Moin
Meine Absicht war keine Grundsatzdiskussion über Heilmethoden. Das können wir gerne an anderer Stelle machen.
Mir geht es um zwei Dinge:
1. Die Landkarte ist nicht die Wirklichkeit, das Modell nicht die Realität.
Es sind abstrahierte Analogien mit begrenztem Anwendungsbereich. Aus ihnen mehr herauslesen zu wollen, als wirklich drin steckt oder sie in einen ganz anderen Kontext zu verwenden führt häufig zu Fehlschlüssen.
Das Balancemodell ist ein guter Hinweis, nicht zu sehr in einseitige Extreme zu verfallen. Trotzdem werden die wenigsten hier zum Beispiel körperlich strikt androgyn oder ihre Psyche ständig zwischen männlich und weiblich ausgleichen wollen. Abgesehen davon, dass die Pole und Skalen recht willkürlich festgelegt sind.
"Ich habe mir die Hände eben mit warmem Wasser gewaschen, jetzt muss ich noch mal kalt abspülen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen" oder "gestern hab ich Nylons getragen, deshalb muss ich mich heute mit einem Holzfällerhemd ins Gleichgewicht bringen" - wo ist der Nullpunkt? Warum Gleichgewicht? Was passiert da, ausser dem persönlichen Wunsch?
Ist das Modell überhaupt anwendbar? Bringt es neue Erkenntnisse, die sich für mich irgendwie verifizieren lassen? Oder klingt es nur plausibel und ich folge ihm, weil mir nicht besseres einfällt und ich gar keine Bezugspunkte für besser/schlechter habe?
2. Bedeutung wird gegeben, Erleben wird gemacht. Wat dem een sin Uul, is dem annern sin Nachtigall.
Die persönlichen Einordnung in die - kulturell konstruierten und tradierten - Genderrollen ist nicht objektivierbar. Es gibt keine Messlatte für besser oder schlechter. Jede Sortierung "dies ist männlicher/weiblicher als das" ist höchstens ein Meinungsbild und ausserdem sehr abhängig von den befragten Personen, ihrer Altersgruppe, sozialem umd kulturellem Umfeld, Familie, eigener Biografie, angeeigneten Überzeugungen, usw.
Hier im Forum finden wir eine wunderbare Vielfalt von individuellen Wohlfühl-Techniken. Und ich möchte die auf keinen Fall in eine Skala einsortieren, wie viel heftiger cross oder trans eine Person ist. Ob es Vorlieben für Kleidung ist, ob körperliche Veränderungen, bestimmte Hobbies oder Rituale, völlig egal. Entscheidend ist der - ebenfalls völlig subjektive - "Wohlfühlindex".
Wir müssen nicht alle "ins Gleichgewicht kommen". Für manche passt das Bild, die anderen finden ihren Wohlfühlpunkt an genau einem Gender-Pol. Andere führen zwei Leben parallel, abwechselnd, wie auch immer.
Die medizinischen Modelle sind deshalb ein wunderbares Beispiel, weil auch die ohne nachweisliches Wirkprinzip ja häufig "funktionieren". Ich schreibe das in Tüddelchen, weil sie ja zu funktionieren scheinen, tatsächlich aber psychosomatische und autosuggestive Funktionen am Werk sind. Die können tolle Sachen und ich bin immer wieder fasziniert. (Disclaimer: Mein Bunny praktiziert Hypnotherapie und wir beide sind ziemlich auf dem Laufenden, was Psychosomatik, Trance, Placebo/Nocebo etc bewirken können)
Aber beim Schamanen ist es eben nicht der Geist des Jaguars, der die Krankheit aus der Klient:in reisst, sondern die Überzeugung, dass da einer ist. Das Ritual und das dahinterstehende Modell passen zu den Glaubenssätzen der Klient:in. Sie geben dem Geschehen Bedeutung und gestalten das Erleben. Auch das zukünftige. Folge: Klient:in geht es besser, das Mindset ist verändert. (Sollte eins jedoch nicht probieren, wenn die reine Physik und Mechanik des Körpers betroffen ist: Beinbrüche, Herzinfarkte, Viren und Tumore sind von Ritualen meist nur mässig beeindruckt)
Und das gilt für quasi alle alternativen Methoden[1]. Homöopathie, Schüsslersalze, Bachblüten, Ayurveda, Wallfahrten, Rosenkränze, etc. wirken nicht an sich, sondern durch die Aktivierung der inneren Glaubenssätze. Für die Klient:in ergibt es einfach Sinn, dass das richtig ist. Und das ist toll und okay - aber eben kein objektiverbarer, nachweisbarer, übertragbarer Wirkmechanismus. Er funktioniert entweder im eigenen Kopf oder nicht.
Deshalb mein Ansatz, diese Modelle und Methoden ruhig zu probieren, sich aber der Wirkweise über die Psyche bewusst zu sein. Nicht einem Modell strikt folgen, sondern prüfen, ob es mit dem Selbst harmoniert. Es nicht mit der physischen Realität verwechseln, nicht als objektive Wahrheit verstehen und auch nicht so bewerben (Vanessa: da wären die Glaubenskriege). Placebos funktionieren auch wenn eins weiss, dass es ein Placebo ist.
Und dieser experimentelle, bewusst subjektive Umgang mit verschiedenen Perspektiven lässt sich meiner Ansicht nach prima auf die persönliche Positions- und Kursbestimmung im Genderverse anwenden.
Dritte Satz als Bonus: Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst
[1] Es gibt ein paar wenige Ausnahmen, z.B. Heilpflanzen, physische oder gymnastische Techniken, die direkt physiologisch ohne das Ritual bzw. die Glaubenssätze wirken[2]. Das sind aber Einzelfälle, die nicht aus dem jeweiligen Modell abzuleiten sind, bzw. es eben nicht dessen andere Elemente stützen[3]. Diese Einzelerkenntnisse werden auch gerne als solche in die Medizin übernommen - ohne das Weltbild, Modell bzw Ritual.
[2] (nein, Akupunktur, Akupressur, Shiatsu gehören nicht dazu)
[3] Ja, Arnika wirkt entzündungshemmend und gegen Infektionen. Aber nur in der richtigen Konzentration. Ab D5 (1:100000) ist zu wenig drin, und Arnika Globuli darüber (D5..D30) wirken exakt wie Globuli ohne jede Behandlung - nicht über den Placeboeffekt hinaus. Und weil Arnika (in der richtigen Dosierung...) wirkt, heisst es eben nicht, dass andere Stoffe, die auch im Homöopathischen Arzneibuch stehen, ebenso wirken - oder überhaupt.