Hallo,
mal wieder etwas sehr persönliches von mir...
Diesmal geht es um Bilder. Ich denke, man hat davon als Transgender besonders viele in seinem Kopf, bestimmt mehr als die "normalen" Menschen sie haben. Es liegt für mich an der Diskrepanz von Außen und Innen, als Ergebnisse meiner Identität.
Es sind aber nicht nur die inneren Bilder. Viele werden das auch kennen. Man hat auch das Bestreben diese Bilder festzuhalten, wenn man versucht, sie im realen Leben darzustellen - wenn man sich auch real verwandelt hat. Man fotografiert sich selber. Etwas was mir als Mann niemals einfallen würde. Aber die Flüchtigkeit der Erscheinung Jenina erfordert, dass sie festgehalten wird im Bild.
Dass ich das mit vielen teile zeigt die Galerie dieses Forums. Die "sozialen Medien" leben ja auch von der Selbstdarstellung. Aber ist es nicht mehr, ist es etwas anderes als nur eine Selbstdarstellerin zu sein? Ich denke ja, es ist die Suche danach, ob das Innere auch nach Außen sichtbar gemacht werden kann und wie dieses gelingt wenn man es sich dann anschaut, als wären es nur ganz normale Fotos. Was sie freilich nicht sind, es sind Spiegel der Seele.
Dabei muss es nicht immer das professionelle Fotoshooting sein. Das ist freilich besser für die Bestätigung, denn die Ergebnisse sind oft nah an dem erstrebten Ideal. Oft sind sie aber auch einfach zu schön. Wenn alle Mädels wie Elli Hunter aussehen ist es auch nicht so toll, die Individualität ist dann flöten gegangen.
Ich selber habe sofort nach meinem Outing intensiv damit angefangen meine weibliche Erscheinung im Foto festzuhalten. Das sind oft ganz einfache Fotos ohne jeden Anspruch. Es ist eher eine Dokumentation der aktuellen Situation, auch einer Entwicklung und Veränderung. Man wird schließlich einerseits älter, aber auch erfahrener und hat andere Prioritäten bei seinem Selbstbild und damit seinem Selbstporträt.
Das Porträt gehört auch immer dazu. Nicht alle Mädels tun das. Schon gar nicht wenn es an eine Veröffentlichung geht, sei es selbst in einem geschlossenen Raum wie diesem Forum. Seltsamerweise habe ich keine Angst Gesicht zu zeigen, was ja auch einen übertragenen Sinn hat. Für manche ist das mutig, warum nicht für mich? Ich weiß es selber nicht.
In letzter Zeit habe ich den Mut besessen, mich zu zeigen ohne die vollständige Verwandlung, ohne die Perücke, die das Aussehen doch sehr wesentlich verändert. Noch vor kurzer Zeit hätte ich das vehement abgelehnt. Also auch das ein Zeichen der Entwicklung.
Man kann das alles sehen in meinem Galeriealbum. Da findet man die übliche Bilder von diversen Outfits, aber eben auch die besagten Portraits.
Wenn man digitale Fotos macht kommt man zwangsläufig auch mit der Bearbeitung der Bilder in Berührung. Und irgendwann kommt man dann auch zu Bearbeitungen, die über das einfache Verbessern hinausgehen. Das habe ich versucht für mich unzusetzen und dabei zu versuchen, eine Aussage in das Bild hineinzutragen, die über die bloße Abbildung von "weiblicher Schönheit" hinausgeht.
In meiner Galerie im Album "Experimente" kann man einige Ergebnisse betrachten. Ich möchte sie hier für Euch beschreiben, was man sieht und was man darin sehen kann, es sind auch Abbildungen von Gefühlen und Befindlichkeiten.
Zunächst das Bild "Wild":

Es ist eines der ersten Fotos, die ich kurz nach meinem Outing (siehe oben...) gemacht habe. Da war ich in einer Verwirrung der verschiedensten Gefühle. Vor allen war es Bewunderung für diese schöne Frau, die auf den Bildern zu sehen war. So hatte ich das nie zuvor gesehen. Eines davon hat einen Ausdruck von Wildheit, heraus zu kommen aus dem Schneckenhaus, sich durchzusetzen. Das habe ich versucht umzusetzen, unterstützt mit einer posterartigen Bearbeitung, die das Ganze noch plakativer machen soll.
Das nächste ist das Bild"Andy lässt grüßen":

Es ist eine Hommage an Andy Warhol, man braucht da nichts zu erklären. Ich bin ein großer Freund moderner Malerei, eher der gegenständlichen Sorte und auch eher den etwas älteren Malern der Moderne. Aber darauf kommen wir noch...
Das dritte Bild heißt "Gefangen":

Es ist etwas verstörend, doch das soll so sein. Eine Leinwandtextur hebt das Bild ins graphische. Einerseits stellt es die verschiedenen Fetische dar, die mich immer mal wieder quälen, hier in Form von übertriebener Schminke und exzessiven Piercings. Es zeigt innere Zerrissenheit, die so ausgelebt besser auszuhalten ist. Manchmal muss es raus. Zum anderen sind da die Schatten der Jalousie in der leuchtenden Sonne. Es soll das Problem darstellen, dass man sich hinter der Jalousie versteckt, wo man doch nach draußen, in die leuchtende Sonne, drängt. Ich denke das kennen viele von Euch...
Das letzte Bild für heute habe ich "Judith in Jena" genannt:

Wir waren dieses Jahr im Urlaub in Wien. Dort ist Kunst so präsent, dass man sich ihr nicht entziehen kann, im Gegenteil, man muss sich geradezu darauf einlassen. Eben auch auf meine Vorliebe für die Malerei der Moderne. Wenn man dann mit den Originalen konfrontiert ist, dann haut es einen fast um vor Emotion. Und deshalb dieses Bild als Fotomontage aus dem Bild "Judidth 1" von Gustav Klimt und einem Foto von mir. Klimt ist gerade in Wien omnipräsent, denn sein Todesjahr jährt sich zum hundertsten Mal. Gerade dieses Bild im Original atmet die pure Weiblichkeit, ja erotische Verführung in ihrer anregendsten Form. Die Fotomontage zeigt nun die weibliche Seite von Jenina, nicht nur das Gesicht sondern auch die Brust sollen die weiblichen Begierden in Jeninas Inneren darstellen. Das Ganze Gegenteil von dem ewigen: "trans* hat nichts mit Sexualität zu tun...", ein Satz den ich noch nie unterschreiben konnte.
Ich hoffe, Ihr konntet mir folgen und erkennt wenigstens etwas den Teil meines Inneren, den ich darzustellen versucht habe. Und vielleicht hat es Euch sogar ein wenig gefallen.
Jenina