr satt, jahrzehntelang diese grauenhaften Hosen und flachen Schuhe tragen oder mich in meiner androgynen Phase verstecken zu müssen?
Keine Ahnung - entscheidend ist das Wohlfühlen und nicht das Erfüllen von Klischees.
Aria hat geschrieben: Sa 25. Sep 2021, 20:51
Ich mag Kleider. Ich habe noch einige von früher. Aber ich habe festgestellt, ich bin kein Kleidertyp. Generell habe ich bemerkt, dass sich mein Kleidungsstil seit und schon kurz vor der HET um 180-° gedreht hat und ich empfinde mich so weiblicher als jemals zuvor. Schon irgendwie komisch, oder? Deswegen sage ich auch, dass Weiblichkeit von innen heraus kommt und nicht etwas angezogenes ist.
Ich hab Kleider auch von Anfang an geliebt - besonders als ich sie direkt von der Stange kaufen und anziehen konnte. Waren die also doch eher für biologische Männerkörper als für Frauen gemacht? Warum liefen meine Kolleginnen mit jedem neuen Stück erstmal zum Schneider, weil dies zu lang oder kurz oder das zu weit oder eng war? War ich jetzt weniger weiblich, weil ich Kleider liebte und froh war, den ewigen Jeans Lebewohl zu sagen? Sicher nicht. Weiblichkeit ist nichts Angezogenes, sonst würde ich diese ja quasi ausziehen können. Ich würde das sofort tun, um endlich nicht mehr ausgegrenzt, diskriminiert, gemobbt, abgelehnt, vorverurteilt und für mein Dasein bestraft zu werden. Aber wie wohl jede TS habe ich keine Wahl und muss in der Identität leben, die ich nun mal habe.
So wie sich bei dir der Weg vom Kleid weg entwickelte, ist mir das jetzt auch passiert - aber aus gänzlich anderen Gründen. Jahrelang habe ich durch meine Erscheinung viel Hass und Neid hervorgerufen. Das war in hohem Maße meiner Kleidung geschuldet. Ich hielt es nun mal für angemessen, als Vertreterin meiner Behörde auf Sitzungen und "Jourfixes" im Business-Kostüm oder Blazer statt in Jeans und T-Shirt zu erscheinen, dabei Pumps (max. 5cm Absatz) statt Turnschuhe zu tragen. Die Männer fühlten sich "provoziert", weil es immer anstrengender für sie wurde, sich zu zwingen, mich als "Mann" zu sehen und die Frauen warfen mir vor, keine ihrer Ansicht nach typisch weibliche Erziehung genossen zu haben. Denn sie wurden als kleines Mädchen von ihren Eltern geschlagen, wenn sie ein Kleidchen trugen, als Teenager von Schuljungen vergewaltigt, weil sie einen Rock an hatten. Daher hatten sie gelernt, dass weibliche Kleidung stets mit "Hure" gleichgesetzt wurde. Ich entschuldigte mich tausendfach, dass dieses Trauma weiblicher Erziehung an mir vorbei gegangen war. Was ich in diesem Zusammenhang von Kolleginnen erfuhr, war verstörend und erschütternd. Erst dadurch wurde mir klar, was Männer den Frauen von kleinauf tagtäglich antun. Kein Wunder also, wenn ich gehasst wurde, wenn ich so unbeschwert im Sommer ein Kleid trug und seit meinem Coming Out keinen einzigen Tag mehr eine Hose anzog.
Im gleichen Tenor ging es weiter mit meinem Körper. Frauen erzählten mir, früh gelernt zu haben, eher sackartige weite Mode zu tragen. Es ging gar nicht an, dass ausgerechnet ich figurbetonte Sachen bevorzugte. Mein Körper hatte schließlich keine Kinder gebären müssen und keine anatomisch aufgebauten Fettzellen, die zwangsweise zu Cellulite führen. Das war untragbar. Meine Argumentation, dass es ein himmelweiter Unterschied war, ob ein kleines Mädchen plötzlich ihre Brüste sprießen und die Kerle glotzen sah oder eine Erwachsene mit über 45 Jahren, wurde abgelehnt.
Der Gipfel war eine sogenannte "Freundin", die mich eines schönen Tages mit Hass-SMS bombardierte, was ich für ein "Freak" sei, mit Ende 40 keine Falten im Gesicht zu haben ...
Cis-Frauen verbinden m.E. sehr wohl weibliche Kleidung mit Weiblichkeit - aber mit solcher, wie sie Männer verstehen. Und diese miss-verstehen Weiblichkeit allzu oft als Aufforderung zu Übergriffen jeglicher Art. Der Trend zu Jeans und Turnschuhen könnte auch damit etwas zu tun haben, um sozusagen aus der "Schusslinie" zu kommen und die feinen Herrschaften nicht unnötig zu provozieren.
Der ganze Irrsinn, den ich seit Jahren erleben durfte, hat es mir vermiest, Kleider zu tragen. Inzwischen habe ich eine lange "Nie-wieder"-Liste, auf denen neben dem Anziehen schöner Sachen auch Dinge stehen wie Absatzschuhe tragen, Nägel lackieren, Rosenspangen ins Haar stecken, tanzen gehen, Musik hören, Sport machen, auf Menschen zugehen, jemandem vertrauen. Vieles davon hat nicht die gleichen, aber ähnliche Gründe. Ich habe erst begriffen, was wirklich gespielt wird, nachdem mir ein paar Kollegen die Schmetterlingsflügel brachen, mir sog. "Freundinnen" ihren Hass offenbarten, die Kerle Angst haben, mich zu grüßen, weil sie davon schwul werden könnten und mich mein Ex quälte, bis ich ihn verlassen musste.
Die Wahl der Kleidung ist am Ende Ergebnis der inneren Einstellung, die bei viel zu vielen Cis-Frauen durch traumatische Erziehung vollkommen verzerrt und bei mir durch äußere Negativ-Erlebnisse verdunkelt wurde. Es wäre schön, wenn Frau wirklich könnte, wie sie wollte. Aber da hat die dualgeschlechtliche, heterosexuelle und sexistische Gesellschaft unter Herrschaft der "weißen Männer" ein Wörtchen mitzureden, bis es diejenige endlich begriffen hat.
"Täterintrojekte" nennt das die Psychologie. Da gibt es kein Entrinnen.
Gruß
PS: Das Avatar ist nur eine Reminiszenz. Ich liebe die Sachen nach wie vor, aber ich ziehe sie niemals wieder an.