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Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Sa 11. Apr 2020, 22:17
von Jaddy
Cybill hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 16:39@Jaddy, Du siehst Dich doch als Enby oder however - was soll dann Deine Einlassung hier? Vielleicht bist ja unterbewusst auch TRANSSEXUELL?
Keine Ahnung, was du mit dem alten Begriff provozieren willst, aber sei's drum: Ich bezeichne mich schon seit über 2 Jahren als trans enby, bzw. trans nicht-binär. Das Adjektiv trans bedeutet ja einfach, dass ich mit dem mir bei Geburt zugewiesenen Gender nicht einverstanden bin. Nach der Definition sind Menschen mit nicht-binärem Gender quasi zwangsläufig trans. Das wird nicht von allen so gesehen, aber das ist deren Sache. Ich komme gut damit zurecht :) Meinen Eintrag im Register hab ich schon vor über einem Jahr ändern lassen.

Aber was tut das eigentlich hier zur Sache? Das ändert nichts an den offenbar sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen von trans Personen, die in ihrer Tragweite wohl nicht von allen wahrgenommen werden :)

Der zentrale Punkt scheint mir bei deinen Beiträgen die Frage zu sein, ob Minderheiten gegen ungerechte und_oder ohne Notwendigkeit einschränkende Regelungen aufbegehren sollten. Ausgehend von den Grundgedanken der Verfassung ist das einfach zu beantworten: Ja. Weil sie das Recht dazu haben. Weil sich sonst nichts ändert. Weil es für Regelungen und Einschränkungen grundsätzlich sehr gute Gründe geben muss und "weil die Mehrheit das so will" dafür nicht ausreicht. Weil Regelungen aus Prinzip durch Interessenausgleich und Inanspruchnahme von Grundrechten legitimiert werden und nicht durch "Bauchgefühl" (cf. A.Merkel). Freiheitliche Demokratie heisst nicht nur Mehrheitsentscheidung, sondern auch Minderheitenschutz. Das wird auch immer wieder klargestellt.

Und gesellschaftlich? Ohne Aufbegehren sähe es beim Thema trans noch sehr finster aus hier. Nichts verbessert sich von selbst. Selbst die Urfassung des TSG wurde erstritten. Alle Verbesserungen daran wurden erstritten. Sonst hiesse es immer noch Zwangssterilisation, Zwangsscheidung, etc.

Ich weiss, dass viele trans Personen lieber unsichtbar wären. Unerkannt leben, nie wieder was mit dem Thema zu tun haben. Verstehe ich gut und viel Glück denen, bei denen es passt. Aber es geht eben nicht bei allen. Zu viele können nicht normal leben, weil ihre Umstände einfach nicht danach sind. Gerade wenn es um Elternschaft geht, die gegenüber non-cis-hetero-Eltern immer noch sehr rückständig geregelt ist. Viele LSBTQIA*-Beratungsstellen können davon viele Lieder singen.

Mein Bunny und ich sind seit 2001 verheiratet und haben unsere Nachnahmen behalten. Hätten wir Kinder, trügen die einen Doppelnamen oder den meines Ehewesens. Noch ein bisschen mehr Östrogen und ich hätte schon erhebliche Schwierigkeiten, mich in einer Schule als "Vater" vorzustellen. Genau das passiert trans Menschen, die vor einer Transition gezeugt oder geboren haben. Je überzeugender das "Passing", desto mehr Probleme. Manchmal kompliziert dadurch, dass sie nicht verheiratet sind oder waren. Die müssen bei jedem Kindergarten, bei jeder Schule und Lehrperson, in Krankenhäusern usw. ihre trans Geschichte auspacken, Geburtsurkunden vorlegen, um zu erklären, warum sie erziehungsberechtigt sind, als "Vater" oder "Mutter" eingetragen, obwohl sie keine Papiere mehr auf diese Person haben. Also nix mit "normal leben". Es geht einfach nicht. Weil sie vom System nicht gelassen werden.

Doch, ich denke das ist ausreichend Grund, dagegen aufzubegehren :)

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Sa 11. Apr 2020, 22:31
von Jaddy
Marielle hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 21:07
(Gagalady) ...die Begriffe Vater und Mutter durch x-beliebige Konstrukte ersetzt werden.
Siehe oben. Es geht nicht um "x-beliebige Konstrukte", sondern um die demokratische Gestaltung unserer Gesellschaft. Also quatsch mir aus deiner Uninformiertheit heraus bitte nichts von "diktatorischen Wesenselementen" ans Bein.
Um da vielleicht noch mal etwas Klarheit reinzubringen: Es geht nicht um die Wörter "Vater" und "Mutter" in der Alltagssprache, sondern um Formularwesen in Institutionen, das eben Probleme macht, wenn die beiden erziehungsberechtigten Personen nicht cis-het sind und_oder nicht die gleichen Namen tragen.

Da steht als Feldbezeichnung "Vater" und "Mutter". Was tragen zwei erziehungsberechtigte Männer ein? Zwei Frauen? Welchen Namen trägt die ursprünglich zeugende trans Frau, der ursprünglich gebärende trans Mann ein und in welches Feld? Wie weist sich diese Person dann im Zweifel aus? Wie vereinbart sich Offenbarungsverbot (TSG) damit?

Also: Im Alltag können sich Elternpersonen nennen, wie sie mögen und wie ihre Kinder das mitmachen.

Es geht um Papiere und Register, in die sich die (auch so eine Norm...) maximal zwei Erziehungsberechtigten ohne die aktuellen dauernden Probleme eintragen können.

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: So 12. Apr 2020, 09:44
von gagalady
Marielle hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 21:07 ... Also quatsch mir aus deiner Uninformiertheit heraus bitte nichts von "diktatorischen Wesenselementen" ans Bein.
Marielle
Wat für 'ne fiese und prollige Ausdrucksweise benutzt Du denn? Bitte nicht antworten, Deine Posts ignoriere ich ab jetzt.

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: So 12. Apr 2020, 11:21
von ExuserIn-2020-10-20
Es ist nur wenigen von uns vergönnt so gut auszusehen, daß man nur dann auf die Idee kommt es wäre ein ehemaliger Mann, wenn sie vor einem hergeht. Die Bewegung des Beckens entlarvt den Mann. Wir werden zwar bereits besser Akzeptiert als noch vor einigen Jahren, aber eines ist nun einmal Fakt, werden Frauen von Männern wirklich akzeptiert? Satirisch gefragt. Oder warum gibt es die Forderung der Frauen für gleichen Job auch gleiches Geld zu verdienen??? Das sind immer noch ganz dicke Bretter an denen gebohrt werden muß.

LG
Petra Sofie

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: So 12. Apr 2020, 12:39
von Anne-Mette
Moin,
Jaddy hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 22:31 Wie vereinbart sich Offenbarungsverbot (TSG) damit?
So ganz am Rande: ein "Offenbarungsverbot" dürfte sich schlecht durchsetzen lassen, wenn es Kinder gibt. Auch andere Einschränkungen gibt es - und die Praxis, die ganz von allein und ohne Gesetze offenbart.

Auch ich denke, dass es eine Reform in Bezug auf das Abstammungsrecht geben müsste.
Allerdings denke ich dabei auch, dass vorsichtig vorgegangen werden muss.
Kinder-Rechte sind zu wahren!

Mir wäre es wichtig, dass sich die Reform am tatsächlichen Bedarf (direkt) Betroffener orientiert und weniger an (teilweise konstruiertem) "wenn und aber und könnte...".
Es könnte gut sein, wenn sich transsexuelle Menschen (um die geht es hier lt. Überschrift) manchmal aus dem Zentrum herausnehmen und ihre Situation und die ihrer Kinder aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Gruß
Anne-Mette

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: So 12. Apr 2020, 14:16
von Magdalena
Hallo,
Jaddy hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 22:31 Um da vielleicht noch mal etwas Klarheit reinzubringen: Es geht nicht um die Wörter "Vater" und "Mutter" in der Alltagssprache, sondern um Formularwesen in Institutionen, das eben Probleme macht, wenn die beiden erziehungsberechtigten Personen nicht cis-het sind und_oder nicht die gleichen Namen tragen.

Da steht als Feldbezeichnung "Vater" und "Mutter". Was tragen zwei erziehungsberechtigte Männer ein? Zwei Frauen? Welchen Namen trägt die ursprünglich zeugende trans Frau, der ursprünglich gebärende trans Mann ein und in welches Feld? Wie weist sich diese Person dann im Zweifel aus?
Jaddy, damit sprichst du einen wunden Punkt an. In vielen Programmen, in denen Daten erfasst werden, entsteht dieses Dilemma. Und selbst der aufgeschlossenste Mitarbeiter scheitert bei der Eingabe der Daten daran. Weil es nicht vom Programm vorgesehen ist. Wie es in neueren Programmen sich verhält, kann ich nicht sagen. Doch mit den Programmen, die ich kenne, war es so. Ich konnte halt nur Mann und Frau zusammen eintragen und nicht Mann und Mann, sowie Frau und Frau. Ich kam nicht weiter in die nächste Eingabemaske. Das Ergebnis, wenn ich dann einfach den Eintrag falsch anlegte, das einer mit einer falschen Ansprache geführt wurde. Dies lies sich auch später nicht ändern. Da streikte das System.
Und wenn nicht generell neue Software eingeführt wird, sehen sich viele Firmen sich nicht veranlasst, ein soweit funktionierendes Programm zu ersetzten (Kostenfaktor).

Mit den Folgen habe dann die Betroffenen zu kämpfen.

Viele liebe Grüße Magdalena

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 00:57
von Jaddy
Magdalena hat geschrieben: So 12. Apr 2020, 14:16In vielen Programmen, in denen Daten erfasst werden, entsteht dieses Dilemma. Und selbst der aufgeschlossenste Mitarbeiter scheitert bei der Eingabe der Daten daran. Weil es nicht vom Programm vorgesehen ist. Wie es in neueren Programmen sich verhält, kann ich nicht sagen.
Da habe ich was interessantes und ermutigendes in meiner neuen Geburtsurkunde gefunden, wie ich in einem anderen Thread gepostet habe. Da ist die Software mindestens in Bremen vielleicht schon mal weiter als die Diskussion hier :)

Aber grundsätzlich: Ja. Viel Software ist einfach zu eingeschränkt gedacht. Mein Algo-Prof hat uns damals den Satz beigebracht "Jedes Programm ist ein manifestiertes Vorurteil". Deshalb sollte die meiste Software auch nicht ohne Beratung zum Beispiel von Expert"¢innen für Diversität entworfen werden. Die meisten Menschen denken eben nicht ausserhalb der eigenen Gruppe, die zu häufig nur der scheinbaren Mehrheit entspricht. Und dann werden nicht nur non-standard Ehen und Elternschaften nicht mitgedacht, sondern es kommen auch so Sachen dabei heraus wie Farben in zarten Abstufungen von grün und rot (Rot-Grün-Sehschwäche?), Plausibilitätsprüfungen für Namen, die keine Umlaute, ß, ç, ñ, usw. zulassen, und viele anderen Seltsamkeiten.

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 09:15
von Anne-Mette
Moin,
Jaddy hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 00:57 Die meisten Menschen denken eben nicht ausserhalb der eigenen Gruppe, die zu häufig nur der scheinbaren Mehrheit entspricht.
dieses "Kompliment" muss doch auch denjenigen zurückgegeben werden, die zwar nicht der "scheinbaren Mehrheit" angehören, aber trotzdem "ihre Sicht" belehrend/bestimmend an Personen (fast hätte ich den Redensart "an den Mann bringen" verwendet) bringen wollen.

Ob es jedem Menschen nun gefällt oder nicht, es sind nicht alle Menschen nicht Mann und Frau, weil einige Menschen es für nicht beweisbar halten, sondern sie sind es und haben es für sich "hart erarbeitet" oder es wurde ihnen schon in die Wiege gelegt.

Ebenso ist es mit "Mutter" und "Vater".

Vorschläge, die sich auf eine "zwei Mütter / zwei Väter Regelung" beziehen, wie der Vorschlag von Katarina Barley (SPD), die lesbische Paare durch eine Reform des Abstammungsrechts stärken — und damit ihre Ungleichbehandlung beenden will, sind, so glaube ich, eine bessere Basis, der "scheinbaren Mehrheit" es so zu verkaufen, dass daraus ein praktikables Gesetz wird. Die "zwei Väter" gehören für mich natürlich auch dazu.
Die "Ehe für alle" hat auch in weiten Teilen der Bevölkerung Anerkennung und Zustimmung gefunden. Gleichwohl gibt es auch hier noch Nachbesserungsbedarf.
Eine "zwei Mütter / zwei Väter Regelung" wäre in meinen Augen (erst einmal) eine logische Konsequenz, für die sich ein Einsatz lohnt.
Marielle hat geschrieben: Sa 11. Apr 2020, 00:01 Bisher hänge ich daher tendenziell der Idee an, diese Bezeichnungen aufzugeben, um die Wirksamkeit der daran angehängten Vorstellungen zu entmachten. Welche Argumente sprechen aus deiner Sicht dafür, daran trotzdem festzuhalten und sich damit zu arrangieren*?
Das würde wiederum (denke ich) Widerstände vergrößern und sogar ein vernünftige Lösung verhindern.
Eine "Ideal-Lösung" für alle Menschen wird es nicht geben; deshalb sollte eine tragfähige Lösung gesucht werden.

Gruß
Anne-Mette

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 11:05
von Marielle
Hallo Anne-Mette, Guten Morgen zusammen,
Anne-Mette hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 09:15 Marielle hat geschrieben: ↑
Sa 11. Apr 2020, 00:01
Bisher hänge ich daher tendenziell der Idee an, diese Bezeichnungen aufzugeben, um die Wirksamkeit der daran angehängten Vorstellungen zu entmachten. Welche Argumente sprechen aus deiner Sicht dafür, daran trotzdem festzuhalten und sich damit zu arrangieren*?

Das würde wiederum (denke ich) Widerstände vergrößern und sogar ein vernünftige Lösung verhindern. Eine "Ideal-Lösung" für alle Menschen wird es nicht geben; deshalb sollte eine tragfähige Lösung gesucht werden.
Um eine solche Ideal-Lösung geht es. Um den Kompromis, der niemanden mehr als nötig bevorteilt oder benachteiligt. Um einer solchen Lösung mit einer tragfähigen Position von trans* Personen näher zu kommen, hatte ich hier meine Fragen gestellt.

Das 'Widerstands-Problem' beim Weglassen der Begriffe 'Vater' und 'Mutter' ist natürlich offensichtlich. Es ist bisher allerdings das einzige Argument, dass für die Beibehaltung gebracht wurde. Ich kenne kein Sachargument, obwohl ich seit längerem immer wieder danach suche und frage. Das Argument, dass diese Form der Beschreibung von Elternschaft -verstanden als biologische und/oder soziale Elternschaft- nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspricht, wird damit von der o.g. 'Mehrheit' vom Tisch gewischt. Man will die 'natürlichen Grundlagen' der Elternschaft erhalten, heisst es. Andererseits will oder kann sich diese 'Mehrheit' nicht von der Vaterschaftsfiktion in -§ 1592 BGB trennen, die nichts anderes als eine Form der sozialen Elternschaft beschreibt. Das möge verstehen wer kann, ich kann es nicht.

Man muss/darf zur Zeit absolut nicht fürchten/hoffen, dass die Begriffe Mutter und Vater tatsächlich aus dem Recht entfallen könnten. Dafür wird die Union sorgen, Teile der SPD auch. Weiterhin ist es so, dass die Union mit hoher Wahrscheinlich keiner Regelung zustimmen wird, die zwei gleiche Müttereintragungen vorsieht; allenfalls Mutter und Mit-Mutter oder etwas ähnliches. Damit ist auch absehbar, dass trans* Eltern weiterhin mit ihrem 'Geburtsgeschlecht' und ihren ehemaligen Vornamen in die Geburtsurkunden ihrer Kinder eingetragen werden, da insgesamt darauf abgezielt wird, die 'biologische Grundlage' der Elternschaft zu erhalten. Es wird ein Kompromis herauskommen, der die Problemstellungen, die am deutlichsten wahrgenommen werden (wie die Elternschaft homosexueller Paare), mit Jod einpinselt und mit Pflastern beklebt und an anderen Stellen die bisherige Praxis einfach fortschreibt.

Wie gesagt: Mir persönlich ist es egal, wie die Sache ausgeht. Insgesamt höre ich raus, dass die Stimmung nicht so ist, dass man damit für die Bezeichnung der Elternschaft von trans* Personen etwas erreichen könnte oder sich dafür reinhängen sollte. Die Stimmung zu kennen war mir wichtig, weil man wissen muss, wann man für andere sprechen soll und wann nicht, um nicht (wiedermal) das Bild einer zerrissenen Gemeinschaft abzugeben.


Habt es gut,

Marielle

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 12:08
von Nicole Fritz
Hallo allerseits,

diese ganze - mal wieder offensichtlich endlose - Diskussion um eine Mutter- / Vaterschaft vor der Transition und der entsprechenden Einträge dazu bestärkt mich in meiner nicht-binären Sichtweise. Damit könnte ich beispielsweise Vater sein und gleichzeitig in der Rolle als Frau leben - auch mit GAOP, falls ich das für mein Wohlbefinden brauche. Die Eintragung als Vater wäre dann für mich kein Widerspruch. Ich bin oder war ja einmal biologisch männlich. Das Problem ist für mich das streng Binäre beim Trans-Weg. Da gibt es den kompletten Wechsel der Identität und sonst nichts. Damit bin ich schon am Anfang nach meinem Outing nicht wirklich klar gekommen. Ich war dem ewigen Stress der männlichen Rolle endlich entkommen, sah dann aber irgendwie einen ähnlichen oder noch größeren Stress mit der Transition und mit meinem Passing. Da gab es beispielsweise die Horror-Vision irgendwann einmal als Frau mit Glatze herum laufen zu müssen - obwohl ich eigentlich genug Haare habe - völlig irrational, wie Emotionen eben so sind.

Also traf ich eine Entscheidung: Statt an mir und meinem Passing herum zu feilen um als Frau Anerkennung zu finden setze ich mich lieber für eine Anerkennung von Enbys und/oder Trans*-Personen in der Gesellschaft ein. Dabei ist das Passing nicht mehr so wichtig, und ein Offenbarungsverbot ist überflüssig. Ich muss mich dabei ja sowieso ständig outen.

Das mit dem Stress und meine panische Angst vor Ärzten und Krankenhäusern sind natürlich auch wieder völlig irrationale Emotionen, die bei mir offensichtlich viel stärker sind als bei "richtigen Transfrauen". Ich sehe mich übrigens ähnlich wie Jaddy als "Trans(*) MzF nicht binär". Ein heimlicher und sexuell motivierter Stuben-"Hobby"-Transvestit war ich einmal vor meinem Outing. Da habe ich meine nicht binäre Identität nicht ausgelebt und für andere den Mann gespielt.

LG Nicole

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 12:12
von Jaddy
Anne-Mette hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 09:15
Jaddy hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 00:57Die meisten Menschen denken eben nicht ausserhalb der eigenen Gruppe, die zu häufig nur der scheinbaren Mehrheit entspricht.
dieses "Kompliment" muss doch auch denjenigen zurückgegeben werden, die zwar nicht der "scheinbaren Mehrheit" angehören, aber trotzdem "ihre Sicht" belehrend/bestimmend an Personen (fast hätte ich den Redensart "an den Mann bringen" verwendet) bringen wollen.
Es kommt da sicher auch auf den Ton an, mit anderen Worten auf die Gefühle aller Beteiligten. Aber eben möglichst aller Beteiligten. Möglichst wenig Annahmen und Voraussetzungen, bzw. immer mal wieder checken, welche scheinbare Selbstverständlichkeiten im Design stecken.

Ich mache seit über 30 Jahren Software. Zumeist im Produktionsbereich, wo wenige Menschen mit meinen Erzeugnissen konfrontiert werden, und doch habe ich auch da immer wieder technokratischen Unfug erlebt, meist basierend auf einer gewissen Überheblichkeit und "ich weiss am besten, was gut ist" Mentalität der Planenden gegenüber denjenigen, die später täglich damit umgehen müssen. Kleines Beispiel(1) dazu unten.

Also wirklich nicht das, was ich schon so um 1987 im Studium als partizipatives Design kennengelernt habe. Ein Problem ist meiner Ansicht nach, dass die Planenden zu selten mit den Folgen ihrer Entscheidungen konfrontiert werden; weder moralisch, noch monetär. Das kann auf mehreren Wegen verbessert werden. Zum einen durch Nachbesserungsklauseln. IT-Menschen kennen die Kostenkurve: Je später die Änderung, umso teurer. Frühzeitig gut designen spart also tatsächlich Geld, Zeit und Nerven, wenn die Endanwender"¢innen Verbesserungen fordern können. Zum anderen durch Diversitätsberatung, die auf bekannte Variationen der Klientel hinweisen. Aber ein guter Schritt ist auch vorhandene Diversität im Planungsteam. Dann kommen nämlich nicht solche Sachen wie der berühmte "rassistische Seifenspender"(2) raus oder Terminplanungen, die von Alleinerziehenden nicht eingehalten werden können, usw.
Anne-Mette hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 09:15Vorschläge, die sich auf eine "zwei Mütter / zwei Väter Regelung" beziehen, wie der Vorschlag von Katarina Barley (SPD), die lesbische Paare durch eine Reform des Abstammungsrechts stärken — und damit ihre Ungleichbehandlung beenden will, sind, so glaube ich, eine bessere Basis, der "scheinbaren Mehrheit" es so zu verkaufen, dass daraus ein praktikables Gesetz wird. Die "zwei Väter" gehören für mich natürlich auch dazu.
Das fällt für mich unter nachbessern, aber nicht wirklich verbessern, und erinnert mich an das Gesetz zur dritten Option und andere. Prinzip: Ok, hier ist eine Bedarsgruppe, wir müssen was machen, also bauen wir für genau diesen Spezialfall eine Extraregelung. In der IT heisst das dann "gewachsene Systeme"... Im Alltag sehen wir die Ergebnisse im Steuerrecht mit unzähligen Ausnahmen und Sonderfällen, die sich tw widersprechen.

Diese Salamitaktik mag bei der Durchsetzung politisch und psychologisch besser funktioneren, aber erzeugt auf der anderen Seite auch mehr Frust bei den Betroffenen und ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Die Grundgedanken von Gesetzen können durchaus inklusiv gestaltet werden, ohne dass die bisherigen Varianten eingeschränkt oder anderen etwas weggenommen wird.

---
(1) Reales Beispiel: In einer Vormontage werden komplexe Baugruppen in fast 20 Varianten von 4 Personen an 4 Plätzen in Reihe zusammengesetzt und dann just in sequence in das Produkt eingesetzt, das am Band vorbei kommt. Wir hatten das grundsätzlich am Tisch geplant (mit den Ingenieur"¢innen der Firma) aber ich wollte die Handgriffe vor Ort durchspielen. "Brauchen wir nicht, wir kennen ja alles". OK. Nachdem am Platz alles umgebaut und eingerichtet ist - und die Planungsmenschen der Firma lustigerweise vor Ort sind - wird der Etikettendrucker geliefert. Ein 15 Kilo schweres, massiges Teil, aus dem 900 mal pro Tag ein Etikett gezogen und auf die Baugruppe geklebt werden muss. Den Vorgang gab es vorher nicht. Kein Mensch hatte dran gedacht, wo das Teil stehen soll. Aller Platz in Reichweite war verplant und verbaut. Blieb nur: "Auf den Boden unterm Tisch". D.h. die Person an dem Arbeitsplatz muss sich jetzt alle 55 Sekunden bis zum Boden bücken und ein Etikett ziehen, sowie alle paar Tage Etikettenrollen und Thermotransferrolle wechseln. Übrigens bei einem Weltkonzern mit ganz klaren Vorgaben für Arbeitsergonomie und Gesundheitsschutz.
(2) Nein, der ist nicht "rassistisch" designed, sondern einfach "nicht genug mitgedacht".

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 12:55
von Lavendellöwin
Jaddy hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 12:12 Diese Salamitaktik mag bei der Durchsetzung politisch und psychologisch besser funktioneren, aber erzeugt auf der anderen Seite auch mehr Frust bei den Betroffenen und ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Die Grundgedanken von Gesetzen können durchaus inklusiv gestaltet werden, ohne dass die bisherigen Varianten eingeschränkt oder anderen etwas weggenommen wird.
Mhm...

nun ich weiss ja die Abstammungsurkunde ist ja eigentlich abgeschafft.
Aber...
Abstammung.jpg
das ist meine aus dem Jahr 1973 und mir kommen die Einträge von damals moderner vor,
als die Denkweisen die hier von manchen vertreten werden.
Der kleinste gemeinsame Nenner ist "Eltern", warum soll das nicht völlig wert- und geschlechtsfrei
heute in einer Geburtsurkunde stehen, so wie damals bei mir?
Für mich drückt diese Urkunde aus, das beide Elternteile Rechte und Pflichten an ihrem Nachwuchs haben.
Was sie im sozialen hingegen für eine Rolle einnehmen erscheint mir recht unerheblich und
ist eigene Definitionssache..

Alles Liebe Marie (flo)

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Mo 13. Apr 2020, 13:01
von Nicole Fritz
Jaddy hat geschrieben: Mo 13. Apr 2020, 12:12 Ich mache seit über 30 Jahren Software. Zumeist im Produktionsbereich, wo wenige Menschen mit meinen Erzeugnissen konfrontiert werden, und doch habe ich auch da immer wieder technokratischen Unfug erlebt, meist basierend auf einer gewissen Überheblichkeit und "ich weiss am besten, was gut ist" Mentalität der Planenden gegenüber denjenigen, die später täglich damit umgehen müssen. Kleines Beispiel(1) dazu unten.
Ich habe als Nebenjob während dem Studium und später als Ingenieur im CAD-Bereich selbst Software entwickelt. Es ärgerte mich dann sehr, als meine umfangreichen Programme mit einer neuen AutoCAD-Version nicht mehr lauffähig waren, weil sie statt LISP als Programmiersprache nur noch Visual-Basic verstand. Ich hätte die AutoCAD-Entwickler dafür MINDESTENS an den Pranger stellen können, wo sie jeder anpinkeln oder auf sie scheißen darf. So wütend war ich. Damit erlosch auch mein Interesse daran komplett basierend auf irgendwelche Betriebssysteme Software zu entwickeln. Im Hobby-Bereich (Modellbau) programmierte ich dann nur noch in Assembler für Atmel-AVR-Mikrocontroller.

Was mich ebenfalls nur ankotzt, ist das vor allem bei Google (Android) oder Microsoft (Windows) verbreitete Mitdenken der Programmierer für den Anwender - mit nervenden, völlig idiotischen Text-Ersetzungen oder ähnlichem. Da sucht man dann stundenlang in dem Menüs herum, wo dieser Schwachsinn abgeschaltet werden kann.

LG Nicole

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Di 14. Apr 2020, 08:18
von Ulrike-Marisa
Moin,

...wenn es denn schon irgendwelche Abstammungsdokumente geben soll und muss, warum dann alles so kompliziert betrachten. Warum schaffen es die Verantwortlichen nicht, mal eine einfache und praktikable Lösung zu finden, die niemanden benachteiligt und niemanden diskriminiert. Es täte doch keinem Leser eines Dokumentes etwas fehlen, wenn da einfach die Namen der gesetzlichen Eltern eines Kindes stehen. Dann täte doch jeder Bescheid wissen.
Ich frage mich, was da für Argumente dagegen sprechen sollten. Jeder Mensch hat Eltern und das wäre so doch dindeutig unabhängig von irgendwelchen biologischen Aspekten dargestellt. Elternschaft hat doch auch nichts mit Religion zu tun, es ist doch eher ein Rechtsbegriff geworden, der geregelt wurde, um gesellschaftliche Normen und Vorstellungen durchzusetzen. Eltern sollte m.E. ein rechtsfreier Begriff sein, an sozialen Tatsachen der Erziehung der Lebensgemeinschaften, in denen Kinder aufwachsen, orientiert.


Grüße, Ulrike-Marisa :wink:

Re: Artikel aus der taz: "Das Leben als trans Frau: Keine Akzeptanz erreicht"

Verfasst: Di 14. Apr 2020, 11:30
von Marielle
Hallo Ulrike,

den Vorschlag gibt es schon. Meiner Meinung nach wäre er auch gut geeignet, um verschiedenste Lebensrealitäten richtig zu beschreiben. Man müsste zusätzlich noch drüber nachdenken und reden, wer in den Fällen als Eltern eingetragen wird, in denen biologische Abstammung und soziale Elternschaft nicht zusammenfallen (Samenspende, Eizellenspende, Leihmutterschaft). Sicherlich nicht einfach, aber diese Fragestellung muss sowieso beantwortet werden. Für trans* Personen mit Kindern wäre damit wenigstens erreicht, dass sie nicht unter einem Begriff geführt werden, den sie nicht wollen, weil er aus ihrer Sicht falsch zugeordnet wird. Dieser Ansatz ist z.Z. aber leider in keiner Weise mehrheitsfähig. Er wird nicht nur von der entscheidenden Mehrheit der Verantwortlichen (ich nehme an, du meinst damit die Regierung und den Bundestag), sondern auch von vielen anderen Menschen abgelehnt, denen es nicht ausreichend erscheint, als 'Eltern' geführt zu werden.

Hab es gut

Marielle

PS: Ich hab grad mal nachgeguckt. In meiner Originalurkunde von 1967 steht tatsächlich 'Eltern', in der neuen vom letzten Jahr steht 'Mutter' und 'Vater'. Is ja abgefahren....