Re: Mein Frühlings-Herz
Verfasst: Do 13. Jun 2019, 09:04
Liebe Helga,
deine Zeilen haben mich wirklich berührt - lieben Dank dafür! Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, überhaupt Resonanz - erst recht nicht solche Worte - zu erhalten.
Gestern war es soweit und ich schmiss dem letzten Psychologen, bei dem ich noch in Behandlung war, alles vor die Füße. Wir drehten uns seit Monaten im Kreis. Er hatte mich damals am Telefon wieder "aufgebaut", als ich zusammengebrochen war und in einer Hand den VÄ / PÄ-Beschluss, der überraschend gekommen war, und in der anderen die R... (ich schreib es nicht aus) hielt. Damit war jedoch der Kulminationspunkt erreicht und seine ansonsten dünne Argumentation kenne ich jetzt auswendig.
Für mich ist der seit Mitte Dezember anhaltende Zustand umso bitterer, weil ich damals überglücklich war, genau diesem Zustand entronnen zu sein: über 30 Jahre Depressionen, weil ich meine Identität nicht kannte. Und nun nach nur einem Jahr Leben als VZF mehr oder weniger erneut dort angekommen zu sein, ist sehr, sehr grausam.
Aber schwerpunktmäßig hast du Recht. Mir lief damals, als ich noch in der "Szene" unterwegs war, immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich auf "Gescheiterte" traf. Die kamen nur noch in den jeweiligen Trans*Treff, um sich schweigend in irgendeiner Ecke die Kante zu geben. Über sie wurde getuschelt und im allgemeinen war man sich einig, dass man selbst alles schlauer und besser machen würde ... Da ich Alkohol und Drogen ablehne, bin ich zwar nicht dort gelandet, aber mental am gleichen Punkt angekommen.
Nun könnte man ganz heroisch meinen, auf solcherart Menschen zu verzichten - aber dann wäre die Welt komplett leer für mich.
Inzwischen trauen sich nach monatelanger Beobachtung die ersten Verehrer raus und wollen mich daten. Das sollte dann der Anfang vom Ende sein ... Ich geb so lange wie möglich die Unnahbare, die zwar ihre verheirateten Sportsfreunde herzt und sich gerne von ihnen drücken lässt, aber bei denen mit "zweifelhaften" Absichten distanziert ist. Doch gerade das scheint die Herren verrückt zu machen. Obendrein bricht bei den anderen Konkurrenzgehabe aus ... Ich hab wirklich keine Ahnung, wohin das führen soll. Ich mag bei einer neuen Bekanntschaft auch nicht meine Probleme thematisieren. Mit meinen Narben ist das freilich Mist, die kann ich bei der Hitze nicht mehr verstecken. Gar nicht auszudenken, wenn ich schon längst statt quer geschnitten hätte ... Bei 32 Grad langärmelig? Nee!
Heute spiele ich erstmal mit jemandem ein paar Bahnen, dessen charmante Einladung ich nicht ablehnen wollte. Hab ja noch andere dabei, die auf mich "aufpassen" - lach.
In Wahrheit bin ich eine extrem lebenslustige, vitale Frau mit viel Witz und Esprit. Doch es gibt nur sehr wenige Gelegenheiten, das zu zeigen. Auf Arbeit geht es nur, wenn ich auf meiner "Bühne" stehe, Sitzungen leite und alle mitreiße. Danach werd ich dann von den eigenen Chefs runtergemacht, die mit der Begeisterung der anderen nicht umgehen können. Super Führungskräfte!
Durch die vielen schlechten Erfahrungen, Diskriminierungen, Verletzungen, ja Misshandlungen im Rahmen der Zwangsgutachten ist der Pessimismus schlichtweg Lebenserfahrung. Woher sollte denn das Positive kommen? An welchen Strohhalmen sollte ich mich festhalten?
Das ganze super Ergebnis der Transition wird dadurch zunichte gemacht, dass ich die riesigen zwischenmenschlichen Probleme nicht lösen kann, komplett vereinsame und mit allen Problemen seit Anbeginn auf mich allein gestellt bin.
Ja, der "Traumprinz" ... bringt wie geschrieben meine einzige Oase im Sportclub in Gefahr. Ewig kann ich mir die Verehrer nicht vom Leibe halten. Ich muss irgendwann bei irgendwem, dem ich nachgebe (ich bin schließlich auch nur eine Frau), auspacken - und was dann passiert, hab ich schon oft erlebt und einfach nur Angst davor. Wenn der mir dann im Club alles kaputtmacht, hab ich gar nichts mehr. Sind ja nicht alle so verschwiegen in Bezug auf die Meerjungfrau wie "Herold".
Liebe Grüße
-Diva
deine Zeilen haben mich wirklich berührt - lieben Dank dafür! Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, überhaupt Resonanz - erst recht nicht solche Worte - zu erhalten.
Das erwarte ich auch nicht. Ich bin froh, dass ich nicht den Status eines "Lieblings" genieße und daher ständig mit verbalen Standard-das-wird-schon-Parolen eingedeckt werde. Solchen Unfug gebe ich selbst auch keiner anderen auf den Weg, sondern versuche immer, auf die konkreten Probleme einzugehen. Doch wer beschäftigt sich schon freiwillig mit fremden Problemen, der nicht dafür bezahlt wird? Wenn noch nicht mal ehemalige Freunde dazu bereit sind und es vorziehen, seit nunmehr einem halben Jahr den Kopf in den Sand zu stecken ...Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Liebe Diva,
ich fürchte wir können dir hier nicht helfen.
Gestern war es soweit und ich schmiss dem letzten Psychologen, bei dem ich noch in Behandlung war, alles vor die Füße. Wir drehten uns seit Monaten im Kreis. Er hatte mich damals am Telefon wieder "aufgebaut", als ich zusammengebrochen war und in einer Hand den VÄ / PÄ-Beschluss, der überraschend gekommen war, und in der anderen die R... (ich schreib es nicht aus) hielt. Damit war jedoch der Kulminationspunkt erreicht und seine ansonsten dünne Argumentation kenne ich jetzt auswendig.
Ja, als abschreckendes Beispiel taugen meine fürchterlichen, negativen, lebensverneinenden Beiträge ganz bestimmt. Nur wird das niemand freiwillig lesen und sich erst recht nicht zueigen machen. Wer gibt schon freiwillig zu, am Endpunkt angekommen zu sein, keinen Lichtblick mehr zu haben?Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Aber trotzdem finde ich deine letzten Beiträge wichtig, können sie doch möglicherweise anderen helfen. Daher Danke! Das ist jetzt nicht sarkastisch gemeint sondern mein voller Ernst.
Für mich ist der seit Mitte Dezember anhaltende Zustand umso bitterer, weil ich damals überglücklich war, genau diesem Zustand entronnen zu sein: über 30 Jahre Depressionen, weil ich meine Identität nicht kannte. Und nun nach nur einem Jahr Leben als VZF mehr oder weniger erneut dort angekommen zu sein, ist sehr, sehr grausam.
Nicht so ganz. Es gibt schon etliche post-OP, die hier emsig schreiben - Tatjana z.B.Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Ich lese hier seit einigen Monaten in allen möglichen Themen mit. Bei allen die sich um das Thema Transition drehen endet die Timeline mit der GaOp. Was danach kommt verschwimmt im rosa Nebel.
Aber schwerpunktmäßig hast du Recht. Mir lief damals, als ich noch in der "Szene" unterwegs war, immer ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich auf "Gescheiterte" traf. Die kamen nur noch in den jeweiligen Trans*Treff, um sich schweigend in irgendeiner Ecke die Kante zu geben. Über sie wurde getuschelt und im allgemeinen war man sich einig, dass man selbst alles schlauer und besser machen würde ... Da ich Alkohol und Drogen ablehne, bin ich zwar nicht dort gelandet, aber mental am gleichen Punkt angekommen.
Du sagst es - es sind in der Tat "Luxusprobleme". Andere müssen damit klar kommen, täglich in der Öffentlichkeit begafft, angepöbelt und gefilmt zu werden. Das war nie ein Thema für mich. Umso grauenhafter finde ich die Erkenntnis, trotzdem nirgends zwischenmenschlich angenommen zu werden. Ich lebe ständig mit der Angst, bei meinen Sportskameradinnen- und Kameraden "entlarvt" zu werden. Dann wäre Schluß mit Bussi links und Bussi rechts, Tätscheln, Umarmen, Komplimenten. Doch das ist z.Zt. das Einzige, was mich am Leben hält. Vermutlich würden sie mich zum Teufel jagen.Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Dein Beispiel zeigt deutlich dass es noch ein Leben danach gibt, über das Frau sich auch Gedanken machen muss. Auch wenn Alles gut gelaufen und Frau körperlich da angekommen ist wo sie schon immer hinwollte, tauchen plötzlich Probleme auf an die sie vorher nicht einmal zu denken wagte. Diese Probleme mögen auf andere die nicht dein Passing haben wie Luxusprobleme wirken, dennoch verstehe ich dass sie real sind.
Nun könnte man ganz heroisch meinen, auf solcherart Menschen zu verzichten - aber dann wäre die Welt komplett leer für mich.
Inzwischen trauen sich nach monatelanger Beobachtung die ersten Verehrer raus und wollen mich daten. Das sollte dann der Anfang vom Ende sein ... Ich geb so lange wie möglich die Unnahbare, die zwar ihre verheirateten Sportsfreunde herzt und sich gerne von ihnen drücken lässt, aber bei denen mit "zweifelhaften" Absichten distanziert ist. Doch gerade das scheint die Herren verrückt zu machen. Obendrein bricht bei den anderen Konkurrenzgehabe aus ... Ich hab wirklich keine Ahnung, wohin das führen soll. Ich mag bei einer neuen Bekanntschaft auch nicht meine Probleme thematisieren. Mit meinen Narben ist das freilich Mist, die kann ich bei der Hitze nicht mehr verstecken. Gar nicht auszudenken, wenn ich schon längst statt quer geschnitten hätte ... Bei 32 Grad langärmelig? Nee!
Heute spiele ich erstmal mit jemandem ein paar Bahnen, dessen charmante Einladung ich nicht ablehnen wollte. Hab ja noch andere dabei, die auf mich "aufpassen" - lach.
Das stimmt. Was ich während meiner zweiten Pubertät für existenzielle Probleme (Trenung, Kind weggenommen, Verlust der gesamten Familie, Bedrohung, mein Dach überm Kopf zu verlieren usw.) so "nebenbei" abhandelte und trotzdem glücklich war, erscheint mir rückblickend unmöglich!Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Ich möchte damit keine angleichenden Maßnahmen verteufeln sondern nur alle die dies in Erwägung ziehen dringend bitten sich auch mit der fernen Zukunft zu beschäftigen, und nicht zu sehr auf die zu hören die gerade in der Hormontherapie stecken. Die euphorisierende Wirkung scheint ja beachtlich zu sein.
Vielleicht noch ein paar Worte zu meinem Pessimismus, der mir hier oftmals - m.E. zu Recht - vorgeworfen wird. Ich will niemanden im Forum ärgern, provozieren oder belästigen - aber eben nicht verschweigen, dass es auch anders als rosarot gehen kann.Helga hat geschrieben: Mi 12. Jun 2019, 18:25 Um zu dir zurück zu kommen. Da ich hoffnungslose Optimisten mit ausgeprägtem Harmoniebeduerfnis bin, bleibe ich dabei: Der Traumprinu wird schon noch kommen. Vielleicht ein FzM, der sich selbst als Monster empfindet?
Liebe Grüße
Helga
In Wahrheit bin ich eine extrem lebenslustige, vitale Frau mit viel Witz und Esprit. Doch es gibt nur sehr wenige Gelegenheiten, das zu zeigen. Auf Arbeit geht es nur, wenn ich auf meiner "Bühne" stehe, Sitzungen leite und alle mitreiße. Danach werd ich dann von den eigenen Chefs runtergemacht, die mit der Begeisterung der anderen nicht umgehen können. Super Führungskräfte!
Durch die vielen schlechten Erfahrungen, Diskriminierungen, Verletzungen, ja Misshandlungen im Rahmen der Zwangsgutachten ist der Pessimismus schlichtweg Lebenserfahrung. Woher sollte denn das Positive kommen? An welchen Strohhalmen sollte ich mich festhalten?
Das ganze super Ergebnis der Transition wird dadurch zunichte gemacht, dass ich die riesigen zwischenmenschlichen Probleme nicht lösen kann, komplett vereinsame und mit allen Problemen seit Anbeginn auf mich allein gestellt bin.
Ja, der "Traumprinz" ... bringt wie geschrieben meine einzige Oase im Sportclub in Gefahr. Ewig kann ich mir die Verehrer nicht vom Leibe halten. Ich muss irgendwann bei irgendwem, dem ich nachgebe (ich bin schließlich auch nur eine Frau), auspacken - und was dann passiert, hab ich schon oft erlebt und einfach nur Angst davor. Wenn der mir dann im Club alles kaputtmacht, hab ich gar nichts mehr. Sind ja nicht alle so verschwiegen in Bezug auf die Meerjungfrau wie "Herold".
Liebe Grüße
-Diva